Nachrichten zur Wirtschaft in Russland

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Rufil Russia Consulting

Klaus DormannVon

Experten halten einen Rückgang um bis zu 11 Prozent für möglich

Was kommt auf die russische Wirtschaft zu? Unser Analyst wirft einen Blick auf die Zahlen und Prognosen verschiedener Institute.

Die russische Regierung und die Zentralbank halten sich mit Prognosen zum voraussichtlichen Rückgang der gesamtwirtschaftlichen Produktion in diesem Jahr immer noch zurück. Das Wirtschaftsministerium hatte zwar Anfang März angekündigt bis zum 09. April seine Vorausschau zu aktualisieren. Ende Januar hatte die Regierung der Planung des Staatshaushalts für 2020 noch eine Beschleunigung des Wachstums des Bruttoinlandsprodukts auf 1,9 Prozent bei einem Urals-Ölpreis von rund 58 Dollar/Barrel zugrunde gelegt.

Am 09. April teilte das Wirtschaftsministerium auf Anfrage von Journalisten jedoch mit, wegen der aktuell sehr großen Unsicherheit auf neue Prognosen zunächst noch zu verzichten. Auch Zentralbankpräsidentin Nabiullina bezifferte am letzten Freitag bei ihrer wöchentlichen Pressekonferenz zur aktuellen Lage in der Corona-Krise ihre Wachstumserwartungen nicht. Sie ließ aber erkennen, dass die gesamtwirtschaftliche Produktion im Jahresdurchschnitt niedriger sein dürfte als im Vorjahr. Von den Produktionseinschränkungen in diesem Jahr werde vor allem das zweite Quartal betroffen sein.

Das machte in der letzten Woche auch ein Bericht zu aktuellen Wirtschaftstrends der volkswirtschaftlichen Abteilung der Zentralbank deutlich (Summary in Englisch). Neue mittelfristige Prognosen wird die Zentralbank zur nächsten Leitzinsentscheidung des Direktorenrats am 24. April veröffentlichen.

Analysten-Umfragen signalisieren deutliche Rezession

Nachdem eine Ende März veröffentlichte Reuters-Umfrage bei Analysten noch zum Ergebnis kam, dass für 2020 im Durchschnitt nur ein leichter Rückgang des Bruttoinlandsprodukts von 0,3 Prozent zu erwarten sei, weist die am 07. April erschienene Umfrage des Research-Unternehmens FocusEconomics schon auf eine Rezession von 1,4 Prozent hin. Die Konjunkturforscher der Moskauer Higher School of Economics ermittelten in einer am 06. und 07. April durchgeführten „Blitz-Umfrage“, dass im Durchschnitt mit einer Rezession von 2 Prozent gerechnet wird.

Jüngste Prognosen einiger führender Experten näherten sich in der letzten Woche sogar bereits der 4 Prozent-Marke.

Alle drei erwarten aber, dass dem tiefen Produktionseinbruch im zweiten Quartal 2020 schon bald eine Erholung folgt. VEB-Institut und Nordea nehmen an, dass die Rezessionsverluste bereits 2021 etwa ausgeglichen werden.

„Scope Ratings“ geht hingegen für das nächste Jahr davon aus, dass nur rund zwei Drittel des diesjährigen Rückgangs aufgeholt werden. Die Rating-Agentur traut der russischen Wirtschaft langfristig wegen der geringen Wahrscheinlichkeit von strukturellen Reformen sogar nur ein sehr schwaches Wachstum von 1,3 Prozent pro Jahr zu.

Noch skeptischer beurteilten die deutschen Konjunkturforschungsinstitute in ihrer „Gemeinschaftsdiagnose“ vor einer Woche die Aussichten, dass die Konjunktur in Russland nach dem Rückgang in diesem Jahr (- 1,1 Prozent) wieder Fahrt aufnimmt. Sie vermuten, dass die Wirtschaftsleistung in Russland im nächsten Jahr lediglich stagnieren wird.

Wachstumsprognosen 2019 bis 2021
Veränderung des realen Bruttoinlandsprodukts gegenüber dem Vorjahr in Prozent

