Nachrichten zur Wirtschaft in Russland

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Rufil Russia Consulting

Klaus DormannVon

IWF: Russlands Produktion bricht noch tiefer ein als bisher erwartet

Die Produktionseinschränkungen im Kampf gegen die Corona-Pandemie lassen auch Russlands Bruttoinlandsprodukt 2020 drastisch sinken. Der Internationale Währungsfonds rechnet jetzt für dieses Jahr mit einem Einbruch der Wirtschaftsleistung um 6,6 Prozent. In vielen westlichen Staaten wird die Produktion laut IWF durch die Corona-Pandemie aber noch stärker zurückgeworfen.

Auch die Anlageinvestitionen wurden in Russland bereits stark verringert. Hart getroffen wird insbesondere durch den starken Rückgang der Öl- und Gaspreise auch Russlands Außenhandel. Der Handelsbilanzüberschuss war in den ersten fünf Monaten rund 42 Prozent niedriger als im Vorjahr.

IWF: Corona-Krise trifft die „fortgeschrittenen Volkswirtschaften“ am meisten

Der Internationale Währungsfonds erwartet in seinem am letzten Mittwoch aktualisierten „World Economic Outlook“ für 2020 einen Rückgang der weltweiten Wirtschaftsleistung um 4,9 Prozent. Im April hatte er prognostiziert, dass die Produktion der Weltwirtschaft in diesem Jahr „nur“ um 3,0 Prozent schrumpft.

Besonders scharf wird der Einbruch laut IWF in der Gruppe der „Advanced Economies“ sein. In diesen „Industriestaaten“ erwartet er jetzt einen Rückgang um 8,0 Prozent. Dabei dürfte das Bruttoinlandsprodukt der Eurozone sogar um 10,2 Prozent sinken (Deutschland: – 7,8 Prozent).

Der IWF hat aber auch seine Prognose für die Gruppe der „Emerging Markets and Developing Economies“ weiter gesenkt. In diesen „Schwellen- und Entwicklungsländern“, zu denen auch Russland gezählt wird, erwartet er jetzt statt einer Abnahme des BIP um 1 Prozent einen Rückgang um 3 Prozent. In Russland soll die gesamtwirtschaftliche Produktion laut der neuen Prognose in diesem Jahr um 6,6 Prozent sinken (bisherige Prognose: – 5,5 Prozent).

Zentralbankpräsidentin Nabiullina: Viele andere Staaten sind stärker betroffen

Nachdem der IWF Mitte April in einer ersten Prognose der Folgen der Corona-Pandemie geschätzt hatte, dass Russland 2020 einen Rückgang um 5,5 Prozent zu erwarten habe, hatte die russische Zentralbank 10 Tage später ihre BIP-Prognose auf – 4 bis – 6 Prozent gesenkt. Anlässlich ihrer nächsten Leitzinsentscheidung am 24. Juli beabsichtigt die Zentralbank eine Aktualisierung dieser Prognose (siehe Kalender).

Zentralbankpräsidentin Nabiullina hob einen Tag vor der Veröffentlichung der jüngsten IWF-Prognose in einer Rede im russischen Parlament zum Jahresbericht 2019 der Zentralbank hervor, dass wahrscheinlich viele andere Länder von der Krise stärker betroffen seien als Russland. Der Rückschlag werde für Russlands Wirtschaft voraussichtlich auch schwächer sein als die Rezession in Russland in der weltweiten Krise 2007-2009.

Nabiullina strich heraus, die russische Wirtschaft und ihr Finanzsystem gingen in die Corona-Krise viel besser vorbereitet. Die Inflation sei anhaltend niedrig, die öffentliche Verschuldung gering und der Wechselkurs flexibel. Russlands  Haushaltsbudget sei ausgeglichen und die Einhaltung der „Budget-Regel“ sorge für eine geringere Abhängigkeit von der Ölpreisentwicklung.

Die Regierung bereite zudem einen nationalen „Erholungsplan“ vor. Die Zentralbank habe ihrerseits die Gelpolitik gelockert. Sie habe den Leitzins auf 4,5 Prozent gesenkt.

Alfa Bank: Hoffnung auf Erholung im zweiten Halbjahr könnte enttäuscht werden

Natalia Orlova, Chef-Volkswirtin der Alfa Bank unterstrich in einem Kurz-Kommentar, die neue IWF-Prognose bestätige die Einschätzung der Alfa Bank, dass Russland die Krise besser überstehen werde als andere Staaten. Zur Begründung verwies Orlova darauf, dass in Russland der Anteil der kleinen und mittleren Unternehmen (die von der Krise besonders stark betroffen sind) niedriger sei als in vielen anderen Ländern.

Die Alfa Bank hatte ihre Prognose für den Rückgang des Bruttoinlandsprodukts in Russland im Jahr 2020 zwar Ende Mai von 1 Prozent auf 3 Prozent gesenkt. Damit ist sie aber immer noch deutlich optimistischer als viele andere Konjunkturexperten (FocusEconomics Consensus: – 4,7 Prozent).

