Klaus DormannVon

Boris Reitschuster und Russlands „hybrider Krieg“

Im Zentrum der Russland-Debatte: Der „hybride Krieg“. Boris Reitschuster nennt ihn „verdeckter Krieg“.

Mitte März will sich Präsident Putin für weitere sechs Jahre wählen lassen. Einige Bücher zur politischen Entwicklung in Russland seit seinem Amtsantritt vor 18 Jahren stellten wir bereits vor, zuletzt „Putins russische Welt“ von Manfred Quiring (Die Welt) und „Putins Kalter Krieg“ von Markus Wehner (F.A.Z.).

Beide Autoren widmen sich in ihren Büchern ausführlich dem sogenannten „hybriden Krieg“, offenbar eines der wichtigsten Themen aktueller Russland-Debatten. Manfred Quiring hat dazu ein eigenes Kapitel geschrieben („Der hybride Krieg. Wie der Kreml den Westen destabilisiert“). Auch bei Markus Wehner finden sich Abschnitte zu „Russlands Informationskrieg“, „Russlands Spionen“ und zu „den extremistischen Freunden“ des Kremls in westlichen Ländern. Boris Reitschuster, langjähriger Focus-Korrespondent in Moskau, hatte diese Themen schon vor Wehner und Quiring in seinem im April 2016 erschienenen Buch „Putins verdeckter Krieg“ aufgegriffen.

Aber was ist das eigentlich ein „hybrider Krieg“?

Das fragte sich im Frühjahr 2016, als dieser Begriff immer öfter auftauchte, auch Jens Siegert in seinem „Russland-Blog“. Der frühere Leiter des Moskauer Büros der Heinrich-Böll-Stiftung hatte den Eindruck gewonnen, dass „alles, was die russische Führung sich an Unfreundlichkeiten oder gar Feindseligkeiten gegenüber dem Westen/der EU/der NATO ausdenkt“, in zunehmendem Maße unter die Kategorie „hybrider Krieg“ subsummiert wird. Als Beispiele für solche von Russland eingesetzten „Unfreundlichkeiten oder gar Feindseligkeiten“ gegenüber dem Westen nennt er unter anderem:

  • Die Aktivitäten der vom russischen Staat kontrollierten Medien („Informationskrieg“)
  • Die Unterstützung rechtsnationalistischer oder rechtspopulistischer Parteien in der EU durch Russland
  • Russlands Spionage gegen ausländische Staaten und Unternehmen
  • Die Gewinnung ehemaliger Politiker aus der EU und insbesondere Deutschland für eine Zusammenarbeit mit vom russischen Staat kontrollierten Unternehmen

Die Bezeichnung „hybrider Krieg“ umfasst also, so Siegert, neben den „traditionellen Kriegshandlungen mit Militärgerät“ auch solche „nicht-militärischen Methoden“. Siegert kritisiert daran, dass so „vor allem die Grenzen zwischen Politik (und in ihr Diplomatie) und Krieg, ja zwischen Frieden und Krieg“ verwischt werden. Wenn nicht-militärische Maßnahmen als Teil eines „Krieges“ bezeichnet würden, sei die Grenze zu legitimen politischen Maßnahmen schwer zu ziehen. Mit der Verwendung des Begriffs „hybrider Krieg“ handele man sich deswegen „ein durchaus hässliches Abgrenzungsproblem“ ein.

Boris Reitschuster – Putins verdeckter Krieg (Econ)

Boris Reitschuster – Putins verdeckter Krieg

„Putins verdeckter Krieg: Wie Russland den Westen destabilisiert“

Boris Reitschuster rückt den „hybriden Krieg“ Russlands gegen den Westen in seinem Buch „Putins verdeckter Krieg“ in den Mittelpunkt. Ein weiterer Schwerpunkt des Buches von Reitschuster sind Verbindungen zwischen der russischen Regierung und ihren Geheimdiensten mit „kriminellen Strukturen“ in Russland.

Zum Autor: Boris Reitschuster

Boris Reitschuster, Jahrgang 1971, war seit 1999 Leiter des Moskauer Büros des Nachrichtenmagazins Focus. Auf seiner Homepage schreibt er, dass er „nach Anfeindungen und Drohungen“ 2012 Russland verlassen musste und das Moskauer Focus-Büro bis Februar 2015 von Berlin aus leitete. Heute arbeitet er als Publizist in Berlin. Häufig schreibt er für HuffPost.

