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Kolumne: Gemischtes Doppel #43 – Visafreiheit für Ukrainer – ein neuer eiserner Vorhang?


Der Tag ist zum Greifen nah: Ab dem 11. Juni werden die Ukrainer ohne Visum in die EU reisen können. Viele in Kiew reden noch immer nur vorsichtig darüber, als seien sie abergläubisch darauf bedacht, die Entscheidung, die durch alle Etagen der EU-Bürokratie gewandert und fast im Ziel angekommen ist, nicht noch zu verhindern. „Sag nicht Hopp, bevor du gesprungen bist,“ – lautet ein ukrainisches Sprichwort.

Ukrainer mit einem biometrischen Pass werden ab nächster Woche einfach so ins Flugzeug steigen und nach Berlin, Paris oder Warschau fliegen können. Wer hier arbeiten will, braucht allerdings weiterhin ein Visum.

Für mich persönlich bedeutet die Visa-Freiheit, dass meine Mutter und meine Freunde mich in Berlin einfacher besuchen können. Dass ich für sie keine Verpflichtungserklärungen für je 25 Euro mehr abgeben muss. Es bedeutet, dass sie keine 35 Euro plus Visazentrum-Gebühren bezahlen müssen, um ein farbiges Blatt Papier in ihre Pässe kleben zu lassen.

Ganz zu schweigen von den Nerven und der Zeit, die sie jedes Mal in den Konsulaten ließen. Aber dieser Schritt ist nicht nur bürokratisch, sondern auch symbolisch von großer Bedeutung. Endlich werden Ukrainer, Europäer, sich in Europa freier bewegen können. Sich etwas freier fühlen.

„Visa-Regime mit Russland – Ja oder Nein?“

Während ich über diese neue Freiheit nachdenke, sitze ich in meinem Wohnzimmer in Kiew. Ich schalte den Fernseher an. Und hier sehe ich eine zwar nicht neue, aber wieder aufflammende Diskussion: „Visa-Regime mit Russland – Ja oder Nein?“

Bis heute können Bürger Russlands ohne Visum in die Ukraine einreisen. Nun hat die Regierung einen Gesetzentwurf vorbereitet, der das ändern soll. Bald soll dieser im Parlament diskutiert werden. Eigentlich naheliegend, ein Visa-Regime mit dem Land einzuführen, von dem man attackiert wird.

Es wäre ja vielleicht sogar logisch gewesen, diese Regelung bereits vor drei Jahren, gleich nach der Krim-Annexion, zu verabschieden. Und doch werde ich das Gefühl nicht los, als würde mir damit ein Stück Freiheit, das ich gerade bei der EU gewonnen habe, woanders weggenommen.

Symbolische Bedeutung

Das Visa-Regime mit Russland hätte natürlich auch symbolische Bedeutung. In dem Moment, in dem die Ukraine die letzten Fäden des einst Eisernen Vorhangs zerteilt, würde man einen neuen Vorhang aufhängen. Zwischen der Ukraine und ihrer Vergangenheit, der Sowjetunion, sowie dem heutigen Russland.

Jenseits aller Symbolik sind die Dinge in der Alltagswelt allerdings nicht so einfach. Wenn man den Statistiken glaubt, haben 28% bis 50% der Ukrainer Verwandte in Russland. Viele haben dort Freunde, die sie regelmäßig besuchen – auch ich. Mehr als zwei Millionen Ukrainer befinden sich gerade in Russland, die meisten davon sind Arbeitsmigranten.

Sollte die Ukraine tatsächlich ein Visa-Regime mit Russland verabschieden, würde der Kreml offensichtlich mit einer Gegenmaßnahme antworten. Nicht die vermeintlichen Agenten Russlands, vor denen sich die Ukraine schützen will, werden also die Konsequenzen dieser Regelungen spüren. Sie werden weiterhin durch den von der ukrainischen Regierung nicht kontrollierten Donbass einreisen, oder mit Pässen anderer Staaten.

Die Opfer des Visa-Regimes

Die Opfer des Visa-Regimes werden die Ukrainer sein, die weiterhin in Russland ihr Geld verdienen und dort Angehörige haben. Sie werden Bescheinigungen sammeln, Termine jagen, sich mit Befragungen und Angst vor einer willkürlichen Absage herumschlagen – all das, was man aus den Botschaften der EU-Länder schon kennt. Gut möglich, dass die Prüfungen wegen des andauernden Krieges sogar noch härter sein werden.

Vielleicht ist am Ende alles nur eine Frage der Gewohnheit. Irgendwie gelingt es ja auch EU-Bürgern, sich Visa für Russland zu besorgen. Aber dieses Gefühl der Verlagerung der Freiheit von Osten nach Westen, es wird bleiben, wenn der Gesetzentwurf genug Stimmen im ukrainischen Parlament bekommt. Ein gutes Gefühl ist es nicht. Denn es erinnert an ein Prinzip, mit dem man in der Ukraine ohnehin viel zu oft konfrontiert wird: Wenn du etwas haben willst, musst du auf etwas anderes verzichten.


Im Gemischten Doppel geben Inga Pylypchuk (Ukraine) und Maxim Kireev (Russland) im wöchentlichen Wechsel persönliche (Ein)-Blicke auf ihre Heimatländer.

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