Die Isaakskathedrale als Spiegel innerrussischer Probleme

Die Isaakskathedrale in Sankt Petersburg als Spiegel innerrussischer Probleme

Am 10. Januar gingen die Petersburger wie alle anderen im Land zum zweiten Mal im neuen Jahr zur Arbeit und tauschten sich über die Neujahrsferien aus. Plötzlich präsentierte das Presseamt des Gouverneurs Georgi Poltawtschenko ein Neujahrsgeschenk.

Von Yury Frolov, Historiker, Deutschlektor an der Moskauer Technologischen Universität


Die größte und bekannteste Kathedrale Sankt Petersburgs wurde zwischen 1818 und 1858 errichtet. Nach jahrelangem Bittgesuch soll die Isaakskathedrale 50 Jahre lang kostenlos der Russisch-Orthodoxen Kirche zur Verfügung gestellt werden. Bis vor kurzem wurde sie gemeinsam mit drei anderen Kirchen als Museum genutzt. Nun blickt das Museum in eine ungewisse Zukunft. Der Kampf um die Kathedrale offenbart tiefgreifende Streitigkeiten im politischen und gesellschaftlichen Leben Russlands.

Kirchliche Restitution in Russland

Die Rückgabe der Kathedrale ist auf den ersten Blick nur ein weiterer Schritt im Prozess der kirchlichen Restitution. Die Maßnahme ist eine logische Konsequenz des 2010 verabschiedeten “Föderalen Gesetzes über die Rückgabe des geistlichen Eigentums an die geistlichen Organisationen”. Letztere gelangen demnach mit einer schriftlichen Stellungnahme in Besitz der verlangten Kirchen bzw. erhalten die Erlaubnis für eine kostenfreie Nutzung.

Aufgrund dieses Gesetzes sind nicht nur Kirchen und Klöster, die nach der Revolution nationalisiert wurden, in den Besitz der Russisch-Orthodoxen Kirche gelangt. Auch ehemalige ostpreußische Schlösser im Kaliningrader Gebiet, die nie der Kirche angehörten, wanderten plötzlich in ihren Eigentum.

In diesem Zusammenhang kam es auch zu einem absurden Gerichtsentscheid: Ein großes Forschungsinstitut im Zentrum der russischen Hauptstadt soll aus seinem Gebäude ausgesiedelt werden, um Platz für eine Kirche zu machen, die in den 1930er-Jahren zerstört wurde. Nach offiziellen Angaben wurden im Jahre 2016 rund 90 Prozent der 246 Anträge der Russisch-Orthodoxen Kirche auf “Rückgabe des ursprünglichen Eigentums” gebilligt.

Die Frage nach den Eigentümern

Es kommt die Frage auf, ob es sich wirklich um eine Rück-, oder eher um eine Übergabe an die Kirche handelt. Im Zusammenhang mit der Isaakskathedrale muss hervorgehoben werden, dass die Russisch-Orthodoxe Kirche zur Zeit ihrer Einweihung einen Teil des Staatsapparats des Russischen Imperiums bildete.

Der Staat finanzierte die Bauarbeiten und besaß daher Eigentumsrechte an der Kathedrale. Dies ist eines der wichtigsten Argumente gegen die Veränderung des Status quo. Die “Pro-Seite” hingegen argumentiert, dass ursprünglich primär eine kirchliche Nutzung vorgesehen war. Die Nutzung als Museum stünde daher nur an zweiter Stelle.

Die Isaakskathedrale als Sehenswürdigkeit

Die Kathedrale ist in ihrer Funktion als Museum außergewöhnlich beliebt. So wurde sie 2015 von etwa 3,5 Millionen Menschen besucht. Damit ist sie nach der Eremitage das zweitbeliebteste Museum Sankt Petersburgs. Die Isaakskathedrale und die Auferstehungskirche gehören zu den 10 meistbesuchten Kirchen der Welt.

Zur „Isaakskathedrale“ gehören neben der Kathedrale selbst auch die “Erlöser-Kirche auf dem Blut” (“Auferstehungskirche”), das “Smolny-Kloster” und die “St. Sampson-Kathedrale”. Die beiden Letzteren wurden 2016 bzw. 2017 bereits an die Russisch-Orthodoxe Kirche übergeben.

Die Frage nach dem Geld

Der Grund des jahrelangen Kampfes um das größte Kirchenmuseum Sankt Petersburgs ist offensichtlich ein finanzieller. Die Touristen brachten der Kathedrale 2015 fast 700 Millionen Rubel (umgerechnet circa 10 Millionen Euro) und machten sie fast zum einzigen russischen Museum, das sich selbst finanziert und ohne staatliche Subventionen auskommt.

Aus dieser Summe, die Direktor des Museums im Interview nannte, werden jährlich circa 200 Millionen Rubel für die minimalen Konservierungsarbeiten verwendet, sowie 70 Millionen Rubel als Steuer an die Stadt gezahlt. Darüber hinaus sind 750 Millionen Rubel für die Restauration bis 2020 erforderlich.

Die Russisch-Orthodoxe Kirche wird stark dafür kritisiert, dass sie sich ein finanziell unabhängiges kirchliches Haus aneignen will, anstatt Tausende von verfallenen alten Kirchen und Klöstern im Lande wiederherzustellen.

Russisch-Orthodoxe Kirche als Kircheneigentümer

Darüber hinaus scheint die Russisch-Orthodoxe Kirche kein gutes Händchen in der Betreuung religiöser Objekte zu haben. Ziemlich oft wurden bei der Restaurierung „zufällige“ Unternehmen beauftragt, die keinerlei Erfahrung hatten, wie zum Beispiel im Falle der Kaliningrader Kirche in Arnau, wo mittelalterlichen Fresken einfach übermalt wurden.

