Daimler plant Pkw-Produktion in Russland

Daimler will offenbar eine Pkw-Produktionsstätte im Moskauer Gebiet errichten

Der deutsche Autohersteller Daimler könnte dem russischen Industrie- und Handelsministerium zufolge eine Produktion von Mercedes-Benz Autos im Moskauer Gebiet aufbauen. Das berichteten Ende vergangene Woche mehrere russische Medien übereinstimmend. Daimler hat schon länger Interesse an einer Pkw-Produktion in Russland. Nun steht man aber kurz vor dem Abschluss eines Vertrags mit dem russischen Industrieministerium. Als Standort soll der Industriepark Essipowo geplant sein. 

Der deutsche Mercedes-Hersteller Daimler hat sich offenbar für den Bau eines Pkw-Werks in Russland entschieden. Zwar wird schon seit Mitte 2014 über das Projekt verhandelt, doch nun steht der Abschluss eines Sonderinvestitionsvertrags mit dem russischen Industrieministerium laut dem Ministerium selbst kurz bevor.

Eine Sprecherin von Daimler in Deutschland bestätigte gegenüber Ostexperte.de, dass man mit den russischen Behörden über eine Pkw-Produktion verhandelt:

„Im Rahmen unserer Wachstumsstrategie überprüfen wir kontinuierlich, ob unser Produktionsnetzwerk die Absatzmärkte optimal bedienen kann – das gilt auch für Russland. Hierzu sind wir mit den russischen Behörden im Gespräch, um zu prüfen, ob die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für eine lokale Pkw-Produktion gegeben sind.“

Zu weiteren Details wollte man sich aber nicht äußern.

Die russischen Behörden sind hingegen wesentlich auskunftsfreudiger.

Ein Indiz für die fortgeschrittenen Verhandlungen ist, dass der russische Minister für Wirtschaftsentwicklung, Alexej Uljukajew, bei seinem Aufenthalt in Stuttgart vor zwei Wochen Daimler einen Besuch abstattete. Gegenüber dem russischen Fernsehsender NTV erwähnte Uljukajew dabei die Verhandlungen mit Mercedes-Benz über den Aufbau einer Produktion von Pkw in Russland.

Daimler offenbar kurz vor Abschluss eines Sonderinvestitionsvertrags

Daimler plant Pkw-Produktion in Russland
Die Pläne für ein Pkw-Werk in Russland sind offenbar bereits in einem fortgeschrittenen Stadium. (Von Pixabay.com)

Dem russischen Ministerium für Industrie und Handel zufolge sind die Pläne für ein Werk im Moskauer Gebiet bereits sehr konkret. Daimler und das Ministerium würden voraussichtlich in den kommenden zwei Wochen einen „Special Invest Kontrakt“ (Sonderinvestionsvertrag; russisch: SPIK) unterzeichnen, der seit Mitte 2014 diskutiert wird, sagte der stellvertretende Direktor des Departments für Transport und Spezialmaschinenbau des Handeslministeriums, Wsjewolod Babuschkin, laut Gazeta.ru.

Der Vertrag verpflichtet den Investor, innerhalb eines festgesetzten Zeitraums mit der Produktion zu beginnen. Ein Vorteil für das lokalisierende Unternehmen ist, dass es dem deutschen Unternehmen durch die Montage von Fahrzeugen in Russland möglich ist, auf Staatsaufträge zurückzugreifen.

„Der Plan wurde vom Ministerium vorläufig bestätigt. Derzeit wird noch das grüne Licht von den regionalen Behörden erwartet“, sagte Babuschkin. Die Region Moskau habe bereits ihr Interesse an dem Projekt signalisiert, die Verhandlungen liefen aber noch. Daher sei ein Termin für den Baubeginn der Mercedes-Produktionsstätte noch nicht festgelegt.

„Wir diskutieren ein Produktionsvolumen von bis zu 25.000 Wagen im Jahr“, ergänzte Babuschkin gegenüber Rambler News Service. Zum Vergleich: Laut AEB verkaufte Daimler in Russland im gesamten Jahr 2015 41.614 Neuwagen. 15 Prozent weniger als im Vorjahr.

