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Gemischtes Doppel #4: Politik und Schulkinder

Heute ist Montag, der 5. September 2016, willkommen beim Gemischten Doppel. Diesmal Simon Schütt (RU): Was Schule mit Wahlkampf zu tun hat.

Liebe Leserinnen und Leser,

der Beginn des Schuljahres in Russland ist immer auch ein wenig Wahlkampf. In diesem Jahr aber besonders.

Zum einen wird um die Gunst der Lehrer gekämpft. Traditionellerweise geben die Eltern ihren herausgeputzten Kindern – die Mädchen mit weißer Schleife im Haar, die Jungen im Anzug – nämlich am ersten Schultag Blumensträuße für die Lehrer mit. Der ein oder andere sicher auch mit dem Hintergedanken, die Lehrer für das Schuljahr milde zu stimmen.

Die Erwartungen an deutsche und russische Kinder zur Einschulung

Russische Kinder am 1. September, dem „Tag des Wissens“. Foto: pixabay

Ob man hier von „Bestechung“ mit Blumen sprechen kann? Schwierig. Oft wird der Blumenkauf auch gemeinschaftlich organisiert. Man kann es auch einfach als nette Geste und Wertschätzung des Berufs sehen.

Blumenbad im Klassenzimmer

Jedenfalls hat diese Tradition die Konsequenz, dass die russischen sozialen Netzwerke jedes Jahr am 1. September voller Fotos von Lehrerinnen sind, die gerade ein Blumenbad im Klassenzimmer nehmen. Eine Moskauer Lehrerin forderte daher vor einigen Jahren, all das Geld lieber für einen guten Zweck zu spenden, statt es verwelken lassen. Ein Skandal! Getan hat sich wenig.

Aber das Arrangieren von „Blumenfriedhöfen in den Schulen“, wie es die Eltern im Radiosender „Vesti FM“ verärgert nennen, soll hier gar nicht Thema sein.

In diesem Jahr wurden am 1. September nämlich nicht nur die Lehrer umgarnt, sondern auch die Eltern. Ja, liebe Leser, in zwei Wochen ist Duma-Wahl. Dachten Sie, die macht vor Bildungseinrichtungen halt?

Nun, laut Gesetz sollte sie das. „Agitation in Bildungsstrukturen“ ist in Russland verboten. Dennoch listete die Initiative „Golos“, die sich für gerechte Wahlen einsetzt, eine ganze Reihe von Verstößen auf, die es allein am Tag des Schulanfangs gegeben habe.

In der Schule Nummer 5 in Schelesnowodsk in Südrussland erteilte der Schuldirektor am „Tag des Wissens“ dem örtlichen Kandidaten von „Einiges Russland“ das Wort. Und kündigte ihn als „zukünftigen Abgeordneten des Stadtrats“ an. Der Kandidat Sergej Worobjow sprach dann auch darüber, wie seine Partei die Interessen von Kindern und Eltern weiterhin vertreten wolle. Kandidaten anderer Parteien redeten nicht.

Denken Sie einmal wie ein Wahlkämpfer! Was eignet sich noch für Wahlwerbung in Schulen? Aufgabenhefte für Anhänger von „Einiges Russland“. Denken Sie weiter! Natürlich: Stundenpläne mit Parteilogo. Diese seien an alle Erstklässler verteilt worden, schreibt ein Vater aus Nowosibirsk auf Facebook zu den entsprechenden Fotos.

Ebenso Lineale mit den Köpfen der Kandidaten. Die Pressestelle von „Einiges Russland“ bestätigt das sogar. Man bewege sich dabei aber im Rahmen des Gesetzes. Auch Kandidaten anderer Parteien könnten die Schulen informieren und dort auftreten. Einiges Russland habe außerdem „nur den Eltern und Schülern zum 1. September gratuliert“. Man habe keine Agitation betrieben oder Aufgabenhefte und andere Werbematerialien verteilt. Die Bilder sprechen eine andere Sprache.

Was könnte außerdem einen Politiker glücklich machen? Fröhliche Schulkinder, die in Kaliningrad mit Parteiflaggen winken  oder mit „Jedinaja Rossija“-Luftballons in Nationalfarben. „Heute wurde massenhaft in vielen Schulen des Landes gegen das Gesetz verstoßen“, urteilt ein Jurist der „Golos“-Bewegung, Stanislaw Ratschinskij gegenüber RBC.

Audienz britischer Schuljungen bei Putin

Doch noch ein anderes Thema, bei dem es wieder um Politiker und Schulkinder ging, sorgte in der vergangenen Woche für Aufsehen. Elf Schuljungen des britischen Elite-Internats Eton waren Mitte August zur Audienz beim russischen Präsidenten geladen, berichteten britische Medien letzte Woche. Und das noch vor den neuen Brexit-Regierungsmitgliedern Theresa May und Boris Johnson! Immerhin könnte Putin mit zukünftigen Premiers gesprochen haben – 19 Premierminister Großbritanniens gingen auf das Internat, darunter Boris Johnson. So sahen das auch die russischen Medien: Putin wolle auf diese Weise schon jetzt die zukünftigen Eliten in London City, Windsor, Whitehall und Downing Street kennenlernen.

Wie das ungewöhnliche Treffen zustande kam? Es wurde, wie dieser in einem Interview bekannte, über Putins Beichtvater, den Archimandrit „Tichon“ Schewkunow vermittelt. Bei einem Besuch in England im März hätten die Schüler ihn gefragt, was sie tun müssten, um Putin zu treffen. Es habe dann die Möglichkeiten einer Eton-Delegation oder eines privaten Besuchs gegeben. Nachdem sich die Schule gegen ersteres entschieden habe, sei der Besuch privat erfolgt.

Nichts daran sei geheim gewesen, die westlichen Medien hätten „aus einer Mücke einen Elefanten gemacht“. Die Fotos des Treffens haben die russischen Agenturen und Medien aber mittlerweile gelöscht.

Also, liebe Schüler: Einfach mal fragen! Allerdings war die Vorbereitung des Treffens nicht ohne. Einer der elf Besucher schrieb in einem nun gelöschten Facebook-Eintrag von einem Aufwand von „10 Monaten, 1040 E-Mails, 1000 SMS und unzählige schlaflose Nächten“.

Doch es lohnte sich offenbar. Putin (Partei Einiges Russland übrigens – Sie erinnern sich an den Schulwahlkampf) habe bei dem zweistündigen Treffen „sein menschliches Gesicht“ gezeigt. Den Wahlkämpfer wird er gegenüber Kindern wohl erst 2018 herauskehren.

Autor: Simon Schütt

Simon Schütt, 1989 in Berlin geboren, studierte Publizistik und Kommunikationswissenschaft in Wien, arbeitete von 2014 bis 2015 in Moskau bei der „Moskauer Deutschen Zeitung“ und ist derzeit Chefredakteur von Ostexperte.de, einem Nachrichtenportal zur Wirtschaft in Russland.


Das Gemischte Doppel gibt persönliche (Ein)-Blicke auf die Ukraine und Russland, geschrieben von Inga Pylypchuk und Ian Bateson (Ukraine) sowie Maxim Kireev und Simon Schütt (Russland).

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