Thomas FasbenderVon

Die Ankündigung, Donald Trump werde heute in Polen auch am Gipfeltreffen der Drei-Meere-Initiative teilnehmen, löst Stirnrunzeln aus. Drei-Meere-Initiative? Nie gehört. Das gleiche gilt wohl (außer für fleißige Leser der vorliegenden Kolumne) für das chinesische 16+1-Format. Ebenfalls nie gehört. Stimmt’s?

Beide bezeichnen Zusammenschlüsse der Ostmitteleuropäer. Im Fall der Drei-Meere-Initiative (Ostsee, Schwarzmeer, Adria) sind es die 12 EU-Newcomer seit 2004 vom Baltikum bis Bulgarien. 16+1 vereint dieselben 12 Staaten und zusätzlich vier weitere auf dem Balkan. Die „1“ steht für China.

Was China mit Ostmitteleuropa zu schaffen hat? China denkt in langen Zeiträumen, und China hat bemerkt, dass man gerade dort nach nichteuropäischen Partnern sucht. Eingeklemmt zwischen Russland und Westeuropa, im Norden den Finnischen Meerbusen, im Süden die Adria, hüten die Nationen ihre jeweilige Identität. Die Vorbehalte den großen Nachbarn gegenüber sind erheblich, im Verhältnis zu Russland eher politisch-historischer, im Verhältnis zu Westeuropa zunehmend weltanschaulicher Natur. Ein zweiter nichteuropäischer Partner – China neben den stark präsenten USA – wird da nicht schaden. Und Peking (Stichwort „Neue Seidenstraße“) kommen alle eurasischen Kontakte zupass.

Polen ist nicht zufällig die treibende Kraft hinter beiden Formaten. Bereits in der Zwischenkriegszeit vor 1939 stand der Begriff Międzymorze, der Raum zwischen den Meeren, zwischen Ostsee und Schwarzmeer, für ein geopolitisches Risorgimento der Polen. Międzymorze schreibt die Geschichte des polnisch-litauischen Großreichs vor dem 18. Jahrhundert fort.

Viele Deutsche, denen der Bruch mit der Vergangenheit in Fleisch und Blut übergegangen ist, haben Schwierigkeiten mit der weltweiten Rückbesinnung auf regionale und nationale Traditionslinien. Von Katalonien bis China – Identität wird nicht mehr in revolutionärem Fortschritt gesucht, sondern in den eigenen Wurzeln.

Dabei gilt ebendies für Deutschland selbst. Europa driftet auseinander. Im Osten Drei-Meere und 16+1, im Westen die Achse Paris-Berlin. Nur die Hardcore-Europäer sehen Berlin-Paris noch als Spitzenformation einer vitalen EU-28/27. Wer weiter denkt und blickt – warum nicht von den Chinesen lernen? -, erkennt darin das karolingische Format in heutiger Gestalt. War es Zufall, dass die sechs Gründerstaaten der EWG vor 60 Jahren – Belgien, Deutschland, Frankreich, Italien, Luxemburg und die Niederlande – damit deckungsgleich waren? On revient toujours à ses premières amours.

Thomas Fasbender
Über den Autor

ist freier Journalist und Publizist in Berlin. Von 1992 bis 2015 hat er in Moskau gelebt. 2014 erschien sein Buch „Freiheit statt Demokratie. Russlands Weg und die Illusionen des Westens“ im Manuscriptum Verlag.