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Thorsten GutmannVon

Gabriele Krone-Schmalz: „In den USA ist eine Russland-Hysterie ausgebrochen“

Gabriele Krone-Schmalz ist eine deutsche Historikerin, Journalistin und Autorin. Von 1987 bis 1991 war sie ARD-Korrespondentin in Moskau. Im Ostexperte.de-Interview spricht Krone-Schmalz über ihr neues Buch „Eiszeit“ und das Verhältnis zwischen Russland und dem Westen.

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„Eiszeit: Wie Russland dämonisiert wird und warum das so gefährlich ist“ von Gabriele Krone-Schmalz

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Was ist Ihrer Ansicht nach der Grund, wieso Russland im Westen dämonisiert wird?

Gabriele Krone-Schmalz: Zum einen sind viele Vorstellungen und Denkmuster, die aus der Zeit des Kalten Krieges stammen, noch immer sehr stabil. Zum anderen hilft ein simples Gut-Böse-Schema dabei, sich in einer Welt, die immer komplizierter wird, besser zu orientieren.

Was verbirgt sich hinter dem Begriff „Antirussismus“, den Sie in Ihrem aktuellen Buch „Eiszeit“ verwenden?

Krone-Schmalz: Antirussismus habe ich erwähnt, weil es den Begriff im Gegensatz zum Antiamerikanismus eigentlich gar nicht gibt. Bei der Google-Suche wird man gefragt, ob man sich nicht vertippt und stattdessen Antirassismus gemeint habe. Wenn es den Begriff Antirussismus im allgemeinen Sprachgebrauch gäbe, dann würde man einige Themen womöglich anders beurteilen.

Sie schreiben, dass Russland keine aggressive Expansionspolitik, sondern eine strategische Defensive betreibt. Was meinen Sie damit?

Krone-Schmalz: Welche Entwicklungen gab es denn seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion? Alleine schon ein Blick auf die Landkarte zeigt, dass man nicht wirklich behaupten kann, Moskau habe eine aggressive Politik betrieben. Ich finde es immer wichtig, einen Perspektivwechsel vorzunehmen und die Dinge auch einmal aus einer anderen Warte zu betrachten. Aber bis jetzt hat sich im Westen kaum jemand dafür interessiert, welche Interessen Russlands durch westliche Politik berührt werden. Russische Sorgen werden nicht ernst genommen, sondern in Schubladen gesteckt, die da heißen: „Die übertreiben doch“, „Propaganda“, „politische Machtspiele“. Aber wenn man die geopolitische Lage analysiert, ohne ideologisch vorbelastet zu sein, dann bleibt gar nichts anderes übrig als festzustellen, dass Russlands Handlungen nicht expansiv sind, sondern aus einer strategischen Defensive heraus entstehen. Das kann sich aggressiv äußern, aber das ist eine andere Sache.

Welche Interessen verfolgt Russland denn in den besetzten Gebieten im Donbass?

Krone-Schmalz: Das Damoklesschwert, wenn man das so nennen will, ist die immer noch bestehende NATO-Perspektive für die Ukraine. Dass sich Bundeskanzlerin Merkel und der damalige französische Präsident Hollande 2008 dagegen ausgesprochen haben, ist ja schön und gut, aber in den entsprechenden NATO-Papieren steht diese Perspektive immer noch drin, und Präsident Poroschenko strebt die Mitgliedschaft aktiv an. Das ist natürlich nicht im Interesse Russlands. Und jetzt betrachten Sie die Situation im Frühjahr 2014 mal aus russischer Sicht: In Kiew saß eine Führung, die nicht demokratisch, sondern durch einen Putsch an die Macht gekommen war und deren Personal aus harten NATO-Befürwortern bestand. Der Osten der Ukraine war immer schon ein von Kiew vernachlässigtes Gebiet. Den Menschen dort ging es in erster Linie um mehr Autonomierechte. Der Wunsch nach Abspaltung kam erst später. Dass Russland diese Gemengelage für sich instrumentalisiert hat, ist keine Frage, aber bevor man sich zum Richter aufschwingt, sollte man die Ausgangslage berücksichtigen.

