Nachrichten zur Wirtschaft in Russland

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Rufil Russia Consulting

Jens BöhlmannVon

Es gibt sie, die russischen Hidden Champions

Seit März 2017 veröffentlicht der Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft eine regelmäßige Kolumne auf Ostexperte.de. Heute geht es um innovative und erfolgreiche Unternehmen in Russland.


18.00 Uhr und das Büro ist vollbesetzt

Ein unscheinbares Gebäude in einer der zahlreichen, unscheinbaren Vorstädte, die Russen mehr verächtlich als liebevoll Schlafstädte nennen. Zwar gibt es hier eine Art Infrastruktur, natürlich eine Filiale der Supermarktkette Pjatjorotschka, ein Schönheitsstudio und eine chemische Reinigung, aber mit Lebensqualität hat das eher wenig zu tun.

Ein Plattenbau wie er zu Millionen überall in Russland zu finden ist. Kein Schild, keine Einlasskontrolle außer den allgegenwärtigen „Bewachern“. Die lassen Nadeschda, Ende dreißig, wasserstoffblonde Haare, wache, fröhliche Augen und mich ohne Nachfragen passieren. Sie öffnet die Tür in ein Open-Space-Büro im fünften Stock, nur der Chef hat hier einen eigenen Raum. Es ist weit nach 18.00 Uhr, und das Büro ist vollbesetzt.

Rettung durch Management-Buy-Out

Nadeschda ist heute Sales Director und Teil eines Unternehmens, das so gar nicht typisch für Russland ist. Vor ein paar Jahren entschlossen sich die verbliebenen Mitarbeiter eines siechen ehemaligen sowjetischen Kombinates zu einer Art Management-Buy-Out, einer Form der Geschäftsübernahme durch die Führung des ehemaligen Unternehmens. Damit war der Weg frei, um sich von alten Lasten zu trennen und einen völlig neuen Business-Plan umzusetzen. Allerdings bedeutete das auch den Verzicht auf staatliche Unterstützung und den Eintritt in den nationalen und internationalen Wettbewerb. Und Wettbewerber gibt es einige. Das wertvollste Asset aber ist im Unternehmen geblieben, die Produktionsstätte und das Know-how der Ingenieure.

Niederflurtechnik für die Zukunft

Denn was Nadeschda ihren Kunden verkauft, ist einige Tonnen schwer und bis zu 30 Meter lang. Fahrzeuge mit Niederflurtechnik. Diese Technik, mit besonders tiefliegenden Chassis, wird vor allem im öffentlichen Personennahverkehr eingesetzt, um einerseits das Einsteigen zu erleichtern. Das kommt in erster Linie älteren und behinderten Menschen entgegen und ist eine Tendenz, die man fast überall in Russland erkennen kann. Andererseits werden die so genannten Fahrgastwechselzeiten deutlich verkürzt, was in der Rush Hour einen unschätzbaren Vorteil darstellt und die Beförderung eines deutlich höheren Fahrgastaufkommens ermöglicht.

Hell, ergonomisch, klimatisiert und im Fahrbetrieb leise

Witalij, der Chef, kommt aus seinem Büro gestürmt und begrüßt den Gast aus Deutschland überschwänglich und breitet vor mir seine Vision für das Unternehmen aus. „In Russland haben wir uns ganz gut etabliert, wenn auch mit einigen Schwierigkeiten. Aber wir bieten heute Produkte an, die sich mit jedem anderen auf der Welt messen können.“ Und wie um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, führt er mich zu einem Modell. In der Tat ist das, was er mir zeigt durchaus beeindruckend.

Der Führerstand ähnelt einem Flugzeugcockpit, der Innenraum ist hell, ergonomisch, klimatisiert und im Fahrbetrieb leise. Die Sicherheit und Steuerung werden über GPS und Videoüberwachung realisiert. Alles Eigenschaften, die Fahrzeuge russischer Provenienz in der Regel nicht aufweisen. Wer einmal den 34er Bus vom Kiewskij-Woksal zur Metro Jugosapadnaja benutzen musste oder einen Waggon der Metro Sokolnitscheskaja, der weiß, wovon ich rede.

