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AHK Russland: Deutsche Unternehmen sehen Stabilisierung der Wirtschaftslage in Russland

Die deutschen Unternehmen in Russland sehen eine Stabilisierung der wirtschaftlichen Lage im Land. Das ist eines der Ergebnisse der Geschäftsklima-Umfrage der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer (AHK), die am 28. Oktober 2016 in Moskau vorgestellt wurde.

Geschäftsklima-Umfrage der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer:

  • Für 2017 geht die Mehrheit der deutschen Unternehmen in Russland von einer leicht positiven Entwicklung der russischen Wirtschaft aus
  • Deutsche Unternehmen halten am russischen Markt fest
  • Bereitschaft zur Produktion in Russland ist hoch
  • Unsicherheit über Entwicklung des Markts ist größte Schwierigkeit für Firmen
  • 86 Prozent der Unternehmen sind für eine Aufhebung der Sanktionen

Zwar beurteilten die Unternehmen die Lage der russischen Wirtschaft zum Zeitpunkt der Befragung im Sommer 2016 noch als rezessiv (58%) bis stabil (32%), allerdings rechnen sie bis Jahresende bereits mit einer überwiegend stabilen bis leicht positiven Entwicklung. Die Tendenz zeigt bergauf: Für 2017 prognostizieren die teilnehmenden Unternehmen mehrheitlich eine leicht positive Wirtschaftsentwicklung. Die eigene Geschäftslage sehen sie überwiegend als „befriedigend“ (56%) bis „gut“ (26%).

Deutsche Unternehmen sehen Wachstumsmöglichkeiten

„Trotz der angespannten wirtschaftlichen Lage bleibt Russland für viele ein Markt mit großen Wachstumsmöglichkeiten“, so Rainer Seele, der Präsident der AHK. „Deutsche Unternehmen haben das erkannt.“ 27% der Umfrageteilnehmer konnten im 1. Halbjahr 2016 ein Umsatzwachstum um jeweils mehr als 10% erzielen. Für das gesamte Jahr rechnen insgesamt 54% mit einem Umsatzzuwachs und 28% mit einem Rückgang.

Die deutschen Firmen stehen zum russischen Markt: mehr als die Hälfte hält das Potenzial weiterhin für „hoch“ oder „sehr hoch“. 91% der Unternehmen wollen sich daher auch weiterhin in gleicher Form in Russland engagieren. Nur ein geringer Teil (13%) plant, in Zukunft die Zahl der Mitarbeiter zu reduzieren. Über ein Drittel will neues Personal einstellen.

Investitionen und Lokalisierung in Russland

AHK-Vorstandsvorsitzender Matthias Schepp

Matthias Schepp (i.d. Mitte) ist der Vorstandsvorsitzende der AHK Russland. Vorher war er Leiter des Moskauer „Spiegel“-Büros.

„Die Bereitschaft der deutschen Unternehmen, in Russland zu produzieren ist nach wie vor hoch und steigt an“, sagt Matthias Schepp, der Vorstandsvorsitzende der AHK Russland. Eine gesonderte Umfrage der AHK unter ihren Mitgliedern zum Thema Lokalisierung im Oktober 2016 ergab, dass 56% der Befragten bereits lokalisiert haben und eine Erweiterung der Produktion planen und weitere 20% vorhaben, in den nächsten zwei Jahren erstmals eine Fertigung oder Montage in Russland aufzubauen.

„Wenn die Unternehmen, die jetzt in Russland investieren, sehen, dass sich ihr Engagement lohnt, wird sich das herumsprechen und zu weiteren Investitionen führen“, sagt AHK-Chef Schepp. „Die russische Regierung muss deshalb dafür sorgen, dass deutsche und ausländische Investoren fair und gegenüber russischen Konkurrenten gleich behandelt werden.“

Sanktionen, schwacher Ölpreis und Rubel-Wechselkurs

Die Unsicherheit der Marktentwicklung mit Sanktionen, schwankendem Ölpreis und Rubel-Wechselkurs stellt für die deutschen Unternehmen die größte Beeinträchtigung in ihrem Russland-Geschäft dar. Als weitere Hürden nennen sie den bürokratischen Aufwand, die hohe Inflationsrate und Protektionismus. Weitere starke Beeinträchtigungen des Geschäfts sind den Unternehmen zufolge finanzielle Faktoren wie die Höhe des Leitzinses und der sanktionsbedingt eingeschränkte Zugang zu Finanzierungen aber auch die gesetzlichen Regelungen, mit denen Importe ersetzt werden sollen.

