Klaus DormannVon

Irina Scherbakowa – Ihr neues Buch, ihre Arbeit für Memorial und ihre Meinung zu Putins Politik

Kurz vor Weihnachten sollen sich ja selbst eingefleischte Internet-Nutzer gelegentlich in Buchhandlungen verirren, um ein Geschenk zu besorgen oder Lektüre für lange Winterabende. Falls Sie etwas zur russischen Geschichte suchen: Viel Aufmerksamkeit findet in diesem Herbst ein Buch von Irina Scherbakowa, die in Deutschland vor allem durch ihre Arbeit für die Menschenrechtsorganisation „Memorial“ bekannt geworden ist.

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Irina Scherbakowa: Familiengeschichte und Lebensweg

Die Moskauer Germanistin und Historikerin hat ein Buch zur Geschichte ihrer Familie geschrieben („Die Hände meines Vaters“). Es ist die Geschichte einer jüdischen Familie. Irina Scherbakowa schildert insbesondere den Lebensweg ihrer Großeltern und Eltern. Er reicht von der Flucht vor Pogromen am Ende des 19. Jahrhunderts bis zum Ende der Sowjetunion. Dazwischen liegen zwei Weltkriege, die Oktoberrevolution, die Diktatur Stalins (in der ihre Großeltern mit Kommunisten aus ganz Europa im Moskauer Hotel „Lux“ wohnten), das „Tauwetter“ in der Zeit Chruschtschows und Gorbatschows Wende zu „Glasnost“ und „Perestroika“.

Sabine Adler bemerkt in einer Besprechung des Buches im Deutschlandfunk: „Ihre Familie war Teil der sowjetischen Intelligenzija. Ihr Freundeskreis liest sich wie das „Who is Who“ der sowjetischen Literatur und Kunst.“

Irina Scherbakowa wurde als „Nachkriegskind“ 1949 in diese Intellektuellen-Familie hineingeboren. Einige Erinnerungen an ihren Großvater und ihre Kindheit in den 1950er Jahren schilderte sie schon 2009 in einem immer noch sehr hörenswerten Radio-Interview in SWR2.

„Am meisten habe ich mich immer für Geschichte interessiert“

Sie studierte zunächst Germanistik, arbeitete als Übersetzerin und Redakteurin für Literaturzeitschriften. Mitte Dezember sagte sie in einem Tagesspiegel-Interview dazu:

„Ich muss gestehen, dass die Übersetzungsarbeit für mich eher eine Nische war, wie man sie in einer Diktatur wählt, um möglichst frei zu sein. Am meisten habe ich mich immer für Geschichte interessiert und mich über den Umweg der Literatur damit beschäftigt.“

Schon Ende der 1970er Jahre begann sie, Tonbandinterviews von Opfern des Stalinismus zu sammeln. Als die Archive in der Zeit der Perestroika geöffnet wurden, nutzte sie dies für intensive Recherchen. Hierdurch entstanden erste Kontakte zu der 1988 von Andrej Sacharow gegründeten Menschenrechtsorganisation „Memorial“ (Internationale Gesellschaft für Historische Aufklärung, Menschenrechte und Soziale Fürsorge „Memorial“).

1991 wurde sie wissenschaftliche Mitarbeiterin des Fachbereichs „Oral History“ der Staatlichen Russischen Universität für Geisteswissenschaften in Moskau. Dort lehrte sie als Dozentin bis 2006. Zentrale Themen ihrer Forschungsarbeit sind die Straf- und Arbeitslager in der Sowjetunion (Gulag), das Schicksal der im Krieg aus der Sowjetunion nach Deutschland verschleppten „Ostarbeiter“ und die „Sonderlager“, die nach Kriegsende in der Sowjetischen Besatzungszone errichtet wurden.

Irina Scherbakowa ist dieser Arbeit weiterhin als Mitglied des Kuratoriums der Gedenkstätte Buchenwald in Weimar und des Kuratoriums der „Aktion Sühnezeichen Friedensdienste“ verbunden.

Als Präsident Putin Ende Oktober ein Denkmal für die Opfer der Stalin-Diktatur einweihte, meinte Irina Scherbakowa zwar, es sei gut, dass der Staat das Denkmal errichte. Ein Widerspruch bleibe jedoch. „Es ist ein Denkmal für die Opfer. Doch man umgeht die Frage, wer die Täter waren“. Es könne keinen Schlussstrich geben. Das berichtet die Deutsche Welle.

Irina Scherbakowa erhielt für ihre Arbeit zahlreiche Auszeichnungen in Deutschland (unter anderem: 1994: Deutscher Katholischer Journalistenpreis; 2005: Verdienstkreuz am Bande der Bundesrepublik Deutschland; 2014: Carl von Ossietzky-Preis für Zeitgeschichte und Politik; 2017: Goethe-Medaille des Goethe Instituts in Weimar).