Im Mai 2014 war von Boris Reitschuster das Buch „Putins Demokratur: Ein Machtmensch und sein System“ in zweiter Auflage erschienen. Inga Pylypchuk attestierte ihm damals in ihrer Rezension für „Die Welt“:

„Boris Reitschuster gilt als Putin-Feind Nummer eins unter den deutschen Publizisten. Besser als er hat noch keiner das russische Machtsystem beschrieben“.

Reitschuster zur Regierung Putin: „Eine Mafia-Riege“, „ein Unrechtsstaat“

In einem Interview mit der Zeitschrift Focus zeichnete Reitschuster im April 2016 sein Bild von der Regierung Putin so:

„Wir haben es mit einer Mafia-Riege zu tun, die den russischen Staat gekapert hat, ihn ausbeutet und ihre Machenschaften hinter dem Deckmantel des Patriotismus verschleiert. …

Dabei ist es wichtig, diesen mafiösen Charakter des Systems zu erkennen – denn er ist der Grund für die aggressive Außenpolitik, weil Putin und seine Kameraden immer einen äußeren Feind brauchen, um die Menschen in Russland abzulenken: Von der Korruption, vom Machtmissbrauch, von der riesigen Armut.“

In einer Phoenix-Diskussion unter dem Titel „Wie tickt Putin?“ mit Paul Schreyer bezeichnete er Russland als „Unrechtsstaat“. Unter Putin sei es immer schlechter geworden (ab Minute 1:40):

„Ich denke, was Putin tut ist ganz verheerend für Russland. … Es ist ein Unrechtsstaat. … Es ist einfach eine schreckliche Entwicklung und unter Putin ist das immer schlechter geworden. … Putin bricht die Gesetze, inzwischen auch das Völkerrecht. Im Inland wird das Gesetz auch ständig gebrochen.“

Im Mittelpunkt dieser Phoenix-Diskussion im Dezember 2014 stand die Ukraine-Krise. Der Diskussionspartner Reitschusters, Paul Schreyer, hat mit Mathias Bröckers 2014 das Buch „Wir sind die Guten. Ansichten eines Putinverstehers oder wie uns die Medien manipulieren“ veröffentlicht (Weitere Hinweise zu diesem Buch am Schluss dieses Berichts in den Lesetipps).

Phoenix-Diskussion: „Wie tickt Putin?“ Boris Reitschuster vs. Paul Schreyer; Video, 15 Minuten; 02.12.2014

Reitschuster zum „verdeckten Krieg“ gegen Deutschland

Zu seinem letzten Buch sagte Reitschuster in einem Interview mit Deutschlandfunk Kultur, das Erstaunliche sei, dass Wladimir Putin mit seinem „verdeckten Krieg“ eigentlich überhaupt nichts Neues tue. Es handele sich um Methoden, die schon die Sowjetunion und die DDR gegen den Westen eingesetzt hätten.

Warum Putin einen „verdeckten Krieg“ führt, erklärt Reitschuster wie folgt:

„Für eine militärische Auseinandersetzung mit der Nato fehlt es Russland ebenso an Mitteln wie für eine wirtschaftliche. Daraus hat Putin den Schluss gezogen, dass er seinen Widersacher mit anderen Mitteln bekämpfen muss: indem er ihn spaltet, unterwandert, korrumpiert und zersetzt. … Was er heute in der großen Politik anwendet, entspringt im Wesentlichen den Methoden, die er als KGB-Mann gelernt und verinnerlicht hat: den Gegner in die Irre zu führen, zu verwirren oder in einem falschen Glauben zu wiegen, mit Lügen, Desinformation, Intrigen, Einschüchterung.“

Als Instrumente dieses „verdeckten Krieges“ gegen Deutschland nennt Reitschuster:

  • Den Einsatz von „Trollen“ im Internet („das waren früher die Leserbriefe“)
  • Die Herstellung enger Verbindungen zu Parteien in Deutschland, die gegen „das System“ sind („von der sogenannten Linken bis zu der AfD, bis zur NPD“)
  • Den Aufbau enger Kontakte zu einem Netzwerk von rechten Medien, von „Compact“ über gefälschte Anonymus-Internetseiten bis hin zu alten Stasi-Netzwerken
  • Die Beeinflussung von Politik und Medien durch Lobby-Aktivitäten
  • Die Ausbildung von Kampftruppen: „Es geht bis dahin, dass man hier (in Deutschland) eine kleine Gruppe von Leuten hält, die in Moskau ausgebildet wurden im Einsatz mit der Waffe, mit Sprengstoff, mit Diversion. Und auch das gab es schon zu DDR-Zeiten.“

Reitschuster: Es gibt eine „Kampftruppe“ von 300 Männern in Deutschland

Weitere Einzelheiten zum letzten Punkt berichtete Richard Herzinger in „Die Welt“ nach einem Gespräch mit Boris Reitschuster. Laut Reitschuster rekrutierten russische Geheimdienste in deutschen Sportschulen, in denen die russische Kampfsport-Technik „Systema“ gelehrt werde, Kombattanten für eine Art Untergrundarmee im Westen. 300 Männer gebe es in Deutschland, die darauf vorbereitetet würden, gegebenenfalls auf Anweisung des Kreml Unruhen zu schüren. Reitschuster stütze sich bei diesen Behauptungen auf Informationen eines ungenannten europäischen Geheimdienstes, so Herzinger.

