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Kolumne: Russland Spitzenreiter bei der Ungleichverteilung

Im Zwei-Wochen-Rhythmus veröffentlicht der „Ost-Ausschuss – Osteuropaverein der Deutschen Wirtschaft“ eine Kolumne auf der Nachrichtenseite Ostexperte.de.


Die Armut hat ein Gesicht

In einer Metrounterführung im Zentrum Moskaus sitzt eine alte Frau. Ihr Gesicht ist von zahllosen Falten zerfurcht. Neben ihr liegt ein Bündel mit ihrem Hab und Gut. Das verschlissene Kopftuch hat sie weit in die Stirn gezogen. Es ist ihr sichtlich peinlich, dass sie betteln muss, um ihren Lebensunterhalt bestreiten zu können. Die meisten Passanten gehen vorüber, ohne sie eines Blicks zu würdigen, geschweige denn ein paar Rubel in die vor ihr stehende Pappschachtel zu werfen.

Vielleicht tun sie es aus Gleichgültigkeit. Vielleicht weil sie sich an den Anblick gewöhnt haben. Denn nur wenige Meter weiter auf der Straße steht ein Mann, kann sein in den Fünfzigern, vielleicht auch deutlich jünger, der seinen Besitz einem Einkaufswagen anvertraut hat. Er ist deutlich gezeichnet vom Leben auf der Straße, von Krankheit und Alkoholmissbrauch. Und so geht es weiter, Menschen liegen auf Lüftungsschächten, hocken in Unterführungen, lagern in Parks.

Neue Erscheinung im Stadtbild

Dass in großen Metropolen immer auch ein bestimmter Prozentsatz der Menschen durchs soziale Netz fällt ist nicht ungewöhnlich. In Berlin kann man das jeden Tag aufs Ausführlichste studieren. Aber im Moskauer Stadtbild ist es eine durchaus neue Erscheinung, und man sieht auffallend viele Obdachlose und Bettler. Noch erstaunlicher allerdings ist, dass die Ordnungskräfte sie nicht drangsalieren.

Früher wurden solche „Elemente“ schlicht aus dem sichtbaren Bereich der Stadt entfernt. Sie vegetierten in den Vorstädten, in Kellern, Unterführungen, Industrie- und Bauruinen, in Parks und Wäldern rund um und in Moskau. Die sichtbare Armut kontrastiert deutlich mit den Bemühungen der Stadt, Moskau schöner, bunter, erlebnisreicher und attraktiver zu machen. Denn das ist in den letzten Jahren durchaus gelungen.

20 Millionen leben unterhalb der Armutsgrenze

Rosstat, die staatliche Statistikbehörde, zählte im vergangenen Jahr knapp 20 Millionen Russen, die unterhalb der Armutsgrenze lebten, mit steigender Tendenz. Vor sechs Jahren waren es noch 15 Millionen. 20 Millionen, das sind fast so viele Menschen wie in Dänemark, Norwegen und Schweden zusammengenommen leben.

Fast 15 Prozent der Bevölkerung oder jeder siebte Russe. Das Existenzminimum lag im zweiten Quartal 2018 bei 140 €. Es bezeichnet die Mittel, die ein Mensch braucht um zu überleben: Nahrung, Kleidung, Wohnung, die nötigste medizinische Versorgung. Wie das mit 140 € gehen soll, ist mir ein Rätsel. Aber es sind nicht nur die Ärmsten, deren Situation sich verschlechtert.

Reallohnverluste mindern den Konsum

Auch die sogenannte Mittelschicht ist betroffen. Denn auch diejenigen, die in Lohn und Brot stehen, müssen mit Reallohnverlusten leben – seit 2014. Im September sanken die Einkommen um etwas mehr als ein Prozent. Viel deutlicher aber zeigt der Rückgang des Verbrauchervertrauens um 14 Prozent im dritten Quartal dieses Jahres die Situation der Bevölkerung. So gesehen wirkt die historisch niedrige Inflationsrate mit 3,4 Prozent auch kaum positiv. Denn der Leitzins der Zentralbank steht immer noch bei 7,5 Prozent. Kredite für Neuanschaffungen sind immer noch teuer.

Signifikante Steigerung im Luxussegment

Selbst der Russen liebstes Spielzeug, ein neues Auto, leisten sich nicht wirklich viele.

