Nachrichten zur Wirtschaft in Russland

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Rufil Russia Consulting

Jens BöhlmannVon

Ost-Ausschuss-Kolumne über Wirtschaft und Politik

Wann Unternehmen Lokalisierung erwägen und warum Weltmarkt und Welpenschutz nicht vereinbar sind: Die Ost-Auschuss-Kolumne von Jens Böhlmann.

Chinas Marktgröße rechtfertigt Kompromisse

Der Satz wäre in seiner Sachlichkeit fast untergegangen, vorgetragen ohne Emotion, Bedauern oder Vorwurf: „Die Frage, ob man lokalisiert, ist niemals von politischen Entscheidungen wie Lokalisierungs- oder Importsubstitutionsanforderungen getrieben, sondern ausschließlich von strategischen und ökonomischen Überlegungen.“ Es geht unter anderem auch um die Frage: „Hat der Markt die kritische Größe, um Investitionen zu rechtfertigen?“ Ausgesprochen hat ihn der CIS-Chef eines der größten deutschen Unternehmen und damit die Gemütslage stellvertretend für viele andere Firmen perfekt in Worte gefasst. Er ist gleichzeitig die Antwort darauf, warum in China sehr viel mehr Firmen produzieren als in anderen Ländern, obwohl auch dort Protektionismus, Lokalisierungsanforderungen und mäßig freiwilliger Technologie-Transfer an der Tagesordnung sind: Die Größe des Marktes rechtfertigt Kompromisse.

Bürokratie, Zoll, unkooperative Partner

In direkter Verbindung damit steht auch die Frage nach der möglichen Verlagerung der Lieferketten aus China, aus Indien, aus Südostasien, aus Südamerika oder anderen Teilen der Welt – zurück – nach Europa oder zumindest näher an die OEM. In die augenblicklich heiß geführte und politisch aufgeladene Debatte nach mehr Regionalisierung mischt sich nicht selten ein gerüttelt Maß an Aktionismus. Denn am Ende aller Überlegungen entscheiden der Verbraucher und der Kunde darüber, ob ein Produkt am Markt besteht. Die Corona-Krise mag die Notwendigkeit von Lagerhaltung und strategischen Reserven deutlich gemacht haben, ein Beweis für mehr Chancen europäischer Lieferanten, vor allem aus Osteuropa, ist sie nicht. „Unser Problem ist nicht durch Corona entstanden. Wir kämpfen mit der Bürokratie, dem Zoll und den wenig kooperativen Partnern. Sourcing in Russland oder der Ukraine ist augenblicklich überhaupt kein Thema. Dazu sind die Märkte nicht entwickelt genug“, so das Fazit eines deutschen Unternehmens, das selbst Lieferant für elektromechanische Teile für Wasserkraftanlagen ist. Die fundamentalen Voraussetzungen für eine Zusammenarbeit heißen Qualität, Nachhaltigkeit, Flexibilität und Service.

Vor uns liegen die Mühen der Ebene

Von Bertolt Brecht stammt die Erkenntnis: „Die Mühen der Gebirge liegen hinter uns. Vor uns liegen die Mühen der Ebenen.“ Um den verständlichen Wunsch nach mehr Investitionen in den osteuropäischen Ländern Realität werden zu lassen, ist immer ein Umfeld notwendig, das ein Land oder eine Region für Investoren interessant macht. Wenn, wie beim vorliegenden Projekt in der Ukraine zu allen hausgemachten Schwierigkeiten noch „Mondpreise“ für eventuelle lokale Lieferungen hinzukommen, ist das ein Ausschlusskriterium. Die unverzichtbare Grundlage für eine Zusammenarbeit ist Vertrauen. Ein Gut also, das man nicht kaufen und auch nicht per Regierungsverordnung anweisen kann. Man muss es durch lange harte Arbeit erwerben und die Partner von sich und seinem Produkt überzeugen. Der Preis ist dabei nur ein Argument. Warum sonst sollten Menschen überall auf dem Globus deutsche Autos kaufen? Zuverlässigkeit und Image spielen eine mindestens genauso große Rolle – und natürlich Funktionalität. Apple war nicht von Beginn an gut. Selbsterklärende Funktionen und geniale Ergonomie haben aus einem Produkt für Nerds den Weltmarktführer gemacht.

Zwischen Realität und Wünschen

So mag der Wunsch nach europäischen oder deutschen Internet-Plattformen ein durchaus berechtigter sein. Und der Versuch mit dem Projekt GAIA-X ein „digitales Ökosystem, das innovative Produkte schafft und mit dessen Hilfe Unternehmen und Geschäftsmodelle aus Europa heraus weltweit wettbewerbsfähig skalieren können“, ist aller Ehren wert. Datensicherheit und Datensouveränität sind im digitalen Zeitalter unverzichtbar. Aber, es ist eben bisher nur ein Versuch. Google, Amazon, Microsoft, IBM, Alibaba und Taobao existieren im realen Leben und sind extrem erfolgreich. Jüngstes Beispiel: Ein großer Teil der Online-Kommunikation im Selbstisolationsmodus lief über Zoom und Microsoft Teams. Der Börsenwert von Zoom ist 2020 um mehr als 100 Prozent gestiegen. Selbst ein hervorragender Anbieter wie Yandex hat im Vergleich dazu eine geringe Reichweite und eher regionale Bedeutung. Solange die russische Gesetzgebung den ausländischen Kapitalanteil auf ein Fünftel beschränkt, wird das auch so bleiben.