In einer Analyse nach der Veröffentlichung der Mai-Konjunkturdaten meinte Orlova  jedoch, es gebe wachsende Risiken, dass die konjunkturelle Erholung der russischen Wirtschaft im zweiten Halbjahr schwächer sein werde als sie bisher erwartet habe.

Zum einen macht sich Orlova kaum Hoffnungen auf weitere Impulse für die Konjunktur durch die Geldpolitik. Die Zentralbank habe nach ihrer letzten Leitzinssenkung um einen Prozentpunkt erkennen lassen, dass es eine Pause bei den Zinssenkungen geben könne. Außerdem sei der Rubel-Kurs viel stärker als sie erwartet habe.

Besorgt stimmt Orlova vor allem die hohe Ungewissheit über die weitere Entwicklung der Pandemie. Die Furcht vor einer „zweiten Welle“ beherrsche die Finanzmärkte und die Wirtschaft. Sie könne die großen Unternehmen veranlassen, vor allem ihre Kosten zu optimieren. Damit könnte die Entwicklung der Löhne und der Beschäftigung im zweiten Halbjahr unter verstärkten Druck kommen. So könnte die konjunkturelle Erholung im zweiten Halbjahr durch Kostensenkungen der großen Unternehmen verzögert werden.

Orlova erwartet, dass das Bruttoinlandsprodukt im gesamten zweiten Quartal rund 9 Prozent niedriger sein wird als vor einem Jahr.

Economic Expert Group: BIP war im Mai 13 Prozent niedriger als im März

Die unabhängige „Economic Expert Group“ macht in ihrem jüngsten Monatsbericht den starken Rückgang des Bruttoinlandsprodukts seit März 2020 mit folgender Abbildung der saisonbereinigten Entwicklung deutlich:

Saisonbereinigtes reales Bruttoinlandsprodukt insgesamt (dunkle Linie) und reales Bruttoinlandsprodukt der wichtigsten Branchen (hellblaue Linie)


Economic Expert Group: Economic Review – May 2020; 24.06.2020; Seite 11

Nach den Berechnungen der Expertengruppe betrug der Indexwert des gesamten realen Bruttoinlandsprodukts im Mai 2020 nur noch 156 Indexpunkte. Das reale BIP war damit rund 13 Prozent niedriger als im März 2020 (179 Indexpunkte). Der Rückgang des saisonbereinigten BIP der wichtigsten Branchen (heilblaue Linie) war mit 12 Prozent kaum schwächer.

So niedrig wie im April und Mai 2020 war das reale Bruttoinlandsprodukt zuletzt am Jahreswechsel 2009/2010, als sich Russland von der Rezession in der Weltfinanzkrise erholte.

Zentralbank: Die Anlageinvestitionen wurden bereits stark eingeschränkt

Nach Schätzungen der Zentralbank sind die realen Anlageinvestitionen im gleitenden 3 Monats-Durchschnitt der Monate März bis Mai fast 10 Prozent niedriger gewesen als im Vorjahreszeitraum. Das zeigt die rote Linie in der folgenden Abbildung aus der am 26. Juni veröffentlichten Aktualisierung der Präsentation der Zentralbank für Investoren „Russia*s Economic Outlook and Monetary Policy“.

Indikatoren für die Investitionstätigkeit
Veränderungen im gleitenden 3 Monats-Durchschnitt gegenüber dem Vorjahr in Prozent

Der Transport von Baumaterialien per Eisenbahn (graue Linie) nahm zuletzt nur noch sehr schwach zu. Die Produktion von Investitionsgütern (blaue Linie) war rund 16 Prozent niedriger. Der Import von Maschinen und Ausrüstungen aus Ländern außerhalb der CIS (Gemeinschaft Unabhängiger Staaten) sank um rund 13 Prozent (gelbe Linie).

IWF: 2021 holt Russland den Produktionseinbruch noch nicht auf

Laut der Chef-Volkswirtin des IWF, Gita Gopinath, hat die Entwicklung des weltweiten Bruttoinlandsprodukts in diesem Frühjahr ihren Tiefpunkt zwar bereits durchschritten. Auch Gopinath verwies jedoch auf die hohe Unsicherheit der Prognosen. Eine erneute Welle von Erkrankungen durch das Coronavirus sei möglich.

Aktuell geht der IWF davon aus, dass das Welt-Bruttoinlandsprodukt im nächsten Jahr um 5,4 Prozent steigen wird. Damit würde der Rückschlag des Jahres 2020 um 4,9 Prozent ausgeglichen.

Der Gruppe der „Fortgeschrittenen Volkswirtschaften“ und auch Russland werde dies jedoch im nächsten Jahr nicht gelingen. Die „Advanded Economies“ würden mit einem Wachstum um 4,8 Prozent 2021 nur gut die Hälfte des Rückschlages im Jahr 2020 aufholen (- 8,0 Prozent). Ähnlich werde es in Russland aussehen: Russlands Wirtschaft werde 2021 voraussichtlich um 4,1 Prozent wachsen – nach einem Rückschlag in diesem Jahr um 6,6 Prozent.

