Nachrichten zur Wirtschaft in Russland

Anzeige
Rufil Russia Consulting

Kristina RitterVon

Ehefrau, Mutter, Führungskraft? Emanzipation und Frauenrechte in Russland

In Zeiten von MeToo Debatten und Genderdiskussionen lohnt sich der Blick gen Osten: Wie ist die Situation der Frauen in Russland? Ein kurzer Faktencheck.

In keinem Land der Welt ist die Gleichberechtigung so widersprüchlich wie in Russland. 1918 wurde das Frauenwahlrecht in der Sowjetunion eingeführt – ein Jahr früher als in Deutschland. Knapp hundert Jahre später, im Februar 2017, verabschiedet die russische Duma ein Gesetz, welches häusliche Gewalt zu einer Ordnungswidrigkeit herunterstuft. Diese zwei Ereignisse zeigen exemplarisch, in welchem extremen Spannungsfeld sich die Frauen in Russland befinden.

Zentralbankchefin Nabiullina

Betrachtet man die aktuelle Lage, so kommt man zu überraschenden Ergebnissen: Eine Studie der Wirtschafts- und Steuerberatungsgesellschaft Grant Thornten, veröffentlicht im März letzten Jahres, fand heraus, dass Frauen in Russland im weltweiten Vergleich die meisten Führungspositionen bekleiden. 2017 betrug die „Frauenquote“ in Russland 47%. Ein prominentes Beispiel für erfolgreiche russische Frauen ist die Zentralbankchefin Elwira Nabiullina. Deutschland belegte in dieser Studie einen der hintersten Plätze mit einem Frauenteil von 18%.

Gleichzeitig werden russischen Frauen bis heute mehrere hundert Berufe russischen Frauen per Gesetz verwehrt. Zu den verbotenen Berufen gehören beispielsweise Holzfäller/in oder Lokführer/in. Das Gesetz ist ein Überbleibsel aus der Sowjetunion. Es diente zum Schutz der russischen Frauen. Indem man ihnen die Ausübung vermeintlich gefährlicher Berufe untersagte, wollte man ihre Gebärfähigkeit größtmöglich schützen.

Frau = Geburtsmaschine?

Mit 20 Jahren verheiratet, mit 21 Jahren das erste Kind – dieses Stereotyp russischer Familienplanung existiert wahrscheinlich noch in vielen Köpfen. Und bis in die neunziger Jahre hinein verlief die Familienplanung auch so oder so ähnlich. Jedoch hat sich in den letzten Jahren ein Wandel in der russischen Gesellschaft vollzogen. Seit der Jahrtausendwende stieg das durchschnittliche Alter einer russischen Erstgebärenden auf 26,6 Jahre (2017) und das durchschnittliche Heiratsalter der Frauen auf 27,6 Jahre (2016). Außerdem war die Geburtenrate 2018 erstmals stark rückläufig – ein weiterer Indikator für eine Emanzipation der Frauen.

Es mag für viele überraschend klingen, aber die Russische Föderation hat eine sehr liberale Einstellung zu dem Thema Schwangerschaftsabbruch. Die Sowjetunion war das erste Land weltweit, das Abtreibung legalisierte. Und das schon 1920. Schwangerschaftsabbrüche gehören in Russland zu den Kassenleistungen. Zwar haben sich in jüngster Zeit Proteste gegen diese liberale Einstellung formiert – insbesondere aus frommen orthodoxen Kreisen – aber eine überwältigende Mehrheit spricht weiterhin für legale Schwangerschaftsabbrüche aus. Zum Vergleich: Möchte man in Deutschland eine Abtreibung durchführen lassen, handelt man im Grunde genommen rechtswidrig. Nur unter bestimmten Umständen darf hierzulande ein Kind abgetrieben werden.

„Er schlägt mich, weil er mich liebt“

Ein Problem jedoch bleibt, egal wie modern und fortschrittlich sich Russland gibt: häusliche Gewalt. Schaut man sich die offiziellen Zahlen an, könnte man auch hier eine Verbesserung der Situation deuten. 2016 wurden 65.543 Fälle häuslicher Gewalt gemeldet. Im darauffolgenden Jahr nur noch 36.037 Fälle. Womit lässt sich dieser starke Rückgang erklären? Im Februar 2017 verabschiedete die russische Regierung ein Gesetz, welches die Strafen für häusliche Gewalt lockerte und die Hürden für eine Anzeige höher setzte. Durch die Gesetzesänderung werden die meisten Fälle häuslicher Gewalt nur mit einer Geldstrafe geahndet. Viele Opfer fallen durch die Neuerung aus dem Radar. Gleichzeitig entscheidet sich ein Großteil der Opfer bewusst gegen eine Anzeige, denn oftmals ist der Ehemann oder ein Familienmitglied der Täter. Die verhängte Geldstrafe wird meistens aus der Familienkasse gezahlt – das Opfer zahlt also die Strafe des Verbrechers.

Laut inoffiziellen Angaben der Seite domesticviolence.ru leiden mehr als 16 Millionen Frauen in Russland unter häuslicher Gewalt, aber nur 10% erstatten Anzeige.

Ein bitterer Beigeschmack

Wo bleiben die Proteste der Frauen? Vereinzelt regt sich Widerstand und Missstände werden öffentlich angeprangert. Bis jetzt haben die Proteste jedoch keine ernsthaften Veränderungen in der Gesellschaft an.

Vergangenes Jahr sorgte ein „MeToo“- Skandal für hitzige Diskussionen in den russischen Medien: Mehrere Frauen beschuldigten den Politiker Leonid Sluzki sie sexuell belästigt zu haben. In Russland entbrannte daraufhin eine für die dortigen Verhältnisse rege Debatte zum Thema Missbrauch. Während in den westlichen Hemisphären viele namhafte Persönlichkeiten nach solchen Skandalen von der Bildfläche verschwunden sind, verhielt es sich in Russland ganz anders. Die Frauen, die Sluzki beschuldigten, wurden zu Geldstrafen wegen unerlaubter Proteste verurteilt. Sluzki hingegen wies alle Vorwürfe von sich und die Anschuldigungen gegen ihn wurden fallengelassen.


Fotoquelle

Titelbild: Pocket Pirat/Shutterstock.com

Kristina Ritter
Über den Autor

Kristina Ritter ist Autorin bei ostexperte.de und absolvierte ein sechsmonatiges Praktikum bei Artax Rufil Consulting in Moskau. Sie hat in Düsseldorf International Management studiert und lebte unter anderem in Köln und Buenos Aires.