Bild berichtete dazu: „Putin-Experte enthüllt: Putin steuert Geheimtruppe in Deutschland!“ Dort heißt es:

Für Autor Reitschuster, steht fest: „Diese Kampftruppe im Feindesland ist eine tragende Säule in Putins verdecktem Krieg gegen den Westen.“

Kritikern, die solche „Enthüllungen“ als „Verschwörungstheorien“ abtun, hält Reitschuster entgegen, er wolle sich keine „Denkverbote“ über das mögliche Spektrum russischer Destabilisierungsaktivitäten auferlegen. Heute sollte etwas nicht allein deshalb aus der Debatte ausgeschlossen werden, weil dafür der letzte Beweis fehle. Schließlich gehe es darum, eine Öffentlichkeit zu sensibilisieren, der es an Erfahrungen mit autoritären Apparaten fehle. Das berichtet Richard Herzinger.

Hannes Adomeit zu Reitschusters Buch: Eine Analyse, in der Kriminalität eine herausragende Rolle spielt

Prof. Dr. Hannes Adomeit, Non-resident Fellow des Instituts für Sicherheitspolitik an der Universität Kiel und früher lange Mitarbeiter der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik, kommentiert Reitschusters Buch im „Portal für Politikwissenschaften“ der Kieler „Stiftung Wissenschaft und Demokratie“. Er schreibt: „Über weite Strecken liest sich das Buch wie ein Kriminalroman, ist aber Dokumentation und Analyse, wobei Kriminalität eine herausragende Rolle spielt“.

Sehr ausführlich geht Adomeit in seiner Rezension auf die Recherchen Reitschusters zum „kriminellen Charakter des Systems und Verbindungen Putins zur Organisierten Kriminalität“ in Russland ein, angefangen von der Zeit Putins in der Stadtverwaltung von St. Petersburg. Er kommt zu dem Schluss, Reitschuster decke Indizien für die Verfilzung von Putins Freunden und Weggefährten – und mit großer Wahrscheinlichkeit von ihm selbst – mit der „Organisierten Kriminalität“ auf, und zwar auch solche, die bis in die Gegenwart hineinreichten.

Quelle: Hannes Adomeit: Altes Denken statt Neues Russland – Innenpolitische Bestimmungsfaktoren der Außenpolitik; Portal für Politikwissenschaften; 26.09.2017

Stefan Meister: Lesenswert für alle, die sich für Details der Verbindung von Staat und kriminellen Strukturen interessieren

Auch Stefan Meister, Ostexperte der Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik, stellt in seiner Rezension Reitschusters Hinweise zu „Verbindungen zwischen kriminellen Strukturen, Staat und Geheimdiensten in Russland“ heraus. Meister schreibt:

„Im postsowjetischen Russland sei es, so Reitschuster, zu einer Symbiose zwischen der KGB-Nachfolgeorganisation FSB und mafiösen Strukturen gekommen. Die Politik und das Vorgehen des russischen Präsidenten und seiner Umgebung seien von der gemeinsamen Herkunft aus dem sowjetischen Geheimdienst KGB geprägt. Dazu zählten Desinformation, Zersetzung, Propaganda, aber auch Versuche, den Feind mit verdeckten und hybriden Methoden auszuschalten.“

Lesenswert ist das Buch von Reitschuster nach Meinung von Stefan Meister „für alle, die sich mit der russischen Desinformationstrategie und ihren Instrumenten beschäftigen wollen und sich für Details der Verbindung zwischen kriminellen Strukturen, Staat und Geheimdiensten in Russland interessieren“. Mit dem Thema „hybrider Krieg“ sei Reitschuster, „der sich über Jahre als (zuweilen schriller) Kritiker des Systems Putin profiliert hat, im Mainstream der aktuellen Russland-Debatte angekommen“.

Dicke Fragezeichen macht Stefan Meister in seiner Rezension hinsichtlich der Äußerungen Reitschusters zu angeblichen Plänen Putins, seine „Einflusssphäre“ weit über die früheren Grenzen des Warschauer Paktes hinaus auszudehnen. Mit solchen Aussagen begebe sich Reitschuster auf das Terrain nicht belegbarer Interpretationen oder gar Verschwörungstheorien.

