Nachrichten zur Wirtschaft in Russland

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Klaus DormannVon

Zentralbank hob Prognose an – Russische Geschäftsbanken und deutsche Konjunkturforscher bleiben skeptisch

Wirtschaftsminister Oreschkin zeigt sich weiterhin überzeugt, dass die russische Wirtschaft im Jahresdurchschnitt 2017 ein Wachstum von 2 Prozent erreicht. Im ersten Quartal war die gesamtwirtschaftliche Produktion zwar nur 0,5 Prozent höher als vor einem Jahr. Oreschkin rechnet aber damit, dass im Herbst die Quartalsdaten ein Wachstum von über 2 Prozent zeigen werden.

Mit diesem Optimismus steht der Wirtschaftsminister bisher allerdings ziemlich allein, auch wenn die Zentralbank ihre Wachstumsprognose für 2017 letzte Woche auf 1,3 bis 1,8 Prozent anhob. Diverse Analysten-Umfragen weisen für 2017 weiterhin nur ein voraussichtliches Wachstum von 1,3 bis 1,4 Prozent aus. Führende russische Banken rechnen sogar nur mit rund 1 Prozent Wachstum in diesem Jahr. Deutsche Konjunkturforschungsinstitute sind ähnlich skeptisch.

Zentralbank hob Wachstumsprognose für 2017 an

Unterstützung erhielt Oreschkin am letzten Freitag von der Zentralbank. Sie veröffentlichte in ihrem „Monetary Policy Report“ (Summary) neue Prognosen zur Entwicklung von Wachstum und Zahlungsbilanz. Die Sberbank hat die Änderungen der Konjunktureinschätzungen der Zentralbank in ihrem letzten Wochenbericht analysiert.

Während die Zentralbank im März noch erwartet hatte, dass die Wirtschaft 2017 um 1 bis 1,5 Prozent wächst, sagt sie jetzt einen Produktionsanstieg von 1,3 bis 1,8 Prozent voraus. Ihre Prognosen für die Erholung des privaten Verbrauchs (der 2016 um – 4,5 Prozent gesunken war) nahm die Zentralbank aber gleichzeitig zurück. Sie rechnet jetzt nur noch mit einem Plus um 1,7 bis 2,2 Prozent (bisher 2 bis 2,5 Prozent).

Ihre Einschätzung des Anstiegs der Anlageinvestitionen ließ die Zentralbank unverändert (2,3 bis 2,8 Prozent). Die Anhebung der gesamtwirtschaftlichen Wachstumsrate erklärt sich aus der außenwirtschaftlichen Entwicklung. Während die Zentralbank bei den Exporten jetzt mit einer höheren Wachstumsrate rechnet (2,5 bis 3 Prozent), geht sie bei den Importen von einem schwächeren Wachstum (+ 7 bis + 7,5 Prozent) als bisher aus.

Wirtschaftsdaten für Russland im Mai 2017

(laut Rosstat)
 Veränderung 2015 zu 2014 (in Prozent)Veränderung 2016 zu 2015 (in Prozent)Jan.- Mai 2017/ Jan.-Mai 2016 (in Prozent)
BIP-2,8-0,2+0,5 (Jan.-März)
Anlageinvestitionen
-9,9-1,8+2,3 (Jan.-März)
Industrieproduktion-0,8+1,3+1,7
Bauproduktion-4,8-4,3-1,5
Realeinkommen-3,2-5,9-1,8
Reallöhne-9,0+0,7+2,9
Einzelhandelsumsatz-10-4,6-0,8

Quellen: Rosstat: Sozio-ökonomische Lage in Russland, 20.06.2017; Rosstat: Bruttoinlandsprodukt nach Verwendungsbereichen 2012 bis 2016; 31.03.2017; Rosstat: Bruttoinlandsprodukt im ersten Quartal 2017; 16.06.2017

Rosstat-Daten für Januar bis Mai zeigen anhaltende Konsumschwäche

Während das Statistikamt Rosstat für das Bruttoinlandsprodukt bisher nur eine erste Schätzung für das erste Quartal vorgelegt hat (+ 0,5 Prozent gegenüber Vorjahresquartal) veröffentlichte das Wirtschaftsministerium jetzt auch Schätzungen für die monatliche Entwicklung des gesamtwirtschaftlichen Wachstums. Danach übertraf das Bruttoinlandsprodukt im April sein Vorjahresniveau um 1,7 Prozent und im Mai um 3,1 Prozent.

