Nachrichten zur Wirtschaft in Russland

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Rufil Russia Consulting

Jens BöhlmannVon

Der „Ost-Ausschuss – Osteuropaverein der Deutschen Wirtschaft“ veröffentlicht im Zwei-Wochen-Rhythmus eine Kolumne auf Ostexperte.de. Heute geht es um steigende Preise, schlechte Zahlungsmoral und Misstrauen gegenüber der staatlichen Altersvorsorge. 

Wie soll man von 10.000 Rubel leben?

Das Gespräch plätschert so vor sich hin. Es geht um dieses und jenes, bis plötzlich, ich weiß nicht mehr wie, das Gespräch auf Lebensmittel kommt. „Es ist eine Schande.“, bricht es aus Schenja heraus: „Jeden Tag wird irgendetwas teurer!“ „Die Mehrwertsteuer?“ frage ich. „Nein, die haben sie gleich ab Januar draufgeschlagen. Fisch, Käse, Wurst, Mehl, Obst, Gemüse, irgendetwas kostet mehr als gestern. Nicht viel, aber spürbar.“ Schenja ist die Koseform für Jewgenija Iwanowna. Sie wohnt im Moskauer Umland, ist 80 Jahre alt, rüstig und geistig absolut fit. Sie bekommt für russische Verhältnisse stattliche 25.000 Rubel Rente, etwa 350 Euro, denn ihr Mann war Offizier. Die Kinder unterstützen sie, dafür passt sie auf die Enkel auf und pflegt den Garten. Sie hat ein bisschen Geld zurückgelegt. Aber auch sie fragt sich: „Wie soll man von 10.000 Rubel Rente leben, wenn die Kommunalnyje Uslugi schon fast 4.000 Rubel kosten und ständig steigen?“ Жилищно-коммунальные услуги sind so etwas Ähnliches wie in Deutschland die Nebenkosten.

Drei Millionen Russen dürfen nicht in Ausland

Sie umfassen u.a. den Verbrauch von Gas, Wasser, Strom, Heizung, aber auch die Tarife für den öffentlichen Nahverkehr. Erbracht werden diese Leistungen in aller Regel von öffentlichen Versorgungsunternehmen, reguliert werden die Kosten vom Staat und den Regionen. In jedem Fall jedoch sind die Anbieter Monopolisten und man kann ihnen nicht „entkommen“. Und so erklärt sich auch, dass diese Kosten stetig steigen. Allein im ersten Halbjahr 2018 wuchsen sie im Durchschnitt um mehr als zehn Prozent. Für das laufende Jahr hat das Finanzministerium eine Steigerung um 1,7 und zum 1. Juli um 2,4 Prozent anvisiert. Allerdings liegen die Steigerungen z.B. für Elektroenergie, Gas und Wärmeenergie deutlich darüber. Manch einer versucht sich seiner Verpflichtung durch Nichtzahlung zu entziehen. Das kann jedoch drastische Folgen haben. Etwa drei Millionen Russen dürfen derzeit wegen Schulden nicht ins Ausland reisen. Diese Regelung kann schon ab einer offenen Forderung von 10.000 Rubel, knapp 140 Euro greifen.

Die Zahlungsmoral sinkt

Aber nicht nur die Bevölkerung hadert mit Preissteigerungen und veränderten Zahlungsbedingungen, auch der Mittelstand. An dessen Situation hat sich trotz zahlloser Fördermaßnahmen bisher leider nicht viel geändert. Man schlägt sich halt so durch. Eines allerdings ist neu. „Wir sind mittlerweile mehr mit Mahnungen und Rechtsstreitigkeiten beschäftigt, als damit Rechnungen zu schreiben. Die Zahlungsmoral hat deutlich nachgelassen“, klagt ein lokaler Hersteller von Brandschutztüren. Und das ist zu einem allgemeinen Problem geworden: Kunden bezahlen nicht oder deutlich später oder wollen nach dem Erhalt der Lieferungen oder Leistungen Ratenzahlungen vereinbaren. Für einen 20-Mann-Betrieb ist das auf lange Sicht nicht finanzierbar. Um Kunden zu kreditieren, wie es deutsche Unternehmen teilweise machen, fehlt den Firmen schlicht die Kapitaldecke. Banken, die einspringen könnten, gibt es zwar, aber sie scheuen das Risiko. Und so gehen mehr und mehr russische Mittelständler, die sich erst mühsam freigeschwommen haben, in den Konkurs und verschwinden einfach vom Markt. Mit ihnen die erworbene Expertise und die Arbeitsplätze.

