n-ostVon

Gemischtes Doppel #22: Wir verlieren sie!

Liebe Leserinnen und Leser,

Sie kennen doch auch diese Filmszenen aus der Intensivstation eines – meist amerikanischen – Krankenhauses. „Wir verlieren ihn“, schreit da jemand im grünen Kittel. Während das EKG-Gerät verzweifelt piept, hört man dramatisch summend den Defibrillator hochfahren. Ein Knall, der Körper zuckt. Noch ein Knall, noch ein Zucken. Dann reißt sich der Chefarzt enttäuscht die Maske vom Gesicht: „Wir haben ihn verloren.“

Glaubwürdigkeit westlicher Medien in Russland

Diese Szenen haben zwar oft wenig mit der Realität zu tun, dennoch kommen sie mir gerade immer wieder in den Sinn, wenn es um die Glaubwürdigkeit westlicher Institutionen und Medien bei der russischen Öffentlichkeit geht. Während die ersteren (in der Rolle der Ärzte) hilflos um die letztere (in der Rolle des Patienten) herumspringen, entgleitet dieser schon langsam in Richtung des gleißenden Lichtes.

Sie ahnen es bereits: Es geht um den, stellenweise zum Schmunzeln anregenden, Bericht der US-Geheimdienste zum russischen Einfluss auf die US-Wahlen, dessen gekürzte Fassung vor wenigen Tagen veröffentlicht wurde. Darin präsentieren die CIA, das FBI und die NSA ihre Erkenntnisse. Erstens waren es russische Hacker, die die Server der Demokraten vor der Wahl gehackt haben. Zweitens handelten sie im Auftrag der russischen Geheimdienste und diese wiederum, damit wären wir bei drittens, auf direkte Anweisung von Putin.

Auslandssender RT

Das Problem ist jedoch, dass die, zumindest öffentliche kommunizierbare Beweislage so dünn ist, dass der Bericht sich liest wie eine etwas aufgeblähte Seminarfacharbeit an der Universität. Dazu trägt auch die ellenlange Auseinandersetzung mit dem Auslandssender RT als Einflussinstrument in den Händen des Kremls bei, dem mehr Aufmerksamkeit zukommt als dem Cyberangriff selbst.

Damit wird die Bedeutung von RT maßlos übertrieben, wie etwa der Medienexperte Alexej Kowaljow anhand von Zahlen belegt: Der Zuschaueranteil von RT per Kabel ist in den USA zu klein, um überhaupt statistisch erfasst zu werden. Und die Webseite hat in Russland (23 Millionen) mehr Zugriffe pro Monat als in den USA (21 Millionen).

PR-Desaster

Natürlich machen Geheimdienste ihre Quellen nicht öffentlich. Doch auch das Argument mancher Journalisten, allein die Wortwahl, die Geheimdienste seien sich sehr sicher, mache deutlich, dass es sich um etwas Handfestes handeln müsse, wirkt wenig überzeugend.

Und so geriet der Bericht vor allem in Russland zu einem PR-Desaster. Und das unabhängig davon, was die US-Dienste wissen und was nicht. Der renommierte, in den USA lebende, Medienexperte Vasily Gatov bezeichnete den Bericht als „tragischen Fehler“, und selbst einer der größten Kremlkritiker unter den russischen Journalisten, Arkadij Babtschenko, schrieb auf Facebook, er betrachte solche Geheimdienstberichte nicht mehr als analytisch, sondern als politisch.

Kremlkritische Geister

Dabei geht es hier nicht um irgendeine Öffentlichkeit, sondern um jene kritischen Geister, die sich nicht von der staatlichen Propaganda berieseln lassen. Es sind Journalisten, die über die russische Armee in der Ukraine berichtet haben oder auch den Abschuss der Boeing MH17 durch eine aus Russland herbeigeschaffte Luftabwehranlage nicht in Zweifel ziehen.

Es geht um jene Minderheit, die ihre Informationen aus der internationalen Presse schöpft, und deren Rolle umso wichtiger ist, als viele russische Medien sich keine Auslandskorrespondenten leisten können. Doch in letzter Zeit tut sich hier ein immer tieferer Riss auf, der nicht erst mit der Hacker-Affäre begann.

Einnahme von Aleppo

Das erste Mal bemerkte ich diesen Riss während einer Recherche zu den Vorwürfen des EU-Erweiterungskommissars Johannes Hahn, Russland schicke zusätzliche Flüchtlinge über die finnische Grenze nach Europa. Diese Behauptung ließ russische Flüchtlingshelfer nur ratlos dreinblicken. Dann folgte eine beinahe hysterische Debatte um Trumps angebliche Verbindungen nach Russland, die bei russischen Kollegen bestenfalls Kopfschütteln hervorrief.

Am deutlichsten aber zeigte sich der Riss während der Einnahme von Aleppo, als auch die kremlkritische Presse die Berichterstattung beinahe komplett unterließ, weil für sie weder die eigene Propaganda noch die Dauerkritik aus dem Westen an allem, was Russland in Syrien tat, wenig glaubwürdig erschien.

Allergische Reaktion

Verwunderlich ist das alles nicht. Schließlich hat gerade der Kreml seit Jahren behauptet, alles Übel komme aus dem Westen. Nun hat Russland diese Rolle für einige im Westen übernommen. Doch genau das stößt nun auf eine allergische Reaktion, auch bei kremlkritischen Geistern. Hoffentlich läuft es weniger dramatisch als im Emergency Room.


Im Gemischten Doppel geben Inga Pylypchuk (Ukraine) und Maxim Kireev (Russland) im wöchentlichen Wechsel persönliche (Ein)-Blicke auf ihre Heimatländer.

Im Gemischten Doppel geben Inga Pylypchuk (Ukraine) und Maxim Kireev (Russland) im wöchentlichen Wechsel persönliche (Ein)-Blicke auf ihre Heimatländer.

Im Gemischten Doppel geben Inga Pylypchuk (Ukraine) und Maxim Kireev (Russland) im wöchentlichen Wechsel persönliche (Ein)-Blicke auf ihre Heimatländer. 

Das Gemischte Doppel ist Teil des Internationalen Presseclubs Stereoscope von n-ost. Für Abonnenten immer mittwochs als Newsletter und auf ostpol.

Wenn Sie unser Gemischtes Doppel abonnieren wollen, schreiben Sie uns.

Tipps, Feedback und Anregungen aller Art bei Facebook, Twitter und an stereoscope@n-ost.org.

n-ost
Über den Autor

N-ost ist eine Medien-NGO, die sich zum Ziel gesetzt hat, den Auslandsjournalismus zu fördern: durch transnationale Recherchen, Journalistenqualifikation und den Dialog unter Medienschaffenden.

Zudem bietet n-ost als Agentur ein Netzwerk von kompetenten Autoren und Fotografen im gesamten osteuropäischen Raum.

Mehr unter: n-ost.org