Der Gouverneur des Moskauer Gebiets, Andrej Worobjow sagte am Sonntag, den 19. Juni in einem Interview mit dem Fernsehsender Rossija 24: „Ich kann bestätigen, dass es um einen Sonderinvestitionsvertrag mit dem Industrie- und Handelsministerium geht“. Die Fabrik werde im Moskauer Gebiet in der Nähe von Scheremetjewo sein (wo sich der internationale Flughafen mit dem gleichen Namen befindet). „Wir hoffen, der Vertrag wird bald unterzeichnet.“ Die ersten Fahrzeuge könnten dann bereits 2018 vom Band laufen, sagte der Gouverneur.

Produktionsstandort steht noch nicht fest

Das Ministerium spricht vom Moskauer Gebiet als Standort. In den russischen Medien wird oft der dort gelegene Industriepark Esipowo genannt. Er ist 280 Hektar groß und günstig an der Fernstraße zwischen Moskau und St. Petersburg gelegen. Die meisten Luxusautos in Russland werden in Moskau verkauft und die meisten Zulieferer für die Autoindustrie befinden sich im Raum St. Petersburg. Doch der Standort steht offenbar noch nicht zu 100 Prozent fest.

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Man ziehe darüber hinaus aber andere Varianten in Betracht, berichtet Gazeta.ru unter Berufung auf einen Vertreter der russischen Tochtergesellschaft von Daimler. Früher waren die Regionen Tatarstan, Swerdlowsk, St. Petersburg, Kaluga und Kaliningrad als mögliche Standorte genannt worden. Über die Zukunft einer möglichen Fabrik wolle man bis Ende des Jahres entscheiden, sagte der Unternehmensvertreter weiter.

Zuvor hatte Daimler auch Gespräche mit den russischen Herstellern KAMAZ und GAZ geführt.

Daimler arbeitet gegenwärtig in einem Joint Venture mit dem russischen Unternehmen KAMAZ in russischen Republik Tatarstan zusammen und baut dort Lkw. Das deutsche Unternehmen aus Stuttgart hält 15 Prozent der Anteile am russisch-tatarischen Automobilhersteller. In Nischni Nowgorod hat Daimler eine Montagelinie für Mercedes-Benz-Minibusse vom Typ Sprinter Klassik. Nun sollen auch die Mercedes-Benz-Pkw lokalisiert werden. Angeblich sollen in dem Werk E-Klasse, S-Klasse, A-Klasse sowie ML- und GL-Modelle gefertigt werden.

Die beiden deutschen Konkurrenten von Mercedes-Benz im Luxussegment montieren ihre Fahrzeuge bereits in Russland: BMW in Kaliningrad bei „Avtotor“ und Audi im Werk der VW-Gruppe in Kaluga.

Bedingungen für Lokalisierung der Produktion momentan günstig

Die Bedingungen, eine Produktion in Russland aufzubauen, sind mit schwachem Rubel und der langsam wieder Fahrt aufnehmenden russischen Wirtschaft günstig. Um den russischen Automarkt steht es hingegen schlecht. Die Absatzzahlen für Neuwagen gehen seit Februar 2013 stetig zurück. Mittlerweile hat sich der Rückgang aber etwas stabilisiert.

Ein Grund für den Aufbau einer russischen Produktion – neben den für einen Export aus Russland günstigen Rahmenbedingungen – ist, dass schon seit Jahren nahezu alle der meistverkauften Autos in Russland lokal produziert werden. Importierte Autos sind für russische Kunden spätestens seit dem Rubelverfall sehr viel teurer geworden. Auch die hohen Einfuhrzöllen auf importierte Fahrzeuge spielen eine Rolle.

Zudem werben die russischen Behörden in der jüngsten Vergangenheit immer intensiver um ausländische und gerade deutsche Investoren. Sie locken etwa mit Steuervergünstigungen und Hilfestellung bei der Eröffnung von Werken.