Nachrichten zur Wirtschaft in Russland

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Klaus DormannVon

Ökonomen ziehen zwiespältige Bilanz des Jahres 2019

Am Jahreswechsel ist es auch für Konjunkturbeobachter an der Zeit, eine Bilanz des abgelaufenen Jahres zu ziehen und nach den Perspektiven zu fragen. Wir haben uns die für die ersten elf Monate veröffentlichten Wirtschaftsdaten angesehen, Analysen russischer Ökonomen ausgewertet und eine Übersicht der Wachstumsprognosen bis 2021 erstellt.

1,3 Prozent Wachstum – Die Regierungsprognose könnte 2019 zutreffen

Die Produktion der russischen Wirtschaft ist in den ersten elf Monaten des Jahres 2019 nach Schätzung des Wirtschaftsministeriums 1,3 Prozent höher gewesen als vor einem Jahr. Diese Wachstumsrate erwartet das Wirtschaftsministerium bereits seit gut einem Jahr auch für das gesamte Jahr 2019.

In seinem jüngsten Monatsbericht zur Wirtschaftsaktivität weist das Ministerium auf seiner neu gestalteten Internet-Seite jedoch darauf hin, dass es das Risiko einer weiteren Abschwächung des gesamtwirtschaftlichen Wachstums im Dezember und Anfang 2020 gibt. Im November sank die Wachstumsrate des Bruttoinlandsprodukts im Vergleich zum Vorjahresmonat nach ersten Schätzungen des Ministeriums bereits auf 1,6 Prozent, nachdem sie im Oktober 2,3 Prozent und im September 1,9 Prozent erreicht hat.

Gebremst wurde das Wachstum zuletzt vor allem von der Industrieproduktion. Ihr Anstieg verringerte sich im November auf nur noch 0,3 Prozent (Oktober: + 2,6 Prozent). Die Produktion im Transportbereich sank im November im Vergleich zum Vorjahresmonat sogar (-1,5 Prozent). In der Bauwirtschaft war die Produktion nach einer leichten Belebung im Oktober im November erneut kaum höher als vor einem Jahr (+ 0,2 Prozent).

Aktuelle Produktionsentwicklung im November 2019
Veränderungen des Bruttoinlandsprodukts und der Produktion in den Sektoren Industrie, Warentransport, Dienstleistungen, Bauwirtschaft, Groß- und Einzelhandel sowie Landwirtschaft
in Prozent gegenüber November 2018

Wirtschaftsministerium: Bild der Wirtschaftsaktivität, 18.12.2019

Auch im Vergleich der gesamten ersten elf Monate wuchs die Produktion in der Bauwirtschaft  (+0,4 Prozent) und im Warentransport (+0,7 Prozent) weit unterdurchschnittlich. Sehr wachstumsstark war hingegen dank einer guten Ernte die Landwirtschaft (+4,1 Prozent). Aber auch die Industrieproduktion stieg mit 2,4 Prozent im Zeitraum Januar bis November trotz der Abschwächung im November deutlich stärker als die gesamtwirtschaftliche Produktion (+1,3 Prozent).

Bergbau und Förderung von Rohstoffen wachsen überdurchschnittlich

Innerhalb der Industrieproduktion nahm die Produktion im Bereich „Bergbau/Förderung von Rohstoffen“ weiterhin überdurchschnittlich zu. Sie stieg um 3,2 Prozent, während die Fertigung im Verarbeitenden Gewerbe um 2,1 Prozent zunahm.

Stanislav Murashov, Analyst der Raiffeisenbank in Moskau, nahm in seiner in der letzten Woche veröffentlichten Bilanz der Konjunkturentwicklung im Jahr 2019 auch dazu Stellung. Nachstehend eine Zusammenfassung seines Berichts:

Der Anstieg der Industrieproduktion in den ersten elf Monaten um 2,4 Prozent wird vom Export von Rohstoffen und der Herstellung technisch einfacher Waren für den inländischen Verbrauch getragen. Die Produktion technisch hochentwickelter Waren steckt hingegen in Russland in einer anhaltenden Stagnation.

Industrieproduktion seit Anfang 2017
Graue Linie: Veränderungen gegenüber Vorjahresmonat in Prozent
Säulenteile: Wachstumsbeiträge der Industriebereiche „Bergbau/Rohstoffe“ (schwarz), „Verarbeitendes Gewerbe“ (gelb), Energieversorgungsbetriebe (grau)

Stanislav Murashov (Raiffeisenbank): 2020: Auf der Suche nach dem „verlorenen“ Wachstum; 1prime.ru, 20.12.2019

Privater Verbrauch muss von steigender Kreditaufnahme gestützt werden

Anfang 2019 waren die real verfügbaren Einkommen der privaten Haushalte fünf Jahre in Folge gefallen. Zusätzlich belastet wurde die finanzielle Lage der Verbraucher durch die Erhöhung der Mehrwertsteuer und den Beginn der Umsetzung der Rentenreform.

Nachdem der Einzelhandelsumsatz 2018 noch um 2,8 Prozent gestiegen war, nimmt er 2019 voraussichtlich nur gut halb so stark um 1,5 bis 1,6 Prozent zu.

