Nachrichten zur Wirtschaft in Russland

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Klaus DormannVon

Russlands Wirtschaft vor dem SPIEF: Prognosen bis 2018 und weitere Perspektiven

Ab Donnerstag, den 16. Juni wird die Entwicklung der russischen Wirtschaft auf dem Internationalen Wirtschaftsforum in St. Petersburg (SPIEF) diskutiert werden. Im Vorfeld haben wir hier die aktuellen Prognosen für Russlands Wirtschaftswachstum bis 2018 dargestellt. Zudem soll hier betrachtet werden, was die Bundesbank zum Wachstumspotenzial Russlands meint, welche Maßnahmen die Bundesbank-Volkswirte und der deutsche Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel Russland empfehlen und was der Repräsentant des russischen Unternehmerverbandes in Deutschland von der Strategie der Importsubstitution hält.

In der folgenden Tabelle finden Sie zunächst die aktuellen Prognosen zum realen Bruttoinlandsprodukt Russlands von verschiedenen Stellen kurz vor dem Internationalen Wirtschaftsforum in St. Petersburg. Unter der Tabelle geht es dann mit der Analyse weiter.

Konjunkturprognosen zum St. Petersburger Wirtschaftsforum 2016

Schätzung des Bruttoinlandsprodukts, real gegenüber dem Vorjahr, angegeben in Prozent (Stand: 14. Juni 2016).
InstitutDatum201620172018
Russische Zentralbank, Moskau2016/06/10-0.3 bis -0.71.1 bis 1.41.6 bis 2.0
Deka Bank, Frankfurt2016/06/10-0.81.1
Economist-Poll2016/06/09-0.91.3
Weltbank, Washington2016/06/07-1.21.41.8
Focus Economics-Poll2016/06/07-1.11.31.7
Reuters Poll2016/06/06-0.6
OECD, Paris2016/06/01-1.70.5
Bloomberg-Poll2016/05/29-1
Sberbank, Moskau2016/05/26-0.7
Danske Bank, Kopenhagen2016/05/26-0.61.2
Fitch Ratings2016/05/25-0.71.32
Berenberg Bank, Hamburg2016/05/23-1.40.11.7
Higher School of Economics-Poll2016/05/21-1.211.6
Commerzbank, Frankfurt2016/05/20-11.3
SEB, Stockholm2016/05/20-0.81
IWF, Washington2016/05/19-1.51
Deutsche Bank2016/05/12-0.70.5
EBRD, London2016/05/11-1.21
Wirtschaftsministerium, Basisszenario2016/05/06-0.20.81.8
Europäische Kommission2016/05/03-1.90.5

Hinweis: factosphere.com bietet ständig aktualisierte Hinweise auf Prognosen.

Konjunktur 2016: Höhere Ölpreise sorgen für mehr Optimismus

Im Jahresdurchschnitt 2016 wird zwar von fast allen Beobachtern weiterhin ein erneuter Rückgang der gesamtwirtschaftlichen Produktion in Russland erwartet. Unter dem Eindruck der gestiegenen Ölpreise wurden viele Prognosen seit Anfang Mai aber deutlich angehoben. Umfragen bei Bank-Analysten lassen in diesem Jahr jetzt nur noch einen Produktionsrückgang um 0,6 Prozent (Reuters-Umfrage) bis höchstens 1,2 Prozent (Higher School of Economics-Umfrage) erwarten.

Internationale Wirtschaftsorganisationen rechnen mit einem stärkeren Produktionsrückgang zwischen 1,2 Prozent und 1,9 Prozent. IWF und Weltbank revidierten im Mai aber auch ihre erst im April gesenkten Prognosen bereits wieder nach oben. Der IWF rechnet jetzt für 2016 nur noch mit einem Produktionsrückgang um 1,5 Prozent, die Weltbank erwartet sogar, dass sich die Rezession auf 1,2 Prozent abschwächt. Davon geht auch die EBRD aus. Merklich pessimistischer sind noch die Einschätzungen der OECD (-1,7 Prozent) und der EU-Kommission (-1,9 Prozent).

Die russische Regierung sieht die Konjunkturentwicklung bereits seit längerem deutlich optimistischer als fast alle anderen Beobachter. Sie geht im Basisszenario ihrer Anfang Mai nach langen Diskussionen veröffentlichten Projektionen für die sozio-ökonomische Entwicklung davon aus, dass die gesamtwirtschaftliche Produktion in diesem Jahr kaum noch sinkt (-0,2 Prozent).

Ausblick 2017: Schwaches Wachstum bringt wenig Erholung

Erst 2017 erwarten fast alle Beobachter wieder Wachstum, das aber schwach bleiben dürfte. Die durchschnittlichen Wachstumserwartungen der Bank-Analysten für das nächste Jahr liegen bei Umfragen zwischen 1,0 Prozent und 1,3 Prozent. Damit würde der weitere Produktionsrückgang im laufenden Jahr im besten Fall etwas mehr als ausgeglichen.

