Nachrichten zur Wirtschaft in Russland

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Thorsten GutmannVon

Exklusiv-Interview mit dem Vorstandsvorsitzenden der AHK Russland, Matthias Schepp, über den deutschen Mittelstand in Russland

Der Vorstandsvorsitzende der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer (AHK), Matthias Schepp, über die Lage des deutschen Mittelstands in Russland, Herausforderungen auf dem russischen Markt und Investitionsbedingungen für deutsche Unternehmen.

AHK RusslandMatthias Schepp
Die 2007 gegründete Deutsch-Russische Auslandshandelskammer (AHK) ist die Interessenvertretung der deutschen Wirtschaft in Russland und der russischen Wirtschaft in Deutschland. In der AHK sind augenblicklich über 800 Mitglieder zusammengeschlossen, die meisten davon Mittelständler. Die AHK berät und unterstützt deutsche und russische Unternehmen vom ersten Schritt auf dem jeweiligen Markt bis zur Etablierung ihres Geschäftes und im täglichen Business.

Sie informiert mit ihren Publikationen und in mehr als 200 Veranstaltungen jährlich zu allen relevanten wirtschaftlichen Themen in Russland und in Deutschland. Über die Komitees und Arbeitsgruppen werden die aktuellsten Entwicklungen und entsprechende Handlungsoptionen beleuchtet.

Matthias Schepp ist seit über 25 Jahren in Moskau. Er arbeitete früher als Journalist und war langjähriger Leiter des „Spiegel“-Büros in Moskau. Am 31.03.2016 wurde Schepp bei der Mitgliederversammlung der AHK Russland zum neuen Vorsitzenden gewählt.
AHK Russland, Logo

Logo der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer (AHK)

Die AHK Russland hat Ende Oktober die Ergebnisse ihre Geschäftsklima-Umfrage vorgestellt. Wie beurteilt der deutsche Mittelstand die Wirtschaftslage in Russland? 

Für kommendes Jahr zeigten sich die Unternehmen in unserer Umfrage zuversichtlich: 55 Prozent rechnen mit einer leicht positiven Entwicklung der russischen Wirtschaft. Russland bleibt weiterhin attraktiv für den deutschen Mittelstand: Die Hälfte der Befragten, darunter viele Mittelständler, schätzen das Potenzial des russischen Marktes weiterhin als hoch bzw. sehr hoch ein.

In der Umfrage wurden auch Schwierigkeiten der deutschen Unternehmen vor Ort abgefragt. Was sind die größten Herausforderungen für die Firmen in Russland?

Große Herausforderungen sind weiterhin die alten Probleme: Bürokratie, Vetternwirtschaft, unzureichende Förderung des Mittelstandes. Mit der Krise ist die Unsicherheit über die Marktentwicklung hinzugekommen, die in unserer Umfrage an erster Stelle genannt wird. Die Inflation, der hohe Leitzins und der sanktionsbedingt eingeschränkte Zugang zu Finanzierungen sind eher neue Erscheinungen, genau wie zunehmender Protektionismus und die Politik der Importsubstitution.

Gibt es aktuell erwähnenswerte deutsche Investitionen auf dem russischen Markt und wenn ja, welche? 

„Der Investitionsboom wird nicht nur von großen Konzernen getragen, sondern auch von zahlreichen kleinen und mittelständischen Firmen.“

Ende November hat Volkswagen Russland in Kaluga die Produktion der zweiten Generation des Tiguan-SUV begonnen. Hier lag die Investition bei 180 Millionen Euro. Henkel hat kürzlich ebenfalls für über 30 Millionen Euro ein neues Werk in Noginsk eröffnet. Und Mercedes plant aktuell, eine Produktion im Moskauer Gebiet aufzubauen.

Der Investitionsboom wird jedoch nicht nur von großen Konzernen getragen, sondern besonders auch von zahlreichen kleinen und mittelständischen Firmen: Beispielsweise unser Mitglied Petkus, eine mittelständische Saatgut-Firma, will größer in eine Fabrik in Stawropol investieren.