Ein Blick auf die verkauften Neuwagen macht das deutlich. Nach Angaben des AEB stieg im September 2018 der Absatz zwar im Vergleich zum Vorjahr um 6,2 Prozent. Bis zum Jahresende könnten so 1,8 Millionen Fahrzeuge neue Eigentümer finden, aber im Vergleich zu 2012 sind das immer noch deutlich weniger, und ein nicht unwesentlicher Prozentsatz sind vorgezogene Käufe, um die ab Januar höhere Mehrwertsteuer nicht zahlen zu müssen. Mit Blick auf eine Bevölkerung von über 144 Millionen sollten drei Millionen verkaufte Neuwagen eigentlich kein Problem sein. 3,5 Millionen Neuzulassungen weist das Kraftfahrtbundesamt für Deutschland im letzten Jahr aus.

Auffällig an der russischen Verkaufsstatistik ist, dass die Steigerungen im Bereich der Luxuswagen besonders hoch sind. Einerseits ein Zeichen dafür, dass man lieber in Materielles investiert als in den volatilen und schwachen Rubel. Über die Sinnhaftigkeit solcher Investments möchte ich nicht urteilen. Andererseits ist es ein Beleg dafür, dass es denen, die wirklich reich sind immer noch besser geht.

Höchstes Wohlstandsgefälle weltweit

Denn das Gefälle zwischen Arm und Reich ist in Russland besonders hoch. Glaubt man dem Gini-Koeffizient, der genau diesen Unterschied misst, dann ist Russland mit einem Wert von 92,3 trauriger Spitzenreiter bei der Ungleichverteilung weltweit, gefolgt von Indien (87,6) und den USA (86,2). Null würde anzeigen, dass es keinerlei Verteilungsunterschiede gibt. Wie zum Beweis stehen in Moskau wieder an jeder Ecke Maybach-Limousinen, das Luxus-Produkt aus dem Hause Daimler.

Nach dem wirtschaftlichen Einbruch im Gefolge der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise hatte der Konzern beschlossen, die Traditionsmarke Maybach einzustellen, da sie einerseits nicht mehr in die Zeit passe und anderseits kaum noch Käufer anziehen würde. Ein paar Jahre später fahren auf Moskaus Straßen gefühlt mehr Maybach-Limousinen als je zuvor, und Daimler baut sie seit vier Jahren wieder.

Russen werden glücklicher

Allerdings gehört zum Gesamtbild auch, dass es der russischen Bevölkerung im Vergleich zu den Neunziger Jahren deutlich besser geht, dass die medizinische Versorgung nicht gut, aber trotzdem besser geworden, dass die Säuglingssterblichkeit rückläufig ist und die Bevölkerung älter wird. Und sie wird glücklicher! Im World Happiness Report liegt Russland auf 49 Platz, seit Jahren steigend. Ganz vorn auf Platz eins rangieren die Norweger, Deutschland ist auf Platz 16 auch nicht unglücklich.

Im „Better Life Index“ der OECD sind – schon wieder – die Norweger ganz vorn, gefolgt von Dänemark und der Schweiz, die Russische Föderation belegt unter 38 Ländern Platz 27. Besonders einverstanden sind die Russen mit ihrer Work-Life-Balance, dem Grad der Beschäftigung und der Bildung. Besonders unzufrieden sind sie mit ihrem Einkommen, dem Zustand der Umwelt und dem zivilgesellschaftlichen Engagement.


Jens Böhlmann, Leiter Kontaktstelle Mittelstand für Russland beim Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft. Foto: zVg

Jens Böhlmann, Leiter Kontaktstelle Mittelstand
im Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft

Die Kontaktstelle Mittelstand ist eine Initiative zur Förderung kleinerer und mittlerer Unternehmen im Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft. Sie nahm im Mai 2013 ihre Arbeit auf. Ziel der Kontaktstelle ist die Unterstützung deutscher mittelständischer Unternehmen, die einen Markteintritt oder den Ausbau ihrer Geschäftsaktivitäten in den durch den Ost-Ausschuss vertretenen Ländern, insbesondere jedoch in Russland planen.

Anfragen richten Sie bitte an: j.boehlmann@bdi.eu

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Über den Autor

ist seit September 2016 Leiter der Kontaktstelle Mittelstand beim Ost-Ausschuss der deutschen Wirtschaft.

Davor war er zehn Jahre bei der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer in Moskau tätig, zuletzt als Leiter der Abteilung Public Relations und Governmental Relations.