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Dominik KalusVon

Interview mit Videojournalistin Julia Dudnik

Die Nachrichtenseite „Russland.news“ berichtet seit 1999 aus Russland über Russland – in deutscher Sprache. Im Interview erzählt die Moskauer Videojournalistin Julia Dudnik über deutsch-russische Vorurteile, die Medienlandschaft in beiden Ländern und was sie an der deutschen Berichterstattung ärgert.

Julia Dudnik, was wollt ihr mit Russland.news erreichen?

Wir möchten möglichst neutral über die Zustände in Russland berichten und über die Beziehungen zwischen Russland und Deutschland und anderen EU-Staaten. Aber auch die anderen Länder, die mit Russland zu tun haben, interessieren uns, die Ukraine und die GUS-Staaten.

Kommt es vor, dass Leute denken, ihr wärt vom Kreml gesteuert?

Solche Kommentare bekommen wir ständig. In der Regel sind das Leute, die unsere Beiträge gar nicht geschaut haben. Unsere regelmäßigen Zuschauer werfen uns jedenfalls selten vor, zu positiv über Putin zu berichten. Da ist das Gegenteil häufiger der Fall: dass sich jemand über einen regierungskritischen Beitrag beschwert. Wir ziehen viele deutsche Putin-Fans auf unsere Homepage, die sind dann kritisch, wenn wir auch mal Liberale interviewen oder unangenehme Meinungen über die Regierung bringen.

Liest du deutsche Medien?

Ja, natürlich. Wir wollen in unserer Berichterstattung alle Meinungen abdecken, da ist natürlich auch wichtig, was deutsche Zeitungen schreiben. Leider fehlt mir dort oft im Bezug auf Russland die tiefere Analyse. Informationen werden häufig ungeprüft übernommen und die Medien schreiben bei sich gegenseitig ab. Wenn ich dann bei einem Journalisten nachfrage, woher er bestimmte Infos hat, verweist er nur auf Kollegen.

Ich erinnere mich an einen Spiegel-Artikel aus dem Jahr 2016, der von einem angeblichen Abkommen zwischen der Jugendorganisation der AfD und der Jungen Garde (Nachwuchsorganisation der Partei Einiges Russland, Anm. d. Red.) handelte. Es stellte sich heraus, dass es so ein Abkommen nie gab, nur ein inoffizielles Treffen unbedeutender Mitglieder. Aus so einer Falschnachricht wurde ein großer Negativ-Artikel über Russland.

Die Zeitungen stehen heutzutage unter finanziellem Druck. Redaktionen werden kleiner und Journalisten bleibt immer weniger Zeit, zu recherchieren…

Ich denke es hat mehr damit zu tun, dass einfach kein besonderes Interesse für Russland da ist. Aber Kritik von jemandem, der noch nie in Russland war, wirkt auf mich unglaubwürdig. Man muss das Land kennen, wenn man es kritisieren will. Natürlich brauchst du nicht in jedem Land der Welt einen Korrespondenten. Aber Russland ist Deutschland ganz nahe, wir haben so viele wirtschaftliche und kulturelle Verbindungen. Ich würde mir einfach eine bessere Arbeit wünschen.

 

„Man kann die Situation in Russland nicht mit Ländern wie der Türkei vergleichen“

 

In Deutschland herrscht das Bild vor, jegliche Presse in Russland sei staatliche Propaganda. Magst du uns mal über die russische Medienlandschaft aufklären?

In Russland gibt es einerseits staatlich kontrollierte Sender, genau wie in Deutschland auch. Sie produzieren normalerweise regierungsfreundliche Berichte und erreichen den größten und vor allem älteren Teil der Bevölkerung. Wir haben aber genauso auch Zeitungen wie die Nowaja Gaseta, die sehr kritisch berichten. Auch im Internet kann man viele kritische Beiträge finden. Das Problem ist eher, dass die ältere Generation diese Kanäle nicht kennt.

Zuhause haben mich viele Freunde gewarnt, in Russland nichts Falsches zu sagen, da ich sonst ins Gefängnis käme. Habe ich als Journalist etwas zu befürchten?

(lacht) Also in einer Fremdsprache kannst du sagen was du willst. Das wird niemand verstehen und niemand lesen. Es gibt keine Prüfstelle, die sich mit englischen oder gar deutschen Inhalten befasst. Auch bei Aussagen auf Russisch sehe ich momentan kein Problem, die eigene Meinung zu äußern. Wenn Journalisten in Russland verhaftet werden, hat das normalerweise andere Gründe. Viele davon sind politische Aktivisten, die zum Beispiel ohne Genehmigung demonstrieren. Die andere Frage ist natürlich, warum die Genehmigung nicht erteilt wurde. Aber wenn du trotzdem demonstrierst, musst du damit rechnen, dass du ein bis zwei Tage in Haft kommst. Wie in jedem Land werden illegale Handlungen bestraft.

In Deutschland nennt man Russland oft in einem Atemzug mit Staaten wie der Türkei, wo tausende Oppositionelle ohne Prozess im Gefängnis sitzen…

Über diesen Stereotyp sind wir informiert. Die Situation in Russland kann man auf keinen Fall mit der Türkei vergleichen. Wenn man verhaftet wird, heißt das nicht automatisch, dass man in den Knast kommt. Oft genug werden in der Polizeistelle die Personalien geprüft und man kommt frei. In vielen Fällen legen es die Leute auch absichtlich auf eine Verhaftung an, weil es medienwirksam ist.