Wie sehr sie sich Deutschland verbunden fühlt, wird auch in einem Bericht deutlich, den sie nach einem Forschungsjahr am Wissenschaftskolleg in Berlin für das Jahrbuch 1994/1995 des Kollegs schrieb (Seite 127-130). Titel: „In Moskau werde ich sehr bald das Gefühl haben: Es war alles nur ein Traum“. Da blitzt auch viel Humor auf. In dem sehr persönlich gehaltenen Bericht listet sie nicht nur ihre Forschungsaktivitäten auf. Sie fügt hinzu:

„Nur zu gerne hätte ich z. B. auch über die soziale Bedeutung des Fußballspieles in der Sowjetunion der dreißiger Jahre oder über die Rolle und die Einflüsse der deutschen Bäckermeister im St. Petersburg des 19. Jahrhunderts geforscht, mußte aber, besonders in Anbetracht des 50. Jahrestages des Kriegsendes, bei meist sehr globalen und tragischen Themen bleiben.“

Weitere Forschungsaufenthalte führten sie unter anderem nach Wien (Institut für die Wissenschaften vom Menschen) und zu Gastprofessuren nach Salzburg, Bremen und Jena.

Irina Scherbakowas Arbeit für Memorial

In Deutschland bekannt ist Irina Scherbakowa vor allem durch ihre Arbeit für die Menschenrechtsorganisation „Memorial“. Ziel von Memorial war zunächst vor allem die Erforschung des Stalinismus. Anfang der 1990er Jahre entstanden in Russland rund 70 Memorial-Gruppen. Inzwischen gibt es auch viele im Ausland, darunter in Deutschland.

Für „Memorial International“ in Moskau betreut Irina Scherbakowa das Bildungsprogramm, unter anderem den Schülerwettbewerb „Der Mensch in der Geschichte. Russland im 20. Jahrhundert“. Jährlich beteiligen sich rund 2000 Schülerinnen und Schüler mit Arbeiten zur russischen Zeitgeschichte an diesem Wettbewerb, den es seit 1999 gibt. Eine Auswahl hat Scherbakowa in dem Buch „Russlands Gedächtnis – Jugendliche entdecken vergessene Lebensgeschichten“ herausgegeben. Am Rande einer Ausstellung für den ermordeten Politiker Boris Nemzow erläuterte sie im Frühjahr 2017 der Körber-Stiftung, die mit Memorial zusammenarbeitet, in einem Video-Interview ihre Aufgaben bei Memorial, zu denen auch die Zusammenarbeit mit deutschen Organisationen gehört. Dabei nahm sie auch kurz zur aktuellen politischen Entwicklung in Russland Stellung.

Irina Scherbakowa zum Abbau der Demokratie in Russland

Ausführlich äußerte sich Irina Scherbakowa zur politischen Entwicklung in einem Interview mit der Redaktion der Zeitung „Petersburger Dialog“, die vom gleichnamigen deutsch-russischen Gesprächsforum herausgegeben wird. Sie erscheint seit September monatlich als Beilage der „Berliner Morgenpost“ und der russischen Zeitung „Kommersant“. Das Berliner „Zentrum Liberale Moderne“ veröffentlichte das Interview im Internet.

Scherbakowa unterstreicht, dass schon kurz nach der Jahrtausendwende ein spürbarer Abbau der Demokratie in Russland begonnen habe, lange vor den Ereignissen von 2014 (Krim und Krieg in der Ostukraine). Der Bruch des Völkerrechts und die Missachtung der europäischen Sicherheitsstrukturen habe also eine innenpolitische Vorgeschichte:

Wir dürfen die außenpolitische Entwicklung nicht von den innenpolitischen Prozessen in Russland trennen. Dieser Fehler wird immer wieder gemacht. Lange vor den Ereignissen von 2014 – Krim und Krieg in der Ost-Ukraine – begann in Russland ein spürbarer Abbau von Demokratie. Das ging schon sehr bald nach der Jahrtausendwende los.

Wir russischen Bürgerrechtler haben früh davor gewarnt. Aber man wollte uns nicht glauben. Auch in Deutschland nicht. Dort glaubte man lange, dass Russland auf dem Weg sei zu einer eigenständigen Demokratie. Stattdessen erlebten wir den Aufbau neuer Machtstrukturen, neuer Machtvertikalen, wie wir das nennen, etwa in der Medien- oder der Sicherheitspolitik.

