Thorsten GutmannVon

Bulgarien bittet um Anschluss an Turkish Stream

Der bulgarische Premierminister Bojko Borissow besuchte den russischen Präsidenten Wladimir Putin in Moskau. Beide Seiten äußerten Interesse an einer Verlängerung der Gaspipeline Turkish Stream nach Bulgarien. Experten zufolge sei es jedoch zu früh, um von einer Erwärmung der Beziehungen zu sprechen. Dies berichtet das Wirtschaftsportal RBC.

Russland, Bulgarien und die Türkei diskutieren über eine mögliche Verlängerung der im Bau befindlichen Gasverbindung Turkish Stream. Dies bestätigte der bulgarische Premierminister während einer Pressekonferenz im Kreml. Der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdoğan habe am 29. Mai telefonisch seine Unterstützung für die Idee ausgesprochen, so Borissow. Auch Putin habe nichts gegen einen Anschluss der Pipeline an Bulgarien einzuwenden.

Jedoch sei eine Verlängerung an zahlreiche Bedingungen geknüpft, so Putin. So müssten Bulgariens Regierung oder die EU-Kommission finanzielle Garantien bereitstellen. Zudem sei die Weiterleitung von Gas nach Westeuropa abhängig von anderen Transportkorridoren, darunter die geplante Ostseepipeline Nord Stream 2 zwischen Russland und Deutschland.

Die Bauarbeiten für die Pipeline Turkish Stream haben im Mai 2017 begonnen. Sie soll Naturgas aus der südrussischen Stadt Anapa durch das Schwarze Meer in die Türkei befördern. Nach dem Abschuss eines russischen Kampfflugzeugs an der syrisch-türkischen Grenze durch die türkische Luftwaffe ist das Projekt 2015 vorübergehend aufs Eis gelegt worden. Doch im Oktober 2016 konnten sich beide Seiten auf eine Fortführung einigen. Die Kapazität der beiden geplanten Turkish-Stream-Stränge soll laut Gazprom jeweils 15,75 Milliarden Kubikmeter Gas betragen.

Pipeline-Projekte Turkish Stream und Blue Stream

Seit 2005 wird russisches Gas über die Pipeline Blue Stream in die Türkei geliefert. Die Kapazität beträgt rund 19 Mrd. Kubikmeter Gas pro Jahr. In Zukunft sollen die Gaslieferungen mittels Turkish Stream, das aus zwei Strängen besteht, deutlich erhöht werden. © Pressefoto Gazprom

Gaslieferungen nach Bulgarien

Premierminister Borissow äußerte beim Treffen mit Putin Erleichterung darüber, dass Russland keinen Groll auf Bulgarien hege, nachdem das Land auf Druck des Westens das geplante Pipelineprojekt South Stream im Jahr 2014 platzen ließ. Die Verbindung hätte ursprünglich 63 Mrd. Kubikmeter Gas aus Russland über Bulgarien bis nach Österreich befördern sollen. Doch infolge der Ereignisse auf der Halbinsel Krim distanzierte sich die EU vom Projekt. Laut Putin habe Gazprom deshalb rund 800 Mio. Euro verloren. Kurz darauf unterzeichneten Putin und Erdoğan ein Memorandum über den Bau einer alternativen Route – die Turkish Stream.

Seit zwei Wochen scheint das bulgarische Interesse an einer Energiekooperation mit Moskau erneut aufzuflammen. Neben Borissow reiste auch Staatspräsident Ruman Radew zuletzt nach Russland und betonte dort die Notwendigkeit direkter Energielieferungen nach Bulgarien. Der bulgarische Abschnitt könnte „Bulgarian Stream“ genannt werden,  schlug Radew vor. Der russische Energieminister Alexander Nowak äußerte vor wenigen Tagen die Option, die Turkish-Stream-Pipeline auch auf Bulgarien, Serbien, Ungarn und Österreich auszudehnen. Am 5. Juni wird der russische Präsident in Wien erwartet. Dort soll Putin mit dem österreichischen Bundeskanzler Sebastian Kurz unter anderem Kooperationen im Gassektor besprechen.

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Titelbild: kremlin.ru

Thorsten Gutmann
Über den Autor

ist Chefredakteur der unabhängigen Nachrichtenseite Ostexperte.de mit Sitz im Stadtzentrum von Moskau.

Trotz Wirtschaftskrise und Sanktionen verlegte er seinen Lebensmittelpunkt 2016 nach Russland. Nun informiert er Leser im DACH-Raum über das Business in Russland, China und anderen Länder entlang der Neuen Seidenstraße. In Zeiten der politischen Grabenkämpfe bemüht er sich um wertneutralen Journalismus und konstruktiven Dialog zwischen Ost und West.

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