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Kolumne: Gemischtes Doppel #45 – Pride Parade in Kiew

Heute ist der 21. Juni 2017, willkommen beim Gemischten Doppel. Diesmal Inga Pylypchuk (UA): Mehrere Tausend demonstrierten auf der diesjährigen Pride Parade in Kiew. Doch danach machten Rechtsradikale Jagd auf die Demonstranten.

Von Inga Pylypchuk, n-ost


Endlich waren auch Transen da! Bei der KyivPride, dem Kiewer „Marsch für die Gleichheit“, der am vergangenen Sonntag zum vierten Mal stattfand, fuhren sie auf einem Wagen, mit bunten Perücken und Federboa, auf High Heels und in kurzen Kleidern. Auf der Karosse prangte das Motto: „Ein Land für alle“.

Warum schreibe ich „endlich“? Weil die Anwesenheit von Drag Queens für mich ein Zeichen dafür ist, dass die KyivPride nicht mehr nur Kampf, sondern auch ein wenig Fest ist. Die Vertreter der ukrainischen LGBTI-Community versuchen nicht mehr gar so krampfhaft, die heterosexuelle Mehrheit davon zu überzeugen, dass sie genauso brav und konservativ wie alle anderen sind. Für die nationalistischen Gegner ist das natürlich eine besondere Provokation. Aber bei einer Pride-Parade mit mehr als 3.000 Teilnehmenden kann man sich die auch leisten.

Mitten in einer Kolonne mit so vielen Menschen zu marschieren, die für gleiche Rechte in Kiew eintreten, ist für mich überwältigend. Erst vor zwei Jahren waren wir nur etwa 200, die sich auf die Straße getraut haben. Rechtsradikale haben Böller in unsere Richtung geworfen, ein Polizist wurde lebensgefährlich verletzt. Nach der Pride jagten sie Demonstranten durch die anliegenden Häuserblocks, um sie zu verprügeln. Ich war dabei, ich habe vor Angst gezittert, mich schutzlos gefühlt.

6.000 Polizisten schützen KyivPride

Auch diesmal habe ich Angst, weil ich weiß, dass die 6.000 Polizisten nicht umsonst aufgeboten werden, um uns zu schützen. Zwar sind wir Hunderte von Menschen, aber wir sind friedlich, und die, die gegen uns sind, vielleicht nur hundert, sind gewalttätig, aggressiv, voller Hass. Wir gehen ein, zwei Kilometer, wir schreien Losungen, lachen und lassen die Regenbogenfahnen durch die Luft flattern.

Während sich 2015 noch Präsident Petro Poroschenko in die politische Debatte um die Demonstration einschalten musste, um sie überhaupt zu ermöglichen („Ich sehe überhaupt keinen Grund, warum jemand den Marsch stören sollte“), wurde 2017 nur darüber diskutiert, wie die KyivPride stattfinden wird – und nicht ob. Auch Politiker waren mit dabei: Switlana Zalischtschuk, Abgeordnete aus dem Poroschenko-Lager und der Vize-Wirtschaftsminister Maxym Nefjodow.

Der Marsch endet ohne große Zwischenfälle. Der ukrainische Teil von Facebook explodiert vor Beiträgen mit bunten Bildern, wir alle sind um mehrere Kilowatt stärker und freier geworden. Und doch ist die Lage komplexer als die fröhliche KyivPride-Bilanz es vermuten lässt.

Rechtsradikale jagen Teilnehmer

Nach dem Marsch jagen Rechtsradikale den ganzen Nachmittag über vermeintliche Teilnehmer durch die Stadt. Sie attackieren mehrere Menschen, darunter auch den Berliner Künstler Mischa Badasyan, der als Gast im Rahmen der Kyivpride-Woche mit einer Performance aufgetreten ist. Er fliegt mit einem gebrochenen Finger und brummendem Schädel zurück nach Hause.

Was für armselige Menschen sind das bloß, die keine anderen Mittel als bloße Gewalt kennen? Noch vor einigen Stunden war ich stolz, nun schäme ich mich für meine Stadt. Stolz und Scham – das sind sowieso zwei Grundgefühle, die ich gegenüber meinem Land im Jahr 2017 empfinde. Aber der Stolz überwiegt dann wieder, wenn ich an die 3.000 Menschen denke, die trotz des Risikos, verletzt zu werden, zum Marsch gegangen sind. Ich könnte wetten: In den nächsten Jahren werden es noch mehr.


Im Gemischten Doppel geben Inga Pylypchuk (Ukraine) und Maxim Kireev (Russland) im wöchentlichen Wechsel persönliche (Ein)-Blicke auf ihre Heimatländer.

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