Auch den Außenhandel trifft Corona mit niedrigeren Rohstoffpreisen hart

Wegen der Corona-Pandemie rechnet der IWF auch mit einem drastischen Rückgang des Welthandels. Mit der weltweit sinkenden Nachfrage, der Unterbrechung von Produktions- und Lieferketten sowie niedrigeren Rohstoffpreisen erwartet der Fonds 2020 einen Rückgang des internationalen Handels mit Waren und Dienstleistungen um 11,9 Prozent.

Russlands Warenausfuhr sank im April laut FocusEconomics gegenüber dem Vorjahresmonat um 36 Prozent. Das war der schärfste Einbruch seit vier Jahren. Die Einfuhr verringerte sich um rund 22 Prozent, so stark wie seit Dezember 2015 nicht mehr. Der Außenhandelsüberschuss verringerte sich im April auf nur noch 6,2 Milliarden USD. Der Saldo blieb aber trotz der außergewöhnlich niedrigen Ölpreise auch im April positiv.

Russlands Wirtschaftsministerium streicht in einer Pressemitteilung heraus, das Wachstum der Ausfuhren von Nahrungsmitteln und landwirtschaftlichen Erzeugnissen habe zu einer stärkeren Diversifikation der russischen Ausfuhr beigetragen. Es erwartet mit Hinweis auf die gestiegenen Rohstoffpreise im Mai und Juni einen Anstieg der Exporterlöse. Ein Bericht der Außenwirtschaftsabteilung des Wirtschaftsministeriums zur Entwicklung des Außenhandels im April dürfte bald veröffentlicht werden.

Russlands Handelsbilanzüberschuss ist stark gesunken

Tatiana Evdokimova, frühere Chef-Volkswirtin der schwedischen Bank Nordea und seit Juni Mitarbeiterin der von der österreichischen Regierung und Internationalen Wirtschaftsorganisationen getragenen Bildungsakademie „Joint Vienna Institute“, twitterte zum Rückgang des Überschusses im russischen Außenhandel die folgende Abbildung. Sie zeigt den deutlichen Rückgang des Überschusses seit Jahresbeginn bis April 2020. Evdokimova weist aber darauf hin, dass der Überschuss in der Handelsbilanz in den Krisenjahren 2009 und 2016 in einigen Monaten noch niedriger war als im April 2020 (6,2 Mrd. USD). Vorläufige Angaben der russischen Zentralbank ließen erwarten, dass der Überschuss im Mai etwas gestiegen sein dürfte.

Handelsbilanzsaldo Russlands in Milliarden US-Dollar Handelsbilanzsaldo insgesamt (rote Linie); Handelsbilanzsaldo mit sonstigen Ländern; Handelsbilanzsaldo mit den CIS-Ländern

Tatiana Evdokimova; Joint Vienna Institute: Russian external trade surplus in April was not as bad as in the worst months of 2009 and 2016; Twitter, 25.06.2020;

Im Zeitraum Januar bis Mai 2020 war der Handelsbilanzüberschuss nach Schätzung der russischen Zentralbank mit 43,2 Milliarden USD rund 42 Prozent niedriger als im Vorjahreszeitraum (74,1 Mrd. USD).

Für das gesamte Jahr 2020 gehen die von FocusEconomics befragten Analysten im Durchschnitt davon aus, dass Russlands Ausfuhr um rund 36 Prozent sinkt. Die Einfuhr werde gleichzeitig deutlich schwächer um rund 25 Prozent abnehmen. Der Handelsbilanzüberschuss werde um rund 53 Prozent auf 77 Milliarden USD sinken (2019: 164 Milliarden USD).

Die Zentralbank erwartet in ihrem Basisszenario vom 24. April 2020 für das Jahr 2020 einen noch stärkeren Rückgang des Überschusses in der Handelsbilanz um rund 74 Prozent auf nur noch 43 Milliarden USD.

Titelbild

Quellen und Lesetipps:

Ostexperte.de-Artikel zu Konjunktur und Wirtschaftspolitik in Russland von Klaus Dormann:

Coronavirus in RF: Liveticker, Presseschau, Russland-Analysen, Russia Analytical Digest

Corona-Informationen von GTAI, OAOEV, WKO, AEB, AHK, IWF

Corona-Themenseite des Wirtschaftsministeriums und der Zentralbank

Periodisch erscheinende Konjunkturberichte (monatlich, vierteljährlich, halbjährlich)

Wirtschaftsministerium: Prognosen der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung bis 2023

Konjunkturberichte von Zentralbank, Wirtschaftsministerium, Rosstat

Konjunktur und Wirtschaftspolitik in Russland

Nationaler Aktionsplan zur Erholung der Wirtschaft

Wirtschaftspolitik in der Corona-Krise weltweit

Öl- und Gas in Russland und weltweit

Geldpolitik: Leitzinssenkung vom 19.06.2020

Weitere Zentralbank Berichte und Prognosen

Verbraucherpreise im Mai

Klaus Dormann
Über den Autor

war von 1980 bis 2015 Mitarbeiter der volkswirtschaftlichen Abteilung der Ruhrgas AG und der E.ON SE.