Wachsende Kontrolle war das Schlüsselwort dieser Entwicklung. Dazu kamen Einschränkungen im Wahlrecht, die wachsende Bedeutung der Sicherheitsorgane und der wachsende Einfluss vieler ehemaliger Mitarbeiter der Staatssicherheit. …

Wir beobachteten aber nicht nur den Aufbau neuer Machtstrukturen, sondern auch einer neuen Ideologie. Das hat die Justiz und Medien zuerst betroffen, aber auch Wirtschaft und Kultur sind davon nicht verschont geblieben. Es war ein Irrtum zu glauben, dass man ihnen die Spielräume lassen würde.

Das alles ist die innenpolitische Vorgeschichte, die dann im Bruch des Völkerrechts und der Missachtung der europäischen Sicherheitsstrukturen mündete. Es gibt da einen unmittelbaren Zusammenhang.“

„Spionomanie“ in Russland

Scherbakowa beklagt im Interview, dass in Russland eine Art Verfolgungswahn herrsche:

„In unserem Land grassiert eine „Spionomanie“, die alles und jeden verdächtigt und auch die Menschen, die weiter mit ausländischen Instituten und Organisationen und einzelnen Menschen zusammenarbeiten.“

Auch zu den deutsch-russischen Gesprächen im Petersburger Dialog nimmt sie kritisch Stellung. Dort sei „nicht mit den wirklichen Vertretern der Zivilgesellschaft“ geredet worden, sondern „mit den Funktionären und leider manchmal auch den Propagandisten“. Sie fordert:

„In einem Dialog müssen wir uns ungeschminkt die Wahrheit sagen können. Was ich mir von Deutschland, von den deutschen Medien wünsche, ist ein genauerer Blick auf unser Land, nicht nur auf Moskau, sondern auch auf das, was sich in den Regionen tut.“

Scherbakowa zur Einstufung von Memorial als „ausländischer Agent“

Finanzielle Unterstützung erhält „Memorial International“ in Russland nach eigenen Angaben von zahlreichen ausländischen Organisationen, unter anderem von der Heinrich Böll Stiftung, der Friedrich Naumann Stiftung und der Körber-Stiftung.

Das russische Justizministerium setzte die Organisation auf die Liste „ausländischer Agenten“. Im Tagesspiegel-Interview wurde Irina Scherbakowa darauf angesprochen:

„Frage: Der Staat stuft Sie und Ihre Kollegen als ausländische Agenten ein. Was bedeutet das im Alltag?

Scherbakowa: Für uns ist die gemeinsame Arbeit mit Museen, Bibliotheken und Schulen wichtig, und leider haben viele dieser Institutionen Angst, sich sozusagen bei uns anzustecken. Wir fühlen uns stigmatisiert, sind mit unglaublichen bürokratischen Schikanen konfrontiert.

Frage: Warum verzichten Sie nicht auf das Geld ausländischer Stiftungen?

Scherbakowa: Bei manchen Projekten muss man über Grenzen hinweg arbeiten, das ist seit jeher unsere Überzeugung. Denn die Opfer des Sowjetsystems hatten ja alle möglichen Nationalitäten, es waren auch viele Deutsche darunter. Außerdem hat das große Geld in Russland meist Angst, die angeblichen ausländischen Agenten zu unterstützen, man will seine Geschäfte nicht gefährden. Wir haben aber auch russisches Geld für unsere Projekte.“

Bundespräsident kritisierte Einstufung als „ausländischer Agent“

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier äußerte sich bei seiner ersten Moskau-Reise als Bundespräsident am 25. Oktober besorgt über die russische Gesetzgebung, mit der vom Ausland unterstützte Nichtregierungsorganisationen als „ausländische Agenten“ eingestuft werden.

Welch hohen Stellenwert Memorial für den Bundespräsidenten hat, zeigte der Ablauf seines eintägigen „Arbeitsbesuches“. Demonstrativ besuchte er am Vormittag zunächst das Archiv von Memorial. Erst am Abend fand ein Gespräch mit Präsident Putin statt. Es war der erste Russland-Besuch eines Bundespräsidenten seit sieben Jahren. Steinmeiers Vorgänger Joachim Gauck hatte jede Russland-Reise vermieden.

Quellen und Lesetipps:

Zur Biografie Irina Scherbakowas:

Zum Buch – Verlagsinformationen Droemer Knaur:

Rezensionen:

Interviews mit Irina Scherbakowa:

Weitere Bücher von Irina Scherbakowa:

Titelbild

Quelle: Heinrich-Böll-Stiftung, Irina Scherbakowa, Size changed to 1040×585 px., CC BY-SA 2.0

Klaus Dormann
Über den Autor

war von 1980 bis 2015 Mitarbeiter der volkswirtschaftlichen Abteilung der Ruhrgas AG und der E.ON SE.