Kristina RitterVon

Interview mit den Maltesern in Moskau – „Hilfe zur Selbsthilfe“

Schon seit 1991 unterstützen die Moskauer Malteser vom deutschen Hilfsdienst bedürftige Kinder, Jugendliche, Senioren und behinderte Menschen. Die Generaldirektorin Natalja Nikolajewa erklärt im Interview, wie die Malteser Mut und Lebenswillen in die Gesichter der Menschen zaubern und dabei die Stadt unterstützen. 

Frau Nikolajewa, seit wann sind die Malteser in Russland tätig?

In Moskau sind die Malteser seit 1991. Es gibt auch die Petersburger Malteser, aber die haben ihre ganz eigene Geschichte. Wir sind zwar nicht unter einem Dach, aber arbeiten sehr gut zusammen.

Warum sind die Malteser nach Russland gekommen?

Die Malteser sind während der „Perestroika“ zuerst mit Hilfstransporten nach Russland gekommen. Damals war es so, dass jede der deutschen Diözesen eine Stadt in Russland übernommen hat. Moskau wurde Augsburg zugeteilt. Die Malteser sind drei- bis viermal im Jahr nach Moskau gekommen. 1996 wurde dann der selbstständige Verein in Moskau gegründet.

Was ist die Vision Ihrer Organisation?

Die Malteser handeln nach dem Grundsatz: „Egal zu welcher Konfession der Mensch gehört, wenn er Hilfe braucht, wird er diese auch bekommen.“ Wir helfen jedem, der wirklich Hilfe braucht und jedem, der sich nicht selbst helfen kann. Unser Ziel ist, dass unsere Schützlinge lernen, sich selbst zu helfen und aus der Krisensituation zu kommen. Hilfe zur Selbsthilfe. Das ist das Hauptmotto hier in Moskau. Viele sagen, Moskau wäre reich. Es wird gesagt, Moskau habe mehr Autos der Marke Mercedes als ganz Europa zusammen. Aber es gibt auch eine andere Seite des Lebens. Sehr viele Familien benötigen Hilfe und können nicht von der Hilfe der Stadt  leben. Da versuchen wir die Sozialprojekte der Stadt zu ergänzen.

Welche besonderen Hürden und Herausforderungen gibt es hier in Moskau?

Wir haben natürlich einige Auflagen. Moskau ist eine sehr große Stadt mit eigenen Problemen. Hier sind zwar die Renten ein wenig höher als im Rest des Landes, aber die Lebenshaltungskosten auch. Wir haben hier in Moskau dasselbe Problem, welches auch in vielen anderen großen Städten existiert. Man hat nebenan viele Nachbarn, aber fühlt sich trotzdem einsam. Man geht in einer Stadt viel schneller unter als in einem Dorf. Dann wenden sich diese Menschen an uns. In vielen Fällen werden wir auch von den Ämtern kontaktiert. Mit unserem Besuchsdienst versuchen wir Leute zu erreichen, die nicht zu uns ins Sozialzentrum kommen können. Die Menschen brauchen den menschlichen Kontakt nicht weniger als Lebensmittelpakete oder materielle Hilfe.

Ein weiteres Problem ist die medizinische Sachlage. Es wird zwar darüber gesprochen, wie viel sich in dem Bereich zum Besseren geändert habe. In der Realität ist das nicht so. Wir haben unter den Menschen, die wir betreuen oder betreut haben, viele Fälle, in denen den Menschen nicht geholfen wurde und sie verstorben sind.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Wir betreuen eine Familie, in der die Großeltern die Kinder großziehen. Die Mutter der Kinder ist krebskrank und der Vater verschwunden. Der Großvater ist in der U-Bahn ausgerutscht, hingefallen und hat sich den Kopf schwer aufgeschlagen. Mehrere Rettungswagen sind gekommen, wollten den Großvater aber nicht behandeln, da er seine Krankenversicherung nicht bei sich hatte. Die Rettungsdienste dachten, es könnte sich um einen Obdachlosen handeln und sind weggefahren. Daraufhin ist der Mann verstorben. Man konnte niemanden etwas nachweisen. Leider passiert so etwas häufiger in Russland. Daher glauben wir, dass unsere angebotenen Erste-Hilfe-Kurse lebensrettend sind.

Gibt es denn keinen verpflichtenden Kurs in Russland?

Das ist eine gute Frage. Wenn man den Führerschein macht, ist der Kurs verpflichtend. In der Schule gibt es auch ein Fach, das sich mit dem Thema beschäftigt. Jedoch sind die Kurse so praxisfern, dass die Menschen nichts damit anfangen können. Zu unseren Erste-Hilfe-Kursen kommen selbst Mitarbeiter aus den Polykliniken. Einige wissen beispielsweise nicht, wie man richtig beatmet oder einen Verband anlegt. Im Vergleich mit Deutschland liegt Russland in der flächendeckenden medizinischen Aufklärung mindestens 25 Jahre zurück. Selbst die Lehrbücher für erste Hilfe sind hier fehlerhaft. Unsere Umfrage vor jedem Kurs zeigt, dass nur fünf bis zehn Prozent der Menschen wissen, was in so einfachsten Fällen zu tun ist.

Programme der Malteser

Welche Programme bieten Sie für Jugendlichen an?

