Nachrichten zur Wirtschaft in Russland

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Rufil Russia Consulting

Klaus DormannVon

UPDATE:  Am 28. April 2017 hat die Zentralbank beschlossen, den Leitzins um 0,5 Basispunkte von 9,75 auf 9,25 Prozent zu senken (Ostexperte.de berichtete).

Geldpolitik: Weitere Leitzinssenkungen in Russland zu erwarten – Hoher Realzins bremst Erholung der Investitionen

Alle 24 von Reuters befragten Analysten rechnen damit, dass die russische Zentralbank am Freitag den Leitzins weiter herabsetzt. 20 erwarten eine erneute Senkung um 0,25 Prozentpunkte. Nur 4 halten einen größeren Schritt um 0,5 Prozentpunkte für wahrscheinlich. Zuletzt wurde der Leitzins am 24. März von 10 auf 9,75 Prozent gesenkt. Zentralbankpräsidentin Nabiullina selbst hat die Möglichkeit einer Senkung um bis zu 0,5 Prozentpunkte angekündigt.

Zinssenkungen können helfen, die gerade begonnene Erholung der russischen Wirtschaft zu beschleunigen. Die rasch gesunkene Inflationsrate und der kräftig gestiegene Rubelkurs erlauben eine Lockerung der Geldpolitik.

Quellen: Vladimir Miklashevsky (Danske Bank): USD/RUB – playing geopolitics; FXForecastUpdate, 18.04.2017; CBR rate decision preview: cutting further, 25.04.2017

Quellen: Vladimir Miklashevsky (Danske Bank): USD/RUB – playing geopolitics; FXForecastUpdate, 18.04.2017; CBR rate decision preview: cutting further, 25.04.2017

Sehr hoher Realzins

Vieles spricht für eine erneute Senkung der „key rate“. Der Leitzins ist bisher erheblich weniger stark herabgesetzt worden worden als die Inflationsrate zurückging. So stieg der Realzins („real rate“), die Differenz zwischen Leitzins und Inflationsrate, deutlich: Er hat rund 5,5 Prozent erreicht.

Zentralbankpräsidentin Nabiullina befürwortet positive Realzinsen (von denen Sparer im Euro-Raum derzeit nur träumen können) zwar als Anreiz zum Sparen. Als angemessen hat sie im letzten Jahr einen Realzins von 2,5 bis 3 Prozent bezeichnet. Derzeit ist er jedoch rund doppelt so hoch, der „Zielkorridor“ für den Realzins wird also weit überschritten (siehe Chart der Danske Bank).

Die hohen Zinsen erschweren die Kreditaufnahme für Investitionen. Kritiker der Zentralbank fordern deshalb seit langem diese Wachstumsbremse zu lockern.

Im letzten Herbst hatte Nabiullina angekündigt, der Leitzins werde auf 6 bis 7 Prozent gesenkt werden, wenn das Inflationsziel der Zentralbank von 4 Prozent erreicht sei. Mitte April waren die Verbraucherpreise bereits nur noch 4,1 Prozent höher als vor einem Jahr. Hält sich Frau Nabiullina an ihre Ankündigungen, wären bald noch weitere Leitzinssenkungen fällig. Die Danske Bank rechnet bis zum Jahresende aber nur mit einem Rückgang in kleinen Schritten auf 8,5 Prozent. Die Realzinsen würden also im Jahresverlauf nur wenig abnehmen.

Schon im März ist der Anstieg der Verbraucherpreise weiter auf nur noch 4,3 Prozent gesunken. Ende 2016 hatte die jährliche Inflationsrate noch 5,4 Prozent betragen. Ende 2015 war sie sogar noch zweistellig (12,9 Prozent).

