Nachrichten zur Wirtschaft in Russland

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Rufil Russia Consulting

Jens BöhlmannVon

Ost-Ausschuss-Kolumne über Wirtschaft und Technik

Der „Ost-Ausschuss – Osteuropaverein der Deutschen Wirtschaft“ veröffentlicht im Zwei-Wochen-Rhythmus eine Kolumne auf Ostexperte.de. Heute geht es um inflationär ausgerufene Mega-Themen, einen vergessenen Computerchip und ein Handy namens Yota.

Innoprom: Mehr deutsche Aussteller

Letztes Mal habe ich mich an dieser Stelle einer Vorschau auf die Innoprom gewidmet, der größten russischen Industriemesse. Jetzt ist sie Geschichte, und in der Tat waren das Messeprogramm und die ausstellenden Firmen durchaus eindrucksvoll. Auch waren wieder mehr deutsche Unternehmen vor Ort. Allerdings nur solche, die schon in Russland aktiv sind. In den Panels wurde viel über russische Innovationen, über russische Weltmarktführerschaft, vor allem im Bereich Digitalisierung, über Industrie 4.0 und die Exportfähigkeit russischer Produkte gesprochen. Von bahnbrechenden Innovationen in der Industrieproduktion war die Rede. Die mediale Nachlese zählt 43.000 Fachbesucher, 600 Aussteller aus 22 Ländern. Zum Vergleich die Zahlen der Hannover Messe: 225.000 Besucher, 6.500 Aussteller, 75 Länder.

Zahl der Ausstellungs-Muster um 30 Prozent gestiegen

Eine Zahl aus Ekaterinburg scheint mir noch besonders interessant: Die Muster-Exponate sind um 30 Prozent gestiegen. Leider ist ein Muster in aller Regel kein serienreifes Produkt, und ob es jemals im großen Stil produziert wird und preislich konkurrieren kann, zeigt erst die Realität. Die Frage stellt sich also, wen man damit beeindrucken will? Das erinnert mich fatal an den U61000, den Megabit-Chip aus der ehemaligen DDR. Unmengen Wissenschaftler, Ressourcen und Geld wurden gebunden, um dieses Ziel zu erreichen, und um mit dem „Westen“ mithalten zu können. Selbst die Stasi hat das ihr Mögliche getan. Am Ende war die Entwicklung eher ein Propaganda-Hype als eine Innovation für die Wirtschaft.

Es scheint auch einen gewissen Zusammenhang zwischen den Worten des russischen Präsidenten und der Ausrichtung der russischen Wirtschaftspolitik zu geben. Zu diesem Schluss könnte man jedenfalls kommen, wenn man die, wie das so schön auf Neudeutsch heißt, Megathemen der letzten Zeit verfolgt. Vor ein paar Jahren war es Nanotechnologie, gefolgt von Informationstechnologie, gefolgt von 3D-Druck, gefolgt von Lokalisierung und aktuell Digitalisierung, Diversifizierung, Reindustrialisierung, Export und Industrie 4.0.

„Apple, Streng dich an!“

Vielleicht kennt der ein oder andere noch ein Produkt mit dem wohlklingenden Namen YotaPhone? Ein Smartphone aus russischer Produktion, dessen besonderes Gimmick zwei Bildschirme sind. Das Betriebssystem ist Android, der Prozessor von Qualcomm, die Anwendungen zum großen Teil von Google, die Mehrzahl der Komponenten wird aus dem Ausland geliefert. Wie hoch der Lokalisierungsgrad ist, lässt sich nur vermuten.

2013 wurde das Handy von Premierminister Medwedjew mit den Worten eingeführt: „Apple, streng dich an“. Offensichtlich haben die Amerikaner das gehört und verkauften sechs Jahre später in nur einem Quartal 36 Millionen Smartphones und liegen damit auf Platz drei hinter Samsung und Huawei. Welche Statistik man auch bemüht, Yotaphones tauchen nicht auf. Die Schätzungen zu den Verkaufszahlen reichen von ein paar Hundert pro Monat bis zu einigen Zehntausend pro Jahr. Wirtschaftlich kann die Produktion auf keinen Fall sein, und das, obwohl ein YotaPhone3 je nach Ausstattung bis zu 800 Euro kosten kann. Die staatliche Holding Rostech hat ihre Anteile am Hersteller verkauft. An einen chinesischen Investor. Und oh Wunder, seit einiger Zeit verkauft sich das Smartphone in China.

