Nachrichten zur Wirtschaft in Russland

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Rufil Russia Consulting

Klaus DormannVon

EBRD erwartet nach Einbruch um 4,5 Prozent einen Anstieg um 4 Prozent

Was kommt auf Russlands Wirtschaft zu? Wie bewerten Wirtschaftsinstitute die Maßnahmen zur Pandemie und Konjunktur? Und was denkt die Bevölkerung? Unser Analyst hat Einschätzungen gesammelt.

Am 11. Mai wandte sich Präsident Putin in einer weiteren Fernsehansprache zur Corona-Pandemie an die Bevölkerung. Er erteilte den regionalen Behörden die Befugnis, die sogenannten „Corona-Ferien“ zu beenden. Wann und wie schnell die Einschränkungen der Produktion zur Bekämpfung des Virus gelockert werden, sollen die Regionen selbst entscheiden.

Detaillierte Informationen über Putins neues Dekret, erste weitere Verordnungen der Regionen und die Hilfsmaßnahmen der Regierung bieten die GTAI und der OAOEV. Er hat in Zusammenarbeit mit der Rechtsanwaltskanzlei Beiten Burkhardt einen „Wegweiser durch die rechtlichen Vorschriften und Maßnahmen zur Bekämpfung der Coronavirus-Epidemie in Russland“ erstellt.

In der Stadt Moskau dürfen demzufolge seit dem 12. Mai 2020 die Industrie- und Bauunternehmen ihre Arbeit wieder aufnehmen. Eine Lockerung der Hygienevorschriften erfolgt aber nicht. Im Gegenteil: In Geschäften und in öffentlichen Verkehrsmitteln müssen jetzt Masken und Handschuhe getragen werden.

Das berichtet auch der „BearMarketBrief Russia“ des Foreign Policy Research Institute, der auch einige Informationen zu „COVID in the regions“ bietet. Demnach werden in Moskau und Sankt Petersburg die Quarantänemaßnahmen bis Ende Mai verlängert.

Viel Kritik westlicher Medien an Putins „Corona-Politik“

Insbesondere westliche Beobachter kritisieren, dass Putin den Regionen die Lockerung der Schutzmaßnahmen erlaubt. So weist Markus Ackeret in der NZZ darauf hin, die tägliche Zahl der Neuinfektionen sei nicht zurückgegangen, sie habe sich allenfalls auf sehr hohem Niveau ein wenig stabilisiert. Er meint, dass es in Russland offenbar nicht mehr darum gehe, die Pandemie schnell einzudämmen, sondern dass die Erkrankung weiter Teile der Bevölkerung in Kauf genommen werde.

Zu Putins Motiven schreibt Ackeret:

„Der Kreml will so schnell wie möglich zum Alltag zurückkehren. Der wirtschaftliche Preis wird zu hoch. Vor allem soll die wegen der Epidemie verschobene Abstimmung über die Verfassungsänderungen spätestens im Juli nachgeholt werden.“

Ackeret befürchtet, dass es durch Putins Rede den Gouverneuren der Regionen erschwert wird, die bisherigen Beschränkungen weiterhin durchzusetzen. Nur ein Bruchteil der Regionen wäre wirklich reif für weitergehende Öffnungsschritte.

Das ZDF sendete zur aktuellen „Corona-Lage“ in Russland am letzten Donnerstag einen informativen Bericht der Leiterin des Moskauer Studios Phoebe Gaa. Sie meinte in einem Interview unter anderem, sie habe den Eindruck, dass Putins Rede von den Bürgern als eine „generelle Lockerung“ aufgefasst worden sei. Die Regierung sende „missverständliche Signale“. Auf der einen Seite sollten Betriebe und Arbeitsstätten wieder geöffnet werden. Auf der anderen Seite würden die Menschen aber angehalten, ihre persönlichen Kontakte weiter einzuschränken.

Umfrage in Russland zeigt viel Zustimmung der Bevölkerung

Bei den russischen Bürgern findet ein Ende der „arbeitsfreien Zeit“ zu 80 Prozent Zustimmung. Das ergab eine Studie des Meinungsforschungsinstituts WZIOM. 89 Prozent der Befragten stimmen dem Wiederhochfahren der wichtigsten Industriezweige zu. Rund 75 Prozent bewerteten die Ansprache des Präsidenten positiv. Das berichtete die AHK Russland in ihrem Corona-Liveticker am 13. Mai.