Kritiker werfen Russland neoimperiale Expansionsgelüste vor. Sind die Sorgen vor einer russischen Invasion in Polen oder im Baltikum vollkommen unberechtigt?

Krone-Schmalz: Ich verstehe diese Sorgen aus historischer Perspektive. Ich verstehe es sehr wohl, wenn Polen oder Balten Angst haben und sagen: „Um Gottes Willen, das will ich alles nicht wiederhaben!“ Nur, das ist ja keine Basis für eine reale Politik. Selbstverständlich könnte Russland diese Staaten theoretisch schnell überrollen. Aber praktisch wäre das Selbstmord. Was soll denn das Interesse Russlands sein? Warum sollte sich Putin sowas ans Bein binden, anstatt sich darauf zu konzentrieren, das eigene Land mit all seinen Problemen auf Vordermann zu bringen? Zumal die USA und die NATO Russland global betrachtet militärisch haushoch überlegen sind. Ich finde die Vorstellung, dass Russland Polen oder das Baltikum, NATO-Staaten wohlgemerkt, angreifen könnte, völlig absurd.

Putin sagte 2005, das Ende der Sowjetunion sei die „größte geopolitische Katastrophe des Jahrhunderts“ gewesen. Was könnte er mit dieser Aussage gemeint haben?

Krone-Schmalz: Gut, dass Sie das ansprechen, weil es oft zitiert und missverstanden wird. Wenn Putin sagt, es sei die größte geopolitische Katastrophe, dann meint er das ganz sicher nicht in dem Sinne, dass man die Sowjetunion wiederherstellen müsse. Es hat eher damit  zu tun, dass tatsächlich viele Menschen sehr viel verloren haben: Struktur, Orientierung. Die dramatischen Umbrüche können sich die meisten im Westen gar nicht vorstellen. Zudem waren viele ethnische Konflikte in der Sowjetunion gewissermaßen still gestellt, die nach ihrem Ende wieder aufbrachen. Für viele Bewohner der ehemaligen UdSSR war es eine Katastrophe, in allen möglichen Bereichen. Interessant ist in diesem Zusammenhang ein anderes Putin-Zitat, das deutlich seltener zitiert wird: „Wer die Sowjetunion nicht vermisst, hat kein Herz. Wer sie sich zurückwünscht, keinen Verstand.“

Sie kritisieren in ihren Büchern in Hinblick auf den Ukraine-Konflikt, dass in westlichen Medien häufig ein simples Gut-Böse-Schema vorzufinden sei. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Krone-Schmalz: Das hat viele Gründe. Da spielen Stereotype aus dem Kalten Krieg eine Rolle, dann der gnadenlose Zeitdruck. Kaum passiert schon berichtet. Technisch kein Problem, inhaltlich oft nicht so einfach. Wenn man dann noch die strukturellen Veränderungen hinzunimmt, auf Kosten der Vielfalt: das Zeitungssterben und die Rolle der Leitmedien. Und zu guter Letzt: In einer globalisierten Welt, in der sich diverse Interessen überlagern, fällt die Orientierung leichter, wenn man sich auf Gut und Böse beschränkt. Ich habe allerdings auch oft den Eindruck, dass sich Menschen, die Zweifel an der Mainstream-Berichterstattung haben, davor scheuen ihre Meinung zu äußern aus Angst ausgegrenzt zu werden. Wenn heutzutage etwas nicht in die übliche Argumentation passt, wird man schnell als extremistisch, rechts, links oder was auch immer bezeichnet. Häufig heißt es auch, dass man irgendeiner Propaganda aufgesessen sei oder dass man sich als Einflussagent benutzen lasse. Vor allem mit Blick auf Russland herrscht derzeit eine sehr vergiftete Atmosphäre. Dabei könnte man sich ja in die russische Perspektive hineinversetzen, ohne sie teilen zu müssen.

