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Peggy LohseVon

Berlin-Moskau mit der Bahn: Die schwebenden Waggons zu Brest

Ab 17. Dezember wird dieses Fahrerlebnis seltener: Zwischen Moskau und Berlin werden zwei Mal pro Woche Schnellzüge „Strizh” (dt. Mauersegler) aus spanischer Produktion mit automatischem Spurweitenwechsel eingesetzt. Der traditionelle Unterbau-Umbau an der polnisch-belarussischen Grenze wird damit (fast) Geschichte. Darum hier für die modernen Nostalgiker – die letzten neuesten Wechsel-Waggons auf der Strecke (Nizza-Paris-) Berlin-Moskau.

Dieser Beitrag ist im Original erschienen auf www.peralo.wordpress.com.

Endstation der TransSib: 9288km seit Moskau

Endstation der TransSib: 9.288km von Moskau entfernt

Noch ist man einen guten ganzen Tag unterwegs – etwa drei Stunden davon verbringt man am Grenzbahnhof Brest, wo sowohl die EU-Außengrenzkontrollen als auch der Spurweitenwechsel stattfinden. Letzteres soll künftig nur noch 20 Minuten brauchen, die „Achse Berlin – Moskau“ dann schon in nur 20 Stunden auf dem Landwege überwunden werden. Insgesamt liegen zwischen den zwei Hauptstädten ziemlich genau 2.000 Kilometer, wenn es bis nach Paris zieht, legt man knapp 3.500 Kilometer per Bahn zurück.

Kleine Anmerkung: Das ist gerade einmal etwas mehr als ein Drittel der Transsibirischen Eisenbahn – Moskau und Wladiwostok trennen genau 9.288 Kilometer. 

Wagen aus deutscher Produktion

Die aktuellen Wagen, die seit wenigen Jahren verkehren, sind noch ganz frisch – stammen übrigens aus deutscher Produktion,

Peggy Lohse, Berlin-Moskau

Abenteuerliche Übersetzungen – hier die „Bestätigungsplatte“.

wie die Aufschriften überall beweisen. An mancher Lüftung klebt noch die Verpackungsfolie. Alles ist international beschriftet – manchmal abenteuerlich, aber immer nützlich. Die Wagen sind sauber, leise, Weiß ist Weiß und die Zugbegleiter kümmern sich vorbildlich.

Zugbegleiter und Fahrgast-Klientel sind polyglott. Die meisten Mitreisenden jedoch Russen oder Russischstämmige, zumal sie kein Visum für Belarus brauchen – EU-Bürger schon.

Nur eines unterscheidet sich kein bisschen von einer 08/15-Platzkart-Bahn hinterm Ural: Jeder Mensch hat eine andere Wohlfühltemperatur – und so ist ein Heiß-Kalt-Wechselbad der Gefühle auch hier unumgänglich. Trotz bestens funktionierender Klimaanlage.

Schienenwechsel in Brest

In Brest dann beginnt das große Spektakel: Kinder laufen quer durch den abgekoppelten Wagen. Der ist mittlerweile mit seinen Leidensgenossen in eine große Arbeitshalle rangiert worden. Mütter und Väter folgen den lieben Kleinen, die sich alle unbedingt die Nase an den Fensterscheiben platt drücken müssen. Und siehe da, keiner hat’s bemerkt, unser Waggon schwebt schon: Die Wagenkästen wurden durch Hebeböcke angehoben, damit die Drehgestelle ausgetauscht werden können.

Die "Bashuschkas" verkaufen frisches Gebäck und Obst.

Die „Bashuschkas“ verkaufen frisches Gebäck und Obst.

Mit Belarus beginnt der russische Teil der Fahrt

Und am anderen Ende der Umbauzeit (und der durchaus langwierigen Passkontrolle) – da warten dann schon die geliebten Babuschkas mit frischem Gebäck, Beeren, Obst usw. aus dem heimischen Ofen und Garten. Jetzt ist klar – mit Belarus beginnt auch wieder der „russische Teil“ der Fahrt – mit Blick auf lange Birkenreihen, kleine Holzhaussiedlungen.

Bis in die russische Hauptstadt, wo man dann verweilen oder weiterreisen kann – mit der TransSib weiter gen Osten oder ebenfalls aus deutscher Herstellung stammenden „Lastotschka” (dt.: Schwalbe) nach Twer, Smolensk oder Sotschi.

Route Paris-Berlin-Warschau-Minsk-Moskau

Tipps für die Zugreise

1. Rechtzeitig!

Ticket kaufen, am besten mindestens einen Monat im Voraus, denn die Strecke ist beliebt und die Fahrkarten früh ausverkauft, besonders im Sommer. Und unbedingt um ein Belarus-Transit-Visum kümmern. Ein Mitreisender ein paar Abteile weiter musste wegen fehlenden Visums mitgenommen werden und sollte „alles Geld mitnehmen, das er dabei hatte“. Ausgang – unbekannt.

2. Mitnehmen!

Ausweisdokumente, Tee, löslichen Kaffee, Kleingeld verschiedener Währung (Euro, Russische Rubel). Fotoapparat nicht vergessen – aber Achtung, die Bahnhofsaufseher mögen Bilderreportagen nicht so gern.

3. Ausspannen!

Zurücklehnen, mit den Liege-Nachbarn quatschen, aus dem Fenster schauen und genießen.

 

Fotoquelle

Quelle: Peggy Lohse

Peggy Lohse
Über den Autor

ist Journalistin in Moskau. Sie schreibt u.a. für die Moskauer Deutsche Zeitung und Russia Beyond the Headlines.

Peggy Lohse betreibt zudem den deutsch-russischen Blog www.peralo.wordpress.com.