Klaus DormannVon

Analyse: Wo Russland die Rezession 2015 noch immer spürt

In der letzten Woche berichteten wir bereits über die ersten Schätzungen der russischen Statistikbehörde Rosstat zur Entwicklung der gesamtwirtschaftlichen Produktion im Jahr 2019. Zum Wachstum des realen Bruttoinlandsprodukts um 1,3 Prozent gegenüber 2018 trugen insbesondere der Anstieg des Privaten Verbrauchs (+ 2,3 Prozent) und des Staatsverbrauchs (+ 2,8 Prozent) bei. Die Anlageinvestitionen nahmen hingegen nur um 1,4 Prozent zu.

Im folgenden Artikel ziehen wir mit Hilfe von Berechnungen des Forschungsinstituts der finnischen Zentralbank eine Bilanz der Entwicklung in den letzten fünf Jahren. In welchen Bereichen hat Russlands Wirtschaft die Einbußen der Rezession des Jahres 2015 noch nicht wettgemacht? Und wir berichten über Einschätzungen der künftigen Entwicklung. Das Forschungsinstitut der staatlichen Vnesheconombank („Bank für Entwicklung und Außenhandel“) veröffentlichte am Freitag seine mittelfristige Prognose bis 2024.

Russlands Bruttoinlandsprodukt 2019 knapp 4 Prozent höher als 2014

Mit dem Anstieg um 1,3 Prozent im letzten Jahr ist die gesamtwirtschaftlichen Produktion Russlands 2019 um 3,9 Prozent höher gewesen als 2014. Der Rückgang des BIP um 2,0 Prozent im Rezessionsjahr 2015 wurde mit Anstiegen um 0,3 Prozent im Jahr 2016 und 1,8 Prozent im Jahr 2017 ausgeglichen. 2018 beschleunigte sich das Wirtschaftswachstum laut Ende 2019 revidierten Rosstat-Daten auf 2,5 Prozent. Die folgende Abbildung aus dem monatlichen Bericht der DekaBank zur russischen Wirtschaft zeigt die Wachstumsraten des Bruttoinlandsprodukts.

Daria Orlova; DekaBank: Russland: Neue Regierung, altes Wirtschaftsmodell;
in: Emerging Markets Trends, 07.02.2020

Rohstoff-Bereich und „Verarbeitendes Gewerbe“ wuchsen weit überdurchschnittlich

Im Rückblick auf die letzten 5 Jahre ergibt sich, dass sowohl der Private Verbrauch als auch die Anlageinvestitionen 2019 noch rund 4 Prozent niedriger waren als 2014. Die Folgen der von einem Einbruch der Ölpreise und westlichen Sanktionen ausgelösten Rezession im Jahr 2015 sind also vor allem für die privaten Verbraucher und bei den Investitionen der Unternehmen noch nicht überwunden. Dem Rückgang des privaten Konsums entspricht auf der Herstellungsseite, dass auch die Produktion im Groß- und Einzelhandel 2019 noch niedriger war als 2014.

Das Forschungsinstitut BOFIT der finnischen Zentralbank informierte am Freitag in „BOFIT Weekly“ über die Entwicklung seit 2014. In der rechten der beiden folgenden Abbildungen stellte es dar, wie sich die Produktion einzelner Wirtschaftsbereiche in den letzten fünf Jahren verändert hat.

Die linke Abbildung zeigt, wie sich die Verwendungsbereiche des Bruttoinlandsprodukts (Privater und Öffentlicher Verbrauch, Anlageinvestitionen, Ausfuhr) und die Einfuhr entwickelt haben. Deutlich wird, wo die Rückgänge der Jahre 2015 und 2016 noch nicht ausgeglichen sind.

Sehr unterschiedliche Entwicklung der Komponenten des Bruttoinlandsprodukts
preisbereinigte Werte; 2014=100

Im Rezessionsjahr 2015 ist in den rechts dargestellten Wirtschaftsbereichen nur die Produktion des Rohstoff-Bereich (obere dunkle Linie; „Mineral extraction; incl. oil & gas“) nicht gesunken, sondern weiter gewachsen. Der Rohstoff-Bereich setzte auch in den folgenden Jahren sein Wachstum sehr stetig fort. 2019 war seine Produktion rund 11 Prozent höher als 2014. Schneller gewachsen ist von den dargestellten Branchen in den letzten 5 Jahren nur der Bereich „Banken und Versicherungen“ (2019/2014: + 22 Prozent). Die Produktion des Kernbereichs der Industrie, des „Verarbeitenden Gewerbes“ („Manufacturing“), stieg um rund 8 Prozent, etwa doppelt so stark wie das BIP.