Produkte, die international konkurrenzfähig sind

Der Blick geht aber schon heute über den russischen Markt hinaus. In die unmittelbaren Nachbarstaaten, nach Ägypten und die Türkei hat man schon verkaufen können, aber die wirklich interessanten Märkte liegen in den infrastrukturell gut erschlossenen und zunehmend auf elektrisch betriebenen Nahverkehr setzenden Industrieländer. „Wir wollen den Schritt auf den europäischen Markt wagen und glauben, dort erfolgreich sein zu können. Konkurrenzfähig sind wir auf jeden Fall!“

Die Überzeugungskraft mit der Witalij diesen Satz sagt, lässt kaum Zweifel zu. Auf meine Frage nach staatlicher Unterstützung, sagen die Mitarbeiter unisono, dass sie das lieber allein schaffen wollen. Das erinnert mich ein wenig an die Antwort vieler deutscher Unternehmer auf die Frage, was sie sich am meisten vom russischen Staat wünschen: „Lasst uns in Ruhe arbeiten!“

Unternehmergeist bei der Arbeit

Als ich das Unternehmen verlasse, fühle ich mich seltsam beschwingt. Da gibt es also eine russische Firma, die alles das, wofür wir seit Jahren votieren, in aller Stille umsetzt: Entwicklung hochtechnologischer Produkte, die konkurrenzfähig sind, jenseits von Öl und Gas und noch dazu exportieren will bzw. schon exportiert, und das alles ohne staatliche Unterstützung. Hier kann man Unternehmergeist bei der Arbeit beobachten. Zugegeben: Man muss ein bisschen suchen, um in Russland Firmen zu finden, die wir in Deutschland als Hidden Champions bezeichnen, aber es gibt sie!

Berlin als Vorbild unternehmerischen Erfolgs

Auf dem Rückweg nach Moskau fahre ich an Skolkowo vorbei – der Idee eines russischen Silicon Valley. Der Versuch, Innovation „von oben“ anzustoßen, ist bisher nur zaghaft gelungen. Aber genau das muss der Anspruch an eine künftige Wirtschaftspolitik in Russland sein: Unternehmerische Eigeninitiative fördern, Rahmenbedingungen schaffen, die Unternehmen wirklich nutzen können, um sich zu entwickeln, Start-Ups begleiten und endlich die Angst verlieren, dass mit mehr wirtschaftlicher Freiheit staatlicher Einfluss verloren geht. Gerade dieser „Verlust“ ist die Triebfeder, die Marktkräfte freisetzt und eine ungeheure Anziehungskraft entfaltet. Wer es nicht glaubt, muss sich nur in Berlin umschauen, dem Zentrum kreativer Gestaltung und internationaler Zusammenarbeit auf dem Kontinent überhaupt.


Jens Böhlmann, Leiter Kontaktstelle Mittelstand für Russland beim Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft. Foto: zVg

Jens Böhlmann, Leiter Kontaktstelle Mittelstand
im Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft

Die Kontaktstelle Mittelstand ist eine Initiative zur Förderung kleinerer und mittlerer Unternehmen im Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft. Sie nahm im Mai 2013 ihre Arbeit auf. Ziel der Kontaktstelle ist die Unterstützung deutscher mittelständischer Unternehmen, die einen Markteintritt oder den Ausbau ihrer Geschäftsaktivitäten in den durch den Ost-Ausschuss vertretenen Ländern, insbesondere jedoch in Russland planen.

Anfragen richten Sie bitte an: j.boehlmann@bdi.eu

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Titelbild: ImageFlow / Shutterstock.com

Jens Böhlmann
Über den Autor

ist seit September 2016 Leiter der Kontaktstelle Mittelstand beim Ost-Ausschuss – Osteuropaverein der deutschen Wirtschaft.

Davor war er zehn Jahre bei der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer in Moskau tätig, zuletzt als Leiter der Abteilung Public Relations und Governmental Relations.