Brief zum Wochenende, 12. Mai 2017

Lieber Doktor Seele,

als Präsident der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer und Chef der OMV AG, des größten österreichischen Unternehmens, haben Sie gestern in Berlin an die deutsche Wirtschaft und Politik appelliert. Sie haben aufgerufen zu mehr Offenheit, mehr Zusammenarbeit und mehr Bereitschaft zum Dialog mit Russland anstelle von Schulmeisterei und Ausgrenzung.

Sie haben dabei nicht verschwiegen und nicht unter den Tisch gekehrt, dass es schwerwiegende Differenzen beim Thema Ostukraine und bei der völkerrechtlichen Bewertung der Krimfrage gibt. (Ein Russe würde jetzt hinzufügen: und beim Status des Kosovo. Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein).

Sie haben auch erwähnt, dass es nicht nur Kritiker und Saboteure einer engeren Zusammenarbeit mit Russland gibt. Viele Menschen in der Wirtschaft und auch in der Politik wünschen sich ein besseres Gesprächsklima und wollen die vielen Möglichkeiten, die sich aus engeren Ost-West-Kontakten ergeben, ausnutzen – trauen sich aber nicht, den Mund aufzutun.

Das Wort haben die Gegner. Das ist leider so, viele Gespräche und eigene Erfahrungen haben es bestätigt. Wer sich für enge und gute deutsch-russische Beziehungen einsetzt, riskiert, dass ihm so mancher Naseweis übers Maul fährt.

Schließlich haben Sie, lieber Herr Seele, auf die überragende Bedeutung der Pipeline Nord Stream II für die deutsche und europäische Energieversorgung hingewiesen. Indem es die europäischen Verbraucher unabhängig macht von unsicheren Transitländern, ist Nord Stream II das Vernunftprojekt der Stunde.

Leider ist Nord Stream II auch ein Beispiel, welch geringe Bedeutung manche politischen Kreise den europäischen Interessen beimessen. Das Projekt steht EU-seitig unter Beschuss, weil es angeblich die Verhandlungsposition der Ukraine Russland gegenüber schwächt. Das mag so sein. Doch ist das ein Grund, unsere Verbraucher zu Geiseln der Kiewer Oligarchenriege zu machen? Manchen Medien und Politikern, auch hierzulande, ist die Ukraine, der blutige Stachel im russischen Fleisch, wichtiger als die Energieversorgung der „eigenen Leute“. Und das nennt sich dann europäische Solidarität.

Lieber Doktor Seele, für Ihren Appell und Ihre offenen Worte dankt

Ihr Thomas Fasbender