Ähnlich stark wie die Produktion der Gesamtwirtschaft wuchs die Produktion des Bereichs „Transport und Lagerhaltung“ (rund + 5 Prozent) sowie des Bereichs „Bauwirtschaft/Immobilien“ (rund + 4 Prozent) im Vergleich 2019/2014.

Weit unterdurchschnittlich entwickelte sich der Bereich „Groß- und Einzelhandel“. Seine Produktion war bis 2016 um rund 10 Prozent gesunken. 2019 war sie noch rund 5 Prozent niedriger als 2014. Dieser Rückgang spiegelt sich in der linken Abbildung bei den Verwendungen der gesamtwirtschaftlichen Produktion in der Abnahme des „Privaten Verbrauchs“.

Privater Verbrauch und Anlageinvestitionen noch niedriger als 2014

Der Private Verbrauch war bis 2016 um rund 11 Prozent gegenüber 2014 eingebrochen. 2019 war er immer noch rund 4 Prozent niedriger als vor 5 Jahren. Das gilt auch für die Anlageinvestitionen, die sich in der Rezession 2015 um rund 10 Prozent verringerten und sich nur sehr langsam erholen.

Der „Öffentliche Verbrauch“ wurde von der Regierung in der Rezession weit weniger eingeschränkt als der Verbrauch der privaten Haushalte sank. Wie die gesamtwirtschaftliche Produktion hat er 2017 wieder das Niveau von 2014 erreicht. 2019 war er knapp 5 Prozent höher als 2014.

Export stabilisierte 4 Jahre lang die gesamtwirtschaftliche Produktion

Mit Abstand am stärksten gestiegen ist in den letzten 5 Jahren der Export, obwohl er im letzten Jahr sank (- 2,1 Prozent). Vor allem in der Rezession 2015 und 2016 stabilisierte die außenwirtschaftliche Entwicklung mit steigenden Exporten bei drastisch eingeschränkten Importen die gesamtwirtschaftliche Produktion. 2019 war das allerdings anders. Bei sinkendem Export (- 2,1 Prozent) und wachsemdem Import (+ 2,2 Prozent) bremste die Veränderung des Saldos von Aus- und Einfuhren (der „Außenbeitrag“) das gesamtwirtschaftliche Wachstum.

Das wird in der folgenden Abbildung aus einer Analyse von Valery Mironov, Stellvertretender Direktor des Zentrums für Konjunkturforschung der Moskauer Higher School of Economics, deutlich. Sie zeigt die Wachstumsbeiträge der volkswirtschaftlichen Verwendungsbereiche in Prozentpunkten.

Im Rezessionsjahr 2015 stützten bei steigendem Export und sinkendem Import die Wachstumsbeiträge des Exports (dunkelgrüner Säulenteil) und des Imports (hellgrüner Säulenteil) mit einem „Außenbeitrag“ von insgesamt 6 Prozentpunkten das gesamtwirtschaftliche Wachstum. Bei negativen Wachstumsbeiträgen der übrigen Verwendungsbereiche von insgesamt 8 Prozentpunkten ergab sich 2015 ein Rückgang der gesamtwirtschaftlichen Produktion um 2,0 Prozent.

Jährliche Wachstumsrate des Bruttoinlandsprodukts und Wachstumsbeiträge der Verwendungsbereiche in Prozentpunkten

Valery Mironov; Development Center, Higher School of Economics: What new statistics say about economic growth in 2019 and about the possibilities of accelerating it in the near perspective; in: Comments on state and business, 12.02.2020

2019 war es umgekehrt. Bei sinkendem Export und steigendem Import war der Außenbeitrag negativ (- 1,1 Prozentpunkte). Die übrigen Verwendungsbereiche stellten insgesamt hingegen einen Wachstumsbeitrag von 2,4 Prozentpunkten. Wegen des negativen Außenbeitrags wuchs die russische Wirtschaft 2019 aber nur um 1,3 Prozent, wie die dicke blaue Linie zeigt. Die dünne blaue Linie zeigt die Entwicklung des Außenbeitrags.

In Deutschland wuchs das Bruttoinlandsprodukt im letzten Jahr übrigens mit nur 0,6 Prozent noch schwächer als in Russland. Der deutsche Export stieg zwar noch etwas (+ 0,9 Prozent), aber nur halb so stark wie die Einfuhr nach Deutschland (+ 1,9 Prozent). Auch in Deutschland war der Außenbeitrag 2019 deswegen negativ (- 0,4 Prozentpunkte laut Pressemitteilung des Statistischen Bundesamtes).

HSE-Experte Mironov: Wachstumsbelebung ist sehr schwierig

Um das von der Regierung ab 2021 geplante Wachstum von über 3 Prozent zu erreichen, ist nach Meinung des Autors der HSE-Studie, Valery Mironov, ein umfassender wirtschaftspolitischer Ansatz mit einer Kombination von fiskal-politischen, geldpolitischen und strukturpolitischen Maßnahmen erforderlich. Angesichts der in Geschäftsklima-Umfragen von Rosstat schon seit 2014 festgestellten starken Verunsicherung der Unternehmen wird es, so Mironov, aber sehr schwierig sein, eine erfolgreiche Kombination wirtschaftspolitischer Maßnahmen zu finden.