   201920202021
Nordea, Basis-Szenario04/10/20201.3-3.53.6
HSE-Umfrage am 06./07. April04/09/20201.3-22.3
Vnesheconombank Institut04/09/20201.3-3.84.8
Commerzbank, Frankfurt04/09/20201.3-21.1
Helaba, Frankfurt04/09/20201.301.7
Economist Intelligence Unit04/09/20201.3- 2.61.8
Weltbank; Datenstand 23.03.202004/09/20201.3-11.6
ING Bank, Amsterdam04/08/20201.3-2.52
Scope Rating, Berlin04/08/20201.3-3.32.3
Gemeinschaftsdiagnose, dt. Institute.04/08/20201.2-1.10
FocusEconomics
Consensus Forecast
04/07/20201.3-1.42.3
Berenberg Bank, Hamburg04/06/20201-32.5
DekaBank, Frankfurt04/03/20201.3-1.82.6
Fitch Ratings04/02/20201.3-1.42.2
Rosstat; zweite Schätzung BIP 201904/01/20201.3
Reuters-Umfrage03/31/2020-0.3
Sachverständigenrat03/30/20201.30.60.9
Standard & Poor’s03/28/20201.3-0.83.8
Eurasian Development Bank03/25/20201.31.31.9
Euler Hermes; Allianz03/23/20201.31.21.8
Russian Academy of Sciences03/22/20201.30.2
BOFIT, Bank of Finland03/20/20201.3-11.5
DIW, Berlin03/19/20201.31.11.6
Ifo Institut, München03/19/20201.3-0.21.1
WIIW Wien03/17/20201.3-0.1
Morgan Stanley03/13/20201.31.62.3
Citibank03/13/20201.322.5
Kiel Institut für Weltwirtschaft03/12/20201.311.5
Russische Zentralbank,
Basisszenario
02/07/20201.3
Urals 64 $/b
1,5 bis 2,0
Urals 55 $/b
1,5 bis 2,5
Urals 50 $/b
Wirtschaftsministerium; Entwurf laut Interfax01/31/20201.4
Urals 63,8 $/b
1.9
Urals 57,7 $/b
3.1
Urals 56,0 $/b
IWF, New York01/20/20201.11.92
Weltbank, Washington01/08/20201.21.61.8

Am 14. April wird der Internationale Währungsfonds seinen „World Economic Outlook“ aktualisieren. Er hatte im Januar – wie das russische Wirtschaftsministerium – noch ein Wachstum von 1,9 Prozent für die russische Wirtschaft erwartet.

Die Weltbank veröffentlichte bereits in der letzten Woche neue Prognosen für Russland im Update ihres Berichts zur Entwicklung der Länder in Europa und Zentralasien. In Russland erwartet sie jetzt in diesem Jahr wie die deutschen Forschungsinstitute einen Rückgang der Produktion um 1 Prozent. Die Arbeiten an dieser Prognose schloss die Weltbank allerdings bereits am 23. März ab, also kurz bevor die erste „arbeitsfreie“ Corona-Woche von Präsident Putin angeordnet wurde.

VEB Institut: BIP bricht im 2. Quartal um 18 Prozent ein

Nach Schätzung des VEB Instituts wird die Produktion der russischen  Wirtschaft im zweiten Quartal 2020 um 18 Prozent niedriger sein als vor einem Jahr. Das real verfügbare Einkommen dürfte um 17,5 Prozent fallen. Als Ursachen des Einbruchs verweist das Institut nicht nur auf die Einschränkungen der Produktion durch Maßnahmen zum Schutz vor der Verbreitung des Coronavirus. Ein weiterer Grund ist der Einbruch der Ölpreise, der zur Abwertung des Rubels führte.

Die bereits einen Tag vor der am 10. April erreichten Einigung der Förderstaaten in der OPEC+ über eine Begrenzung der Ölförderung veröffentlichte Prognose des VEB-Instituts geht zwar davon aus, dass der „Preiskrieg“ auf dem Ölmarkt anhält und der Ölpreis im Jahresdurchschnitt 2020 auf 34 Dollar/Barrel sinkt. Nach Einschätzung des Instituts wird der Rückgang der gesamtwirtschaftlichen Produktion im zweiten Quartal aber fast ausschließlich von den verhängten Quarantäne-Maßnahmen verursacht und nur zu einem sehr geringen Teil vom Ölpreisrückgang. Chef-Volkswirt Klepach sagte der Wirtschaftszeitung rbc.ru außerdem, nach der Einigung über die Begrenzung der Ölförderung sei im Jahresdurchschnitt 2020 von einem nicht viel höheren Ölpreis von 39 Dollar/Barrel auszugehen.

Entscheidend wichtige Annahme des VEB-Instituts ist, dass die strengen Quarantänemaßnahmen in der Stadt Moskau und in der Region Moskau sowie in St. Petersburg und der Region Leningrad nach rund 75 Tagen ab Mitte Juni aufgehoben werden. In den übrigen Regionen soll dies annahmegemäß schon nach rund 45 Tagen ab Mitte Mai geschehen.

Im Jahresvergleich 2020/2019 ist die Produktion fast 4 Prozent niedriger

Das VEB-Institut geht davon aus, dass Russland bei dieser Dauer der Quarantänemaßnahmen im Jahresdurchschnitt 2020 einen BIP-Rückgang um 3,8 Prozent verzeichnen wird. Die Arbeitslosenquote dürfte von 4,7 Prozent im Jahr 2019 auf 7 Prozent steigen. Das verfügbare Realeinkommen könnte um 6,5 Prozent sinken.

Der Dienstleistungssektor leidet besonders stark

Die stärksten Produktionseinbußen werden laut VEB-Institut folgende Sektoren der russischen Wirtschaft verzeichnen:

  • Hotel- und Gaststättenbereich ( – 22,2%),
  • Kultur und Sport ( – 21,2%),
  • Verkehr ( – 10,6%),
  • Groß- und Einzelhandel (- 4,3%).

Wachsen dürfte die Produktion im Gesundheitswesen (+ 2,0 Prozent).

