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Dominik KalusVon

Soziologe über Proteste in Russland

Der deutsche Soziologe Christian Fröhlich erforscht in Russland Bürgerproteste und oppositionelle Bewegungen. Ein Gespräch über die russische Zivilgesellschaft, das Rätsel Staat – und ob sein Job gefährlich ist.

Herr Fröhlich, der Deutschlandfunk hat vor kurzem ein „neues Selbstbewusstsein“ in der russischen Zivilgesellschaft festgestellt. Können Sie das auch wahrnehmen?

Man kann auf jeden Fall Veränderungen wahrnehmen. Es fing an mit den Protesten für faire Wahlen 2011, als erstaunlich viele Menschen vor allem in den Großstädten sich getraut haben, zumindest mal auf die Straße zu gehen für irgendetwas. Das hat alle überrascht. Das ist dann immer weiter gegangen, neue Themen haben immer wieder Leute mobilisiert, die Erhöhung des Rentenalters zum Beispiel, oder die Korruption, was ja besonders viele junge Leute mobilisiert. Neu ist nun, dass diese junge Generation so eine Art „Scheißegal-Attitüde“ entwickelt hat. Immer weniger fürchten sich davor, verhaftet zu werden.

Soziologe Christian Fröhlich. Foto: privat

Woher kommt diese Furchtlosigkeit?

Die Gewalt des staatlichen Apparats ist hier eine größere Normalität, als wir das im Westen kennen. Das hat womöglich zu einer Abstumpfung geführt: Die jungen Leute sind nicht mehr verschreckt. Wenn die Polizei eh überall ist, wollen sie wenigstens ihren Widerstand zeigen, oder vielleicht gerade deswegen. Das ist ein zynischer Umgang damit, aber ich würde es durchaus als Grund für das neue Selbstbewusstsein zählen. Paradoxerweise herrscht trotzdem das Bewusstsein vor, dass man nicht wirklich etwas ändern könne. Aber dass man Unzufriedenheit trotzdem ausdrückt, dass nicht mehr geschwiegen wird, das ist auch Teil dieser Veränderung.

In Ekaterinenburg wird gegen den Neubau einer Kirche protestiert, im Norden gehen die Menschen gegen eine geplante Mülldeponie auf die Straße – das sind ja eigentlich unpolitische Themen.

In westlichen Ländern belächelt man solche Bewegungen vorschnell als „Not in my Backyard“-Proteste. Es stimmt, dass sich viele in der russischen Zivilgesellschaft komplett von Mainstream Politics und Parteien distanzieren, die wollen mit Politikern nichts zu tun haben. Dennoch agieren sie sehr politisch, in dem was sie tun. All die Nachbarschaftsproteste, Mobilisierungen gegen Neubauten – dieses Bewusstsein um den eigenen Lebensbereich hat sich auf jeden Fall zum Positiven verändert.

Was für Gründe könnte man dafür anführen? Überwindet man langsam das viel bemühte sowjetische Erbe? Oder ist das zu einfach gedacht?

Das ist natürlich eine sehr komplexe Fragestellung. Das sowjetische Erbe guckt einen hier ja überall an. Sei es in der Art und Weise, wie Gesellschaft betrachtet wird durch den Staat, oder der Sicherheitsapparat, der ja auch irgendwie eine Fortführung in anderer Form ist. Aber natürlich leben wir hier nicht im sowjetischen Staat, das muss man auch betonen. Es ist durchaus freier alles.

 

„Wir beobachten, dass immer mehr unabhängige Bewegungen die Agenda des Staates stützen.“

 

Die Informations- und Reisefreiheit spielt natürlich eine wichtige Rolle. Es kann sich ja jeder alles angucken oder kommunizieren mit Leuten aus dem Westen, das ist ja alles frei verfügbar. Die Aktivisten und NGO-Leute sind bestens international vernetzt, das sind globale Menschen. Was auch zu diesem Selbstbewusstsein dazukommt: Wenn es zu heiß wird, kann man immer noch das Land verlassen, auch wenn es einem das Herz bricht. Was man nicht vergessen darf: Die Leute aus der Opposition hier sind Patrioten aus tiefstem Herzen. Die lieben ihr Land und wollen, dass es den Leuten darin besser geht. Die wollen nichts zerstören, auch wenn die Regierung das immer behauptet.

Woran arbeiten Sie im Moment?

Mehr und mehr interessiert mich diese „unzivile“ beziehungsweise „konservative“ Zivilgesellschaft. Dieser Umstand, dass viele nichtstaatliche Strömungen zur Stabilität des Regimes beitragen. Das ist ein relativ unverstandenes Feld. Der Begriff der Zivilgesellschaft ist ja eigentlich als Schlüssel zur Demokratisierung von Staaten konzipiert. Und jetzt kann man beobachten, dass viele unabhängige Akteure aber die Agenda des Staates vorantreiben. Zum Beispiel die Anti-Maidan-Bewegung oder religiöse Akteure, die den orthodoxen Glauben verteidigen. Es gibt sogar  Freiwilligengruppen, die der Polizei bei Demonstrationen helfen oder illegale Migranten aufzuspüren.

