Jens BöhlmannVon

Ost-Ausschuss-Kolumne über Wirtschaft und Politik

Ein pandemiegeplagtes Jahr 2020 geht zu Ende. Begleitet wurde es leider auch von zunehmenden Spannungen im deutsch-russischen Verhältnis. Muss das eigentlich sein? Über Maulhelden und darüber, wie wir Brücken bauen können.

Mangel an Diplomatie

„Sie werden uns nicht fehlen“, gab der russische UN-Diplomat Dimitrij Polanskij dem deutschen UN-Botschafter mit auf den Weg. Ende des Jahres läuft nach zwei Jahren die temporäre Mitgliedschaft der Bundesrepublik Deutschland im UN-Sicherheitsrat aus. Diese Äußerung ist nur eine weitere aus einer Vielzahl zweifelhafter Beckmessereien zwischen beiden Ländern. Es sind allerdings nicht die üblichen Verdächtigen, die ihre Fangemeinde lautstark und proletenhaft anheizen; Es sind Diplomaten, die es an der nötigen Contenance fehlen lassen. Zur Erinnerung: „Diplomatie ist die Kunst und Praxis des Verhandelns zwischen bevollmächtigten Repräsentanten, (…) also die Pflege zwischenstaatlicher und überstaatlicher Beziehungen durch Absprachen über Angelegenheiten wie Friedenssicherung, Kultur, Wirtschaft, Handel und Konflikte.“ Der Job eines Diplomaten besteht also im Wesentlichen darin, Kompromisse zu finden und Wege dazu zu ebnen, auf andere zuzugehen.

Es zählt der gute Wille

Von gegenseitigen Beleidigungen, Unterstellungen und Anschuldigungen ist im Handbuch der Diplomatie eher wenig zu lesen, auch und gerade nicht bei der Konfliktlösung. Es gibt allerdings diese besonderen Momente, wo Geste und guter Wille alles sind. Willi Brandts Kniefall in Warschau war so ein Moment, Nelson Mandelas Vergebung nach einem Vierteljahrhundert Haft oder auch Kohls und Mitterands Handschlag in Verdun. Nun, Kniefälle sind so bald nicht zu erwarten, zumal wenn man sich zumindest in der russischen Wahrnehmung gerade erst von selbigen erhoben hat. Entscheidend ist aber, bei allem politischen Getöse das Wesentliche nicht aus den Augen zu verlieren: gegeneinander sind beide Länder deutlich schwächer. Wirtschaftlich sowieso, aber auch politisch, kulturell, wissenschaftlich und intellektuell. Die letzten Jahre haben das eindrücklich gezeigt. Und ich meine damit nicht die dutzendfach errechneten oder geschätzten wirtschaftlichen Verluste, mit je anderen Ergebnissen. Man muss wahrlich kein Statistiker oder Mathematiker sein, um zu verstehen, dass Strafmaßnahmen mehr als nur materielle Werte vernichten. Die sind allerdings am ehesten zu ersetzen.

Erstaunlich viel geht

Es braucht nicht viel Phantasie um zu erkennen, dass es um die deutsch-russischen Beziehungen derzeit nicht zum Besten bestellt ist. Obwohl, schaut man etwas genauer hin, dann zeigt sich eine durchaus andere Sicht der Dinge – für die, die sehen wollen. Erlauben Sie mir einmal nach dem Prinzip Sui Laudatio auf zwei erstaunliche Ereignisse zum Ende dieses wunderlichen Jahres hinzuweisen. Am 11. Dezember wurde von den Ministern Maas und Lawrow das Deutsch-Russische Themenjahr „Wirtschaft und nachhaltige Entwicklung 2020-2022“ eröffnet. Der Ost-Ausschuss betreut das Themen-Jahr von deutscher Seite federführend. Auch die Initiative zur Gründung eines deutsch-russischen Unternehmerrates ging vom Ost-Ausschuss aus. Das russische Pendant zum Vorsitzenden des Ost-Ausschusses Oliver Hermes in diesem Rat ist der Minister für wirtschaftliche Entwicklung Maxim Reschetnikov. Wenn der Zustand also wirklich so desaströs ist, warum engagiert sich die russische Regierung dann so stark, um bei zahlreichen Projekten explizit mit Deutschland zusammenzuarbeiten?