So könnte die voraussichtliche Lockerung der Fiskalpolitik durch die neue russische Regierung zum Beispiel bewirken, dass der Rubel real weiter aufwertet. Das könnte den Export nach dem Rückgang im letzten Jahr weiter dämpfen.

Mironov merkt auch an, die Möglichkeiten der Zentralbank, mit der Geldpolitik die Konjunktur anzuregen, seien eng begrenzt. Die Inflationserwartungen seien nicht stabil. Außerdem sei die russische Wirtschaft noch stark vom volatilen Ölmarkt abhängig.

Mittelfristige Prognose des Forschungsinstituts der Vnesheconombank

Das Forschungsinstitut der staatlichen „Bank für Entwicklung und Außenhandel“  (Vnesheconombank; VEB) nahm in einer am Freitag veröffentlichten Prognose der mittelfristigen Entwicklung bis 2024 nicht nur zur voraussichtlichen Entwicklung des Wirtschaftswachstums Stellung. Es analysierte auch die von der russischen Regierung geplanten wirtschaftspolitischen Maßnahmen und schätzte, welche Wachstumsimpulse davon ausgehen können.

Was das Wachstum in Russland behindert und fördert

In seinem Basis-Szenario geht das VEB-Institut derzeit von folgenden Wachstumshindernissen aus:

  • Das Wachstum in China und in der Weltwirtschaft wird durch den Coronavirus gedämpft, wobei eine Quantifizierung allerdings schwierig ist. Es gibt das Risiko einer neuen weltweiten Rezession Ende 2020 und im Jahr 2021.
  • Der russische Export kann durch das langsame Wachstum des Welthandels erheblich behindert werden.
  • Die Verbrauchernachfrage wird durch Einschränkungen der Kreditaufnahme gebremst.
  • Das Budget für die Jahre 2020 bis 2022 sieht keinen signifikanten Anstieg der Gehälter im öffentlichen Dienst vor.
  • Die Realzinsen sind immer noch außerordentlich hoch.
  • Die Investitionstätigkeit der Unternehmen ist trotz gestiegener Gewinne wegen der hohen Ungewissheit weiterhin nicht stark genug.

Das Institut nennt aber auch wachstumsfördernde Faktoren:

  • Die Ölpreise befinden sich auf einem für Russland ziemlich „komfortablen“ Niveau, auch wenn sie wie erwartet 2020 sinken.
  • Die Unternehmensgewinne und die Ersparnisse sind hoch.
  • Neue soziale Leistungen wurden von Präsident Putin angekündigt.
  • Die „Nationalen Projekte“ stimulieren die Nachfrage und mindern „strukturelle“ Wachstumshemmnisse.
  • Von der neuen Regierung ist ein verbessertes Management zu erwarten.

Zu vielen dieser Punkte hatte sich Andrei Klepach, VEB-Chefvolkswirt und früherer Leiter der Konjunkturabteilung des Wirtschaftsministeriums, bereits in einem Vortrag am 05. Februar geäußert.

Basis-Szenario rechnet mit deutlich weniger Wachstum als die Regierung

2020 erwartet das VEB-Institut in seinem Basis-Szenario zwar wie die Regierung eine Beschleunigung des Wachstums auf 1,9 Prozent. Die weitere Entwicklung schätzt das Institut jedoch deutlich weniger optimistisch als die Regierung ein.

Die Prognose der Regierung (graue Linie in der folgenden Abbildung) geht davon aus, dass sich das Wachstum 2021 auf 3,1 Prozent beschleunigt und ab 2023 mit 3,3 Prozent so stark ist wie das Wachstum der Weltwirtschaft (schwarze Linie).

Das VEB-Institut rechnet in seinem Basis-Szenario hingegen 2021 nur mit einem Anziehen des Wachstums auf 2,5 Prozent. Auch in den folgenden Jahren werde die russische Wirtschaft mit Raten von 2,1 bis 2,6 Prozent rund ein Viertel schwächer wachsen als die Weltwirtschaft.

