Nachrichten zur Wirtschaft in Russland

Anzeige
Rufil Russia Consulting

Klaus DormannVon

Außenhandel Russlands im 1. Halbjahr: Exporteinbrüche halten an, Importrückgang flaut ab

In diesem Artikel sehen wir uns die Entwicklung der russischen Außenwirtschaft im ersten Halbjahr 2016 an. Dabei hielt der starke Exporteinbruch in Russland weiter an, der Rückgang der Importe flaute jedoch ab. Der Handelsbilanzüberschuss halbierte sich voraussichtlich. Der Internationale Währungsfonds erwartet angesichts der gestiegenen Ölpreise jedoch, dass der Rückgang im gesamten Jahr 2016 nur knapp ein Fünftel betragen wird.

Wichtigster Bestimmungsfaktor für die Entwicklung der russischen Handels- und Leistungsbilanz bleibt die Ölpreisentwicklung. 2015 war der Urals-Preis bereits um fast die Hälfte auf rund 51 Dollar je Barrel eingebrochen. Nach der Jahreswende setzte sich der Preisrückgang zunächst fort. Im Frühjahr erholte sich der Ölpreis dann zwar kräftig und näherte sich wieder der 50 Dollar-Marke. Im Durchschnitt des ersten Halbjahres war er aber mit knapp 38 Dollar noch rund 34 Prozent niedriger als im ersten Halbjahr 2015.

Die russische Zentralbank hat am 11. Juli Schätzungen veröffentlicht, wie sich bei dieser Ölpreisentwicklung die Ein- und Ausfuhren und die Leistungsbilanz in den ersten sechs Monaten entwickelt haben. Die Schätzungen dürften erfahrungsgemäß nur wenig von den ersten Ergebnissen abweichen, die Mitte August veröffentlicht werden.

Energieexport Russlands und Warenexporte insgesamt

 2015 1. Halbjahr 2016 
Mrd. $% ggü. 2014Mrd. $% ggü. 1. Hj. 15
Erdöl89.6-41.832.6-32.2
Mineralölprodukte67.5-41.821-46.3
Erdgas41.8-23.515-31.2
Summe Energie198.9-38.768.6-37.1
Export insg.341.5-31.3127.7-29.7
Energieanteil %58,253,7

Tabelle 1 – Quelle: Russische Zentralbank: External Sector Statistics; 11.07.2016

Anhaltend starker Exporteinbruch: Energieerlöse weiter kräftig gesunken

Angesichts des rund ein Drittel niedrigeren Urals-Rohölpreises gingen im ersten Halbjahr die Ausfuhren von Erdöl und Mineralölprodukten, die bereits 2015 jeweils um rund 42 Prozent gesunken waren, deutlich weiter zurück. Beim Erdölexport, der mengenmäßig nach ersten Angaben der Dispatching-Zentrale rund 6 Prozent höher war als vor einem Jahr, fielen die Erlöse auf 32,6 Mrd. $ (rund – 32 Prozent). Der Rückgang der Erlöse bei der Ausfuhr von Mineralölprodukten auf 21,0 Mrd. $ war noch deutlich schärfer (rund – 46 Prozent).

Dazu trug bei, dass mengenmäßig deutlich weniger Produkte ausgeführt wurden (rund 13 Prozent im Zeitraum Januar bis Mai 2016 nach Angaben des Gaidar-Instituts, das im Rahmen seines „Monitoring“ der russischen Wirtschaft Mitte Juli die Entwicklung der russischen Exporte detailliert analysiert hat).

Beim Erdgas war der erneute Einbruch fast ebenso stark (rund 31 Prozent) wie beim Erdöl. Die Erlöse aus dem Erdgasexport erreichten mit 15,0 Mrd. $ nur noch gut ein Viertel der Erlöse im Geschäft mit Rohöl und Produkten (53,6 Mrd. $).

Insgesamt waren die Erlöse aus dem Export von Öl und Gas mit 68,6 Mrd. $ rund 37 Prozent niedriger als im ersten Halbjahr 2015 (109,0 Mrd. $).

