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Lesetipp: Couchsurfing in Russland von Stephan Orth

Was ist Propaganda, was ist echt? Über keinen Teil der Erde ist die Informationslage verwirrender als über Russland. Da hilft nur: Hinfahren und sich sein eigenes Bild machen. Zehn Wochen lang sucht Bestsellerautor Stephan Orth zwischen Moskau und Wladiwostok nach kleinen und großen Wahrheiten. Und entdeckt auf seiner Reise von Couch zu Couch ein Land, in dem sich hinter einer schroffen Fassade unendliche Herzlichkeit verbirgt.

Titelbild: © Gulliver Theis

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Couchsurfing in Russland: Wie ich fast zum Putin-Versteher wurde

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Auszug aus dem Buch – von Stephan Orth

„Wir haben ein kleines Problem“, erklärt Nadia dem Angestellten im Büro der Autovermietung Eurazcar. Auf dem Glastisch zwischen uns liegen schon die Autoschlüssel.
An der einen Wand hängt eine Formel-1-Rennwagen-Illustration, an der anderen eine Landkarte, im Ikea-Regal daneben steht eine Ikone. Glaube, Speed, Russland, das Triptychon des ultimativen Roadtrips.
„Was für ein Problem?“
„Stephans europäischer Führerschein ist gültig, aber der internationale ist abgelaufen.“
„Seit wann?“
„Seit dem 1. Februar.“
„Das sind ja nur ein paar Monate.“
„Seit dem 1. Februar 2008.“
„Oh.“ Er lacht so freudlos, wie auf der ganzen Welt nur Russen freudlos lachen können.
„Aber ich arbeite als Webdesignerin und bin Photoshop-Profi. Wir fotografieren den Lappen und ändern das Datum“, schlägt Nadia vor. „Wenn man statt des Originals nur ein Foto zeigen kann, kostet das gerade mal 500 Rubel Strafe, habe ich gegoogelt.“
„Hm.“
In vielen Ländern der Erde würde ein Autovermieter nach einem solchen Satz seine Kunden zum Teufel jagen. Bei Eurazcar in Nowosibirsk schreibt der Mann seelenruhig beide Führerscheinnummern in den Vertrag und schiebt uns den Schlüssel zu.

„Wir wollen verreisen, er will unser Geld.“

„Wie hast du das denn geschafft, dass wir damit durchkommen?“, frage ich Nadia auf dem Flur. Ich habe sie über die Reise-Webseite Couchsurfing.com in Nowosibirsk kennengelernt. Sie ist Anfang dreißig, hat braune Augen und ein Temperament, das in Sekundenschnelle von sibirischer Eiseskälte zum strahlenden Lächeln wechseln kann. „Beiderseitiges Interesse“, antwortet sie. „Wir wollen verreisen, er will unser Geld. Es gibt keinen Grund, uns das Auto nicht zu geben.“ Seine größte Sorge sei gewesen, dass wir uns an die Geschwindigkeitsbegrenzungen halten. Es ist Sonntag, da seien besonders viele Verkehrspolizisten auf der Straße, die auf gute Geschäfte hoffen. Und ein Knöllchen bringt auch dem Vermieter Ärger.
Nadia sagt „S bogam – mit Gott“, dann fahren wir zur Wohnung ihrer Eltern, wo sie einen riesigen Rucksack, einen kiloschweren Kochtopf aus Metall, eine große Reisetasche, Gummistiefel mit Micky-Maus-Motiv und zwei kleinere Rucksäcke verlädt. „Wir sind eine Woche unterwegs, nicht ein Jahr“, erinnere ich sie.
„Ich bin eine Frau“, erinnert sie mich. „Kannst du Reifen wechseln?“
„Mit Google bestimmt“, antworte ich.
„Ich auch nicht“, sagt sie. Und schon sind wir unterwegs nach Süden.

Autofahrt durch Sibirien. © Stephan Orth

Autofahren auf die russische Art

Fünf Stunden sind es laut Maps.me bis Gorno-Altaisk. „Wenn ich fahre, vier Stunden“, verspricht Nadia und setzt sich ans Steuer. Was folgt, ist eine Lektion im Autofahren auf die russische Art. Welche interkulturellen Unterschiede dabei zu beobachten sind, lässt sich am besten mit einem kleinen Quiz veranschaulichen:

Ein Überholmanöver sollte so berechnet sein, dass …
a) … beim Einscheren noch mindestens fünfzig Meter Abstand zum Gegenverkehr bestehen.
b) … der mitdenkende Gegenverkehr durch ein Bremsmanöver erreichen kann, dass eine Frontalkollision in letzter Sekunde verhindert wird.

Ein rotes Dreieck mit Ausrufezeichen …
a) … weist auf eine Gefahrensituation hin.
b) … kann alles heißen. Da die fiesesten Achsenbrecher-Schlaglöcher gewöhnlich sowieso nicht damit gekennzeichnet sind, lohnt sich ein stärkeres Abbremsen bei Sichtung des Zeichens meist nicht.

Befinden sich Kühe oder andere Tiere auf der Fahrbahn, die groß genug sind, um bei einer Kollision die Front zu beschädigen, hilft natürlich nur eins:
a) Bremsen.
b) Hupen.

Wesentlichen Anteil an einem erfolgreichen Überholmanöver hat …
a) … die Ausführung desselben nur bei guter Sicht und ein vorausschauender Fahrstil.
b) … der Ausruf: „Dawaidawai! Blin! DawaidawaiDAWAI!!“

Wirbelt auf einer Schotterpiste ein entgegenkommendes Fahrzeug so viel Staub auf, dass die Sicht stark eingeschränkt ist, …
a) … bremst man ab und wartet, bis der Wagen vorbei ist und die Wolke sich auflöst.
b) … gibt man Gas, um die Staubwolke schneller hinter sich zu haben.

Eine Autowaschanlage erkennt man an …
a) … einer Einfahrt mit riesigen Reinigungsbürsten in Signalfarben.
b) … einem sexistischen Werbeplakat.

Eine Rechenaufgabe: Eine Fahrbahn hat pro Richtung eine Spurbreite von 2,30 Meter, also insgesamt 4,60 Meter. Wie viele Autos, die 1,80 Meter breit sind, können hier maximal nebeneinander verkehren?
a) Zwei.
b) Drei (das Kiesbett ist nicht nur Dekoration).

Stephan Orth auf dem Weg nach Grosny in Tschetschenien. © Gulliver Theis

„Dawaidawaidawai! Blin!“

Die Auswertung ist recht einfach. Kommen Sie auf überwiegend b)-Antworten, sind Sie Russe. Bei überwiegend a)-Antworten sind Sie kein Russe.
Wie Nadia abschneiden würde, ist keine Frage. „Dawaidawaidawai! Blin!“ höre ich von ihr öfter, sie scheint mit der Beschleunigung des Wagens bei komplettem Durchdrücken des Gaspedals nicht einverstanden zu sein. Blin bedeutet „Pfannkuchen“, ist aber auch ein universal einsetzbarer und irgendwie niedlicher Fluch.
Ich glaube, wenn mehr Leute auf der Welt wüssten, dass Russen „Pfannkuchen!“ rufen, wenn ihnen etwas gegen den Strich geht, würden sie dieses Land geopolitisch nur noch als halb so bedrohlich empfinden.


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