Wachstumserwartungen der Analysten trüben sich noch weiter ein

Die Financial Times sieht die russische Regierung nach der Rede Putins vor einer nahezu unlösbaren Aufgabe. Sie solle einen seit sechs Wochen verhängten nationalen „lockdown“ der Produktion abbauen und gleichzeitig die im weltweiten Vergleich am zweitschnellsten wachsende Infektionsrate verringern.

Der in diesem Jahr zu erwartende Einbruch der gesamtwirtschaftlichen Produktion wird von Analysten in Banken und Instituten immer höher veranschlagt. Eine Ende April veröffentlichte Reuters-Umfrage ergab noch eine durchschnittliche Rezessionsprognose von „nur“ 3,4 Prozent. Die am 12. Mai veröffentlichte Umfrage des Research-Unternehmens FocusEconomics weist aus, dass im Durchschnitt mit einem Rückgang des Bruttoinlandsprodukts um 4,1 Prozent gerechnet wird. Eine vom 06. bis zum 12. Mai durchgeführte Umfrage des Zentrums für Konjunkturforschung der Moskauer Higher School of Economics bei 28 Experten ermittelte eine durchschnittliche Prognose von – 4,3 Prozent. Damit sind auch die Ergebnisse dieser beiden Umfragen innerhalb der von der Zentralbank am 24. April genannten Prognose-Spanne von – 4 Prozent bis – 6 Prozent „angekommen“.

EBRD rechnet 2020 mit schwächerer Rezession als der IWF

Ein kurzes Kapitel zur russischen Wirtschaft enthält auch der in der letzten Woche veröffentlichte halbjährliche Bericht „Regional Economic Prospects“ der Londoner Entwicklungsbank EBRD. Ihre Russland-Prognose entspricht mit einem Produktionsrückgang um 4,5 Prozent in diesem Jahr weitgehend dem Ergebnis der jüngsten HSE-Umfrage (- 4,3 Prozent). Die EBRD bleibt damit einen Prozentpunkt unter der Mitte April veröffentlichten Rezessionsprognose des IWF (- 5,5 Prozent).

Als Grund für den Produktionsrückgang nennt die EBRD nicht nur die Folgen der Corona-Pandemie, sondern auch das Fehlen eines wirksamen Abkommens zur Begrenzung der Ölförderung im Rahmen der OPEC+ Länder. Die Wiederaufnahme der Verhandlungen habe nicht zu Vereinbarungen geführt, mit denen die Förderung ausreichend stark gesenkt werde, um die Preise zu stützen.

DekaBank jetzt fast so skeptisch wie der IWF

Daria Orlova, Analystin der DekaBank, nahm ihre Russland-Prognose vor rnd einer Woche in den monatlich erscheinenden „Emerging Markets Trends“ von – 1,8 Prozent auf – 5,3 Prozent zurück. Die Prognosen einiger anderer Geschäftsbanken (ING, Helaba, Commerzbank) sind hingegen in den letzten Wochen nicht weiter gesenkt worden.

Wachstumsprognosen 2020 bis 2022
Veränderung des realen Bruttoinlandsprodukts gegenüber dem Vorjahr in Prozent

   202020212022
HSE Umfrage05/18/2020-4.332.3
ING Bank, Amsterdam05/15/2020-2.52
Helaba, Frankfurt05/15/2020-33
Commerzbank, Frankfurt05/15/2020-21.1
EBRD, London05/13/2020-4.54
OPEC, Wien05/13/2020-4.5
FocusEconomics
Consensus Forecast
05/12/2020-4.13.1
DekaBank, Frankfurt05/12/2020-5.33.2
Berenberg Bank, Hamburg05/11/2020-53.52.5
Interfax-Umfrage05/07/2020-3.52.5
HSE, Development Center05/07/2020-43.1
EU Kommission; Brüssel05/06/2020-51.6
WIIW, Wien05/06/2020-71.5
Reuters-Umfrage04/30/2020-3.4
Sberbank, Moskau04/30/2020-4.23.12
Moody’s Rating04/28/2020-5.52.2
Russische Zentralbank,
Basisszenario
04/24/2020- 4 bis - 6
Urals 27 $/b
2,8 bis 4,8
Urals 35 $/b
1,5 bis 3,5
Urals 45 $/b
Standard & Poor’s24.04.20.-4.84.53.3
Fitch Ratings04/22/2020-3.32.5
ACRA Rating Moskau04/21/2020-4.52.23.5
Raiffeisen Bank International, Wien04/20/2020-4.92.8
OPEC, Wien04/16/2020-0.5
Unicredit/BankAustria, Mailand04/15/2020-5.43.8
Internationaler Währungsfonds04/14/2020-5.53.5

