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Carsharing in Moskau

Simon SchüttVon

Kann Carsharing in Moskau funktionieren?

In Moskau hat kürzlich Delimobil, ein Carsharing-Service ähnlich Car2Go, DriveNow oder Flinkster, Fahrt aufgenommen. Wie das Carsharing in Moskau funktioniert und ob es für Expats eine Alternative zu Metro, Taxi oder eigenem Auto ist, lesen Sie in diesem Artikel.

Der Verkehr in Moskau: Auto, Metro, Bus oder Taxi

Der Transport in der russischen Hauptstadt ist bekanntlich so eine Sache. Da sind zum einen die berüchtigten Automassen und Staus Moskaus. Viele Stunden stehen die Moskauer durchschnittlich pro Woche im Stau. Im Stau-Ranking des Navigationssysteme-Herstellers TomTom landet Moskau auf dem vierten Platz. Nach Angaben des Moskauer Bürgermeisteramtes entfallen derzeit auf 1.000 Bürger 380 Autos. Nur in New York ist das Verhältnis höher.

Rush-Hour Metro

Zur Rush-Hour geht es in der Moskauer Metro sehr hektisch zu.

Die Metro ist zwar mit bis zu sieben Millionen Passagieren täglich das Transportmittel Nummer eins, aber das Gedränge zur Rush-Hour (in Russland „Tschass Pik“ genannt) hat für Menschen mit Platzangst auch seine Nachteile. Außerdem ist sie laut und nicht geeignet, um den Großeinkauf vom Supermarkt zu transportieren. Und sie schließt bereits um ein Uhr nachts ihre Tore. Die Fahrt per Taxi ist auch nicht immer die Lösung, weil der Komfort hier stark von der Person des Taxifahrers abhängt.

Die neuen Online-Taxi-Dienste Uber, Gettaxi oder Yandex.Taxi sind weitere starke Konkurrenten für die Carsharing-Branche.

Ein eigenes Auto ist in erster Linie teuer und lohnt sich für Expats daher selten. Für diejenigen, die Fahrer oder Firmenwagen gestellt bekommen, dürften Carsharing-Dienste uninteressant sein.

Das Prinzip Carsharing in Moskau

Nun versucht auch Moskau mit dem Prinzip des Carsharings, das in deutschen und österreichischen Großstädten bereits verbreitet ist, eine Alternative zu bieten. Das Prinzip ist einfach: In der Stadt verteilt stehen Autos und man kann gegen eine Gebühr kurzzeitig mit ihnen fahren. Dann stellt man sie abstellen, damit der Nächste einsteigen kann. Die Stadt Moskau unterstützt die Carsharing-Projekte finanziell, um so den Verkehr zu entlasten. Mehrere Fahrer teilen sich so ein Auto. Das gibt es zwar auch unter Nachbarn oder Bekannten, doch hier soll sich auf das kommerzielle Carsharing bezogen werden.

Die Vorteile des Carsharings in Moskau sollen weniger parkende Autos, mehr Freiheit als in öffentlichen Verkehrsmitteln sein. Außerdem könne man damit größere Transporte erledigen und rund um die Uhr fahren. Außerdem müsse man sich nicht um die teuren Parkgebühren im Moskau Stadtzentrum von teilweise über 100 Rubel pro Stunde kümmern, verspricht der neue Anbieter Delimobil. Hier sehen Sie sein Werbevideo dazu (auf Russisch):

Der Verleih bei Delimobil funktioniert ausschließlich online. Gebucht wird per Smartphone-App. Auch die Türen öffnen sich so. In den Wagen gibt es Ladegeräte, damit der Strom nicht ausgeht. Der Verleih funktioniert rund um die Uhr, aber nur bis fünf Kilometer um den Moskauer Autobahnring MKAD herum. Man kann die Wagen im Vorfeld reservieren. 20 Minuten Warten ist kostenlos. Die Miete selbst kostet 8,90 Rubel pro Minute. Den reservierten Wagen warten lassen (damit man auch wieder zurück kommt) kostet 1,5 Rubel pro Minute. Benzin, Versicherung, Parkgebühren, Wartung und Reinigung sind im Preis mit inbegriffen. Eine Kaution muss man, anders als bei anderen Diensten, bei Delimobil nicht hinterlassen.