Von RBC befragte Experten mahnten allerdings zur Vorsicht bei der Bewertung der Angaben des Ministeriums. Monatliche Daten zur Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts seien oft ungenau und müssten revidiert werden. Die wechselnde Zahl der Arbeitstage und auch Witterungsunterschiede seien zu berücksichtigen.

Aussagefähiger ist die Schätzung des Ministeriums für die ersten fünf Monate. Im Zeitraum Januar bis Mai sei ein Wirtschaftswachstum von 1,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr erreicht worden, heißt es in der Pressemitteilung. Laut Rosstat-Angaben waren die verfügbaren Realeinkommen in den ersten fünf Monaten aber immer noch 1,8 Prozent niedriger als vor einem Jahr. Der Einzelhandelsumsatz sank preisbereinigt um 0,8 Prozent.

Putin nennt Anstieg der Armut „besonders alarmierend“

Bemerkenswert: Präsident Putin sprach in seiner jährlichen „Bürgersprechstunde“ in der letzten Woche den Rückgang der Einkommen und die Wohlstandsverluste der Bürger sehr offen an. In den Rezessionsjahren 2015 und 2016 sind die real verfügbaren Einkommen schließlich um insgesamt rund 9 Prozent gesunken.

Putin nannte es „besonders alarmierend“, dass immer mehr Menschen in Russland nur über Einkommen unter der Armutsgrenze verfügen. Ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung sei von 10,7 Prozent im Jahr 2012 auf 13,5 Prozent gestiegen. Gazeta.ru überschrieb ihren Bericht dazu: „Die Rezession ist vorbei, die Armut ist geblieben“.

Führende russische Banken rechnen nur mit rund 1 Prozent Wachstum

Anders als die Zentralbank sehen viele Analysten führender russischer Banken bisher keinen Anlass für Aufwärtsrevisionen ihrer Prognosen. So bekräftigte die Sberbank in ihrem jüngsten Wochenbericht vom letzten Freitag, dass 2017 nur rund 1 Prozent Wachstum zu erwarten seien.

Vladimir Tikhomirov, Chef-Volkswirt beim Broker BCS, meint in seinem Kommentar vom 21. Juni zu den jüngsten Rosstat-Konjunkturdaten, die Wachstumsrate könne bis zum 4. Quartal zwar auf 1,8 Prozent steigen, im Jahresdurchschnitt bleibe er aber bei seiner Prognose von 1,2 Prozent. Ähnlich niedrig sind die letzten Prognosen der Alfa Bank (0,8 Prozent; 05.06.), der Eurasian Development Bank (+ 1,1 Prozent, 24.05.) und der VneshEconomBank VEB (+ 0,8; 03.05).

Auch deutsche Forschungsinstitute erwarten 2017 nur schwache Erholung

Im Juni haben auch führende deutsche Wirtschaftsforschungsinstitute neue Prognosen für die russische Wirtschaft veröffentlicht.

Während sie in ihrer „Gemeinschaftsdiagnose“ Mitte April für 2017 ein Wachstum von 1,3 Prozent erwarteten, wird jetzt deutlich, dass die Institute die Dynamik der Erholung der russischen Wirtschaft in diesem Jahr ziemlich unterschiedlich einschätzen. Während das Münchner ifo Institut nur einen Anstieg der gesamtwirtschaftlichen Produktion von 0,5 Prozent erwartet, hält das Institut für Wirtschaftsforschung Halle 1,5 Prozent für möglich (DIW Berlin: + 0,9 Prozent; IfW Kiel: + 1,2 Prozent).

Mehr Einigkeit herrscht bei den deutschen Forschern für 2018. Die Institute rechnen mit einer Beschleunigung des Wachstums auf 1,5 bis 1,8 Prozent, was den durchschnittlichen Erwartungen bei Analysten-Umfragen weitgehend entspricht (+ 1,7 Prozent).