Die hohe Kunst der Improvisation

Das wiederum führt dazu, dass die Russen Vieles wieder selbst erledigen (müssen) oder von Arbeitern aus den zentralasiatischen Ländern erledigen lassen. Die kann man an den Moskauer Ausfallstraßen anheuern. Zahlungen werden individuell und mündlich vereinbart. Ganze Heerscharren von ihnen arbeiten in den Datschensiedlungen im Grüngürtel rund um Moskau. Das Ergebnis entspricht dabei nicht immer den Vorstellungen eines deutschen Prüfers oder Handwerksmeisters. Das Finanzamt wird an dieser „Kooperation“ per se nicht beteiligt. Ein Grund ist auch hier, dass die Bevölkerung für das ganz normale Leben mehr bezahlen muss, aber weniger in der Tasche hat. Aber wenn Russen über die Zeit eines gelernt haben, dann die hohe Kunst der Improvisation. Dazu gehört auch, dass viele Rentner sich etwas dazu verdienen. Einige verkaufen Obst und Gemüse aus dem heimischen Garten, andere Kleidung und Schuhe und wieder andere irgendwelchen Schnickschnack. Auch hier darf die Beteiligung der Finanzbehörden als eher unwahrscheinlich gelten.

Der Staat investiert 400 Milliarden US-Dollar

Wer jetzt erwartet, dass der Staat reagieren würde, wird für sein Vertrauen belohnt. Unglaubliche 400 Milliarden US-Dollar will die russische Regierung in den nächsten sechs Jahren ausgeben, um unter anderem die Lebensqualität der Bevölkerung deutlich zu steigern und das Durchschnittsalter der Bevölkerung von 73 auf 78 Jahre zu erhöhen. Von einer deutlichen Rentenerhöhung ist allerdings nicht die Rede. Dafür hat Alexej Kudrin jüngst vorgeschlagen, das Rentenalter anzuheben. Zyniker würden wohl argumentieren: wenn man das Rentenalter anhebt, dann müssen die Renten auch nicht steigen. Aber der Staat präferiert augenblicklich eine andere Idee. Die Russen sollen ihre Versorgung im Alter über Zusatzrenten aufbessern.

Zwei Drittel haben keinerlei Ersparnisse

Daraufhin hat das Lewada-Institut eine Umfrage unter der Bevölkerung gestartet, inwieweit die Menschen bereit sind, in eine zusätzliche Altersversorgung zu investieren. Wenig verwunderlich sind zwei Ergebnisse. Erstens: Zwei Drittel aller Russen sind nicht willens, in private Rentenfonds einzuzahlen. Sei es Zufall oder nicht, das ist fast exakt die gleiche Prozentzahl, wie die derjenigen, die keine freien Mittel zur Verfügung haben und über keine Ersparnisse verfügen. Die zweite Erkenntnis besteht darin, dass Russen ganz prinzipiell nicht geneigt sind, irgendwelche Gelder in irgendwelchen Fonds anzulegen. Viele werden sich noch mit Schaudern an das erste Experiment mit einem Rentenzusatzfonds erinnern, dessen Gelder 2014 eingefroren worden und bis heute nicht zur Auszahlung kamen. Viele Russen sind der Meinung, dass sie diese Gelder niemals ausgezahlt bekommen.

Menschen brauchen Beschäftigung und Einkommen

Ohnehin sinkt das Vertrauen der Bevölkerung in die staatliche Vorsorge, nicht nur beim Thema Rente. Die Präsidentin der Russischen Zentralbank Elvira Nabiullina bringt es auf den Punkt: „Die Menschen nehmen Kredite nicht etwa auf, weil sie sich ein gutes Leben gönnen wollen. Sie nehmen Kredite auf, weil sie versuchen, unter den Bedingungen schwachen Wachstums ihren Lebensstandard zu halten. Das ist ein rein wirtschaftliches Problem. Wichtig ist, dass die Menschen Beschäftigung und Einkommen haben.“ Dem ist nichts mehr hinzuzufügen. Außer vielleicht Schenjas schon sprichwörtlicher russischer Defätismus: „Wir Russen mussten uns immer schon um uns selber kümmern. Jetzt bauen wir eben wieder mehr Gemüse im Garten an. Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott.“

Titelbild

Quelle: De Visu / Shutterstock.com

Jens Böhlmann
Über den Autor

ist seit September 2016 Leiter der Kontaktstelle Mittelstand beim Ost-Ausschuss – Osteuropaverein der deutschen Wirtschaft.

Davor war er zehn Jahre bei der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer in Moskau tätig, zuletzt als Leiter der Abteilung Public Relations und Governmental Relations.