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Ost-Ausschuss-Kolumne: Kein Grund für Überheblichkeit

Im Zwei-Wochen-Rhythmus veröffentlicht der „Ost-Ausschuss – Osteuropaverein der Deutschen Wirtschaft“ eine Kolumne auf Ostexperte.de. Heute geht es um den russischen Metallverarbeiter TMK im Ural. 


Ein unscheinbares Denkmal trennt Europa von Asien

Mitten im unendlichen Wechsel von Wäldern, Flüssen und sanften Hügeln befindet sich ein in vielerlei Hinsicht bedeutender Ort. Eine unscheinbare Stelle trennt hier, zumindest geografisch, Asien von Europa. Sichtlich gelangweilte Bauarbeiter versuchen mit mäßigem Erfolg und interessantem Werkzeug dem Verfall des Denkmals Einhalt zu gebieten, das dem russischen Staatsmann und Geograph Wassili Nikititsch Tatischtschew gewidmet ist. Er legte vor rund 250 Jahren die Grenze zwischen beiden Kontinenten auf diesen Ort fest. Mitten im Ural, mitten im Nirgendwo. Das umtriebige Allroundtalent hat sich jedoch nicht nur mit Geographie und der russischen Historie beschäftigt, auf ihn gehen auch die Gründung von Perm und Ekaterinburg zurück. Zarin Anna Ivanovna hatte ihn mit der Verwaltung der schon damals enorm wichtigen Ural-Fabriken und Bergwerke beauftragt.

300 Jahre Metallurgie

Metallbearbeitung gibt es im Ural schon seit Äonen, industrielle Metallurgie seit etwa 300 Jahren, also noch bevor die industrielle Revolution in England und bald darauf auch in Mitteleuropa die Produktionsprozesse grundlegend veränderte. Schon damals jedoch wurden Eisen und später auch Stahl, so wie noch heute, exportiert. Ein Zentrum ist die Stadt Polewskoj. Keine Sorge, es ist wahrscheinlich keine Bildungslücke, wenn man die 70.000 Einwohner Stadt nicht kennt. Ihre Bekanntheit verdankt die Stadt eher TMK – Трубная металлургическая компания, dem größten russischen Produzenten von Rohren für die Öl- und Gasindustrie und einer der größten russischen metallverarbeitenden Firmen überhaupt. Acht Werke in Russland und Kasachstan, 13 Standorte in Nordamerika, davon zwölf in den USA, vier in Europa und einer im Oman machen TMK darüber hinaus zu einem wahren Global Player. Und das sieht und hört man auch. Das Werksgelände ist riesig, der Ausstoß an Röhren gigantisch und die Produktionsmethoden state fot he art. Dabei ist das Unternehmen erst 2001 gegründet worden, aber vielleicht ist gerade das der große Vorteil der „späten Geburt“, kaum Altlasten mitschleppen zu müssen.

Roehrenproduktion bei TMK

Röhrenproduktion bei TMK, dem größten russischen Stahlrohrhersteller © Ost-Ausschuss Osteuropaverein der deutschen Wirtschaft

Entwicklung im Zeitraffer

Die Walzwerktechnik stammt zu großen Teilen aus dem Haus SMS in Düsseldorf, auch Elektronik, Fahrzeuge, Maschinen und Anlagen und vieles andere sind das Modernste, was der Markt zu bieten hat und stammen zu Teilen aus Deutschland, aber auch aus Japan, Südkorea, der Schweiz, den USA und mittlerweile auch aus China.

Für TMK gilt, was mir in jüngster Zeit schon in einigen anderen russischen Unternehmen aufgefallen ist: Die Firmen sind konkurrenzfähig, international aufgestellt und hervorragend gemanagt. Aus einem Kombinat sowjetischer Prägung haben die Eigentümer ein Weltunternehmen geformt. Inklusive Social Responsibility, für große Teile der Infrastruktur und des öffentlichen Lebens der Stadt und der Freizeiteinrichtungen kommt der Konzern auf, die Umweltstandards sind auf europäischem Niveau und selbst Nachhaltigkeit, Arbeitsschutz und Mitbestimmung sind hier keine Fremdworte. Was mich aber am meisten beeindruckt hat, ist der Stolz der Mitarbeiter auf „ihr“ Werk. So etwas kannte man früher in Deutschland von „Opelanern“, den Kohlekumpel aus dem Ruhrpott oder den Mitarbeitern bei AEG und manchmal sogar dem Personal von Air Berlin.

„Dann machen wir es eben selbst“

200 Kilometer weiter südlich hat ein staatlicher Riese ein Werk gebaut, das selbst den erfahrensten deutschen Managern das Lächeln gefrieren lässt. In Tscheljabinsk ist unter dem Druck der Sanktionen und der Politik der Lokalisierung die Transneft Oil Pumps entstanden. Eine Tochter der Staatsholding Transneft, deren einzige Aufgabe darin besteht, die Belieferung der Konzernmutter mit horizontalen und vertikalen Pumpen, den Ersatzteilnachschub, Wartung und Reparaturen sicherzustellen. Mit italienischer Hilfe wurde ein Werk errichtet, das es mit jedem anderen Pumpenhersteller der Welt aufnehmen könnte. Könnte, weil an den Vertrieb beim Bau der Produktion, die über eine eigene Gießerei, eigene Metallbearbeitung, Prüfstände verfügt, natürlich niemand gedacht hat. Hier geht es allein um Selbstversorgung. Als es vor allem für Staatsunternehmen zunehmend schwieriger wurde, sich auf dem internationalen Markt zu bedienen, reagierte der russische Staat – ein wenig beleidigt – nach dem Motto: „Dann machen wir es eben selbst“.