Wachstumsprognosen 2017 bis 2019 im Vergleich

Schätzung des Bruttoinlandsprodukts, real gegenüber dem Vorjahr, angegeben in Prozent (Stand: 23. Juni 2017).
InstitutDatum201720182019
Ifo Institut München2017/06/200,51,5
Factosphere.com-Poll: Median Weekly2017/06/191,31,5
Russische
Zentralbank
, Basis-Szenario
2017/06/161,3 bis 1,8
(Urals 50 $/b)
1,0 bis 1,5
(Urals 42 $/b)
1,5 bis 2,0
(Urals 42 $/b)
Raiffeisen Bank International, Wien2017/06/161,01,5
Commerzbank, Frankfurt2017/06/161,32,0
Berenberg Bank, Hamburg2017/06/161,32,1
Kieler Institut für Weltwirtschaft2017/06/151,21,5
DIW Berlin2017/06/140,91,6
Deka Bank, Frankfurt2017/06/141,21,4
Economist Intelligence Unit, London2017/06/141,61,41,7
Institut für Wirtschaftsforschung Halle2017/06/081,51,8
Deutsche Bank2017/06/081,62,0
Economist Poll2017/06/081,41,7
FocusEconomics Consensus Poll2017/06/071,31,7
OECD, Paris2017/06/071,41,6
Reuters Poll2017/06/011,41,7
Eurasian Development Bank (EDB)2017/05/241,11,41,6
World Bank (Russia Economic Report)2017/05/231,3
(Urals 53,8 $/b)
1,4
(Urals 58,7 $/b)
1,4
(Urals 60,2 $/b)
Moody's2017/05/231,51,5
Poll of the Centre of Development of Higher School of Economics2017/05/191,1
(Urals 51 $/b)
1,5
(Urals 54 $/b)
1,7
(Urals 56 $/b)
Institute of National Economic Forecasting (RAS); inertial scenario2017/05/171,5
(Brent 53 $/b)
1,6
(Brent 55 $/b)
2,4
(Brent 57 $/b)
UN; DESA: WESP2017/05/161,51,5
Centre of Development Higher School of Economics; Mid-term forecast2017/05/151,4
(Urals 50 $/b)
0,9
(Urals 50 $/b)
1,5
(Urals 50 $/b)
EU-Kommission, Brüssel2017/05/111,21,4
EBRD, London2017/05/101,21,4
VneshEconomBank VEB;
Basisszenario
2017/05/040,8
(51 $/b)
1,7
(51 $/b)
1,9
(55 $/b)
BNP Paribas, Paris2017/04/271,81,4
IWF2017/04/181,41,41,5
(2019-2022)
Gaidar Institut; Wachstum im
Szenario „stabiler Rubel“
bei steigendem Ölpreis
2017/04/171,2
(59,2 Rbl/$)
(50 $/b)
1,8
(57,7 Rbl/$)
(60 $/b)
Gaidar Institut; Wachstum im
Szenario „Rubel-Abwertung“
bei steigendem Ölpreis
2017/04/171,4
(64,8 Rbl/$)
(50 $/b)
1,5
(70 Rbl/$)
(60 $/b)
„Gemeinschaftsdiagnose“ dt. Institute2017/04/131,31,5
Center Strategic Research (Kudrin); Szenario „keine Reformen“2017/04/111,71,81,9
Center Strategic Research (Kudrin); Ziel-Szenario „Reformen“2017/04/111,72,73,0
Wirtschaftsministerium; Wachstum im Basisszenario:
Rubel-Abwertung bei real stagnierendem Ölpreis (40 $/b)
2017/04/062,0
(64,2 Rbl/$) (45,6 $/b)
1,5
(69,8 Rbl/$
(40,8 $/b)
1,5
(71,2 Rbl/$
(41,6 $/b)
Wirtschaftsministerium; Wachstum im Ziel-Szenario:
Rubel-Abwertung bei real stagnierendem Ölpreis (40 $/b)
2017/04/062,0
(64,2 Rbl/$)
(45,6 $/b)
1,7
(69,6 Rbl/$)
(40,8 $/b)
2,5
(70,7 Rbl/$
(41,6 $/b)

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Quellen und weitere Informationen zur Konjunktur in Russland

Fotoquelle

 Quelle: Syuqor7, HDR Photography, Size changed to 1040x585px., CC BY 2.0

Klaus Dormann
Über den Autor

war von 1980 bis 2015 Mitarbeiter der volkswirtschaftlichen Abteilung der Ruhrgas AG und der E.ON SE.