Für Jugendliche für 16 bis 25-jährige gibt es das Jugendtraining.  Wir informieren die Jugendlichen über ihre Möglichkeiten neben dem Studium Geld zu verdienen. Ein wichtiger Aspekt davon ist das Bewerbungstraining. Wir informieren die Jugendlichen auch über Möglichkeiten, kostenfrei in Deutschland zu studieren. Dem vorausgesetzt ist natürlich das Beherrschen der deutschen Sprache. Hier in Russland muss man für die meisten Studienplätze zahlen. Ein Studienplatz kostet zwischen 150.000 und 450.000 Rubel pro Jahr. Die Familien, die wir betreuen, können sich das nicht leisten. Unser Deutschkurs wird für Jugendliche und Senioren angeboten und die Kurse sind gut besucht.

Wie helfen Sie bedürftigen Kindern und Familien?

Wir bieten ein interaktives Kindervergnügungsprogramm mit vielen Überraschungen, Preisen und Geschenken an. Des Weiteren unterrichten wir die Kinder in Deutsch. Außerdem gibt es noch ein Spielzimmer als familienentlastenden Dienst. Es ist ausgelegt für Kinder von zwei bis sechs Jahren, falls die Eltern eine schnelle und unkomplizierte Kinderbetreuung benötigen.

Regelmäßig veranstalten wir Ausflüge oder Theaterbesuche. Durch unsere verschiedenen Kooperationen mit Theatern und anderen Einrichtungen bekommen unsere Schützlinge den Eintritt ermäßigt oder sogar ganz erlassen.  Zu unseren Aufgaben gehört auch die Spendenverteilung. Lebensmittel und Sachspenden werden wöchentlich an die Bedürftigen verteilt.

Welche Programme gibt es für Erwachsene und Senioren?

Wir veranstalten sehr viele Workshops. Insbesondere an dem Problem der Kommunikation zwischen den Generationen arbeiten wir. Das heißt, wir organisieren viele Veranstaltungen, an denen unsere Senioren und unsere Kinder zusammen teilnehmen. Außerdem halten wir Behindertenseminare und Beratungen über die Rechte und Möglichkeiten von Behinderten und älteren Menschen. Die fehlende Aufklärung ist ein sehr großes Problem. Wir haben mit dieser Beratung angefangen, weil die Ortsverwaltung uns mittgeteilt hat, dass sie fast 10 Mio. Rubel an die Stadt zurückgeben mussten, weil die Menschen ihre Sozialhilfe nicht in Anspruch genommen haben.

Die Senioren sind durch uns zum Reisen motiviert worden. Das ist für russische Senioren aufgrund der niedrigen Renten sehr ungewöhnlich. Aber unsere Senioren sind kreativ geworden. Sie gehen in Richtung Останкинская, wo verschiedene Fernsehsendungen gedreht werden. Dort kann man als Zuschauer 700 bis 1000 Rubel pro Sendung verdienen. Damit konnte sich die Hälfte unserer Senioren schon eine Reise nach Deutschland leisten. Ich finde es einfach sehr schön, wenn man in dem Alter noch so lebensfroh ist. Unser Ziel ist es ja auch, sie gewissermaßen ins Leben zurück zu holen.

Wie viele Menschen betreuen Sie zurzeit?

Insgesamt betreuen wir bis zu 3000 Menschen. Ich sage bis zu 3000 Menschen, weil wir gerade die jährliche Umregistrierung machen. Wir überprüfen, ob die Personen in unserer Kartei noch leben und weiterhin bedürftig sind.

Um in unsere Kartei zu kommen, müssen die Leute Papiere vorlegen, die bestätigen, was sie behaupten. Wenn Sie sagen, dass sie behindert sind, müssen sie das belegen. Wenn sie behaupten, dass sie bedürftig sind, müssen sie nachweisen, dass sie wenig Geld haben.

Versuchen nicht manche Menschen eine Bedürftigkeit vorzutäuschen? Wie beugen Sie dem vor?

Was uns von anderen Organisationen unterscheidet, ist das sogenannte „Vorstellungsgespräch“. Hier erzählt man von sich, seiner Familien- und Einkommenssituation. Es gibt nämlich viele „Märchenerzähler“. Wir hatten z.B. den Fall, wo ein Mann behauptet hat, dass seine Frau verstorben wäre. Als wir aber dort angerufen haben, hat seine Frau den Hörer abgenommen. Der Mann hat sich dann versucht damit herauszureden, dass seine Frau für Ihn bildlich seit der Scheidung gestorben wäre.

Wie finanzieren Sie sich?

Wir finanzieren uns ausschließlich über Spenden. Das heißt, wir verdienen kein Geld. Wir haben Sponsoren, die uns regelmäßig unterstützen.

Wie kann man den Maltesern helfen?

Die Malteser in Moskau freuen sich über Sach- oder Geldspenden jeglicher Art. Zum Spendenkonto der Malteser kommen Sie hier. Wenn Sie die Malteser ehrenamtlich unterstützen möchten, melden Sie sich bei Frau Nikolajewa unter contact@maltesermoscow.ru. Ostexperte.de unterstützt die Arbeit der Malteser ebenfalls. Seien auch Sie dabei!

Weiterführende Dokumentation über die Arbeit der Malteser:

Kristina Ritter
Über den Autor

Kristina Ritter ist Autorin bei ostexperte.de und absolviert seit Oktober 2018 ein Praktikum bei Artax Rufil Consulting in Moskau. Sie hat in Düsseldorf International Management studiert und lebte unter anderem in Köln und Buenos Aires.