Positiver Nebeneffekt: Energielastigkeit der Exporte verringert

Der weitere Einbruch der Erlöse aus dem Energieexport verringerte die Energielastigkeit der russischen Wirtschaft: Ein weiterer Schritt zur dringend nötigen Diversifizierung der russischen Wirtschaft. Der Anteil der von der Zentralbank ausgewiesenen Energieexporte (68,6 Mrd. $) an den gesamten Warenexporterlösen (127,7 Mrd. $) ist zwar immer noch sehr hoch. Er sank aber doch spürbar weiter auf rund 54 Prozent im ersten Halbjahr 2016 (1. Halbjahr 2015: 60,0 Prozent).

Warenexport auch insgesamt deutlich niedriger

Auch der Wert der Exporte von Branchen außerhalb des Energiesektors sank im ersten Halbjahr kräftig (-18,5 Prozent). Eine Erklärung dafür: Nicht nur die Ölpreise, sondern auch die Preise anderer von Russland ausgeführter Rohstoffe waren noch niedriger als im Vorjahr. Auch westliche Sanktionen dürften zum Rückgang der Exporterlöse beigetragen haben.

Die vom Gaidar-Institut erfassten Daten für die Entwicklung einzelner Branchen in den ersten fünf Monaten zeigen, dass nur folgende Wirtschaftszweige ihre Umsätze im Ausland steigern konnten:

  • „Nahrungsmittel, landwirtschaftliche Rohstoffe (ohne Textilien)“: +6 Prozent
  • „andere Erzeugnisse“ (u.a. Waffen): +11 Prozent
  • Wertvolle Metalle, Steine, Textilien, Schuhe: +11 Prozent

Dass der Rubel im ersten Halbjahr 2016 gegenüber dem Währungskorb aus Dollar und Euro unter Berücksichtigung der unterschiedlich hohen Inflationsraten real weiter um 8,6 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum abwertete, hat offenbar nur wenigen russischen Exporteuren ausreichende Wettbewerbsvorteile zur Steigerung ihrer Exporte verschafft.

Die Entwicklungen auf der Ausfuhrseite der Handelsbilanz zeigen, dass sich die 2015 beobachteten Trends im ersten Halbjahr 2016 weitgehend fortgesetzt haben. Der Rückgang der gesamten Warenexporterlöse war mit rund 30 Prozent kaum schwächer als im gesamten Jahr 2015 (rund 31 Prozent).

Einfuhren: Rückgang flaut ab; Sanktionseffekt läuft aus

Bei den Einfuhren bietet sich ein deutlich anderes Bild. Sie waren im ersten Halbjahr 2016 nach Schätzung der Zentralbank voraussichtlich nur noch 9,4 Prozent niedriger als in der ersten Hälfte des Vorjahres.

Im ganzen Jahr 2015 hatten sie sich hingegen noch um 37,3 Prozent verringert, also noch stärker als die Exporte. Die gegenseitigen Sanktionen waren eine Ursache für den „Absturz“ der Importe. Zum einen konnte Russland 2015 von westlichen Exportverboten betroffene Produkte nicht mehr einführen. Zudem drückte Russland selbst die Einfuhren durch das Importverbot westlicher Nahrungsmittel. Zum Rückgang der Importe dürfte vermutlich auch die starke Rubelabwertung beigetragen haben, die Einfuhren aus dem Ausland drastisch verteuerte.

Diese Faktoren bremsen die Einfuhren 2016 wohl zunehmend weniger. Die Sanktionen dürften ihre Wirkungen weitgehend bereits im vergangenen Jahr gezeigt haben. Und der Rubel hat im ersten Halbjahr gegenüber dem Währungskorb aus Dollar und Euro im Vergleich zum Vorjahreszeitraum nominal nur noch etwa halb so stark abgewertet (rund – 13 Prozent) wie im Jahr 2015 (rund – 25 Prozent).

Die von der russischen Regierung verfolgte Politik der Substitution von Importen durch in Russland erzeugte Produkte ist offenbar zumindest unter den gegenwärtigen Bedingungen nicht geeignet, die Importe weiter schnell sinken zu lassen.

Aktuelle Rubel-Stärke wird zum politischen Problem – Kritik an Zentralbank

Im Verlauf des ersten Halbjahres 2016 wertete der Rubel mit steigenden Ölpreisen sogar merklich auf. Andrej Belousov, Wirtschaftsberater von Präsident Putin, und der frühere Stellvertretende Wirtschaftsminister und jetzige Stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Außenwirtschaftsbank VEB, Andrej Klepach, forderten am 21.07. die Zentralbank auf, Maßnahmen gegen eine weitere Aufwertung des Rubel zu ergreifen.