Anders als bei Car2Go, das von Daimler und dem Mietwagen-Anbieter Europcar angeboten wird, sind die Autos in Moskau keine kleinen Smarts. In den Wagen (Modell: Hyundai Solaris) lässt sich also durchaus etwas Größeres als ein Bierkasten transportieren.

Der Konkurrent Anytime, eines der ersten Carsharing-Unternehmen in Russland, bietet sogar BMWs an, die allerdings mehr kosten als VW Polo, Chevrolet Cruze und Hyundai Solaris: acht Rubel pro Minute statt sonst sechs. Am Wochenende ist der Dienst teurer.

Ist Moskau geeignet für Carsharing?

Carsharing in Moskau

Bis Jahresende sollen 500 Autos von Delimobil durch Moskau fahren.

In deutschen oder österreichischen Großstädten funktioniert Carsharing bislang schon recht gut. Doch die Unterschiede zwischen Berlin oder Wien und Moskau sind gewaltig – allein schon, wenn man die Einwohnerzahlen betrachtet. Das heißt für die Carsharing-Anbieter in Moskau: Theoretisch müsste das Netz der Autos wesentlich dichter sein, damit immer ein Auto in Gehweite zur Verfügung steht. Bislang ist das nicht der Fall. Zum Start sind es bei Delimobil 100 für das gesamte Stadtgebiet. Bis zum Ende des Jahres sollen weitere 400 orangefarbene Autos folgen, die dann neben den 500 Wagen von Anytime auf Moskaus Straßen stehen. Auf ein Auto kämen so 12.000 Menschen. Delimobil hat allerdings erst am 10. September begonnen, braucht also noch Zeit. Seit den ersten Versuchen mit Carsharing in Moskau im Winter 2013 hat sich das Modell allerdings noch nicht durchsetzen können.

Ein weiterer Schwachpunkt des Carsharings in Moskau könnten die generell großen Distanzen im Stadtgebiet sein – also auch der Fußweg zum nächsten Auto. Allein der Autobahnring MKAD ist fast 109 Kilometer lang.

Eine wichtige Frage, ist zudem, ob die Russen bereit sind, auf das Statussymbol Auto zu verzichten und sich den Wagen mit anderen zu teilen.

Ist das etwas für Expats?

Kommen wir nun zur Frage, ob diese neuen Dienste auch für Expats interessant sein könnten. Zunächst der größte Nachteil für viele Expats: Die Seiten von Delimobil und Anytime sind nicht auf Englisch verfügbar. Der Mann am anderen Ende der Service-Hotline von Delimobil sprach bei einem Anruf von Ostexperte.de kaum Englisch. Außerdem ist für die Anmeldung zu den Diensten ein Treffen mit einem Kurier nötig, der den Reisepass und Führerschein kontrolliert.

Hier stellt sich die Frage, ob die gelegentliche Nutzung eines Dienstes dieser Aufwand wert ist. Zudem sind bislang kaum Wagen in der Nähe verfügbar, wenn man sie braucht. Vielleicht ändert sich das in den kommenden Jahren. Die Stadt Moskau unternimmt momentan zumindest einige Versuche, den Verkehrsinfarkt auf den Straßen aufzulösen.

 

Glauben Sie, dass sich Carsharing in Moskau durchsetzen kann? Wir freuen uns über Ihre Meinung in den Kommentaren auf dieser Seite oder auf der Facebook– und Twitter-Seite von Ostexperte.de. Wir hoffen, dass Ihnen unser Artikel gefallen hat und bedanken uns für Ihre Aufmerksamkeit!

Quellen:

Video von delimobil.ru

anytimecar.ru

tomtom.com

Fotoquelle

Quelle: Bilder von Simon Schütt

Simon Schütt
Über den Autor

war von September 2015 bis September 2016 Chefredakteur bei Ostexperte.de.

Derzeit arbeitet er bei der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer. Bevor er zu Ostexperte.de kam, war er Redakteur der Moskauer Deutschen Zeitung. Dort schrieb er vor allem für das Wirtschafts-, das Digital- und das Moskau-Ressort.

Der Berliner hat in Wien Publizistik- und Kommunikationswissenschaft studiert und dort bei der Österreich-Ausgabe des Werbe-, Marketing- und Medien-Fachmagazins Horizont gearbeitet.