Russland Proteste gegen Internetgesetze

Proteste in Moskau gegen die im Frühjahr verabschiedeten Internetgesetze. Foto: AlexeyMironov / Shutterstock.com

Wie sicher ist denn Ihre Arbeit? Es gibt wahrscheinlich unbedenklichere Jobs, als in Russland zivile Proteste zu erforschen…

Also für mich ist es bisher nicht gefährlich gewesen, ich wundere mich da auch ein bisschen drüber (lacht). Ich bin mir sicher, dass irgendwo eine Akte über mich existiert, aber bislang wurde ich an keiner Sache gehindert. Aber wie wollen sie das auch begründen – ich bin offiziell an einer russischen Uni angestellt und bekomme vom russischen Staat Geld für meine Arbeit.

Das ging anderen Kollegen anders. Wenn man als Ausländer sich mit Oppositionellen trifft und nicht irgendwie mit einer russischen Institution verbunden ist, dann ist das schon ein Risiko. Das heißt nicht, dass man deswegen automatisch verhaftet wird. Aber ich kenne einige Kollegen, vor allem Amerikaner, die an ihrer Arbeit gehindert und im schlimmsten Falle des Landes verwiesen wurden.

In Deutschland stellt man sich Russland oft als totalitären Staat vor, in dem jeder eingesperrt wird, der etwas Falsches sagt. Wenn man dann hierher kommt, merkt man schnell, dass das nicht so ist. Allerdings passieren doch immer wieder Vorfälle, die Fragen aufwerfen. Morde an Journalisten oder zuletzt der Fall von Iwan Golunow

Ich bin jetzt seit acht Jahren in Russland. Je mehr Zeit ich hier verbringe, umso unklarer und diffuser wird mein Bild vom russischen Staat. Das mit den Journalisten ist ein archaisches Relikt, das mir auch völlig unbegreiflich ist. Eine mögliche Erklärung ist eine Art vorauseilender Gehorsam in den Behörden. Das ganze System ist ja so riesig, da sind so viele Leute involviert… Und einer denkt sich dann,“wenn ich das jetzt mache, das kommt sicher gut, das ist genau, was die über mir wollen“.

 

„Lokale Proteste sind die ersten Samen für ein neues Bürgerbewusstsein.“

 

Man muss auch verstehen, der Staat ist nichts Homogenes, da gibt es innerhalb der Strukturen viele gegensätzliche Kräfte. Das Justizministerium macht zum Beispiel die ganzen Repressionssachen, etwa das Ausländische Agentengesetz, während aus dem Wirtschaftsministerium viel Progressives kommt. Unterschiedlichste Gruppen arbeiten gleichzeitig in verschiedene Richtungen.

Kommt daher vielleicht das zuvor beschriebene Gefühl, dass unterm Strich alles gleich bleibt?

Das ändert sich jetzt ein bisschen auf lokaler Ebene. Wenn so kleine Proteste Erfolg haben und etwas bewirken, das brennt sich natürlich ein. Hier in Moskau sollten kürzlich mehrere Häuserblocks umgesiedelt werden, ohne dass auch nur ein Anwohner vorher gefragt worden wäre. Aber einige Häuser haben es geschafft, sich mit einer gemeinsamen Unterschriftenaktion rauszunehmen. So etwas schafft eine Art kollektives Bewusstsein auf lokaler Ebene. Und das ist etwas Neues für Russland, ein Land, in dem Umfragen zufolge 70 Prozent der Menschen ihren eigenen Nachbarn nicht trauen.

Darf man also zuversichtlich sein?

Ich würde sagen, schon. Wir beobachten die ersten kleinen Samen für ein neues Bürgerbewusstsein. Das heißt nicht, dass ich in absehbarer Zeit irgendeinen Regimewechsel erwarte – das glaube ich nämlich gar nicht. Aber ich denke, dass die Regierung, besonders die lokalen Behörden, immer mehr Konzessionen machen müssen, um ihre Legitimation zu behalten.

Herr Fröhlich, vielen Dank für das Gespräch.

Christian Fröhlich
Der Soziologe  forscht an der russischen Staatsuniversität Higher School of Economics. Er lebt seit acht Jahren in Russland, studiert hat er in Leipzig. Als Kind der DDR hatte er schon als Schüler Russischunterricht. Gelernt hat er die Sprache – für seine Arbeit unverzichtbar – allerdings erst durch Aufenthalte in der Ukraine und Russland. 
Fotoquelle

Titelbild: Umweltproteste in St. Petersburg. Auf dem Schild steht: „Ihr habt auch keinen zweiten Planeten“. Foto: Vikentiy Elizarov / Shutterstock.com

Dominik Kalus
Über den Autor

hat in Passau und Breslau u.a. Internationale Politik und Politische Philosophie studiert. Nach einem Praktikum bei der Süddeutschen Zeitung und freiem Arbeiten für verschiedene Online- und Printmedien schreibt er derzeit aus Moskau für Ostexperte.de.