Klaus DormannVon

IWF macht Russland Hoffnungen auf 1,8 Prozent Wachstum – aber nur bis 2020

Wird das kaufkraftbereinigte BIP 2024 höher sein als das deutsche?

„Vor der Hacke isset duster“- diese alte Bergmannsweisheit gilt auch für alle, die herausfinden wollen, wie sich Volkswirtschaften entwickeln. Die Zukunft bleibt eben ungewiss. Man weiß nie so ganz genau, was kommt. Auf Bergleute können hinter ihrem nächsten Schlag mit der Hacke gefährliche Gas- oder Wasserblasen lauern (wie im „Kumpel-ABC“ des WDR in einem Video erklärt wird). Für Volkswirte gehört zu den Risiken von Prognosen, dass zum Beispiel Spekulationsblasen platzen können, Rohstoffpreise und Wechselkurse unerwartet stark schwanken oder ein US-Präsident neue Sanktionsideen entwickelt.

Die Volkswirte sind sich auch deswegen beim Blick in die Zukunft selten ganz einig. Das gilt auch für die aktuellen Prognosen zur Entwicklung der russischen Wirtschaft im nächsten Jahr, in denen wir erneut gegraben haben. Anlass dafür ist die am Dienstag veröffentlichte Prognose des Internationalen Währungsfonds.

Regierung und Zentralbank dämpften Erwartungen für 2019

Nachdem die russische Regierung und die Zentralbank seit der Jahresmitte ihre Prognosen für 2019 gesenkt hatten, folgten im Verlauf des Sommers die meisten Analysten dieser Sicht. Diverse Umfragen bei professionellen Beobachtern der russischen Wirtschaft zeigten, dass sie ihre Wachstumserwartungen für 2019 seit der Jahresmitte im Durchschnitt um 0,2 bis 0,3 Prozentpunkte gesenkt haben. „Gedämpfte Erwartungen für 2019“ überschrieben wir deswegen unseren Bericht zu aktuellen Konjunkturprognosen am Montag.

IWF hob hingegen Prognose für 2019 an

Gegen den Strom schwimmt jetzt aber der Internationale Währungsfonds. Er hob am Dienstag seine Prognose für Russlands Wachstum im nächsten Jahr an. Im stets sehr stark beachteten neuen Weltwirtschaftsausblick erwartet er jetzt, dass der Produktionsanstieg 2019 1,8 Prozent erreichen wird. Vor einem Vierteljahr hatte er nur mit 1,5 Prozent gerechnet.

Veränderung der Wachstumsprognosen 2018 bis 2020 seit Mai/Juni/Juli

Veränderung des realen Bruttoinlandsprodukts gegenüber dem Vorjahr in Prozent (Stand: Oktober 2018)
InstitutDatum201820192020
Internationaler Währungsfonds12.09.181,71,81,8
16.07.181,71,5
Economist-Umfrage04.10.181,61,5
07.06.181,81,7
FocusEconomics Consensus Forecast02.10.181,81,61,6
05.06.181,71,8
Reuters-Umfrage05.09.181,71,4
31.05.181,61,71,7
OECD, Interim Economic Outlook20.09.181,81,5
OECD, Economic Outlook30.05.181,81,5
Russische Zentralbank;
Basisszenario
14.09.181,5 bis 2,0
Urals 69 $/b
1,2 bis 1,7
Urals 60 $/b
1,8 bis 2,3
Urals 55 $/b
Basisszenario15.06.181,5 bis 2,0
Urals 67$/b
1,5 bis 2,0
Urals 55 $/b
1,5 bis 2,0
Urals 50 $/b
Russisches Wirtschaftsministerium;
Basisszenario
05.09.181,8
Urals 69,6 $/b
1,3
Urals 63,4 $/b
2,0
Urals 59,7 $/b
Basisszenario (Haushaltsgesetz)27.10.172,1
Urals 43,8 $/b
2,2
Urals 41,6 $/b
2,3
Urals 42.4 $/b

Ob sich der russische Wirtschaftsminister über die neue IWF-Prognose uneingeschränkt freuen wird? Einerseits ist es für ihn ja sicher schön, so positive Nachrichten vom IWF zu hören. Zudem fand der IWF erneut lobende Worte für die Arbeit der russischen Regierung und der Zentralbank. Aber andererseits hat Oreschkin selbst – und mit ihm die russische Regierung – seine Prognose kräftig gesenkt. Er geht davon aus, dass sich der Produktionsanstieg in Russland auf 1,3 Prozent abschwächt. Die Differenz zur IWF-Prognose wird er erklären müssen.

