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Ausfahrt West: Brain-Drain bedroht Russlands Wirtschaft

Russlands kluge Köpfe verlassen wieder das Land. Sie sind von der Politik und der schlechten Arbeitsmarktsituation enttäuscht. Lösungsansätze, um die Massenabwanderung zu stoppen, sind rar.

Von Katharina Lindt, Moskauer Deutsche Zeitung


Der Fachkräftemangel trifft die russische Wirtschaft. Was Experten seit Jahren beklagen, räumt auch die Regierung ein. Im Februar bezeichnete der ehemalige Vize-Premierminister Dmitrij Rogosin den Brain-Drain als den schwächsten Punkt des Landes.

Den Schwund an Hochqualifizierten belegte die russische Akademie der Wissenschaften (RAN) in einer aktuellen Studie mit Zahlen. Von 2013 bis 2016 hat sich die Zahl der qualifizierten Auswanderer mehr als verdoppelt. Von 20 000 auf 44 000 im Jahr.

Sinkende Löhne und kaum Freiraum

Gründe, die die Russen zwingen, das Land zu verlassen, sind vielfältig. Die Mehrheit der Befragten spricht von „einer spürbaren Veränderung der wirtschaftlichen Situation nach 2014“. Die Löhne seien gesunken und die Möglichkeiten der beruflichen Weiterentwicklung hätten sich verringert. Aber auch die politische Situation spielt eine Rolle bei der Frage: bleiben oder gehen? Viele seien nach den Präsidentschaftswahlen 2012 und insbesondere von den Ereignissen 2014 enttäuscht gewesen.

Die bisherigen Strategien, die Massenabwanderung zu stoppen, fallen dürftig aus. Der Duma-Abgeordnete Sergej Wostrezow möchte, überspitzt formuliert, die Rückkehr zur „Leibeigenschaft“: Studenten, die ein kostenloses Studium absolvieren, verpflichten sich nach dem Studium, bis zu sechs Jahre im Staatsdienst zu arbeiten, sonst müssten sie die Gebühren zurückzahlen. Sein Gesetzesvorschlag liegt bereits der Duma vor.

Vorbild Ungarn

Das Vorbild kommt aus Europa: In Ungarn verpflichtete man Ärzte, im Land das kostenlose Studium „abzuarbeiten“. Denn auch hier bildete der Staat mit hohen Steuergeldern Mediziner und Ingenieure aus, doch am Ende wanderten sie dahin aus, wo sie mehr verdienen können.
Zustimmung bekommen die russischen Vorschläge von der Bevölkerung. Nach Angaben des Meinungsforschungsinstitut WZIOM unterstützen 74 Prozent der Befragten die „Bleibepflicht“. Allerdings nur die Älteren. Russen zwischen 18 und 24 Jahren sind skeptisch.

Noch weiter geht IT-Managerin Natalia Kasperskaja. Sie sagte bei einem Runden Tisch in der Gesellschaftskammer: „Wir müssen dafür sorgen, dass unsere Diplome im Ausland nicht anerkannt werden. Dann bleiben unsere Absolventen hier. Gleichzeitig können wir ausländische Spezialisten anziehen.“

Attraktives Rückkehrprogramm

Und nach dem Konflikt mit Großbritannien startete Rossotrudnitschestwo, eine Föderalagentur für Angelegenheiten der GUS, für Fragen der im Ausland lebenden Mitbürger und für internationale humanitäre Zusammenarbeit, bereits das Projekt „Highly likely Welcome back“ oder „Zeit zurückzukehren“. So sollen Absolventen und Studierende aus Großbritannien und anderen Staaten, die keine freundschaftlichen Beziehungen zu Russland pflegen, zur Rückkehr bewogen werden.

Das Pikante: Briten sprachen im Fall der Vergiftung von Skripal von „highly likely“, also höchstwahrscheinlich. Den Rückkehrern winkt ein Platz an der russischen Elite-Universität MGIMO oder eine Stelle im Staatsdienst.

„Machtpraktiken des letzten Jahrhunderts“

Iwan Kurilla, Historiker und Professor an der Europäischen Universität in St. Petersburg, findet in einem Gastbeitrag im Online-Magazin „Republic“ für diese Vorschläge harte Worte: „Der russische Staat, der sich mit der ganzen Welt zerstritten hat, beginnt seine eigenen Bürger zu erschrecken und versucht, sie im Land zu behalten, indem er auf Machtpraktiken des letzten Jahrhunderts zurückgreift.“

Dabei wäre die Lösung so einfach, sagt Julius von Freytag-Loringhoven, Leiter der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit in Moskau: „Sobald junge Menschen das Gefühl haben, dass sie Chancen haben und wissenschaftlich stimuliert werden, ihr Eigentum und ihre Rechte geschützt werden, bleiben sie gerne.“ Isolation sei immer nur ein Rezept, das die Abwanderung weiter verstärkt. „Wir kennen das auch aus der deutschen Erfahrung: Selbst die Grenzsoldaten und Schießbefehl konnten den Brain-Drain der DDR damals nicht aufhalten.“

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