Quelle: Manfred Stamer (Euler Hermes): Russia: Return to modest growth in 2017 while risks remain; 30.03.2017

Quelle: Manfred Stamer (Euler Hermes): Russia: Return to modest growth in 2017 while risks remain; 30.03.2017

Rubelverfall beim Ölpreisabsturz trieb Inflation

Ursache des Teuerungsschubs im Jahr 2015 war hauptsächlich der rapide Rückgang des Rubelkurses. Ende 2014, als sich der Ölpreis binnen eines Jahres etwa halbierte, entschloss sich die russische Zentralbank, nicht weiter zu versuchen, den Wechselkurs des Rubel durch den Verkauf von Devisen zu stützen.

Sie schonte damit ihre Gold- und Währungsreserven (die inzwischen wieder von rund 350 Mrd. Dollar auf knapp 400 Mrd. Dollar gestiegen sind). Die Abwertung des Rubel setzte sich aber mit dem weiteren Rückgang des Ölpreises auf unter 30 Dollar noch bis Anfang 2016 fort. Im Tiefpunkt mußten über 80 Rubel für einen Dollar bezahlt werden.

Ölpreiserholung ließ auch Rubel kräftig steigen

Inzwischen hat sich der Brent-Ölpreis auf rund 52 Dollar/Barrel erholt. Und der Rubel ist mit dem Ölpreis im Trend gestiegen. Dabei sind die Preisschwankungen beim Öl deutlich stärker als beim Wechselkurs.

Es gibt Zeitabschnitte von mehreren Monaten, in denen der Ölpreis sinkt, der Rubelkurs aber steigt. So ist seit Anfang 2017 der Urals-Ölpreis um rund 8 Prozent gefallen, der Rubel hat aber gleichzeitig um rund 8 Prozent aufgewertet. Längerfristig zeigt sich aber eine enge Korrelation von Ölpreis und Rubelkurs.

Rund zwei Drittel des Kursverlustes wettgemacht

Besonders aussagekräftig für die Veränderungen der internationalen Wettbewerbsfähigkeit der russischen Wirtschaft ist es, wenn nicht nur das nominale Austauschverhältnis des Rubel zum US-Dollar unter die Lupe genommen wird. Um auch die unterschiedlich hohe Inflation in Russland und im Ausland sowie die Entwicklung des Rubel gegenüber weiteren Währungen zu berücksichtigen, berechnet die russische Zentralbank deswegen den sogenannten realen effektiven Wechselkurs des Rubel gegenüber einem „Währungskorb“ verschiedener Währungen.

Nach Angaben von Likka Korhonen, Leiter des Forschungsinstituts „BOFIT“ der finnischen Zentralbank, ist die „effective exchange rate“ des Rubel seit Januar 2016 real um rund 39 Prozent gestiegen. Der seit Mitte 2014 mit dem Ölpreisverfall und den Sanktionen eingetretene Rückgang des realen effektiven Rubelkurses ist damit bereits zu rund 2 Dritteln wettgemacht.

Oreschkin will keinen „schwachen Rubel“, rechnet aber mit Kursrückgang

Vielen russischen Exportunternehmen ist der Rubel bereits seit längerem zu „stark“. Sie meinen ein schwächerer Wechselkurs würde die Erholung der russischen Wirtschaft nach 2 Jahren Rezession (2015: – 2,8 Prozent; 2016: – 0,2 Prozent) erleichtern. Schließlich könnten dann russische Produkte im Ausland zu günstigeren Preisen angeboten werden. Bei einem Treffen mit Geschäftsleuten in Jaroslawl versicherte auch Präsident Putin in dieser Woche: „Wir denken – ohne übertreiben zu wollen – täglich an dieses Problem“ (Wedomosti).

Hinzu kommt: Ein großer Teil der russischen Exporterlöse, die Einnahmen aus dem Öl- und Gasexport, fällt in US-Dollar an. In Rubel umgerechnet sind diese Einnahmen umso niedriger je stärker der Rubel gegenüber dem Dollar notiert. Und das betrifft nicht nur die Kassen von Rosneft und Gazprom, sondern auch die Einnahmen des russischen Finanzministers. 2016 machten die Einnahmen aus dem Öl- und Gassektor noch rund 36 Prozent aller Haushaltseinnahmen aus. In diesem Jahr ist ein Anteil von 37 Prozent geplant.