Wir steuern in diesem Jahr auf einen Rekord an deutschen Direktinvestitionen in Russland seit vielen Jahren zu. Im ersten Halbjahr 2016 waren es mit 1,73 Milliarden Euro den Daten der Bundesbank zufolge bereits fast so viel wie im gesamten Jahr 2015.

AHK-Vorstandsvorsitzender Matthias Schepp

Matthias Schepp ist der Vorstandsvorsitzende der AHK Russland. Vorher war er Leiter des Moskauer „Spiegel“-Büros.

Wie gut sind die Investitionsbedingungen für deutsche Unternehmen momentan – zum Beispiel in regionalen Industrieparks? 

Wir sehen trotz der politischen Spannung zwischen Russland und dem Westen in den vergangenen Jahren Anstrengungen der russischen Regierung und auch der Regionalverwaltungen, insbesondere ausländischen Investoren den roten Teppich auszurollen. Russlandweit gibt es inzwischen mehr als 100 Technologie- und Industrieparks, die um die Gunst ausländischer Investoren Wettbewerb machen. Da wird besonders mit Infrastruktur geworben, aber auch mit Steuerfreiheit über mehrere Jahre. Zusätzlich macht der schwache Rubel Investitionen in Russland momentan attraktiv.

Andererseits droht vielen Produzenten, die bisher nach Russland exportiert haben, der Markt wegzubrechen: wegen des schwachen Rubels sind Importprodukte für viele russische Konsumenten zu teuer geworden. Die Alternative ist daher oft, in Russland eine Produktion aufzubauen. Hier spielen auch die Bestimmungen der russischen Regierung für Lokalisierung und Importsubstitution mit ein.

Dennoch: Das Investitionsklima hat sich an einigen Stellen deutlich und entscheidend verbessert. Im aktuellen Doing-Business Ranking der Weltbank landet Russland auf Rank 40. Im Jahr 2012 war es noch Platz 124. In einigen Bereichen, zum Beispiel bei der Geschwindigkeit, Eigentum zu registrieren, steht das Land sogar in den Top-10.

Die AHK hat zuletzt den deutsch-russischen Mittelstandspreis verliehen. Welche Bedeutung hat dieser Preis?

Eine große: Es ist die einzige Auszeichnung im deutsch-russischen Wirtschaftskontext und auch die einzige, die ausdrücklich an innovative Mittelständler verliehen wird.

Der Mittelstand ist der Kern der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer und auch der IHKs in Deutschland. Wir wollen mit dem Preis auch die Entwicklung des Mittelstandes in Russland fördern. Für unsere über 800 Mitgliedsunternehmen wie für die deutsche Unternehmerschaft insgesamt ist es wichtig, dass die Zulieferindustrie in Russland stärker wird – denn Zulieferer sind meist Mittelstand.

Mit dem Preis, der in diesem Jahr an das deutsche Unternehmen Viessmann und an das russische Unternehmen Elektrostar/Starmix vergeben wurde, wollen wir diese Bemühungen auszeichnen.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Schepp.

Dieses Interview führte Ostexperte.de-Chefredakteur Thorsten Gutmann.

Fotoquelle

Quelle: AHK Russland

Thorsten Gutmann
Über den Autor

Thorsten Gutmann war von September 2016 bis Dezember 2018 Chefredakteur der unabhängigen Nachrichtenseite Ostexperte.de in Moskau. Derzeit arbeitet er als Nachrichtenchef bei der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer (AHK). Bevor er zu Ostexperte.de kam, war er u. a. für die Moskauer Deutsche Zeitung und die Berliner Zeitung tätig. Im Jahr 2017 gründete er die RUSummit – Fachkonferenz zur Digitalwirtschaft in Russland mit dem Ziel, den deutsch-russischen Wirtschaftsdialog zu fördern.