Thomas FasbenderVon

Einmal im Jahr befragt das renommierte Moskauer Meinungsforschungsinstitut Lewada Zentrum die Russen nach Freund und Feind. Die Spitzenreiter im Lager der besten Freunde sind über Jahre identisch: Weißrussland und Kasachstan. Auch den besten Feinden gegenüber bleibt man treu: die USA, Litauen, Lettland und die Ukraine.

Doch es gibt noch einen neuen Trend, oder besser gesagt zwei. China, dem die Russen über Jahrzehnte hinweg mit Misstrauen begegneten, belegt heuer knapp hinter Weißrussland – noch vor Kasachstan – den zweiten Platz im Sympathieranking. Und bei den Feinden Russlands arbeitet Deutschland sich nach vorn. Nahmen bis 2010 Jahr für Jahr nur ganz wenige Deutschland als Gegner wahr, sind es heute schon rund 25 Prozent der Befragten.

Ein altes Feindbild, das bereits ausgelöscht schien, lebt wieder auf – auf beiden Seiten. Die Kreml-Propaganda trägt dazu ebenso bei wie die neue deutsche Medienkultur. Zu der gehört das Runter- und Lächerlichmachen ungeliebter ausländischer Präsidenten und „Regime“ im Namen der Meinungs- und Satirefreiheit. Damit es richtig lustig wird, streicht der Bundestag jetzt extra den Paragraphen 103 des Strafgesetzbuches (Beleidigung von Organen und Vertretern ausländischer Staaten).

Doch Hochmut kommt vor dem Fall, und all das „Bashing“ hat seinen Preis – nicht auf der Stelle, aber zu gegebener Zeit. Daran ändern dann auch enge wirtschaftliche Verflechtungen nichts. Fakt ist, dass die Abwendung von Deutschland die russische Entfremdung von Europa belegt. Den Russen deswegen vorzuwerfen, sie isolierten sich selbst, ist die reine Hybris. Das Gegenteil trifft zu. Angesichts eines sich mehr und mehr dem Pazifik zuwendenden Amerikas heißt es für die Alte Welt vielleicht schon bald: Europa allein zu Haus.

Thomas Fasbender
Über den Autor

ist freier Journalist und Publizist in Berlin. Von 1992 bis 2015 hat er in Moskau gelebt. 2014 erschien sein Buch „Freiheit statt Demokratie. Russlands Weg und die Illusionen des Westens“ im Manuscriptum Verlag.