Laut einem Bericht der Nachrichtenagentur PRIME meinte ein Repräsentant der Zentralbank aber, die Bank habe keine Pläne, ihre Politik der Wechselkursflexibilität aufzugeben und den Wechselkurs zu beeinflussen.

Präsident Putin hatte allerdings bereits am 19. Juli bei einem Treffen mit Ministerpräsident Medwedew die Aufwertung des Rubel angesprochen. Die Regierung müsse überlegen, was sie deswegen tun müsse. Nadia Kazakova, Analystin der Saxo Bank, meint in einem Kommentar dazu, die Rubel-Stärke werde zu einem politischen Problem. Der Zentralbank dürfte kaum etwas anderes übrig bleiben, als auf Putins Äußerungen zu reagieren. Es könnte sein, dass die Zinsen am 29. Juli beim nächsten Treffen der Direktoren der Zentralbank gesenkt werden müssen – und zwar scharf.

Zur Diskussion über die Entwicklung des Rubel-Kurses hat Ostexperte.de auch bereits am 24. Juli ausführlich berichtet.

Handels- und Leistungsbilanzüberschuss im ersten Halbjahr deutlich gesunken

Trends in Russian foreign trade and current account balance. Sources: Macrobond, CBR, BOFIT. Quelle: Bank of Finland BOFIT: Contraction in Russian foreign trade and capital outflow slowed down, 15.07.2016

Der stark gebremste Rückgang der Importe bei nahezu unverändert schnellem Einbruch der Exporterlöse wird in einer Abbildung des Forschungsinstituts der finnischen Zentralbank seit Ende 2015 erkennbar. Um kurzfristige Schwankungen auszugleichen, zeigt sie die Entwicklung von Ausfuhren, Einfuhren und Leistungsbilanz im gleitenden Durchschnitt der jeweils letzten 4 Quartale.

Laut Schätzung der russischen Zentralbank dürfte der Handelsbilanzsaldo im ersten Halbjahr 2016 im Vergleich zum ersten Halbjahr 2015 um gut die Hälfte gesunken sein. Der Leistungsbilanzüberschuss Russlands ist voraussichtlich sogar um fast zwei Drittel zurückgegangen.

 2015 1. Halbjahr 2016 
Mrd. $% ggü. 2014Mrd. $% ggü. 1. Hj. 15
Handelsbilanz
Warenexport341.5-31.3127.7-29.7
Warenimport193-37.383.6-9.4
Handelsbilanzsaldo148.5-21.444.1-50.6
Leistungsbilanzsaldo692015.9-65.8

Tabelle 2 –Quelle: Russische Zentralbank: External Sector Statistics; 11.07.2016

IWF rechnet für das gesamte Jahr aber mit keinem tiefen Einbruch

Der IWF rechnet in seinem Mitte Juli veröffentlichten Länderbericht für Russland angesichts der im Verlauf des ersten Halbjahres deutlich erholten Ölpreise jedoch damit, dass der Weltmarktpreis für Rohöl im gesamten Jahr 2016 mit 42,2 Dollar/Barrel nur rund 17 Prozent niedriger als 2015 sein wird. Die russischen Warenexporterlöse dürften 2016 das Vorjahresniveau sogar nur um rund 12 Prozent unterschreiten. Bei einem Rückgang der russischen Warenimporte um rund 7 Prozent geht der IWF davon aus, dass der Handelsbilanzüberschuss 2016 mit rund 119 Milliarden Dollar nur rund 18 Prozent niedriger sein wird als 2015.

Der Leistungsbilanzüberschuss, der 2015 nach IWF-Angaben auf 5,0 Prozent des Bruttoinlandsprodukts gestiegen ist, werde mit rund 51 Mrd. Dollar  auch 2016 hoch bleiben (4,0 Prozent des BIP).

Positiv schätzt der IWF auch die Entwicklung der russischen Währungsreserven ein: Sie dürften am Jahresende 2016 mit rund 373 Milliarden Dollar etwas höher sein als ein Jahr zuvor und 2017 langsam weiter zunehmen.

Klaus Dormann
Über den Autor

war von 1980 bis 2015 Mitarbeiter der volkswirtschaftlichen Abteilung der Ruhrgas AG und der E.ON SE.