Möglichkeiten zur Kooperation nutzen

Die Antwort ist recht simpel: Es ist sinnvoll und geboten. Ein Blick auf die Themen des Rates genügt, um zu verstehen, dass es fahrlässig wäre, nicht zu kooperieren. Wenn Russland will, dass es sich schneller zu einem modernen Industrieland entwickelt, sind weitere Lokalisierungen deutscher Unternehmen und die Angleichung der Technischen Regulierung unabdingbar. Gleiches gilt für die Themen Energie und Nachhaltigkeit, Digitalisierung, Agrarwirtschaft, Gesundheitswirtschaft und Duale Berufsbildung. Zumindest in Europa zählt Deutschland in diesen Bereichen zu den führenden Volkswirtschaften. Und wohin könnten russische Exporte geliefert werden, wenn nicht in die größte und leistungsstärkste Industrie Europas – die deutsche. Es ist, wie der Bayerische Staatsminister für Wirtschaft, Landesentwicklung und Energie, Hubert Aiwanger, auf der Konferenz „Brücken bauen in schwierigen Zeiten“ letzte Woche gesagt hat: wir sollten alle Möglichkeiten nutzen, um zu kooperieren.

Es macht Spaß in Russland zu arbeiten

Also Brücken bauen: Auch diese Konferenz gegen Ende des Jahres hat deutlich gemacht, dass auf vielfältige Art und Weise intensive Beziehungen zwischen Deutschland und Russland bestehen, die mehr sind als nur Zweckbündnisse. „Es macht einfach Spaß in Russland zu arbeiten und die Dinge voranzubringen. Wir sind hier seit vielen Jahren erfolgreich, und mir gefallen die Menschen“, schilderte der Group Vice President Eurasia & President Wilo Russland Jens Dallendörfer seine Sicht auf das Land. Und damit war er nicht der Einzige, der half, ein differenzierteres Bild der deutsch-russischen Beziehungen zu zeichnen. Das gilt nicht nur für die Wirtschaft, in der die Unternehmen naturgemäß eine etwas andere Position vertreten als der ein oder andere politische Entscheidungsträger. Das gilt besonders für die persönlichen Kontakte, für die vielen interkulturellen und wissenschaftlichen Projekte und für die zahllosen Möglichkeiten, die sich zur Zusammenarbeit und gemeinsamen Entwicklung bieten, aber augenblicklich schlicht nicht genutzt werden. Wenn sich der Rauch des Propagandistischen verzogen hat, bleibt unterm Strich, dass Russland so wie Deutschland auch einen Impfstoff in Rekordzeit entwickelt hat. Was für ein gigantisches Potential für künftige Projekte und Mahnung, dass die Herausforderungen der Zukunft nicht innerhalb der Grenzen eines Nationalstaates zu lösen sind.

Schulterschluss beim Klimaschutz

Im Überbietungswettbewerb dazu, wer die gruseligste Schlagzeile zu Covid-19 publiziert, sind Fragen, die uns viel länger als das Virus beschäftigen werden eher selten. Dieses Jahr war das wärmste, seit man Temperaturen in Sibirien misst. Die Implosion von Pingos ist keine sensationelle Ausnahme mehr, sondern mittlerweile Alltag im ehemaligen Permafrostgebiet. Wirtschaft und nachhaltige Entwicklung sind die Leitmotive des Themenjahres. Der Klimawandel und seine Eingrenzung sollten eines der wichtigsten gemeinsamen Themen sein. Gerade bei dieser existentiellen Frage wäre der Schulterschluss zwischen Deutschland und Russland ein wichtiges, richtungsweisendes Signal.

Vom Maulhelden zum Helden

2020 war ein anspruchsvolles, intensives und in Teilen auch trauriges Jahr, angesichts der Millionen Opfer einer weltweiten Pandemie. Wer bisher noch nicht vom menschlichen Verhalten desillusioniert war, der hatte dieses Jahr gute Chancen vom Idealisten zum Realisten zu werden. Aber man kann die Bilder auch anders deuten und die Zeichen positiver lesen. Ich bin der Meinung, wir sollten nach vorn schauen und Brücken bauen. Damit muss man einfach nur anfangen. In diesem Sinn wünsche ich Ihnen besinnliche und frohe Weihnachtsfeiertage und ein glückliches, erfolgreiches und vor allem gesundes neues Jahr 2021, in dem wir Brücken in alle Richtungen schlagen sollten. Ich wünsche mir, dass das neue Jahr in die Geschichte eingeh als das Jahr, in dem aus Maulhelden wahre Helden wurden.

Der „Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft“ veröffentlicht im Zwei-Wochen-Rhythmus eine Kolumne auf Ostexperte.de.

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Titelbild: unsplash.com

Jens Böhlmann
Über den Autor

ist seit September 2016 Leiter der Kontaktstelle Mittelstand beim Ost-Ausschuss – Osteuropaverein der deutschen Wirtschaft.

Davor war er zehn Jahre bei der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer in Moskau tätig, zuletzt als Leiter der Abteilung Public Relations und Governmental Relations.