Die Verbraucher wurden zur Kreditaufnahme praktisch „gezwungen“. Das Wachstum der Spareinlagen fiel auf einen historischen Tiefstand.

Haushaltspolitik ließ Wachstumsbeitrag der Investitionen sinken

Die von der Regierung geplanten „Nationalen Projekte“ kamen nur sehr langsam „in die Gänge“. Zu den möglichen Ursachen zählen die verschärften Kontrollen durch den Rechnungshof. Für eine rasche Umsetzung waren die geplanten Projekte auch nicht ausreichend vorbereitet.

Insbesondere im ersten Halbjahr bremste die staatliche Ausgabenpolitik das Wachstum der Wirtschaft. Der Wachstumsbeitrag der Investitionen zum Anstieg des Bruttoinlandsprodukts, der im Jahr 2018 noch 0,7 Prozentpunkte betrug, wurde im ersten Halbjahr 2019 leicht negativ (- 0,1 Prozentpunkte).

Zentralbank senkte Leitzinsen nach Rückgang der Inflation deutlich

Obwohl der inflationstreibende Effekt der Mehrwertsteuererhöhung mit 0,6 Prozentpunkten am unteren Rand der Erwartungen der Zentralbank blieb, übertraf  die Inflationsrate im Jahresverlauf 2019 bis ins dritte Quartal das Inflationsziel der Zentralbank (4 Prozent). Im vierten Quartal wird sie mit voraussichtlich 3,1 Prozent aber deutlich niedriger sein als im ersten Quartal (5,3 Prozent).

Anstieg der Verbraucherpreise gegenüber dem Vorjahr in Prozent
und Leitzins der russischen Zentralbank in Prozent

Stanislav Murashov (Raiffeisenbank): 2020: Auf der Suche nach dem „verlorenen“ Wachstum; 1prime.ru, 20.12.2019

 

Die Zentralbank hielt 2019 lange am 2018 auf 7,75 Prozent erhöhten Leitzins fest. Angesichts der unerwartet rasch sinkenden Inflationsrate, der „konservativen“ Haushaltspolitik der Regierung, der Lockerung der Zinspolitik in den USA und auch weil harte Sanktionen ausblieben, senkte die Zentralbank den Leitzins im weiteren Verlauf des Jahres aber um insgesamt 1,5 Prozentpunkte auf 6,25 Prozent.

Raiffeisenbank: 2020 steigt das Wachstum auf 1,7 Prozent

Murashov erwartet, dass sich das Wachstum der Industrieproduktion im nächsten Jahr auf rund 3 Prozent beschleunigt. Das gesamtwirtschaftliche Wachstum dürfte dann 1,7 Prozent erreichen.
Die Ausgaben für die geplanten „nationalen Projekte“ und die Verwendeung von im „nationalen Wohlfahrtsfonds“ angesparten Reserven für öffentliche Ausgaben werden nach Schätzung der Raiffeisenbank dazu einen Wachstumsbeitrag in Höhe von 0,2 bis 0,3 Prozentpunkten leisten.

Hoffnungen, dass die russische Wirtschaft wie von der Regierung angestrebt in einigen Jahren schneller als die Weltwirtschaft wächst, sollte man sich nach Meinung von Stanislav Murashov aber nicht machen. Angesichts der gespannten außenpolitischen Lage sei es unwahrscheinlich, dass die russische Regierung von ihrem auf Absicherung vor Risiken ausgerichteten Sparkurs abgehen wird.
Die Wachstumsprognose der Raiffeisenbank von 1,7 Prozent im Jahr 2020 entspricht der November-Umfrage des Research-Unternehmens FocusEconomics.

Für 2021 erwartet nur die russische Regierung eine Beschleunigung des Wachstums auf 3,1 Prozent. Alle anderen Beobachter rechnen höchstens mit 2 Prozent (Zentralbank: 1,5 bis 2,5 Prozent).

Wachstumsprognosen 2019 bis 2021
Veränderung des realen Bruttoinlandsprodukts gegenüber dem Vorjahr in Prozent

   201920202021
RIA Rating12/20/20191.3
Commerzbank, Frankfurt12/20/20191.21.61.3
Helaba, Frankfurt12/20/20191.31.71.7
Erste Group, Wien12/17/20191.11.9
Berenberg Bank, Hamburg12/16/20190.811.7
Russische Zentralbank,
Basisszenario
12/13/20190,8 bis 1,3
Urals 64 $/b
1,5 bis 2,0
Urals 55 $/b
1,5 bis 2,5
Urals 50 $/b
Ifo Institut M?nchen12/12/20191.222
IWH Halle12/12/20191.32.11.7
DIW Berlin12/11/20191.21.81.9
IfW Kiel12/11/20190.81.31.8
DekaBank, Frankfurt12/11/20191.221.7
Economist Intelligence Unit12/11/20191.11.61.7
OPEC, Wien12/11/201911.2
Fitch Ratings, Global Outlook12/05/20191.422
Higher School of Economics-Umfrage12/05/20191.1
Urals 64,0 $/b
1.7
Urals 61,2 $/b
1.8
Urals 63,1 $/b
Alfa Bank12/04/20191.11.4
Weltbank, Washington12/04/20191.21.61.8
Russische Regierung;
Basisszenario im Haushaltsgesetz
12/02/20191.3
Urals 62,2 $/b
1.7
Urals 57,0 $/b
3.1
Urals 56,0 $/b
FocusEconomics
Consensus Forecast
11/26/20191.21.71.9
IWF, New York10/15/20191.11.92

