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Weltkulturerbe in Aserbaidschan feiert 20-jähriges Bestehen der UNESCO-Anerkennung

Vor 20 Jahren wurde der ummauerte Teil der historischen Altstadt Bakus, Icherisheher (Aserbaidschanisch: İçəri Şəhər), in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes aufgenommen. Zeit für einen Überblick, was die Bakuer Altstadt zu bieten hat.

Die geschützte Fläche bildete den Kern der Hauptstadt des mittelalterlichen aserbaidschanischen Staates unter der Dynastie der Schirwanschahs. Die architektonische Perle des vormodernen Baku bildet heute ein Freilichtmuseum, das auch die Akropolis von Baku genannt wird. Mit der Entwicklung der Ölindustrie in Aserbaidschan zum Ende des 19. Jahrhunderts dehnte sich die Stadt über die Festungsmauern hinaus aus und viele der neuen Gebäude wurden außerhalb der Festungsmauern errichtet, sodass Baku rasch an Größe zunahm. Die ummauerte Altstadt von Baku blieb ein traditionelles Wohngebiet und historisches Zentrum, das mit der sich neu entwickelnden, umgebenden Stadt koexistierte.

Die besondere Anziehung der ummauerten Stadt besteht darin, dass sie eine Mischung aus einzigartigen Architekturdenkmälern und der räumlichen Stadtplanung mit originellen Straßenansichten widerspiegelt. Auch heute befinden sich hier noch Wohnviertel für die Bevölkerung. Die Besonderheit von Icherisheher innerhalb von Baku wird aus einem Blick auf den Plan der Stadt deutlich. Das umgebende Stadtbild unterscheidet sich auffallend von dem der Festung. Das mittelalterliche Straßenmuster erzeugt das Gefühl eines endlosen Labyrinths, das man beim Spaziergang innerhalb der Stadt deutlich wahrnimmt. Icherisheher hat die relative Homogenität seiner Architektur und seines Stadtmusters bewahrt, da das Quartier von der dynamischen Stadtentwicklung Bakus im 19. und 20 Jahrhundert ausgenommen war.

Dieses Phänomen ist unter den historischen Kernen in modernen Städten selten. Die niedrige und dichte Stadtstruktur, die stufenförmig auf den Hügel steigt, wird durch Minarette, den Palast der Schirwanschahs und den Jungfrauenturm (Aserbaidschanisch: Qız Qalası) akzentuiert. Icherisheher hat einen Großteil seiner Verteidigungsmauern erhalten, die den Charakter des Anwesens bestimmen. Das älteste Monument von Icherisheher ist der Jungfrauenturm – das Symbol der Stadt Baku. Ein weiteres Denkmal von universellem Wert ist der Schirwanschah-Palast aus dem 12. bis 15. Jahrhundert, der sich auf dem höchsten Punkt von Icherischher befindet. Zu den früheren Denkmälern von Icherisheher gehören die Mohammed-Moschee, zusammen mit dem angrenzenden, im Jahr 1078 erbauten Minarett sowie Reste der Moschee aus dem 9. bis 10. Jahrhundert in der Nähe des Jungfrauenturms. In Anbetracht der Tatsache, dass diese gut erhaltene mittelalterliche Stadt ein herausragendes und seltenes Beispiel eines historischen Stadtensembles sowie von dessen Architektur darstellt, wurde sie im Jahr 2000 von der UNESCO in die Liste des Weltkulturerbes aufgenommen und wird unter der Schirmherrschaft der UNESCO als historisch-architektonisches Reservat erhalten.

Denkmäler von Icherisheher

Auf dem Gelände des Weltkulturerbes gibt es Hunderte von historisch-architektonischen Strukturen. Vier dieser Bauwerke sind von internationaler und 28 von nationaler Bedeutung. Die übrigen Denkmäler (etwa 500) sind von lokalem Wert. Der Jungfrauenturm, der sich im Herzen der ummauerten Altstadt befindet, hat eine einzigartige zylindrische Form und ein unverwechselbares Inneres. Der Turm wurde auf einem riesigen Felsen errichtet, der zum Ufer des Kaspischen Meeres hinabfällt.