Auch die Volkswirte der Bundesbank sehen die Wachstumsperspektiven der russischen Wirtschaft mit viel Skepsis. Im Bundesbank Monatsbericht Mai 2016 haben sie in einem besonderen Kapitel zur Wirtschaftskrise in Russland Stellung genommen.

Sie machen darauf aufmerksam, dass die Rohölnotierungen in den letzten Monaten zwar wieder deutlich gestiegen seien. In der jahresdurchschnittlichen Betrachtung würden die russischen Einnahmen aus Energieexporten im Jahr 2016 jedoch voraussichtlich erneut merklich sinken.

Von der russischen Finanzpolitik erwarten sie keine Wachstumsimpulse: „Der Sparkurs des Staates könnte sich sogar verschärfen, da angesichts der gesunkenen finanziellen Rücklagen nur noch begrenzte Spielräume zur Ausweitung des Haushaltsdefizits bestehen.“

Selbst ein Aufheben der Sanktionen würde, so die Bundesbank, die kurzfristigen gesamtwirtschaftlichen Perspektiven Russlands wahrscheinlich nur wenig verbessern. Nach einer Schätzung der Weltbank würde in einem solchen Szenario das Wirtschaftswachstum lediglich ein Jahr lang um einen Prozentpunkt höher ausfallen.

Weitere Perspektiven: Bundesbank sieht wenig Wachstumspotenzial

Sollte der Ölpreis nicht wieder rasch zu dem hohen Niveau der jüngeren Vergangenheit zurückkehren, sei in den nächsten Jahren nur mit einer schwachen Erholung der russischen Wirtschaft zu rechnen.

Die Bundesbank verweist darauf, dass sich das Potenzialwachstum der russischen Wirtschaft in den vergangenen Jahren wohl stark verringert habe. Schon vor dem Ausbruch des Ukraine-Konflikts hätten eine ungünstige demografische Entwicklung sowie ein zunehmender staatlicher Einfluss auf das Wirtschaftsgeschehen dazu beigetragen.

Zuletzt seien zudem die ausländischen Direktinvestitionen in Russland – vermutlich als Ergebnis der gestiegenen politischen Unsicherheit – beinahe vollständig zum Erliegen gekommen. Gerade sie wären aber für die notwendige Diversifikation der russischen Wirtschaft dringend erforderlich.

Das Interview mit Sigmar Gabriel bei Russland Kontrovers. Ein Klick bringt Sie zum Interview.

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Gabriel: Akuter Nachholbedarf bei Diversifizierung und Investitionsklima

Auch Wirtschaftsminister Gabriel bemängelte vor wenigen Tagen in einem Beitrag für das Internet Forum „Russland kontrovers“ des Deutsch-Russischen Forums: „Akuten Nachholbedarf gibt es bei der Diversifizierung der russischen Wirtschaft sowie bei der Verbesserung des Klimas für ausländische Investoren“. Der Investitionsstau bei der Modernisierung der Industrie sei noch immer nicht gelöst. Russland müsste sich „von überbordenden Protektionismus verabschieden“ und für ausländische Anbieter Gleichbehandlung mit russischen Herstellern gewährleisten.

Die von der russischen Regierung verfolgte Strategie, Wirtschaftszweige außerhalb des Rohstoffsektors durch den Ersatz von Importen durch heimische russische Produkte zu stärken, ist nach Ansicht der Bundesbank-Volkswirte hingegen langfristig wenig erfolgversprechend.

Auch russischer Unternehmerverband gegen umfassende Importsubstitution

Auf dem deutsch-russischen Wirtschaftstag am 8. Juni in Berlin lehnte auch der Repräsentant des Russischen Industriellen- und Unternehmerverbandes (RSPP) in Deutschland, Prof. Andrej Zverev, das Ziel einer umfassenden Ablösung von Importen durch russische Produkte ab. Das berichtet russland.RU. Die Idee der Importsubstituion sei zwar „grundsätzlich richtig“. Für viele Wirtschaftszweige käme sie aber zu früh und sei zu teuer.

„Wir konnten schon in der Sowjetunion und können auch jetzt eine Kopie eines Mercedes Benz herstellen, aber zu welchem Preis?“, fragte er. Richtig und wichtig sei die Importsubstitution hingegen in der Landwirtschaft, im Gesundheitswesen und in der pharmazeutischen Industrie. In diesen Bereichen ließen sich relativ schnell positive Resultate erreichen.

Quellen

Deutsche Bundesbank: Zur Wirtschaftskrise in Russland; Monatsbericht Mai 2016, S. 14-17; 17.05.2016

russlandkontrovers: Sigmar Gabriel zu den Perspektiven der deutsch-russischen Beziehungen 09.06.2016

Hartmut Hübner: Solide deutsch-russische Wirtschaftsbasis trotz Sanktionen; russland.news, 13.06.2016

 

Titelbild

Quelle: Pixabay.com

Klaus Dormann
Über den Autor

war von 1980 bis 2015 Mitarbeiter der volkswirtschaftlichen Abteilung der Ruhrgas AG und der E.ON SE.