DekaBank-Analystin Orlova ging bei der Senkung ihrer Prognose davon aus, dass die bisherigen Beschränkungen der Wirtschaftsaktivitäten wegen der angespannten epidemiologischen Lage für den ganzen Monat Mai verlängert werden. Das wird jetzt von den Entscheidungen der Gouverneure abhängen, nachdem Präsident Putin die landesweite Anordnung der „arbeitsfreien Zeit“ aufgehoben hat.

Orlova befürchtet von der Corona-Krise nicht nur einen vorübergehenden Einbruch der Produktion. Sie stellt heraus, dass die derzeitige Krise insbesondere für die privaten kleinen und mittleren Unternehmen in Russland eine „Herausforderung“ sei. Es bestehe die Gefahr, dass Russlands Wirtschaft nach der Corona-Rezession noch stärker staatlich kontrolliert sein werde.

2021 erwartet die EBRD eine relativ rasche Erholung der Produktion

Fast niemand geht davon aus, dass der 2020 zu erwartende Produktionseinbruch bereits im Jahr 2021 vollständig ausgeglichen werden kann. Auch die DekaBank rechnet nicht damit, Sie erwartet aber ähnlich wie der IWF, dass gut die Hälfte des diesjährigen Rückgangs der Produktion im nächsten Jahr mit einem Wachstum von 3,2 Prozent aufgeholt werden kann.

Eine noch kräftigere Erholung hält die EBRD für möglich. Sie erwartet, dass der diesjährige Produktionsrückgang um 4,5 Prozent im nächsten Jahr mit einem Wachstum um 4,0 Prozent weitgehend wettzumachen ist.

Die EBRD betont jedoch die Risiken ihrer Prognose. Sie sei zum einen von der Dauer der Produktionseinschränkungen im Rahmen der Pandemie-Bekämpfung abhängig, aber auch von der Entwicklung der Ölpreise. 2021 sei ein schwächeres oder stärkeres Wirtschaftswachstum als 4 Prozent möglich.

Bei den Konjunkturgutachtern der EU-Kommission überwiegt die Skepsis im Blick auf 2021. Sie erwarten, dass vom diesjährigen Einbruch der Produktion um 5 Prozent im nächsten Jahr nur rund ein Drittel ausgeglichen wird.

Was die EBRD zur russischen Finanz- und Geldpolitik meint

Zur Entwicklung der russischen Wirtschaft nimmt die EBRD in ihrem Bericht nur kurz Stellung (S. 14/15). Die Umbildung der russischen Regierung im Januar 2020 sieht sie als „klares Signal“, dass in Russland eine stärker wachstumsorientierte Wirtschaftspolitik eingeschlagen werden soll. Die Regierung habe ein umfangreiches Ausgabenpaket zur Erhöhung der realen Einkommen angekündigt. Außerdem wolle sie Mittel aus dem Nationalen Wohlfahrtsfonds zur Umsetzung von 12 „Nationalen Projekten“ nutzen.

Die EBRD stellt heraus, dass Russland immer noch von Öleinnahmen abhängig ist. Der Preisverfall habe einschneidende Folgen für das Land, insbesondere im Hinblick auf die Notwendigkeit mit fiskalischen Impulsen die nachteiligen Folgen der Pandemie abzuschwächen. Gleichzeitig weist die EBRD aber darauf hin, dass Russland mit den im „Nationalen Wohlfahrtsfonds“ gesparten Mitteln in der Lage sei, ein Budgetdefizit mehrere Jahre lang auszugleichen.

bne Intellinews macht allerdings darauf aufmerksam, dass Finanzminister Siluanow in einem Vedomosti-Interview kürzlich davon ausging, dass die Mittel des Fonds nur noch für 2 Jahre ausreichen. Im März habe er noch von 10 Jahren gesprochen.