Quelle: Stefan Meister (DGAP): Putin als Wille und Vorstellung: Vier neue Bücher nähern sich dem widersprüchlichen Herrn im Kreml; in: Internationale Politik Sep./Okt. 2016; 26.08.2016

Was Boris Reitschuster von der Russlandpolitik fordert: „Klare Worte, Dialog, aber aufhören zu beschönigen!“

Auf die Frage, wie sich Deutschland und der Westen gegenüber Russland in Zukunft verhalten sollten, sagte Reitschuster im April 2016 im Interview mit Deutschlandfunk Kultur:

„Ich denke, auf der einen Seite brauchen wir Dialog, wir müssen mehr miteinander sprechen. Was wir im Moment allerdings haben, ist in sehr vielem ein Scheindialog.

Wir müssten mit Moskau so sprechen, wie Konrad Adenauer mit Moskau sprach, wie Helmut Schmidt mit Moskau sprach, mit einer Position der Stärke. Denn nur die wird in Moskau geachtet, weniger die Anbiederung, für die Gerhard Schröder steht oder leider auch Herr Steinmeier, der Außenminister.

Klare Worte, Dialog, aber aufhören zu beschönigen. Kein Wandel durch Anbiederung, das wird nicht funktionieren.“

Diese Forderungen hatte er zuvor im Februar 2016 auch in einer Phoenix-Runde („Seehofer bei Putin – Ende der Eiszeit?“) erhoben. Er diskutierte dort unter Moderation von Anke Plättner mit Ivan Rodionov (Chefredakteur RT Deutsch), Christiane Hoffmann (Der Spiegel) und Sabine Fischer (Stiftung Wissenschaft und Politik).

Russland drohen und die Sanktionen beibehalten

In einem WDR-Interview, in dem er Ende Oktober 2015 hauptsächlich zur inneren Entwicklung in Russland Stellung nahm, meinte er zum Umgang mit Präsident Putin, man müsse in Verhandlungen mit der russischen Regierung eine „Drohkulisse“ entwerfen (ab Minute 17:00):

„Man muss ganz klare Bedingungen aufstellen. Und man muss auch eine Drohkulisse entwerfen. Zum Beispiel ist es eine Drohkulisse, dass man Visa-Erleichterungen für die herrschende Klasse in Russland in Frage stellt. Das machen wir bisher leider nicht.“

Forderungen nach Aufhebung von Wirtschaftssanktionen gegen Russland lehnte er entschieden ab (Minute 17:30):

„Das halte ich für verheerend, weil dann wäre das Signal, dass man … einfach ein Nachbarland überfallen kann, sich einen Teil von diesem Land aneignen kann und dass einem dann dafür nichts passiert. Das wäre in etwa so als wenn Sie sagen: Bankraub ist ab morgen legal…“

WDR-Interview „Eins zu Eins“: Wie stark ist Putins Russland? Video 24. Min., 30.10.2015

Phoenix-Diskussion: „Wie tickt Putin?“ Boris Reitschuster vs. Paul Schreyer (Autor: „Wir sind die Guten“); Video, 15 Minuten; YouTube, 02.12.2014

Quellen und Lesetipps

Zum Autor:

Persönliche Web-Seite: www.reitschuster.de

Boris Reitschuster: Putins verdeckter Krieg (April 2016)

Bezugsmöglichkeiten:

Verlagsinformationen:

Ullstein Buchverlag: Boris Reitschuster: Putins verdeckter Krieg

Leseproben: Inhaltsverzeichnis

Rezensionen und Berichte zu „Putins verdeckter Krieg“:

Diskussionen und Interviews mit Boris Reitschuster:

Boris Reitschuster: Putins Demokratur (Mai 2014)

Bezugsmöglichkeit:

 Leseproben:

Rezensionen:

Lesetipps zum Thema „Hybrider Krieg“:

Mathias Bröckers und Paul Schreyer: „Wir sind die Guten. Ansichten eines Putinverstehers oder wie uns die Medien manipulieren“ (2014)

Die Autoren:

Bezugsmöglichkeit:

TV: Interviews/Diskussionen mit den Autoren:

Rezensionen:

Weitere Ostexperte.de-Artikel zu Russland-Büchern:

Titelbild

Klaus Dormann
Über den Autor

war von 1980 bis 2015 Mitarbeiter der volkswirtschaftlichen Abteilung der Ruhrgas AG und der E.ON SE.