Technologisch gibt es keinen Nachteil mehr

Über die Sinnhaftigkeit einer flächendeckenden Selbstversorgung habe ich an dieser Stelle schon oft geschrieben, aber in Teilen funktioniert diese Strategie erschreckend gut. Tscheljabinsk ist der lebendige Beweis dafür. Die Wirtschaftlichkeit steht bei solchen Projekten letztlich nicht im Vordergrund. Aber auf diese Art entstehen Produktionskapazitäten, die zu einer ernsthaften Konkurrenz auch für deutsche Unternehmen werden können. Modernste Technik, Rubelkurs und Exportorientierung machen’s möglich. „Es gibt eigentlich nichts, was wir besser machen könnten. Die Produktion ist auf dem gleichen technologischen Niveau wie in Deutschland“, sagt ein deutscher Manager, gleichermaßen anerkennend wie erschrocken.

Kein Grund für Überheblichkeit

Diese Gemengelage macht deutlich, dass es keinen Grund für Überheblichkeit gibt. Den Russen ist in vergleichbar kurzer Zeit gelungen, was die meisten Beobachter nicht für möglich gehalten hätten. In einigen ausgewählten Industriebereichen haben sie nicht nur ihren technologischen Nachteil ausgeglichen, sie sind zu ernsthaften Wettbewerbern geworden. Damit wir uns nicht falsch verstehen, die hier und in der Vergangenheit aufgeführten positiven Beispiele sind genau das: positive Beispiele, neben denen es auch negative Entwicklungen und Stagnation gibt. Aber sie machen deutlich, dass einige russische Unternehmen und Unternehmer wirtschaftlich auf Augenhöhe agieren. Genau deshalb sollte man die Chance nutzen, jetzt die Weichen für eine Zukunft unter anderen politischen Vorzeichen zu stellen.

RSPP und OAOEV unterzeichnen Initiative Technische Regulierung

Und genau das geschieht auch. „Technische Regulierung ist der Anfang allen Handels und deshalb von fundamentaler Bedeutung für unsere beiden Volkswirtschaften“, betont Dmtrij Pumpjanskij, der Mehrheitsaktionär von TMK. Denn neben seiner Eigenschaft als Unternehmer leitet er auch das Komitee für Technische Regulierung des russischen Unternehmerverbandes RSPP. Mit eben jenem Verband hat der Ost-Ausschuss – Osteuropaverein (OAOEV) auf der größten russischen Industriemesse Innoprom in Ekaterinburg ein Abkommen zur Zusammenarbeit unterzeichnet. Sinn und Ziel dieser Initiative ist die Angleichung der Technischen Reglements, der Qualitätsinfrastruktur, darunter Akkreditierung, Konformitätsbewertung, Zertifizierung, Normung und Marktüberwachung. Das Interesse auf beiden Seiten ist so überwältigend, dass die Initiative sich in ihrer ersten Phase nur auf die für beide Seiten wichtigsten Industrien beschränken können wird.

Gleichberechtigung als Voraussetzung

In dieser Initiative ist gleichberechtigte Zusammenarbeit die Grundvoraussetzung. Sie ist deshalb mit Bedacht auf Gegenseitigkeit angelegt, denn es gibt durchaus auch Bereiche, in denen die Deutschen von den Russen lernen können. Und sie bietet die Chance, sich zumindest auf wirtschaftlichem Gebiet wieder ein wenig anzunähern, denn die Zusammenarbeit zwischen den Unternehmen und den Verbänden funktioniert trotz aller Schwierigkeiten weiterhin gut. Im Übrigen sind alle interessierten Unternehmen eingeladen, sich aktiv an diesem Prozess zu beteiligen.


Jens Böhlmann, Leiter Kontaktstelle Mittelstand für Russland beim Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft. Foto: zVg

Jens Böhlmann, Leiter Kontaktstelle Mittelstand
im Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft

Die Kontaktstelle Mittelstand ist eine Initiative zur Förderung kleinerer und mittlerer Unternehmen im Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft. Sie nahm im Mai 2013 ihre Arbeit auf. Ziel der Kontaktstelle ist die Unterstützung deutscher mittelständischer Unternehmen, die einen Markteintritt oder den Ausbau ihrer Geschäftsaktivitäten in den durch den Ost-Ausschuss vertretenen Ländern, insbesondere jedoch in Russland planen.

Anfragen richten Sie bitte an: j.boehlmann@bdi.eu

Über den Autor

ist seit September 2016 Leiter der Kontaktstelle Mittelstand beim Ost-Ausschuss der deutschen Wirtschaft.

Davor war er zehn Jahre bei der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer in Moskau tätig, zuletzt als Leiter der Abteilung Public Relations und Governmental Relations.