Weiterhin große Mehrheit für ein Ende der Russland-Sanktionen

AHK Russland, Logo

Logo der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer (AHK)

Die deutsche Wirtschaft in Russland votierte wie zuvor mit breiter Mehrheit für ein Ende der EU-Sanktionen gegen Russland. 46% der Umfrageteilnehmer sind für eine sofortige Aufhebung, 40% für ein schrittweises Vorgehen – auch wenn das Minsker Abkommen noch nicht vollständig umgesetzt ist. Hier hat sich im Vergleich zur Umfrage der AHK im Frühjahr 2016 der Anteil der Befürworter eines schrittweisen Abbaus erhöht (von 28% auf 40%). Nach Einschätzung der Unternehmen erreichen die EU-Sanktionen ihre politischen Ziele nicht (90%).

Etwas über die Hälfte der befragten Firmen (58%) ist von den beidseitigen Sanktionen betroffen – am häufigsten von den Finanzmarkteinschränkungen, Dual-Use-Bestimmungen sowie vom russischen Lebensmittel-Embargo.

Eurasische Wirtschaftsunion

Die Erweiterung und Vertiefung der am 1. Januar 2015 gegründeten Eurasischen Wirtschaftsunion (EAWU), bestehend aus Russland, Belarus, Kasachstan, Armenien und Kirgisistan, bietet vielen deutschen Unternehmen vor Ort noch keine Vorteile (43%). Die Abschaffung von Zollgebühren- und -kontrollen (26%) sowie der größere Absatzmarkt durch die EAWU werden in der Befragung jedoch positiv hervorgehoben.

Kritik: Ist die Umfrage repräsentativ genug?

Nach der Veröffentlichung des Artikels erreichte uns die Kritik eines Lesers, der die Repräsentativität der AHK-Umfrage infrage stellt. Das Ergebnis sei nicht als Anteil der befragten Unternehmen, sondern als Anteil der teilnehmenden Unternehmen anzugeben. Bei 98 von 5.000 deutschen Unternehmen in Moskau sei es schwer, von der Meinung der „deutschen Wirtschaft“ zu sprechen. Bei den vorherigen Umfragen hätten sich meistens mehr als 150 Unternehmen geäußert.

AHK: Aussagen der teilnehmenden Unternehmen fangen Stimmung „sehr genau“ ein

AHK-Vorsitzender Matthias Schepp hat bereits während der Pressekonferenz auf eine vergleichbare Anmerkung eines Journalisten geantwortet:

„Die Aussagen der Umfrage bei 93 teilnehmenden Unternehmen ist sehr repräsentativ. Wir machen das seit vielen Jahren und sehen immer, dass die Ergebnisse doch immer sehr genau die Stimmung einfangen. Wir haben mal ein paar mehr, mal weniger, aber 93 ist keine niedrige Zahl. Traditionell antworten auch die 23 Prozent russische Mitglieder, die wir haben, sehr wenig. Es sind überrepräsentativ mehr deutsche Unternehmen, die antworten. Es sind auch alle großen Unternehmen dabei, weil die auch die entsprechenden Apparate mit genügend Mitarbeitern haben. Weiter sind auch einige institutionelle Verbände darunter, wie etwa die die deutschen IHKs. Klar, wir hätten gerne 150 oder 200, aber die Zahlen sind schon sehr aussagekräftig.“

Viele der Befragten sind „kleine Briefkastenfirmen“

Auf Nachfrage von Ostexperte.de merkt die Pressestelle der AHK Russland an, dass die vorherige Umfrage gemeinsam mit dem Ost-Ausschuss durchgeführt wurde, was den Rückgang der Teilnehmerzahl erklären könnte. Man hätte „natürlich gerne gehabt“, wenn „mehr unserer rund 800 Mitglieder an der Umfrage teilgenommen hätten“. Aber man müsse beim nächsten Mal „stärker die Werbetrommel rühren“.

Was die Anzahl der 5.000 befragten Unternehmen in Russland angeht, so merkt die Pressestelle an, dass viele Unternehmen der Definition nach Unternehmen mit „deutschem Kapital in Russland“ seien. Dies könnte also schon eine kleine Briefkastenfirma sein. Die großen Unternehmen mit Produktion, Tochter oder Repräsentanz in Russland seien in der Unterzahl und tendenziell eher Mitglied bei der AHK Russland.

Titelbild

Quelle: AHK Russland

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