Wie aus einer griechischen Sage

Aurus Senat klingt ein bisschen wie ein Heros aus der griechischen Antike. Die Ausmaße jedenfalls hat er: Fast sieben Meter Länge und zwei Meter Breite, über drei Tonnen Gewicht. Die verblüffende Ähnlichkeit mit einem Rolls Royce Phantom ist natürlich reiner Zufall. In Wirklichkeit ist es allerdings eine russische Luxuskarosse und das neue Flaggschiff der russischen Automobilproduktion. So ganz genau wissen wohl nur die Ingenieure von NAMI, die das Auto entwickelten, welche Komponenten genau verbaut worden. Porsche soll den Motor geliefert haben, der dann gepimpt wurde und jetzt als Hybrid mit einem Elektromotor arbeitet. Bosch lieferte wohl eine Menge Elektronik und fragt man andere deutsche Automobilzulieferer, so geben sie unter der Hand zu, auch Komponenten geliefert zu haben. Ohne die ingenieurtechnische Leistung schmälern zu wollen, darf die Frage erlaubt sein, hätte man ein solches Hightech-Produkt nur mit russischen Herstellern bauen können. Nein!

Lösungen müssen her

Was zwangsläufig zu der Erkenntnis führt, dass man marktreife und konkurrenzfähige Produkte eigentlich nur durch internationale Kooperation erreichen kann. So weit so gut. Nun ist das mit der Besserwisserei so eine Sache. Meckern macht hässlich und löst keine Probleme. Aber Lösungen müssen her! Im Prinzip war der Steinmeiersche Gedanke einer Modernisierungspartnerschaft zwischen Deutschland und Russland ja von bestechender Eleganz. Die Deutschen liefern, wo immer es geht, Know-how, Expertise und Erfahrung, die Russen lassen sich belehren und präferieren deutsche Produkte, Trainer, Methoden, Verwaltungsinstrumente. So hat es nicht funktioniert.

Wahrscheinlich war der Ansatz einfach zu universal, um Realität werden zu können. Die in Petersburg unterschriebene Effizienzpartnerschaft verspricht da mehr Aussicht auf Erfolg. Weil sie sich ganz konkret auf von die von der Wirtschaft präferieren Themen konzentriert: Procurement, Lieferanten-Qualifikation, Mittelstandsunterstützung und -stärkung, Projekte im Bereich Digitalisierung, Technische Regulierung, Abfallwirtschaft usw.

Die besten Unis sind anglo-amerikanische

An der guten Ausbildung und der Innovationskraft russischer Ingenieure in der Vergangenheit und Gegenwart besteht kein Zweifel. Ihnen fehlt es am Zugang zu modernster Technologie und am Austausch mit der internationalen Elite und am Know-how-Transfer. Das gilt im Übrigen auch für russische Wissenschaftler. Das erklärte Ziel, bis 2020 fünf russische Hochschulen unter die weltweiten Top 100 zu bringen, wurde krachend verfehlt. Auf Platz 86 findet sich einzig die Lomonossow-Universität, die nächsten folgen jenseits der 200er Marke. Wie seit vielen Jahrzehnten sind die exzellentesten Universitäten anglo-amerikanischer Herkunft. Aber genau hier kann eine Kooperation ansetzen. Beginnend mit dem Austausch von Ingenieuren und Wissenschaftlern über gemeinsame Projekt bis hin zu Best-Practice-Beispielen bei der möglichst schnellen Überführung wissenschaftlicher Erkenntnisse in die industrielle Produktion. Wir müssen nur anfangen.

Fotoquelle

Titelbild: Xianjuan HU / Unsplash

Jens Böhlmann
Über den Autor

ist seit September 2016 Leiter der Kontaktstelle Mittelstand beim Ost-Ausschuss – Osteuropaverein der deutschen Wirtschaft.

Davor war er zehn Jahre bei der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer in Moskau tätig, zuletzt als Leiter der Abteilung Public Relations und Governmental Relations.