Oder im Falle der Restaurierungsarbeiten der Kasaner Kathedrale in Sankt Petersburg, die 1991 der Russisch-Orthodoxen Kirche übergeben wurde, und wo sich bis 2000 auch ein Museum befand. Die Arbeiten mussten zwischen 2011 und 2012 mangels Finanzierung gestoppt und konnten erst mit finanzieller Hilfe der Stadt fortgesetzt werden.

Freier Zutritt zur Kathedrale?

Aber auf die stärkste Kritik stoßen die Pläne der Kirche, nach der Übergabe der Kathedrale die Eintrittsgebühr abzuschaffen und freien Zutritt zur Kathedrale zu ermöglichen. 2015 wurde die erste Anfrage zur Übergabe der Kathedrale aus diesem Grund abgelehnt.

Die hohen Kirchendiener nehmen den Verlust von 93 Prozent des Einkommens in Kauf und hoffen auf städtische Unterstützung. So wird die Kathedrale zu einem teuren Geschenk für 1 Prozent ihrer Besucher, die zum Gottesdienst gehen. Alle anderen müssen für dieses Geschenk Jahr für Jahr bezahlen.

Ein autokratischer Gouverneur

Neben der Übergabe selbst sind die Petersburger auch über den Alleingang des Gouverneurs empört. So kündigte das Presseamt am 10. Januar 2017 an, dass die Übergabe der Kathedrale auf Grundlage einer mündlichen Vereinbarung mit dem Patriarchen Kirill II. eine vollendete Tatsache sei. Dies ist ein Beispiel dafür, wie rücksichtslos Herr Poltawtschenko mit seinen Bürgern umgeht, und wie viele Skandale mit seiner Person verbunden sind.

Georgi Poltawtschenko wurde im August 2011 direkt vom russischen Präsidenten für seinen Posten ernannt. 2012 beschimpfte er Petersburger als „Schufte“, als sie gegen die Absperrung der Stadt durch sein Ehrengeleit protestierten. Im selben Jahr schlug er den Bürgern vor, den aufgrund von Korruption gestoppten Bau eines neuen Stadions mitzufinanzieren. Im Mai 2013 wurde festgestellt, dass der Gouverneur in seiner Doktorarbeit auf 151 Seiten plagiiert hat.

Ein Denkmal für Akhmad Kadyrow

2014 wurde Poltawtschenko bei einer Wahlbeteiligung von 40 Prozent wiedergewählt. Eine oppositionellen Kandidaten gab es nicht. 2016 stimmte er der Einweihung von Denkmälern für höchst umstrittene Personen zu. Eine Brücke erhielt den Namen des tschetschenischen Präsidenten Akhmad Kadyrow, der keinen Bezug zu Petersburg hatte und in den 1990er-Jahren im Tschetschenienkrieg gegen Russland kämpfte.

Des Weiteren wurde es versucht, dem einstigen finnischen Präsidenten Karl Mannerheim oder dem Bolschewiki-Gegner im Bürgerkrieg, Alexander Koltschak, Memorialtafeln aufzustellen. Die jetzige Entscheidung um die Kathedrale, die nicht mit Präsident Putin abgesprochen wurde, könnte die weitere Karriere des ehemaligen KGB-Generals in Frage stellen.

Der Kampf der Petersburger

Wie zu erwarten war, folgte nach zahlreichen umstrittenen Entscheidungen der Stadtverwaltung eine Reaktion der Petersburger. Aber aufgrund der Proteste nach den russischen Parlamentswahlen 2011 bzw. 2012 bewertet die Staatsmacht Demonstrationen als Gefahr für politische Umwälzungen. Deshalb kann die wiederholte Teilnahme an einer nicht genehmigten Demonstration im Gefängnis enden.

In dieser Situation suchen die Petersburger nach anderen Wegen. So wurde die erste Demonstration gegen die Übergabe der Isaakskathedrale als Treffen der Petersburger Parlamentarier mit ihren Wählern inszeniert. Darüber hinaus griffen Petersburger auch immer mehr zu anderen Mitteln: die umstrittene Mannerheim-Tafel wurde dreimal bemalt und einmal mit der Axt zerhackt, bis sie endlich demontiert wurde.

Aber nicht nur mit der Axt gelang es den Stadteinwohnern, ihren Willen durchzusetzen. Nach heftigen fünfjährigen Protesten und Petitionen wurde 2010 der Bau eines 400 Meter hohen „Gazprom“-Wolkenkratzers verhindert. Die Bürger des ehemaligen Leningrads haben das Schlimmste (die Blockade von 1941 bis 1944) überwunden – und werden deshalb mit allen kleineren Problemen fertig.

Reformation und Revolution

Das Jahr 2017 ist sowohl in Deutschland als auch in Russland ein Jubiläumsjahr. In Deutschland wird die “kirchliche Revolution”, die Reformation, gefeiert, und in Russland die “politische Revolution”. In Deutschland hatte die Reformation eine staatsbildende Rolle gespielt, im Gegensatz dazu spaltete das Jahr 1917 die russische Gesellschaft.

Einer der Regisseure in diesem Drama, Patriarch Kirill II., stellt die Übergabe der Isaakskathedrale als ein Symbol der Volksversöhnung dar. Inzwischen sind 57 Prozent der Petersburger gegen die Übergabe der Kathedrale. Nur 17 Prozent der Befragten unterstützen die Idee. Deshalb bewirkt diese Geste eher das Gegenteil: Die Kluft zwischen Monarchisten und Kommunisten, Orthodoxen und Atheisten, Oppositionellen und „Patrioten“ wird noch größer.

Titelbild
 Quelle: J.Elliott, St. Isaac’s Cathedral, Size changed to 1040x585px., CC BY 2.0 [/su_spoiler]