Auch der russische Wirtschaftsminister Oreschkin hat im April wiederholt den hohen Realzins und die Aufwertung des Rubel angesprochen. Bei der Vorstellung seiner neuen Szenarien zur Entwicklung der russischen Wirtschaft im Kabinett verwies er auf Risiken für das Wachstum durch die Zins- und Wechselkursentwicklung. Er erwartet aber im Jahresverlauf eine deutliche Abschwächung des Rubel, weil er mit einem Wachstum der Importe und einem Abbau der Überschüsse in der Leistungsbilanz rechnet. Einen „schwachen Rubel“ strebe er jedoch nicht an, betonte der Minister beim Wirtschaftsforum in Krasnoyarsk am 21. April.

Zinssenkung zur Investitionserholung

Niedrigere Zinsen könnten das bisher noch schwache Wachstum der russischen Wirtschaft beschleunigen. Laut ersten Schätzungen der Volkswirte der Vnesheconombank für die saison- und kalenderbereinigte Entwicklung von Quartal zu Quartal hat der Produktionsanstieg im dritten Quartal 2016 mit 0,1 Prozent gegenüber dem Vorquartal begonnen, sich im vierten Quartal 2016 etwas beschleunigt (+ 0,2 Prozent) und im ersten Quartal 2017 0,3 Prozent erreicht.

Ein Blick auf die Ende März von Rosstat veröffentlichten Daten zur Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts zeigt den großen Nachholbedarf der russischen Wirtschaft bei den zinsempfindlichen Anlageinvestitionen. Sie sind in den letzten drei Jahren ständig gesunken und waren 2016 rund 12 Prozent niedriger als 2013.

Quellen und Lesetipps zu Geldpolitik, Rubelkurs und Konjunktur:

Wedomosti: Путин обещал заняться рублем; Putin kümmert sich um den Rubel; 25.04.2017

Reuters: Analysts expect cautious rate cut by 25 basis points in April; 25.04.2017

Vladimir Miklashevsky (Danske Bank): CBR rate decision preview: cutting further, 25.04.2017

Vladimir Miklashevsky: USD/RUB – playing geopolitics, in: FXForecastUpdate, 18.04.2017

BOFIT Weekly: Russian ruble continues to strengthen; 21.04.2017

Krasnoyarsk Economic Forum: 1prime.ru

Vestifinance: Oreshkin: CBR will soften the DCP to keep inflation at 4%; mit Interview (13 Min.); 21.04.2017

1prime.ru: Weakening of the ruble forecasts can be verbal intervention by Oreshkin; 21.04.2017

RIA Novosti: Oreshkin admitted that he is not a supporter of the weak ruble; 21.04.2017

Papchenkova: Oreshkin and Kudrin told how to accelerate economic growth; Vedomosti, 21.04.17

Klaus Dormann: Neue Prognosen: IWF dämpft Optimismus, Kudrin nährt Hoffnungen; Ostexperte, 20.04.2017

Julian Hans: Stark, der Rubel; die Wirtschaft erholt sich nur langsam, die Armut steigt; SZ, 11.04.2017

Benjamin Triebe: Exporterfolge dank tiefem Rubel; weshalb ein russischer Reifen…; NZZ, 07.04.2017

TASS: Government is not going to reject floating ruble rate, Putin says; 25.04.2017

Peter Orehin: VEB: in the first quarter of 2017 Russia’s GDP fell by 0.3 %; gazeta.ru, 25.04.2017

Vnesheconombank: Russia’s GDP – VEB Index, March 2017; 25.04.2017

Titelbild

Quelle: kremlin.ru

Klaus Dormann
Über den Autor

war von 1980 bis 2015 Mitarbeiter der volkswirtschaftlichen Abteilung der Ruhrgas AG und der E.ON SE.