Nachrichten zur Wirtschaft in Russland

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Rufil Russia Consulting

Simon SchüttVon

Ein Ende der Rezession der russischen Wirtschaft scheint in Sicht, Wachstum lässt aber noch auf sich warten.

Für Optimismus ist es noch zu früh. Dennoch gab es in den letzten Wochen einige Meldungen, die dafür sprechen könnten, dass die Krise der russischen Wirtschaft nun zumindest ihren Tiefpunkt erreicht hat und es langsam wieder bergauf geht. Die Betonung liegt dabei auf langsam, denn damit dass die russische Wirtschaft vor 2017 wieder stärker wachsen könnte, rechnet fast niemand. 

Talsohle erreicht?

Die Lage der Wirtschaft Russlands hat sich offenbar stabilisiert und es geht zumindest nicht weiter bergab. Der Föderale Statistikdienst veröffentlichte am 12. November Zahlen über das Wachstum der russischen Wirtschaft für das dritte Quartal 2015. Das Bruttoinlandsprodukt ist demzufolge weniger stark geschrumpft. Um 4,1 Prozent im dritten Quartal statt zuvor um 4,6 Prozent im zweiten. Für diese leichte Verbesserung sei laut Analysten möglicherweise der Industriesektor verantwortlich. Die Zahlen sind zudem besser ausgefallen, als es die Experten erwartet hatten. Diese hat mit einem Minus von fünf Prozent gerechnet. Sogar der russische Finanzminister war von -4,3 Prozent ausgegangen. Eine Entwarnung sei das nicht, nur ein “bisschen weniger schlecht”, nannte es eine Analystin gegenüber Bloomberg.

Die Ratingagentur Standard & Poor’s (S&P) sprach in einer aktuellen Stellungnahme zur Lage der russischen Wirtschaft hingegen von einer Stabilisierung. Nach vier Quartalen der Rezession sei die Wirtschaft im dritten Quartal im Vergleich zum vorherigen Quartal um 0,5 Prozent gewachsen, analysierte die Agentur. Auch für das vierte Quartal rechne man mit leichtem Anstieg. Es sei daher wahrscheinlich, dass sich die Situation stabilisiert habe.

Der Patient ist also offenbar einigermaßen stabil, die Frage ist nun, wann und wie schnell erholt er sich?

Wachstum ungewiss

Ob die Wirtschaft nun auch wieder wachse, stehe nämlich in Frage, sagte die S&P-Chefökonomin für Russland, Tatiana Lyssenko. Das Wachstum werde kaum durch die Inlandsnachfrage und den Außenhandel unterstützt. Aus makroökonomischer Sicht sei die Voraussetzung für Investitionen gegeben, aber die Mittel reichten nicht aus. Das Vertrauen der Investoren sei zudem gering – insbesondere aufgrund der hohen Rubel-Volatilität. Eine schnelle Erholung, wie es sie nach den Krisen 1998 und 2009 gab, ist aber wohl nicht in Sicht.

Viele Beobachter sehen das Problem der russischen Wirtschaft auch weiterhin darin, dass neben großen Investitionen auch tiefgreifende Strukturreformen fehlen – vor allem eine Diversifizierung der Wirtschaft. Der gefallene Ölpreis sei maßgeblich für die Krise verantwortlich, die Krise hausgemacht und unter anderem auf verpasste Reformen zurückzuführen, äußern sich immer wieder russische Politiker. Zuletzt auch der russische Industrieminister Manturow bei seinem Besuch vergangene Woche in Berlin. Die Sanktionen seien bei der Krise hingegen nur ein Faktor unter vielen.

Standard & Poor’s machte ebenfalls deutlich, dass die Stabilisierung der russischen Wirtschaft nur ein zartes Pflänzchen sei, das man vorsichtig behandeln müsse. Im Jahre 2016 könne die Kreditbewertung Russlands sich sogar verschlechtern, wenn die staatlichen Währungsreserven weiter fielen, teilte der Geschäftsführer von S&P, Moritz Kramer, mit. Dies könne außerdem bei einer weiteren Verschlechterung der Wirtschaftslage der Fall sein oder wenn die Sanktionen verschärft würden. Die Wahrscheinlichkeit dafür sei aber nicht sehr groß. Derzeit liegt Russlands S&P-Bewertung bei BB+ auf spekulativem Niveau. Erst im Oktober war diese Bewertung bestätigt worden. Kramer hielt eine Verbesserung der Wertung zwar für möglich, allerdings nur, wenn sich die russischen Wirtschaft erhole.

Ökonomen gehen von langsamen Wachstum aus

Und die russische Wirtschaft werde sich nur langsam erholen und nicht wie nach den Krisen 1998 und 2009 nach der Rezession gleich wieder schnell wachsen, sagen die Experten. Eine Umfrage unter 31 Ökonomen, die Bloomberg unternommen hat, führt zu diesem Ergebnis. In dem Artikel der Nachrichtenplattform dazu heißt es, ein Großteil der Experten erwarte eine Erholung in L-Form, statt einer U- oder V-Form.

L-Form heißt, dass sich die Erholung lang hinzieht. Bei der U-Form gibt es eine kurze Phase unterdrückten Wachstums und bei der V-Form geht es gleich nach der Krise wieder mit der Wirtschaft bergauf – wie bei den Krisen 1998 und 2009 der Fall (siehe Tabelle: Erholung nach den Krisen 1998 und 2009 – Daten nur bis 2014).