2023 erwartet der IWF nur noch 1,2 Prozent Wachstum, Oreschkin hingegen mehr als 3 Prozent

Zudem sieht der IWF die längerfristigen Wachstumsperspektiven Russlands bei weitem nicht so zuversichtlich wie Oreschkin. Während der Wirtschaftsminister verspricht, dass sich Russlands Wirtschaftswachstum nach einer kurzen Abschwächung 2020 auf 2 Prozent beschleunigt und ab 2021 mit leicht steigender Tendenz stabil über 3 Prozent liegt, geht der IWF davon aus, dass sich der Produktionsanstieg in Russland nur 2020 bei 1,8 Prozent hält und bis 2023 auf 1,2 Prozent sinkt.

Kann Russland den Rückstand zu Deutschland beim kaufkraftbereinigten Bruttoinlandsprodukt aufholen?

Vor dem Föderationsrat der Duma hatte Oreschkin in einer Rede zu den Prognosen der russischen Regierung zur sozio-ökonomischen Entwicklung bis zum Jahr 2024 gesagt, dank der Wirtschaftspolitik der Regierung werde Russland in der Rangliste der weltweit größten Volkswirtschaften 2024 zu den „Top 5“ gehören, dabei den Rückstand zu Deutschland aufholen und weiterhin vor Indonesien liegen.

Das Ziel, dass Russland zu den fünf größten Volkswirtschaften gehören soll, hatte Präsident Putin der Regierung gesteckt. Gemeint ist dabei nicht das bei internationalen Vergleichen meistens verwendete nominale Bruttoinlandsprodukt in US-Dollar, sondern das sogenannte „kaufkraftbereinigte Bruttoinlandsprodukt“ in „internationalen Dollar“. Es wird sowohl von der Weltbank als auch vom IWF berechnet (mit geringfügig unterschiedlichen Ergebnissen). Um das kaufkraftbereinigte Bruttoinlandsprodukt in „internationalen Dollar“ zu ermitteln, wird es aus den nationalen Währungen nicht mit den auf den Devisenmärkten ermittelten Wechselkursen in US-Dollar umgerechnet, sondern mit speziellen Faktoren, die die Kaufkraft der Währungen besser wiedergeben sollen.

Der IWF sieht auch 2023 Russland hinter Deutschland

Behält der IWF mit seinen bis 2023 reichenden Prognosen recht, wird wohl nichts aus der Ankündigung des Wirtschaftsministers, dass Russland bis 2024 den Rückstand zu Deutschland aufholen wird und in der „Weltrangliste“ kaufkraftbereinigt zu den fünf größten Volkswirtschaften gehören wird. Laut den jüngsten IWF-Prognosen wird Russlands kaufkraftbereinigtes Bruttoinlandsprodukt 2023 jedenfalls wie 2017 rund 4 Prozent niedriger sein als das deutsche.

Russland lag 2011 bis 2013 aber schon vor Deutschland

Die Weltbank bietet in ihrer Datenbank hier eine instruktive Grafik zur bisherigen Entwicklung des kaufkraftbereinigten Bruttoinlandsprodukts Russland („GDP, Purchasing Power Parity, current international $“). Sie vergleicht das kaufkraftbereinigte russische Bruttoinlandsprodukt mit Ländern und Regionen, die ein ähnlich hohes Bruttoinlandsprodukt verzeichnen.

Dazu gehören auch Deutschland und Indonesien. 2017 war laut Weltbank das kaufkraftbereinigte Bruttoinlandsprodukt Russlands mit 3.817 Milliarden Dollar noch rund 9 Prozent niedriger als das Deutschlands. Russland belegte Rang 6 der „Weltrangliste“, Deutschland Rang 5 (siehe dazu auch: Moscow Times: Russia 6th Largest Economy in World GDP Rankings; 13.07.2018).

Deutschland bis 2024 „kaufkraftbereinigt“ zu überholen, scheint aber durchaus nicht ausgeschlossen, wenn man sich die Entwicklung in den letzten Jahren ansieht. Schließlich lag Russland laut den Berechnungen der Weltbank, auch das zeigt die Grafik, in den Jahren 2011 bis 2013 bereits schon einmal vor Deutschland (2012 um rund 5 Prozent).

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Titelbild: Bumble Dee / Shutterstock.com

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Über den Autor

war von 1980 bis 2015 Mitarbeiter der volkswirtschaftlichen Abteilung der Ruhrgas AG und der E.ON SE.