Simon SchüttVon

Jürgen König von Merck Russia über die Russlandstrategie des Darmstädter Wissenschafts- und Technologiekonzerns.

Der deutsche Konzern Merck KGaA (nicht zu verwechseln mit dem US-Konzern Merck & Co., Inc) will in Russland wachsen und stellt weitere Mitarbeiter ein. Dabei setzt er im Rahmen seiner Russlandstrategie in der Chemie- und Pharmabranche auf die Zusammenarbeit mit lokalen Partnern, anstatt eine eigene Fabrik zu bauen. Für die wichtiger werdende russische Ernährungs- und Agrarwirtschaft sieht sich Merck als guter Partner.


Herr König, im Sommer hieß es, Merck plane, in Russland rund 100 neue Mitarbeiter einzustellen. Wie kommt es, dass Sie in der Krise expandieren?

Juergen Koenig Merck Russia

Jürgen König, der Generaldirektor von Merck Russia.

Das hängt damit zusammen, dass wir im Jahr 2013 eine neue Strategie für Russland entwickelt haben, die hauptsächlich im Biopharma-Segment auf Lokalisierung setzt. Im Zuge dieser Strategie haben wir in Russland ein neues Team aufgebaut und begonnen, mit den lokalen Partnern Pharmstandard [Anm. d. Red.: dem größten Pharmaproduzenten des Landes] und Nanolek zu lokalisieren.

Außerdem gab es eine Repatriierung einiger Produkte, die vorher von externen Herstellern wie Takeda hergestellt wurden, zurück zur Marke Merck. Im Zuge dessen haben wir auch Personal eingestellt und geschult.

Als ich 2013 nach Russland kam, hatten wir etwas über 100 Mitarbeiter. Jetzt sind es 250 und bis Jahresende dürften es 300 sein.

Wenn Sie Ihre Russlandstrategie 2013 erarbeitet haben, dann hat sich die Lage seitdem aber deutlich verändert. 

Ja, das stimmt. Aber bei Merck denken wir nicht kurzfristig, sondern langfristig. Und das ist auch hier in Russland der Fall. Im Juni wurde unser globaler CEO, Dr. Kley, von der Moscow Times gefragt: „Andere verlassen das Land, Sie investieren?“ – „Ja“, hat er geantwortet, „wir denken nicht nur quartalsweise, sondern langfristig.“

Wir glauben außerdem, dass sich die Wirtschaft in Russland erholen wird. Wenn man sich die Statistiken von Russland ansieht, dann hat sich das Land seit Anfang der 90er-Jahre immer positiv entwickelt. Daran glauben wir auch in der Zukunft.

Mit dem Trend zu Lokalisierung und den Sanktionen muss auch mehr intern hergestellt werden. Die Qualität muss dabei ebenfalls steigen und da sind wir ein guter Partner in Russland.

Wenn die lokale Industrie von der Regierung gefördert wird – wie jetzt mit den Sanktionen, dann kommt uns das zu Gute. Wir bieten nämlich im Life-Science-Bereich die Laborchemikalien und Geräte an, die jetzt etwa für Tests und Qualitätskontrollen in der Ernährungsindustrie gebraucht werden. Das spielt uns in Russland in die Karten.

Wird es denn schon im nächsten Jahr eine Erholung der russischen Wirtschaft geben? 

Nein, so kurzfristig nicht. Die Wirtschaftskrise in Russland ist ja nicht durch politische Faktoren plötzlich entstanden. Die war schon vorher da. Das hatten wir schon gesehen.

Trotzdem ist Russland ein großer Markt mit seinen 140 Millionen Einwohner. Wenn man die GUS hinzuzählt, dann ist das ein Markt von 280 Millionen Einwohner – ein großer Brocken. Außerdem gibt es in Russland einen starken internen Verbrauch.

Also ist Ihr Geheimrezept, dass Sie weiterhin auf Russland setzen und von der Besinnung auf lokale Produkte und Importsubstitution profitieren? 

Ich würde nicht sagen „profitieren“, sondern wir machen das Beste daraus. Andere jammern, wir arbeiten.

Ihr globaler CEO, Herr Kley, hat in einem Interview mit der „Moscow Times“ im Juni auch gesagt: „Wir waren spät in Russland, die Basis ist niedrig, deswegen müssen wir schneller wachsen.“ Sie sind doch aber schon lange in Russland?

