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Rufil Russia Consulting

Levin FilzenVon

Russische Gesichtserkennungs-App durchsucht Twitter und VK – auch türkische Polizei und Militär verwenden „FindFace“

Die russische App „FindFace“ erkennt automatisch Gesichter auf Fotos und ordnet sie Personen im sozialen Netzwerk VKontakte zu. Ab sofort durchsucht die Software auch Twitter, berichtet East-West Digital News. Die App soll vor allem in den Bereichen Sicherheit und Online-Dating Fortschritte bringen. Auch über negative Konsequenzen der Nutzung wurde bereits berichtet. Doch „FindFace“ richtet sich nicht nur an private Nutzer – inzwischen wird die Technologie auch von türkischen Ermittlungsbehörden eingesetzt.

Das russische Start-up-Unternehmen NTechLab mit Firmensitz auf Zypern gewann mit der App „FindFace“ im November 2015 einen Wettbewerb zur automatischen Erkennung von Gesichtern. Mit einer Wiedererkennungsquote von 73,3 Prozent aus mehreren Millionen Fotos erzielte sie sogar bessere Ergebnisse als die Software von Google.

Foto-Recherche auf VK.com und Twitter

Nachdem die App zunächst nur das soziale Netzwerk VKontakte durchsuchte, darf seit letzter Woche auch nach Twitter-Nutzern recherchiert werden. Die Software zeigt innerhalb von Sekundenbruchteilen eine Auswahl von Personen, die zum zuvor hochgeladenen Foto eines Gesichts passen. Der Dienst kann unerlaubt erstellte Fake-Accounts mit irreführenden Anzeigebildern aufdecken. Außerdem kann das Auffinden alter Freunde und Bekannter sowie das Kennenlernen neuer Kontakte erleichtert werden.

Russische Ermittler erzielten durch die App Erfolge. So wurden dank „FaceFind“ Brandstifter in Sankt Petersburg ausfindig gemacht. Jedoch wurden bereits erste Missbräuche gemeldet – junge Frauen berichteten von Belästigung und Mobbing.

Abgesehen von der Anwendung in sozialen Netzwerken orientiert sich das Unternehmen auch in anderen Branchen. Casinos, Banken und Sicherheitsdienste nutzen die Software bereits. Durch einen Kooperationsvertrag mit dem Unternehmen TIAR Technology, das vor allem im Mittleren Osten aktiv ist, hat auch die türkische Polizei sowie das Militär Zugriff auf die Technologie.

Personalisierte Werbung und Promi-Dating

In einem Interview mit The Guardian sprach Mitbegründer Alexander Kabakow über die Möglichkeit, mit Hilfe von „FindFace“ personalisierte Werbung außerhalb des Internets anbieten zu können. Als Beispiel nennt er einen Internetnutzer, der am Kauf einer Stereoanlage interessiert ist. Aufgrund einer Kamera im Geschäft ist es nun auch für stationäre Einzelhändler möglich, den Interessenten seiner Suchanfrage im Internet entsprechend zu behandeln und zu umwerben.

Laut Karakow kann die Anwendung auch beim Dating helfen. „Gefällt eine Person, reicht ein schnell aufgenommenes Foto, um sie in sozialen Netzwerken finden zu können. Außerdem könne man anhand eines entsprechenden Fotos nach Kontakten suchen, die beispielsweise der eigenen Ex-Freundin oder Lieblingsschauspielerin ähnlich sähen“, so Karakow.

Inwieweit das zu einer Deanonymisierung der Öffentlichkeit führen kann, ist bisher unklar. So hat der Sankt Petersburger Künstler und Fotograf Egor Tswetkow mit seinem Projekt „Your Face is Big Data“ auf die Gefahren der ständigen Auffindbarkeit aufmerksam gemacht. Mit Hife der App verknüpfte er dabei Profile von VKontakte mit zufällig auf der Straße aufgenommenen Fotos.

Levin Filzen
Über den Autor

ist freier Autor bei Ostexperte.de.

Derzeit studiert er Betriebswirtschaftslehre an der Hochschule Hannover. Im Rahmen eines Programmes des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) absolviert er ein halbjähriges Praktikum im Marketing & Sales bei RUFIL CONSULTING in Moskau, um Erfahrungen in der russischen Geschäftswelt zu sammeln.