Digitalisierung macht den Unterschied aus

Womit wir wieder bei stattlichen Eingriffen und deren Auswirkungen auf das Vertrauen von Verbrauchern und Investoren wären. Die Corona-Pandemie hat eines ganz deutlich gemacht, Unternehmen, die die digitale Transformation als notwendig und als Chance betrachten haben nicht nur theoretisch sondern auch ganz praktisch einen Wettbewerbsvorteil. „Wir haben in der Krise den Anteil der Kunden, die über elektronische Kanäle mit uns kommunizieren von 20 auf 40 Prozent gesteigert. Digital channels become very important“, so Anton Grechko, Manager Sales and Marketing bei Kühne und Nagel CIS. Interoperabilität ist dafür die Grundvoraussetzung. Wikipedia erklärt den sperrigen Begriff als „die Fähigkeit zur Zusammenarbeit von verschiedenen Systemen, Techniken oder Organisationen. Dazu ist in der Regel die Einhaltung gemeinsamer Standards notwendig.“ Die Schlüsselworte sind Einhaltung und gemeinsam. Der Versuch nationale Systeme oder Standards einzuführen, ist eigentlich nur mit Hybris zu erklären – und zum Scheitern verurteilt.

Der „Rust Belt“ rostet weiter

Den eigenen Markt zu schützen, mag eine kurzfristige Maßnahme zur konjunkturellen Stimulation sein oder auch nur politisch motiviert. Langfristig sind die Effekte marginal oder negativ. Donald Trump hat zu Beginn seiner Amtszeit großspurig erklärt, dass er den Rust Belt wieder industrialisieren wird. Das Mittel der Wahl waren Zölle auf Importe und der Druck auf amerikanische Unternehmen, künftig wieder in den USA zu investieren. Das Ergebnis fasst James Politi von der Financial Times so zusammen: „Mr. Trump has delivered a significant hit to the world economy, exacerbated geopolitical tensions with China, heightened volatility in global markets and angered allies in Europe, North America and Asia.” Die Industriearbeitsplätze sind derweil nach Angaben des US Labour Department in Michigan, einem der wirtschaftlichen Zentren der größten Industrieregion der USA, im vierten Quartal 2019 um vier Prozent zurück gegangen.

Auf dem Weltmarkt zählt nur das Produkt

Etwas ganz Ähnliches spielt sich gerade – nicht ganz so laut – in Russland ab. Einfuhrzölle, Quoten, Sonderprüfungen, nationale Label, nationale Normen, phytosanitäre Prüfungen, eigene Prüf-Labore, umständliche und langwierige Zulassungsverfahren, das alles kennen die Unternehmen schon. Dieses Instrumentarium wurde um Recycling Fees und Sondersteuern erweitert, die inländische Produzenten im Unterschied zu ausländischen in Form von Subventionen erstattet bekommen. Anfänglich um die Verarbeitende Industrie wettbewerbsfähiger zu machen, werden jetzt solche Maßnahmen auch auf den IT- und Software-Sektor ausgedehnt. Einerseits, um die heimische IT-Wirtschaft zu stützen. Andererseits, um sie fit für den Export zu machen. Glauben die Erfinder solcher Konstrukte wirklich, dass es im Ausland irgendjemanden interessiert, was die Intention hinter solcherart Welpenschutz war? Auf dem Weltmarkt zählt nur das Produkt und dessen Qualität.

Die ganze Wertschöpfungskette optimieren

Ganz offensichtlich aber haben sie vorher keinen Austausch mit dem Minister für Industrie und Handel gepflegt. Der nämlich lässt sich mit dem Satz zitieren: „Wir müssen komplexe Lösungen für unsere Systeme aufbauen – Digitalisierung, Automatisierung und die Einführung von Smart Manufacturing. Um auf die internationalen Märkte hinaus zu gehen, müssen wir erst den eigenen erobern, nur dann öffnen sich die ausländischen Märkte für unsere Produzenten – und natürlich mit Unterstützung des Staates.“ Über den letzten Halbsatz ließe sich sicher diskutieren, aber prinzipiell ist es genau das – ein Level Playing Field für alle Wettbewerber. In Deutschland heißt diese digitale Transformation für die Industrie – Industrie 4.0. Die Basis dafür sind digitale Prozesse, die es möglich machen global zu agieren: „Durch die Vernetzung soll es möglich werden, nicht mehr nur einen Produktionsschritt, sondern eine ganze Wertschöpfungskette zu optimieren. Das Netz soll zudem alle Phasen des Lebenszyklus des Produktes einschließen – von der Idee eines Produkts über die Entwicklung, Fertigung, Nutzung und Wartung bis zum Recycling.“ Von nationalen Regeln, geschlossenen Märkten und der Benachteiligung ausländischer Anbieter steht da nichts. Wohl aber sehr viel darüber, dass man für den Übergang ins digitale Zeitalter unbedingt auf internationale Zusammenarbeit angewiesen ist.

Der „Ost-Ausschuss – Osteuropaverein der Deutschen Wirtschaft“ veröffentlicht im Zwei-Wochen-Rhythmus eine Kolumne auf Ostexperte.de.

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Titelbild: Unsplash

Jens Böhlmann
Über den Autor

ist seit September 2016 Leiter der Kontaktstelle Mittelstand beim Ost-Ausschuss – Osteuropaverein der deutschen Wirtschaft.

Davor war er zehn Jahre bei der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer in Moskau tätig, zuletzt als Leiter der Abteilung Public Relations und Governmental Relations.