Wir sind sogar schon seit 117 Jahren hier [Merck kam 1898 nach Russland], aber Merck war in Russland lange hauptsächlich nur im Pharma-Segment vertreten. In der Vergangenheit gab es unsere gesamte Chemie-Sparte noch nicht, die wir jetzt Life Sciene [Biowissenschaften] und Performance Materials nennen [Spezialchemikalien etwa für Displays, funktionelle Materialien für Solarpanels, Chemikalien für die Elektronik- und Halbleiter-Branche oder Effektpigmente]. Die kamen erst mit unseren Zukäufen dazu (siehe Infokasten). Jetzt haben wir die drei Sparten: Healthcare, Life Science und Performance Materials.

In der Vergangenheit sind wir zwar gewachsen, aber es war die Gesellschaft in Russland von sich aus und nicht mit der großen Unterstützung und Strategie, die wir jetzt aufgebaut haben. Für uns war daher irgendwann „Russia Time“, wie wir es nennen. Wir haben uns vorgenommen, hier stärker zu wachsen und sehen noch großes Potenzial. Daraus ist unsere Russlandstrategie entstanden. Deswegen müssen wir jetzt schneller wachsen. Und das tun wir auch.

INFO: Neuausrichtung der Marke Merck
Logo Merck

Das neue Logo von Merck (seit Oktober 2015).

Mitte Oktober gab es bei Merck ein Re-Branding mit neuem Logo, das von dem Blick durch ein Mikroskop inspiriert ist. Bei Designern sorgte das neue Logo nicht unbedingt für Begeisterung.

Davor fand 2001 die letzte Neuausrichtung der Marke statt. Damals war Merck eine Pharma- und Chemie-Firma, nun sieht sich Merck nach vielen Zukäufen mehr als eine Wissenschafts- und Technologie-Firma. Spartenmarken wie Merck Serono oder Merck Millipore wurden abgeschafft.

Altes Merck Logo

Das alte Merck-Logo (2001-2015).

  • 2007 kaufte Merck die Schweizer Firma Serono (Biotechnologie),
  • 2010 erstand man das US-Unternehmen Millipore (Laborchemikalien).
  • 2014 kam das britische Unternehmen AZ Electronic Materials (Spezialchemie) hinzu.
  • 2015 wurde der Kauf des US-Herstellers für Forschungsmaterialien, Sigma-Aldrich, angekündigt. Er soll noch vor Jahresende vollzogen werden.

Und wie wollen Sie in Russland wachsen? 

Indem wir den Nachholbedarf aufholen. Indem wir uns darstellen und aktiver sind als andere. Das machen wir, indem wir hier mit Pharmstandard und Nanolek zusammenarbeiten. Das sind zwei lokale Firmenpartner, die wir für Russland ausgewählt haben. Wir haben erst einmal nicht vor, hier eine eigene Fabrik zu bauen.

Hier können Sie sich die entsprechende Stelle in dem Interview auf Soundcloud anhören

Aber da stecken auch große Investitionen dahinter: Schulungen, viel Technologietransfers. Das ist alles auch nicht kostenlos. Wir zahlen ja auch für einen Teil der Abschreibungen der Anlagen unserer Partner. Außerdem darf man nicht vergessen, dass es sehr viele freie Kapazitäten in Russland gibt, wenn man sich die Pharma-Anlagen ansieht. Die wenigsten davon sind voll ausgelastet. Wenn jeder kommt und hier noch eine Fabrik aufbaut, hilft das dem Land bestimmt nicht. Wir zahlen dafür selbstverständlich, aber sind dann besser dran.

Das ist der eine Teil unserer Lokalisierung. Dann haben wir uns in unserem Life-Science-Geschäft entschieden, ein Labor aufzubauen. Es wurde Anfang Oktober eingeweiht und heißt „Life Science Access Lab“. Es kann auch von Kunden benutzt werden.

Es gibt viele Forschungszentren, die nicht die Mittel haben, all die Geräte anzuschaffen. Die können zu uns kommen und sie unter unserer Aufsicht benutzen. Wir helfen den Entwicklern bei verschiedenen Schritten, indem wir coachen und mitwirken. Wir machen dort auch eigene Schulungen.

Sind die Mitarbeiter, die Sie planen, bis Jahresende einzustellen, auch für dieses Labor?

Nein, das sind hauptsächlich Außendienstmitarbeiter für den Biopharma-Bereich. Für das Labor haben wir schon Mitarbeiter. Außendienst heißt: Die Geschäfte, die wir wieder zurückgenommen, „repatriiert“ haben, machen wir jetzt selbst und dafür brauchen wir Personal. Da sind wir dabei, einzustellen.