Prognosen der jährlichen Wachstumsraten des Bruttoinlandsprodukts
in den Basis-Szenarien des VEB-Instituts und des Wirtschaftsministeriums
im Vergleich mit dem Wachstum der Weltwirtschaft

Vnesheconombank Institute: Medium-term forecast for the development of the Russian economy and measures to stimulate economic growth; Page 5; 14.02.2020

Mehr Wachstum wird im „moderat optimistischen Szenario“ erwartet

In einem als „moderat optimistisch“ bezeichneten Szenario macht das VEB-Institut aber auch Hoffnung auf noch mehr Wachstum als die Regierung plant. Das Institut meint, es gebe eine „hohe Wahrscheinlichkeit“ für neue Initiativen zur Stärkung des Wachstums. Sie würden Veränderungen der Haushalts- und Geldpolitik erfordern. Dann sei es möglich, eine durchschnittliche Wachstumsrate von 3,4 Prozent im Zeitraum 2020 bis 2024 zu erreichen. Ab 2021 könne die russische Wirtschaft schneller als die Weltwirtschaft wachsen.

In der folgenden Abbildung stellt das Institut seine Wachstumsprognosen im „Basis-Szenario“ (blaue Linie) und im „moderat optimistischen Szenario“ (grüne Linie) dar und vergleicht sie mit dem voraussichtlichen Wachstum der Weltwirtschaft (schwarze Linie).

BIP-Wachstum im „Basis-Szenario“ und im „moderat optimistischen Szenario; Anstieg gegenüber Vorjahr in Prozent


Vnesheconombank Institute: Medium-term forecast for the development of the Russian economy and measures to stimulate economic growth; Page 20; 14.02.2020

Prognose des VEB-Institut für 2021 deutlich überdurchschnittlich

Mit der Prognose von 2,5 Prozent Wachstum im Jahr 2021 liegt bereits das Basis-Szenario des VEB-Instituts im Vergleich mit Prognosen von anderen Banken und Instituten am oberen Rand der Erwartungen. In der am 11. Februar veröffentlichten Umfrage des Research-Unternehmens FocusEconomics erwarteten die Analysten im Durchschnitt nach 1,8 Prozent Wachstum im Jahr 2020 für 2021 mit 1,9 Prozent kaum mehr Wachstum.

Wachstumsprognosen 2019 bis 2021
Veränderung des realen Bruttoinlandsprodukts gegenüber dem Vorjahr in Prozent

   201920202021
Vnesheconombank Institute02/14/20201.31.92.5
Commerzbank, Frankfurt02/14/20201.31.81.8
Helaba, Frankfurt02/14/20201.31.71.7
Economist Intelligence Unit02/12/20201.21.71.7
OPEC, Wien02/12/20201.11.5
FocusEconomics
Consensus Forecast
02/11/20201.31.81.9
ING Bank, Amsterdam02/10/20201.31.51.7
Berenberg Bank, Hamburg02/10/202011.31.7
Russische Zentralbank,
Basisszenario
02/07/20201.3
Urals 64 $/b
1,5 bis 2,0
Urals 55 $/b
1,5 bis 2,5
Urals 50 $/b
DekaBank, Frankfurt02/07/20201.321.7
Rosstat; erste Sch?tzung02/03/20201.3
Wirtschaftsministerium;
Entwurf laut Interfax
01/31/2020
1.4
Urals 63,8 $/b
1.9
Urals 57,7 $/b
3.1
Urals 56,0 $/b
RIA Rating01/31/20202
Nordea, Stockholm01/29/20201.21.92
BNP Paribas, Paris01/28/20201.11.61.8
SEB, Stockholm01/21/20201.21.82.2
IWF, New York01/20/20201.11.92
Weltbank, Washington01/08/20201.21.61.8
Titelbild

Quellen und Lesetipps:

Ostexperte.de-Artikel zu Konjunktur und Wirtschaftspolitik in Russland von Klaus Dormann:

Periodisch erscheinende Konjunkturberichte

Weitere Veröffentlichungen zu Konjunktur und Wirtschaftspolitik in Russland:

Geldpolitik, Leitzinssenkung am 07.02.2020 auf 6,0 Prozent

Zentralbank Konjunkturbericht „Talking Trends“ vom 12.02.2020

Zentralbank: Konjunkturbericht für Dezember vom 07.02.2020

Zentralbank: Monetary Policy Report; neue Ausgabe erscheint am 17.02.2020

Zentralbank: Präsentationen in Englisch; Statistical Bulletin (monatlich)

Preisentwicklung Januar 2020

Rosstat: Bruttoinlandsprodukt 2019: +1,3 Prozent; Erste Rosstat-Schätzung vom 03.02.2020

Wirtschaftsministerium: Entwurf für neue Konjunkturprognose laut Interfax vom 01.02.2020

Monatsberichte Wirtschaft Dezember 2019 und Jahr 2019

Verfügbare Realeinkommen und Reallöhne 2019

Regierungswechsel und Verfassungsreform – Politik und Wirtschaft nach Rede Putins

Klaus Dormann
Über den Autor

war von 1980 bis 2015 Mitarbeiter der volkswirtschaftlichen Abteilung der Ruhrgas AG und der E.ON SE.