Im November haben Sie dem russischen Auslandsmedium Sputnik ein Interview gegeben. Hatten Sie keine Bedenken, dort als Expertin aufzutreten?

Krone-Schmalz: [lacht] Das ist gut, dass Sie das fragen. Ich hatte dort in den letzten Jahren nie ein Interview gegeben. Jetzt im November habe ich das mit voller Absicht gemacht und habe eine solche Frage auch erwartet. Wenn Sie in die deutschen Medien schauen und abklopfen, welche russischen Experten dort auftauchen, dann finden sie eigentlich immer dieselben, nämlich die, die auf Putin draufhauen und zusätzlich allenfalls irgendwelche Funktionsträger. Neutrale Experten kommen so gut wie nicht vor. Wenn man russischen Auslandsmedien zum Teil zu Recht vorwirft, dass sie eine Regierungslinie unkritisch vertreten, und sich dann selbst einem Interview verweigert, finde ich das albern und kontraproduktiv.

Wie hoch war das Interesse bei den „Leitmedien“ an Ihrem neuen Buch?

Krone-Schmalz: [lacht] Jetzt ist die Frage, wie man das ausdrückt. „Nicht vorhanden“ passt ganz gut. Ich habe mich auch gewundert. Das Buch ist in der SPIEGEL-Bestsellerliste relativ schnell auf Platz 1 hochgegangen. Das ist normalerweise Grund genug, eine Rezension zu platzieren, aber das war nicht der Fall.

Russland hatte der EU früher zahlreiche Angebote zur Annäherung unterbreitet. Putin brachte 2010 eine Wirtschaftsgemeinschaft von Lissabon bis Wladiwostok und eine Abschaffung der Visumpflicht ins Gespräch. Warum stießen diese Vorschläge auf wenig Gegenliebe im Westen?

Krone-Schmalz: Ich finde es abgrundtief unklug, nicht auf diese Dinge eingegangen zu sein. Vielleicht hat man Russland nicht ernst genommen, nach dem Motto: „Auf die sind wir nicht angewiesen, das ist ein hohler Koloss, der keine große Bedeutung hat.“ Was ich auch nicht unterschätzen würde: Eine gute Zusammenarbeit zwischen EU und Russland bzw. EU und Eurasischer Wirtschaftsunion ist zwar im Interesse der EU und im Interesse Russlands, aber es ist nicht im Interesse der USA.

Oft heißt es, dass die westlichen Sanktionen dazu führen, dass russische Unternehmen sich anderweitig, zum Beispiel nach China, orientieren müssen. Könnte es irgendwann „zu spät“ für deutsche bzw. europäische Unternehmen sein, um den Anschluss zu behalten?

Krone-Schmalz: Wenn ich kurz antworten müsste, dann würde ich sagen: Ja. Ich habe von zahlreichen Gesprächspartnern aus der Wirtschaft gehört, dass sich das genauso abspielt. Wie nachhaltig das ist, kann ich nicht sagen. Aber es besteht zumindest ein Risiko. Auch vor diesem Hintergrund ist es unsinnig, ständig Sanktionen zu verlängern, die zudem zu nichts führen. Mir konnte bisher noch niemand erklären, was das bringen soll, außer einer Destabilisierung insgesamt. Und auf die Frage, warum wir in Deutschland so gnadenlos gegen unsere eigenen Interessen handeln, finde ich auch keine vernünftige Antwort. Sanktionen, vor allem die neuen US-Sanktionen, sind eine Katastrophe. Für uns mehr als für Russland.

Die Sanktionen sind vor allem an Minsk II gekoppelt. Woran hakt es bei der Umsetzung?

Krone-Schmalz: Es heißt ja immer: Solange Minsk II nicht erfüllt wird, werden die Sanktionen nicht beendet. Doch wer müsste denn welche Bedingungen wann erfüllen? Es ist kein Hirngespinst, dass auch Kiew seine Verpflichtungen nicht erfüllt hat. Zum Teil hat die Ukraine nicht einmal damit begonnen. Aber ich kenne niemanden, der in diesem Zusammenhang von Sanktionen gegen Kiew redet. Erst ganz langsam und vorsichtig ist in einigen politischen Gesprächen zu spüren, dass auch auf Kiew ein wenig Druck ausgeübt werden soll. Aber grundsätzlich ist diese Angelegenheit für mich ein Paradebeispiel von unerträglicher politischer Heuchelei.