FBK-Wirtschaftsklub: Licht und Schatten in der Wirtschaftsbilanz 2019

Eine Bilanz der Wirtschaftsentwicklung im letzten Jahr zogen auch bekannte russische Ökonomen bei einem Treffen des „Wirtschaftsklubs“ der Unternehmensberatung FBK Grant Thornton Mitte Dezember.

Igor Nikolaev, Direktor des FBK-Instituts für Strategische Analyse, bemerkte einleitend, im vergangenen Jahr sei wirtschaftlich einiges erreicht worden.

  • Die Inflation sei unter 4 Prozent gesunken. Aber dies sei hauptsächlich geschehen, weil die Kaufkraft der Bevölkerung abnehme.
  • Der „Nationale Wohlfahrtsfonds“ sei auf rund 8 Trillionen Rubel gewachsen. Die Mittel blieben aber für die Wirtschaft ungenutzt.
  • Schlimmste Befürchtungen hinsichtlich der Verhängung von Sanktionen hätten sich nicht bestätigt. Andererseits gehe aber auch niemand daran, die Sanktionen zu beseitigen.

Nikolaev beklagte auch einige negative Entwicklungen: den beschleunigten Rückgang der Bevölkerung, die schlechte Qualität der Wirtschaftsstatistiken und das Scheitern der Reform des Gesundheitswesens.

Alexander Knobel, Direktor des Instituts für Internationale Wirtschaft und Finanzen der Moskauer Universität für Luft- und Raumfahrt, kritisierte die Wirtschaftspolitik der Regierung deutlich. Tatsache sei, dass sie die „Stabilisierung“ der Wirtschaft zum Nachteil des Wachstums verfolge. Maßnahmen zur Stärkung der staatlichen Reserven im nationalen Wohlfahrtsfonds und die Erhöhung von Steuern zur Wahrung des Überschusses im Budget behinderten das Wirtschaftswachstum.

Yevsey Gurvich, Leiter des Instituts „Economic Expert Group“, warnte, die Wirtschaftspolitik kurzfristig auszurichten. Der Glaube sei weit verbreitet, man könne entstehende Probleme kurzfristig lösen. Das sei eine riskante Politik, weil sich die außenwirtschaftlichen Rahmenbedingungen, von denen die russische Wirtschaft sehr abhängig sei, jederzeit ändern könnten.

Gurvich hatte wenige Tage zuvor unter anderem gemeinsam mit Alexander Knobel an einem Seminar der Carnegie Stiftung in Moskau zum Thema „Wirtschaftswachstum in Russland: Rätsel und Modelle“ teilgenommen. Die Carnegie-Stiftung dokumentierte das Seminar in einem Audio-Mitschnitt und veröffentlichte die Präsentation von Gurvich.

Titelbild

Titelbild: Axel Schmidt / Nord Stream 2

Quellen und Lesetipps:

Rückblicke und Ausblicke am Jahresende 2019

Periodisch erscheinende Konjunkturberichte

Fitch Ratings „Global Economic Outlook“

HSE-Consensus Forecast

Ministerpräsident Medwedew im TV-Interview zur Wirtschaftsentwicklung im Jahr 2019

Weltbank „Russia Economic Report“

OAOEV-Unternehmertreffen mit Präsident Putin am 06.12.2019

AHK-Geschäftsklima-Umfrage bei deutschen Unternehmen in Russland

Sonstige Veröffentlichungen zu Konjunktur und Wirtschaftspolitik in Russland:

Monatsberichte Wirtschaft November 2019 von Rosstat, Ministerien und Zentralbank

Industrieproduktion November 2019

Zentralbank Konjunkturbericht „Talking Trends“

Geldpolitik: Monetary Policy Report

Geldpolitik, Leitzinssenkung am 13.12.2019

Preisentwicklung im November

Zentralbank: Präsentationen in Englisch; Statistical Bulletin (monatlich); Publikationstermine

Bruttoinlandsprodukt im 3. Quartal 2019 nach Herstellungsbereichen

Bruttoinlandsprodukt im 3. Quartal 2019

BIP-Verwendung

Länderberichte von Außenwirtschaftsorganisationen, Wirtschaftsverbänden, Instituten

Ostexperte.de-Artikel zu Konjunktur und Wirtschaftspolitik in Russland von Klaus Dormann seit Anfang November 2019:

Klaus Dormann
Über den Autor

war von 1980 bis 2015 Mitarbeiter der volkswirtschaftlichen Abteilung der Ruhrgas AG und der E.ON SE.