Im Industriebereich (insgesamt: – 2,9 Prozent) wird voraussichtlich nur die Produktion von Nahrungs- und Genussmitteln, einschl. Tabak und Getränken, steigen (+ 2,6 Prozent). Nur wenig sinken dürften die Bauproduktion (- 0,2 Prozent) und die Produktion im Bereich Bergbau/Förderung von Rohstoffen (- 0,5 Prozent). Im Maschinenbau ist ein überdurchschnittlicher Rückgang zu erwarten (- 3,2 Prozent).

Die Ausfuhr von Maschinen, Ausrüstungen und KFZ sinkt um ein Zehntel

Auch beim Export rechnet das VEB-Institut mit zum Teil sehr starken Rückgängen: Chemische Produkte: – 3,6 Prozent; Holz: – 9 Prozent; Maschinen, Ausrüstungen und Fahrzeuge: – 10 Prozent; Metalle: – 12,5 Prozent.

Die Ausfuhr der für Russland besonders wichtigen mineralischen Rohstoffe wie Öl und Ölprodukten dürfte demgegenüber vergleichsweise wenig abnehmen (- 2,3 Prozent).

VEB-Institut erwartet aber rasche Erholung der Wirtschaft

Die Wirtschaft kann sich nach Einschätzung des Instituts aber voraussichtlich rasch erholen. Der Produktionsverlauf dürfte eine V-Form bilden. Ende Mai werde die gesamtwirtschaftliche Produktion wieder rasch anziehen. Im nächsten Jahr könnte das BIP um 4,8 Prozent gegenüber 2020 wachsen.

Für möglich hält das VEB Institut diesen Konjunkturverlauf bei einer Umsetzung aller Anti-Krisen-Pakete und wenn kleinen Unternehmen ermöglicht wird, ab Mitte des Jahres ihre Geschäftsaktivitäten wieder aufzunehmen.

Forschungsabteilung der Zentralbank erwartet auch nur kurze Krise

Im Bericht „Was die Trends sagen“ gibt sich die volkswirtschaftliche Abteilung der russischen Zentralbank auch zuversichtlich, dass die „akute Phase“ des Einflusses des Corona-Virus auf die Weltwirtschaft zwei Quartale nicht überschreiten dürfte. Dazu wird unter anderem auf die Fortschritte bei der Behandlung von an COVID-19 erkrankten Patienten und bei Maßnahmen gegen die weitere Verbreitung des Virus verwiesen. Gleichzeitig wird eine „zweite Welle“ der Viruserkrankungen im Herbst aber nicht ausgeschlossen.

Hinsichtlich der Inflationsentwicklung in Russland erwarten die Zentralbank-Forscher, dass die Abwertung des Rubel und Störungen der internationalen Produktionsketten in den kommenden Monaten den Anstieg der Preise beschleunigen könnten. Die gedämpfte Nachfrage der Verbraucher dürfte aber dafür sorgen, dass der Preisanstieg nicht allzu scharf ausfällt.

Und was ist im „worst case“ möglich?

Die Unternehmensberatung McKinsey&Company hält 2020 wie das VEB-Institut einen BIP-Rückgang um 3,8 Prozent für möglich, aber nur im günstigsten Fall. Dazu müsse die Verbreitung des Virus gestoppt werden können und die Erholung der Wirtschaft im Juli beginnen.

Im „schlechtesten Fall“ werde die Produktion jedoch um 10,2 Prozent einbrechen. Die russische Wirtschaft werde dann erst Mitte 2023 das Vorkrisenniveau wieder erreichen. Das berichtet rbc.ru über die noch nicht abgeschlossene Studie der Unternehmensberatung.

Die Rating Agentur Scope hält in ihrem „worst case szenario“ in diesem Jahr sogar einen Einbruch der Produktion um 11,3 Prozent für möglich. Angenommen wird dabei, dass die Maßnahmen zur Schließung von Produktionsstätten („lockdown“) bis zum Jahresende beibehalten werden müssen und die Ölpreise im Jahresdurchschnitt auf 20 Dollar/Barrel sinken.

Titelbild

Titelbild: Andrey Omelyanchuk / Unsplash

Quellen und Lesetipps:

Ostexperte.de-Artikel zu Konjunktur und Wirtschaftspolitik in Russland von Klaus Dormann:

Coronavirus und Wirtschaftskrise: Liveticker und Presseschau

Coronavirus: Informationen von AHK, GTAI, OAOEV

Coronavirus: Regierung und Zentralbank zu Russlands „Corona-Politik“

Periodisch erscheinende Konjunkturberichte

Coronavirus und Konjunktur in Russland und weltweit

Ölpreiseinbruch und Finanzmarktchrash

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Verbraucherpreisentwicklung im März

Konjunktur im Februar; Monatsberichte von Zentralbank, Wirtschaftsministerium und Rosstat

Wirtschaftswachstum im 4. Quartal 2019 und im Jahr 2019

Zentralbank: Präsentationen für Investoren in Englisch

Klaus Dormann
Über den Autor

war von 1980 bis 2015 Mitarbeiter der volkswirtschaftlichen Abteilung der Ruhrgas AG und der E.ON SE.