Es gibt mehrere Theorien über die Geschichte und den Zweck des Turmbaus. Einigen Historikern zufolge nutzten die Menschen den Jungfrauenturm, um Alarmsignale an andere Türme zu senden. Es gibt auch Forscher, die die Geschichte des Monuments mit der Antike in Verbindung bringen und sich dabei vor allem auf die Struktur des Turms beziehen. Sie glauben, dass der Jungfrauenturm auf die zoroastrische Zeit zurückgeht und eine Zoroasterzelle, ein Tempel der Feueranbeter, war. Es wird daher angenommen, dass der Jungfrauenturm für die Feueranbetung gebaut wurde und erst später im Mittelalter als Verteidigungsturm diente.

Ein weiteres Wahrzeichen der ummauerten Stadt Baku ist der Palast der Schirwanschahs, die Residenz der Schirwan-Gouverneure. Mit seinen einzigartigen historischen und architektonischen Merkmalen ist er eines der prominentesten Beispiele für die mittelalterliche Architektur der ummauerten Stadt. Der Palastkomplex der Schirwanschahs besteht aus neun Gebäuden: Dem Palast, der Divankhana (Gerichtsgebäude), dem Derwisch-Mausoleum, dem Osttor (Portal), der Palastmoschee, der Schlüssel-Kubad-Moschee, der Palastgrabkammer, dem Hammam (Badehaus) und dem Ovdan (Zisterne). Der Palast ist auf dem höchsten Punkt eines der Hügel in Icherisheher gebaut. Er erstreckt sich über drei übereinanderliegende Terrassen und ist vom Meer und von den die Stadt umgebenden Anhöhen aus deutlich sichtbar.

Die Mohammed-Moschee, ein weiteres historisches Monument, ist eines der bedeutendsten Beispiele für die Architektur der islamischen Epoche in Baku. Sie wurde im Jahr 471 erbaut. Die unterschiedlich dekorierte, einräumige Gebetshalle ist mit einer kleinen Vorhalle an der Nordseite der Moschee verbunden. Das zylindrische Minarett, das an die Moschee angebaut ist, endet oben mit einem Muezzin-Balkon aus Maßwerk, der auf einem Tropfsteingesims sitzt. Vom Fußboden des Gebetssaals gehen steinerne Wendeltreppen aus, die innerhalb des Minaretts gebaut wurden. Auf dem oberen Teil des Minaretts ist entlang des Tropfsteingürtels eine Koran-Aya in arabischer Sprache mit cufischer Schrift auf dem Tropfsteingürtel eingraviert. Während der Marineexpedition Peters des Großen nach Baku, die auf Befehl des Admirals der russischen Flotte, Matjuschkin, durchgeführt wurde, verursachte ein Artilleriebeschuss des Palastes von See her schwere Schäden am Denkmal. Die Spitze des Minaretts wurde zertrümmert, weshalb die Moschee auch Siniqqala, (zerbrochener Turm) genannt wird.

Verwaltung der ummauerten Stadt

Icherisheher und seine Pufferzone, die durch den Präsidialerlass Nr. 725 vom 13. Juni 1998 bestimmt wurde, stehen unter dem Schutz des Gesetzes der Republik Aserbaidschan über die Erhaltung historischer und kultureller Denkmäler, das unter anderem die Zerstörung oder Veränderung registrierter Denkmäler, unabhängig davon, ob sie sich in öffentlichem oder privatem Besitz befinden, ohne Genehmigung einer zuständigen Behörde verbietet. Im Jahr 2007 wurde die Verwaltung des staatlichen historisch-architektonischen Reservats „Icherisheher“ als eine Institution eingerichtet, die für die Verwaltung und Erhaltung der Denkmäler in Icherisheher und des gesamten architektonischen und städtischen Komplexes für künftige Generationen verantwortlich ist. Die Verwaltung von Icherisheher wird von der Regierung finanziert.

Im Jahr 2007 wurde ein Aktionsplan für das integrierte Gebietsmanagement (IAMAP) und ein Masterplan für die Erhaltung von Icherisheher entwickelt. Der Conservation Master Plan wurde von allen Interessengruppen überprüft und formell genehmigt, in den IAMAP integriert und in das Planungssystem der Stadt Baku übernommen. Die Verwaltung setzte die im Rahmen des IAMAP beschlossenen Maßnahmen um: Der Erhaltungszustand des Grundstücks wurde dokumentiert und überwacht; Standards und Verfahren im Zusammenhang mit der Regelung der Sanierung bestehender Gebäude wurden formuliert; Instandhaltung und Verbesserung der öffentlichen Räume wurden durchgeführt; strategische Interventionen zur Verbesserung der Lebensqualität in Icherisheher wurden entwickelt; und wissenschaftliche wie öffentlichkeitswirksame Programme wurden erfolgreich organisiert und durchgeführt.

