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Gemischtes Doppel #2: Putsch und Verstümmelung

Die Kolumne „Gemischtes Doppel“ gibt jeden Montag persönliche (Ein-)Blicke auf Russland und die Ukraine. Es schreiben im Wechsel: Ian Bateson (Ukraine), Maxim Kireev (Russland), Inga Pylypchuk (Ukraine) und Simon Schütt (Russland, von Ostexperte.de).

Hier geht es zum ersten Teil der Kolumne von Inga Pylypchuk (UKR).


Gemischtes Doppel: Maxim Kireev

Das Gemischte Doppel (v.l.): Ian Bateson (UA), Maxim Kireev (RU), Inga Pylypchuk (UA) und Simon Schütt (RU).

Heute ist der 22. August 2016, willkommen beim Gemischten Doppel. Diesmal Maxim Kireev (RU): Wie der 25. Jahrestag des Augustputsches und das Thema Frauenverstümmelung zum schlechten Witz verkamen.

Liebe Leserinnen und Leser,

nein, es geht nicht um den gescheiterten Hardliner-Putsch im August 1991. Noch nicht. Wie wäre es stattdessen mit einem Witz? Kürzlich habe ich den hier gehört: „Es wäre gut, wenn man allen Frauen die Genitalien beschneiden würde. Dann gäbe es weniger Unzucht”.

Gut, der ist womöglich etwas zäh, dafür aber sehr frisch. Und der Einzige, der das für einen Witz hält, ist der russische Mufti Ismail Berdiev, Autor dieser Unsäglichkeit und Leiter des Koordinationszentrum der Muslime im Nordkaukasus.

Der russische Mufti Ismail Berdiev

Der russische Mufti Ismail Berdiev.

Natürlich war es kein Witz. Berdiev kommentierte auf diese Weise einen Bericht der Menschenrechtsgruppe „Russische Rechtsinitiative“ über Frauen-Beschneidungen in der russischen Kaukasus-Republik Dagestan. Die Forscher fanden heraus, dass in einigen entfernten Bergdörfern Dagestans Mädchenbeschneidungen noch immer Alltag sind.

Als die russische Facebook-Community Berdievs Kommentar entdeckte, ruderte dieser in einem Interview zurück: Alles nur ein Spaß. Marina Achmedowa, Journalistin und Kaukasuskennerin, fällte zwar ein klares Urteil über Berdiev („Idiot”), versuchte jedoch gleichzeitig die Wogen zu glätten: Frauenverstümmelungen würd en nach ihren Recherchen immer seltener.

Viel zu selten, findet wohl Berdiev, und empfahl, diese „Behandlung allen russischen Frauen zugänglich zu machen. Ihm zur Hilfe eilte sogar Russlands berühmtester orthodoxer Spinner und ehemaliger Sprecher des Moskauer Patriarchats für Beziehungen zwischen Kirche und Gesellschaft Wsewolod Tschaplin, der auf Facebook kommentierte: „Orthodoxe Frauen brauchen die Beschneidung vielleicht nicht, sie sind ohnehin züchtig“. Berdiev habe jedoch insoweit Recht, dass Gott die Frau dafür schuf, Kinder groß zu ziehen. Spaß am Geschlechtsverkehr sieht wohl auch Tschaplin nicht als Teil des göttlichen Plan, dann kann die Klitoris ja ruhig ab.

Ein Gutes hat das Ganze. Die beiden ernteten einen Shitstorm, der sich gewaschen hat. Der Sturm wurde so stark, dass Tschaplin nach genauerem Studium des Sachverhalts doch noch zu Protokoll gab, dass Frauenbeschneidungen inhuman seien. Berdiev seinerseits mimte den missverstandenen Witzbold.

Doch die Aufregung war so groß, dass sogar die Einiges-Russland-Abgeordnete Maria Maksakowa, eine der letzten Stimmen der Vernunft in der Duma, trotz Urlaub schnell einen Gesetzentwurf präsentierte, der Frauenbeschneidungen aus religiösen Gründen mit bis zu sieben Jahren Haft bestrafen soll.

Was das Ganze mit 1991 zu tun hat, fragen Sie sich?

Der Journalist der Moskauer Zeitung Kommersant  Artemon Galustyan hat es auf den Punkt gebracht: Wie zum Teufel haben wir es geschafft, dass es am 25. Jahrestag des „Neuen Russlands“ und der „Demokratie“ einen Gesetzesentwurf im Parlament gibt, der das Abschneiden der Klitoris verbietet?

Ja genau, da war doch was. August 1991. Schwanensee im Fernsehen. Ein nüchterner Jelzin auf dem Panzer. Russen, die sich für die Demokratie furchtlos vor einen rollenden Panzer stellen. Ein Notstandskomittee ließ Gorbi auf seiner Datscha festsetzen, um den Zerfall der UdSSR in letzter Minute zu verhindern. Doch die Moskauer machten ihnen einen Strich durch die Rechnung. Eine seltene und seltsame Sternstunde der russischen Demokratie.

Was ist seitdem schiefgelaufen?

Der Oppositionelle Lew Schlosberg meint, dass man damals das kurze Zeitfenster nach dem Putsch verschlafen hat, anstatt endgültig mit dem alten System zu brechen, etwa durch die Lustration alter Kader nach polnischem Vorbild.

Alle erinnern sich an die Schwanensee-Übertragung. Doch eine wichtige Frage scheint sich dieser Tage kaum einer zu stellen: Warum hat ein halbes Land nichts besseres zu tun, als sich Ballett anzuschauen, während in der Hauptstadt ein Putsch vor sich geht?

Die meisten haben natürlich auf Infos gewartet. Und der Fernseher war schon damals das Medium Nummer eins. Der größte Teil der Russen blieb Beobachter. 1991 genauso wie 1993, als der einstige Volksheld Jelzin das unbeugsame Hardliner-Parlament zurechtschießen ließ, 1996 die Wahlergebnisse feinjustierte und 1999 sogar Putin als Nachfolger installierte. Und während alle zusahen, regieren in Russland 25 Jahre später ehemalige KGB-Mitarbeiter. Auf wessen Seite würde die heute Führungsriege im Kreml wohl bei einer Neuauflage des Putsches von ’91 stehen?

Da wundert es nicht, dass der Staat sich wenig um eine Erinnerungskultur in Sachen demokratischer Aufbruch schert. Dabei, meint der Vedomosti-Kolumnist Pavel Aptekar, wären die damaligen Ereignisse doch ausgezeichneter Stoff für einen Gründungsmythos. Mal was neues, statt immer nur der angestaubte Sieg über Deutschland. Doch für die Obrigkeit seien die drei Tage im August 1991 eine Erinnerung daran, dass das Volk sich auch mal den Anweisungen von oben widersetzen und Rechenschaft fordern kann.

Es wundert deshalb niemanden, dass die (kaum wahrnehmbaren) Feierlichkeiten zum Jahrestag des verhinderten Sowjet-Putsches nur an einen schlechten Witz erinnerten.


Maxim Kireev

Maxim Kireev, 1986 in Sankt Petersburg geboren, studierte Volkswirtschaft in Köln und absolvierte die Kölner Journalistenschule. Seit 2011 arbeitet er in Russland als freier Korrespondent für deutschsprachige Medien, unter anderem für die WirtschaftsWoche, Zeit Online u.a.


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Fotoquelle

Quelle:

Ismail Berdiev: By Kremlin.ru, CC BY 4.0, via Wikimedia Commons

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