21 der 31 Ökonomen, also mehr als zwei Drittel, gehen von der L-Form aus. Nur drei Prozent von der V-Form und rund ein Drittel von der U-Form. Der Pfad der Erholung für Russland werde also „lang und schwierig“.

Weiter zeigt die Umfrage unter den Experten, die zwischen dem 23. und dem 28. Oktober durchgeführt wurde, dass im Durchschnitt mit einem zarten Wachstum erst zum dritten Quartal 2016 gerechnet werden könne.

Deutsche Unternehmen glauben an Erholung, aber noch nicht im nächsten Jahr

Viele deutsche Unternehmen in Russland glauben auch an eine Erholung. Jürgen König vom Pharma- und Chemiehersteller Merck sagte etwa im Interview mit Ostexperte.de: „Wir glauben, dass sich die Wirtschaft in Russland erholen wird. Wenn man sich die Statistiken von Russland ansieht, dann hat sich das Land seit Anfang der 90er-Jahre immer positiv entwickelt. Daran glauben wir auch in der Zukunft.“ Doch für das nächste Jahr rechne er – wie auch viele Ökonomen – noch nicht damit.

Auch der Hamburger Hafen, der unter anderem wegen des schwachen Russlandgeschäfts in diesem Jahr weniger Umschlag verzeichnen musste, sieht eine Erholung. “Im Containerverkehr mit Russland scheint inzwischen die Abwärtsentwicklung zu stoppen und eine Stabilisierung einzusetzen“, sagte Axel Mattern, Vorstand von Hafen Hamburg Marketing e.V..

Der Arzneimittelhersteller Stada, der seit Anfang des Jahres deutliche Verluste in seinem Russlandgeschäft verzeichnen musste – 19 Prozent Rückgang im ersten Quartal – konnte im zweiten und dritten Quartal auch eine Stabilisierung feststellen. Hier zeigte sich Vorstandschef Hartmut Retzlaff dennoch schon im Juni „langfristig von dem weiterem Wachstumspotenzial des Landes überzeugt“.

Jetzt kann es nur noch bergauf gehen

Wenn der Boden erreicht ist, kann es nur noch bergauf gehen. Das denken sich offenbar auch einige deutsche Unternehmer und beginnen, jetzt in Russland zu investieren. Genau dazu rief auch der russische Industrieminister Denis Manturow am 9.11. in Berlin auf. Bei dem Treffen berichteten einige Firmen, dass für sie nun der richtige Zeitpunkt gekommen sei, in Russland zu investieren.

„Gerade wenn man in der Krise investiert, kann man viel gewinnen“, sagte zum Beispiel ein Unternehmer am Rande der Veranstaltung. Auch Stephan Schulte vom Duftstoff-Hersteller Symrise, der mit seiner Frage zu Rospotrebnadsor für großen Applaus sorgte (siehe Artikel dazu), sagte, er habe sein Unternehmen überzeugen können, dass jetzt der richtige Zeitpunkt sei, zu investieren.

Ministerpräsident Dmitrij Medwedew äußerte sich beim APEC-Gipfel in Manila am 18. November ebenfalls zu den Möglichkeiten für ausländische Investoren: „Die Schwächung des Rubels hat die Möglichkeit geschaffen, russische Vermögenswerte wesentlich günstiger als noch vor einiger Zeit zu kaufen.“ Das war zwar dem Anlass entsprechend überwiegend an das Publikum aus den Pazifikanrainerstaaten gerichtet, gilt aber im Grunde auch für westeuropäische Interessenten.

Auch Rüdiger Kapitza von DMG Mori ist vom Boden der Krise als richtiger Investitionszeitpunkt überzeugt. Sein Unternehmen hatte kürzlich eine neue Werkzeugmaschinenfabrik in Uljanowsk eröffnet. Die Investition sei richtig gewesen, sagte er. „Vielleicht ist jetzt in der Krise sogar der ideale Zeitpunkt dafür.“

Wer nicht neu nach Russland kommt und auch nicht in großem Umfang in Russland investiert, wie zuletzt DMG Mori, Claas in Krasnodar oder Siemens in St. Petersburg, der hält doch zumindest am russischen Markt fest. Und harrt aus. Bis die Stabilisierung wieder zu Wachstum wird.

„Wir sind langfristig hier und bleiben“ oder „wir denken nicht nur quartalsweise“ sind Sätze, die man derzeit von nahezu jedem deutschen Unternehmen in Russland hört.


Was ist Ihre Prognose für die russische Wirtschaft? Hat sie sich stabilisiert? Wann rechnen Sie mit Wachstum? Schreiben Sie uns gerne hier, auf Facebook oder Twitter einen Kommentar. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit! 

Simon Schütt
Über den Autor

war von September 2015 bis September 2016 Chefredakteur bei Ostexperte.de.

Derzeit arbeitet er bei der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer. Bevor er zu Ostexperte.de kam, war er Redakteur der Moskauer Deutschen Zeitung. Dort schrieb er vor allem für das Wirtschafts-, das Digital- und das Moskau-Ressort.

Der Berliner hat in Wien Publizistik- und Kommunikationswissenschaft studiert und dort bei der Österreich-Ausgabe des Werbe-, Marketing- und Medien-Fachmagazins Horizont gearbeitet.