Ein Labor von Merck RussiaKommen wir zu einem anderen Thema: Wie sieht es denn aktuell in der russischen Pharmabranche aus?

Je nachdem wen Sie fragen, bekommen Sie da eine andere Antwort. In unserem Fall darf ich aber sagen, dass wir sehr zufrieden in unserem Biopharma-Geschäft sind. Das gilt auch im Bereich der Life Science und auch bei den Performance Materials, unseren Spezial-Pigmenten. Wir sind eine Firma, die in Nischen arbeitet. Und alle Nischen, in denen wir sind, laufen derzeit gut. Auch in Russland.

Und auf dem Medikamentenmarkt? 

Wir haben ein Medikament zur Behandlung von Multipler Sklerose, für die Onkologie und gegen Diabetes. Diese Sparten laufen in Russland sehr gut.

Fallen die unter das Gesetz für essenzielle (lebenswichtige) Medikamente? 

Teilweise ja.

Dort sind die Preise ja von der russischen Regierung eingefroren. Was heißt das für Sie?

Das heißt, dass die Preise nicht erhöht, nicht angepasst werden können.

Aber wir sind ein Unternehmen, das in drei Segmenten tätig ist. Das Einfrieren betrifft ja nur den Medikamenten-Bereich und nicht die anderen. Das heißt aber natürlich nicht, dass wir in den anderen Bereichen jetzt stattdessen die Preise erhöhen können. Wir haben da ja auch Konkurrenz.

Also sind die essenziellen Medikamente mit eingefrorenen Preisen für Sie ein Verlustgeschäft? 

Das habe ich nicht behauptet. Dass das natürlich die Margen verschmälert, ist eine Tatsache. Das ist nicht gewollt. Und deswegen sprechen auch schon die verschiedenen Verbände mit der Regierung darüber, wie man dieses Problem lösen kann.

Im letzten Jahr haben Sie in Russland Produkte wieder zurück unter das Label „Merck“ geholt. Hat das damit zu tun, dass „Made in Germany“ besser funktioniert? Oder ist momentan sogar „Made in Russia“ noch besser?

Nein, ich glaube nicht, dass „Made in Germany“ oder „Made in Russia“ einen Einfluss hat. Wir sind „Merck“. Natürlich sind wir in Russland registriert, aber wir zeichnen uns eher durch unsere eigene Art zu arbeiten aus. Damit hatte das zu tun.

Merck als deutsche Unternehmen spielt also dabei keine große Rolle? 

Nein, Merck als Name ist ja bekannt, weil es die älteste Pharma-Chemie-Firma der Welt ist. 2018 haben wir unser 350. Jubiläum. Wir sind also eine bekannte Marke, in die man auch Vertrauen hat. Ich hatte zum Beispiel als Kind im Chemieunterricht in Brasilien schon Laborchemikalien von Merck [Anm. d. Red.: König ist Deutsch-Brasilianer] zu Gesicht bekommen.

Was wäre Ihr ideales Zukunftsszenario für Russland, damit es für Merck in Russland gut läuft?

Wenn es so weitergeht wie jetzt, bin ich zufrieden (lacht).

Vielen Dank für das Gespräch, Herr König! 

 


Was denken Sie? Wie wichtig ist es, in Russland eine eigene Produktion aufzubauen? Sollten zunächst bestehende Kapazitäten vor Ort genutzt werden? Wir freuen uns auf Ihre Kommentare unter dem Artikel, auf unserer Facebook– oder Twitter-Seite. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit! 

Fotoquelle

Quellen: Die verwendeten Bilder stammen von der Presseabteilung von Merck Russia.

Interview von „The Moscow Times“ mit dem Merck CEO Dr. Kley im Juni.

Simon Schütt
Über den Autor

war von September 2015 bis September 2016 Chefredakteur bei Ostexperte.de.

Derzeit arbeitet er bei der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer. Bevor er zu Ostexperte.de kam, war er Redakteur der Moskauer Deutschen Zeitung. Dort schrieb er vor allem für das Wirtschafts-, das Digital- und das Moskau-Ressort.

Der Berliner hat in Wien Publizistik- und Kommunikationswissenschaft studiert und dort bei der Österreich-Ausgabe des Werbe-, Marketing- und Medien-Fachmagazins Horizont gearbeitet.