Sie erwähnen in „Eiszeit“ den geplanten US-Raketenabwehrschirm in Polen. Was ist daran problematisch?

Krone-Schmalz: Spätestens nach dem Atomabkommen mit dem Iran hätte man mit Blick auf bessere Beziehungen zu Russland Abstand vom Raketenabwehrschirm nehmen müssen, dem Russland seit vielen Jahren misstrauisch gegenüber steht und durch das es seine nukleare Zweitschlagskapazität bedroht sieht. Außerdem ist umstritten, wie schnell das Abwehrsystem in ein Angriffssystem umgerüstet werden kann. Und wenn man dann noch weiß, dass der US-Kongress eine Studie in Auftrag gegeben hat, wie es um die Überlebensfähigkeit der russischen Führungsspitze bei einem möglichen Atomangriff steht, dann mag man das zwar als militärstrategische Denkspielchen abtun, aber man sollte sich auch vorstellen, wie all das auf Russland wirken muss.

Was muss denn getan werden, um eine weitere Eskalation zu verhindern und einen „Wandel durch Annäherung“ herbeizuführen?

Krone-Schmalz: Wünschenswert wäre eine große Konferenz, wie es sie zur Zeit des Kalten Krieges wiederholt gegeben hat. Eine funktionierende Sicherheitsarchitektur wird es ohne Russland nicht geben und gegen es schon gar nicht. Das ist ja keine neue Erkenntnis, nur manche vergessen sie immer mal wieder. Leider ist in den USA eine große Russland-Hysterie ausgebrochen, sodass man kaum Kontakte zu Moskau unterhalten kann, ohne kriminalisiert zu werden. Das ist eine sehr gefährliche Entwicklung, weil alle vernünftigen Annährungsversuche sofort diskreditiert werden können, nach dem Motto: Wer weiß, was da hinter den Kulissen gelaufen ist. Und wenn man in seriösen amerikanischen Zeitungen lesen kann, dass mittlerweile vieles an finsterste Mc-Carthy Zeiten erinnert, dann ist das besorgniserregend. Das Schlimme an der derzeitigen Situation ist, dass man in Moskau dem Westen nichts mehr glaubt und dass im Westen nichts geglaubt wird, was aus Moskau kommt.

Als der damalige deutsche Außenminister Steinmeier sagte, der Westen solle mit dem Säbelrasseln aufhören, da ist er in der Luft zerrissen worden. Aber ich treffe immer wieder auf politische Entscheidungsträger, die sehr wohl der Meinung sind, dass wir ein besseres Verhältnis zu Russland brauchen, sich jedoch davor scheuen, das öffentlich zu sagen, weil das aktuell nicht in den Zeitgeist passt. Welch eine armselige Entwicklung in einem Land, das seinen Bürgern Meinungsfreiheit garantiert.

Vielen Dank für das interessante Gespräch, Frau Krone-Schmalz.

Dieses Interview führte Ostexperte.de-Chefredakteur Thorsten Gutmann.

Fotoquelle

Titelbild: Pressefoto zVg

Thorsten Gutmann
Über den Autor

Thorsten Gutmann war von September 2016 bis Dezember 2018 Chefredakteur der unabhängigen Nachrichtenseite Ostexperte.de in Moskau. Derzeit arbeitet er als Nachrichtenchef bei der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer (AHK). Bevor er zu Ostexperte.de kam, war er u. a. für die Moskauer Deutsche Zeitung und die Berliner Zeitung tätig. Im Jahr 2017 gründete er die RUSummit – Fachkonferenz zur Digitalwirtschaft in Russland mit dem Ziel, den deutsch-russischen Wirtschaftsdialog zu fördern.