Restaurierung und Umwidmung historischer Gebäude in Kulturzentren

Seit der Aufnahme in die UNESCO-Liste des Weltkulturerbes hat die Stadtverwaltung die Konservierung und Restaurierung mehrerer historischer Denkmäler wie des Jungfrauenturms, des Palastes der Schirwanschahs, der Mohammed-Moschee, der Beyler-Moschee und anderer Bauten gefördert und erfolgreich durchgeführt. Nach der Restauration im Jahr 2009, die von internationalen Spezialisten vorgenommen wurde, hat die Stadtverwaltung eine neue Dauerausstellung eingerichtet, die den Jungfrauenturm als historisches Kulturdenkmal von globalem Wert präsentiert und sich an ein sehr breites Publikum richtet, das lokale wie internationale Besucher aller Altersgruppen umfasst. Modernste Technologien und Medien werden in der Ausstellung umfassend genutzt.

Traditionelle und elektronische Medien schaffen zusammen eine reichhaltige und mehrdimensionale Erfahrung des Denkmals. Die neue Museumsausstellung bietet den Besuchern die Möglichkeit, ein breites Spektrum an Informationen über die Geschichte des Denkmals, seine Funktionen und die Legenden, die es umgeben, zu entdecken. Auch am Palast der Schirwanschahs wurden Konservierungsarbeiten durchgeführt. Die dringendsten Konservierungsarbeiten betrafen das Mausoleum der Schirwanschahs und den Divankhana-Hofplatz. Beide weisen besonders schöne Beispiele von Steinmetzarbeiten an den Portalen und ihren Tropfsteinbögen auf. Alle Konservierungsarbeiten wurden auf der Grundlage der Prinzipien der Authentizität und unverfälschten Wiedergabe historischer Informationen und mit Respekt vor altersbedingten Merkmalen und daher in Übereinstimmung mit der internationalen Charta von Venedig für die Erhaltung und Restaurierung von Denkmälern und Stätten von 1964 durchgeführt.

Nach Abschluss der Konservierungsarbeiten wurde im Palast der Schirwanschahs eine neue Museumsausstellung eingerichtet. Neben den reichhaltigen Museumsexponaten werden in der Ausstellung Videoprojektionen, Multimedia-Animationen sowie Audio- und Videopräsentationen in großem Umfang eingesetzt. Die Darstellung des Thronsaals des Palastes, die Exponate und Videopräsentationen lassen das Dekor und die Atmosphäre der Schirwanschah-Ära wieder aufleben und das 3D-animierte Modell der Geschichte der Schirwanschahs verbessert das Erlebnis der Besucher zusätzlich.

Der Icherisheher-Komplex von historischen und architektonischen Denkmälern ist das größte kulturelle Erbe der Republik Aserbaidschan. Er stellt eine Attraktion von Weltrang sowohl für die Einheimischen, als auch für die zahlreichen internationalen Gäste von Baku dar. Eine weitere Konservierungsarbeit, die derzeit durchgeführt wird, befindet sich im Khanspalast von Baku. Nach Abschluss der Konservierungsarbeiten wird das Museum “ Geschichte Bakus“ im Palast eingerichtet, in dem das mittelalterliche Leben über interaktive Tafeln dargestellt wird. Die zukünftigen Besucher Bakus können sich bereits darauf freuen, weitere authentische Einblicke in die Geschichte des Landes am Kaspischen Meer zu erhalten.

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Über den Autor

(geb. 1994) ist diplomatischer Berater des Bundesverbandes für Wirtschaftsförderung und Außenwirtschaft (BWA) in Berlin. Studium der Geschichtswissenschaften und Soziologie mit dem Schwerpunkt auf internationalen Beziehungen an den Universitäten Tübingen und Aix-en-Provence/Marseille (B.A., Licence d’Histoire) sowie Masterstudium an der Humboldt-Universität zu Berlin. Akademische Projekte führten ihn u. a. nach Israel, Belarus, in die Russische Föderation und die Ukraine. Seine Schwerpunkte sind internationale Beziehungen, Diplomatie und die Entwicklung der Beziehungen Deutschlands zu Russland, Osteuropa, dem Südkaukasus und Zentralasien. Berufliche Erfahrungen in den Bereichen Politikberatung (Energiepolitik, Wirtschaftsdiplomatie, Außenwirtschaft) und Regierungsbeziehungen.