Laut EBRD werden auch die umfangreichen Devisenreserven (rund 570 Milliarden US-Dollar) Russland helfen, die Krise zu überwinden. Die Reserven reichten aus, die Staatsschulden und die Auslandsverschuldung vollständig abzudecken. Der Regierung sei sehr daran gelegen, sich diese „hart erarbeitete“ finanzielle Sicherheit zu bewahren.

Zur Geldpolitik stellt die EBRD fest, die russische Zentralbank habe ihre Zinssenkungspolitik fortgesetzt. Der Rückgang der Ölpreise habe zwar eine deutliche Abwertung des Rubels verursacht. Die Zentralbank gehe aber davon aus, dass die preistreibenden Folgen der Abwertung durch die preisdämpfende Wirkung der Corona-bedingten Abschwächung der Nachfrage aufgewogen  werden.

ING-Analyst Dolgin: Russlands „Anti-Krisenpaket“ ist relativ „bescheiden“

Dmitry Dolgin, Chef-Volkswirt Russland der ING Bank, zog am 07. Mai (kurz bevor Präsident Putin am 11. Mai mit dem Ende der „Corona-Ferien“ ein drittes Maßnahmenpaket zur Bekämpfung der Krise ankündigte) in einer ING-Studie eine Bilanz der bisherigen finanzpolitischen Maßnahmen der Regierung zur Bekämpfung der Corona-Krise. Danach ist Russlands „Anti-Krisen-Paket“ mit rund 3 Prozent des BIP im Vergleich mit anderen Staaten „bescheiden“. Eine Übersicht der ING Bank zeigt, dass die Krisenpakete in Ungarn (13,7 Prozent des BIP), in Tschechien (12,4 Prozent) und  Polen (11,3 Prozent) rund vier Mal höher sind.

Im Rahmen des russischen Anti-Krisen-Pakets stellen Ausgaben aus dem Staatshaushalt laut Dolgin rund 2 Prozent des BIP. Steuererleichterungen machen 0,5 Prozent des BIP aus, Kreditgarantien ebenfalls rund 0,5 Prozent des BIP.

Geldpolitisch erwartet er, dass die Zentralbank den Leitzins weiter von 5,5 Prozent auf 4,5 bis 5,0 Prozent senken wird und im Bedarfsfall Banken Darlehen gewährt. Mit dem am 11. Mai angekündigten dritten Maßnahmenpaket dürfte sich der Anteil aller staatlichen Hilfsmaßnahmen am BIP um rund einen weiteren Prozentpunkt auf rund 4 Prozent erhöhen.

Titelbild

Leere Metrostation in St.Petersburg. Quelle: Mehrnaz Taghavishavazi / Unsplash.com

Quellen und Lesetipps:

Ostexperte.de-Artikel zu Konjunktur und Wirtschaftspolitik in Russland von Klaus Dormann:

Coronavirus in RF: Liveticker, Presseschau, Russland-Analysen, Russia Analytical Digest

Corona-Informationen von GTAI, OAOEV, WKO, AEB, AHK

Corona-Themenseiten des Wirtschaftsministeriums und der Zentralbank

Rede Putins vom 11. Mai zum Ende der arbeitsfreien Zeit und weiteren staatlichen Hilfen

Wirtschaftspolitik in der Corona-Krise in Russland

Wirtschaftspolitik in der Corona-Krise weltweit

Ölpreiseinbruch und Konjunktur in Russland und weltweit

Periodisch erscheinende Konjunkturberichte

Länderprofil; Russland in Zahlen; Jahresberichte

Konjunktur im März/April; Monatsberichte von Zentralbank, Wirtschaftsministerium, Rosstat

Verbraucherpreisentwicklung im April

Zentralbank: Monetary Policy Report; nächste Ausgabe erscheint am 03.08.2020

Zentralbank: Präsentationen für Investoren in Englisch

Geldpolitik: Leitzinssenkung und mittelfristige Prognosen vom 24.04.2020

Zentralbank: „What the trends say“; Bericht der volkswirtschaftlichen Abteilung Pressemeldung:

Klaus Dormann
Über den Autor

war von 1980 bis 2015 Mitarbeiter der volkswirtschaftlichen Abteilung der Ruhrgas AG und der E.ON SE.