 

„Ich habe das Gefühl, dass die Europäer sehr auf ihre eigene Weltanschauung konzentriert sind.“

 

Wird sich die Situation jetzt mit den neuen Internetgesetzen verschärfen? Wird künftig jede Kritik an der Regierung bestraft?

Das Problem ist, dass es keine genaue Definition davon gibt, was gegen dieses Gesetz verstößt. Wir werden beobachten, was passieren wird. Medwedew äußerte kürzlich, dass es immer Kritik an der Macht geben muss. Wichtig ist die Form, es darf keine reine Beleidigung sein. Ein paar negative Situationen werden wir natürlich beobachten. Ich hoffe, nicht zu viele.

Du sprichst fließend Deutsch. Wie hat dein Interesse für Deutschland angefangen?

Total zufällig! Ich habe dort keine Verwandten oder so. Meine Deutschlehrerin an der Universität hat mich einfach total begeistert mit ihrem Engagement und ihrer Energie. Ich liebe den Klang der deutschen Sprache. Es gibt einen Stereotyp, wonach Französisch so schön sei. Ich würde mich immer für Deutsch entscheiden.

Du hast ja auch eine Zeit in Deutschland gelebt.

Ich habe ein Auslandssemester an der Humboldt-Universität in Berlin gemacht. Es war spannend zu sehen, wie man Internationale Politik dort im Vergleich zu Russland lehrt. Bei uns wird immer auch das westliche Paradigma unterrichtet, während in Deutschland die alternative Meinung fehlt. Ich habe das Gefühl, dass die Europäer sehr auf ihre eigene Weltanschauung konzentriert sind.  Dafür habe ich Veranstaltungen zu Feministischen Studien besucht, das findet man wiederum in Russland kaum. Das war interessant und spannend, auch wenn es dort nicht gerne gehört wurde, dass ich verheiratet und hetero bin. Das hat viele irritiert.

Lebst du gerne in Russland? Wo siehst du Probleme?

Ich lebe sehr gerne in Russland, möchte hier arbeiten und meine Familie gründen. Aber natürlich sehe ich auch Probleme. Das größte ist, dass die Politiker kein Vertrauen in das Volk haben. Die Leute sind vernünftiger, als man denkt, sie könnten viel mehr Verantwortung übernehmen, viel mehr selbst entscheiden. Aber die Behörden möchten alles kontrollieren und selbst machen.

 

„Die Leute haben kein eigenes Bild von Russland und glauben dann alles den Journalisten“

 

Was du sagst ist sehr interessant. Es heißt ja oft, die Russen seien nach 70 Jahren Sowjetunion einfach noch nicht bereit für Demokratie.

Ich lebe in Moskau, ich muss immer wieder kontrollieren, dass ich den Bezug zu anderen Gebieten nicht verliere. In einer wirklich kleinen Stadt habe ich nie gewohnt, ich kann mir nur vorstellen, wie es dort läuft. Aber ich denke, es entwickelt sich, auch mithilfe von Internet und Neuen Medien. In den Städten jedenfalls kann man auf die junge Generation bauen.

Was glaubst du sind die größten Missverständnisse zwischen Deutschen und Russen?

In der ZEIT erschien 2018 ein sehr guter Artikel von Dmitry Glukhovsky, ein in Russland sehr bekannter Schriftsteller. Er beschreibt sehr gut die Erwartungen und Enttäuschungen zwischen Deutschland und Russland. Die Russen empfinden den Westen als Beispiel für ein freies Leben. Man sagt, dort ist alles gut, dort haben die Leute alles. Es ist ein Traum von vielen, in ein europäisches Land auszuwandern und dort Karriere zu machen.

Aber die Europäer hat Russland nie interessiert. Vielleicht die Sowjetunion, als etwas Exotisches und Spannendes, aber an Russland habe ich in Europa nie ein gesondertes Interesse vorgefunden. Nur Stereotype. „Liebst du Putin?“ –  das ist dann immer die erste Frage. Mittlerweile bin ich müde, immer zu erklären, dass man Putin nicht nur lieben oder hassen kann. Die Leute haben kein eigenes Bild von Russland und glauben dann alles den Journalisten, die – wir haben bereits darüber geredet – ihre Arbeit nicht immer sorgfältig machen.

Aber ich hoffe es ändert sich. Russland muss irgendwie sein Image verbessern, sich weltweit präsentieren. Ich denke, das hat mit der WM gut geklappt. Die Leute haben Russland zumindest besucht.

Frau Dudnik, ich danke sehr für das Gespräch.

Hier der Link zu Julia Dudniks Youtube-Channel. Sämtliche Russland.news-Berichterstattung findet ihr hier.

 

Dominik Kalus
Über den Autor

hat in Passau und Breslau Internationale Politik und Journalismus studiert. Nach einem Praktikum bei der Süddeutschen Zeitung verschlug es ihn nach Moskau, wo er für die Nachrichtenplattform Ostexperte.de und die Moskauer Deutsche Zeitung schrieb. Seit Oktober 2019 ist er redaktioneller Leiter von Ostexperte.de.