Nachrichten zur Wirtschaft in Russland

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Simon SchüttVon

Adecco Russia im Interview über das neue Gesetz für Leiharbeit in Russland

Adecco mit Sitz in der Schweiz ist der weltweit größte Personaldienstleister und gehört zu den Fortune-Global-500-Unternehmen. In Russland ist das Unternehmen seit 2002 tätig. Im Ostexperte.de-Interview mit Olga Yasinskaya und Elena Tonkikh von Adecco Russia geht es vor allem um das neue Gesetz zur Leiharbeit in Russland, das am 1. Januar 2016 in Kraft getreten ist.


Ostexperte.de: Was heißt Leiharbeit (auch: Arbeitnehmerüberlassung, Mitarbeiterüberlassung oder Zeitarbeit) in Russland genau? So wie ich es verstehe, heißt das, dass eine Firma Personen einstellt und sie dann an andere Firmen “verleiht”, für die diese dann arbeiten. Ist das so korrekt? Wie würden Sie es beschreiben?

Olga Yasinskaya (Adecco Group, Marketing Manager für Russland und Marketing Koordinator für EE&MENA): Zunächst einmal möchte ich darauf hinweisen, dass es bei Adecco Russia einen Unterschied zwischen unseren Leistungen “Temporary Staffing” und “Outstaffing” gibt [Anm. d. Red: Das Interview wurde auf Englisch geführt. Um die Übersetzung exakt beizubehalten, wurden hier die englischen Begriffe „Temporary Staffing“ und „Outstaffing“ verwendet].

Adecco LogoTemporary Staffing heißt, dass ein Kunde für den Zeitraum eines Projekts mit Arbeitskräften versorgt wird. Der Dienst von unserer Seite umfasst dann:

  • Suche
  • Auswahl
  • Einstellen
  • Gehaltsliste.

Wenn wir über Outstaffing reden, dann ist das Rezept etwas einfacher:

  • Einstellen
  • Gehaltsliste der bestehenden Kandidaten des Kunden.

Personalsuche- und -auswahl fallen hier also weg.

Ich möchte auch anmerken, dass das Verb “leihen” im Bezug auf Menschen merkwürdig klingt. Wir reden daher lieber von “eine befristete Stelle zur Verfügung stellen” [“provide a temporary job”].

Könnten Sie vielleicht ein Beispiel geben, wie Leiharbeit dann in der Praxis aussehen kann?

OY: Natürlich gebe ich Ihnen gerne ein Beispiel: Stellen Sie sich vor, Sie haben eine große Produktionsfirma. Es läuft gut. Im Winter steigt aber die Produktion und Sie brauchen 25 weitere Techniker mit bestimmten Qualifikationen und Fähigkeiten für – sagen wir – eine Dauer von drei Monaten.

Adecco oder andere HR-Agenturen stellen Ihnen dann qualifizierte Techniker für exakt diesen Zeitraum, den Sie benötigen, zur Verfügung. Aber es sind nicht Ihre Angestellten, sondern Adeccos – mit einem temporären Projektvertrag zwischen Adecco und dem Angestellten.

Leiharbeit besteht also aus drei Teilen: einem Vertrag zwischen dem Kunden und der Agentur, und der Agentur mit dem Angestellten [siehe Grafik].

Leiharbeit

Leiharbeit besteht aus drei Beteiligten: Agentur (wie Adecco), Angestellter und Kunde. © Adecco

In welchen Sektoren wird Arbeitnehmerüberlassung denn hauptsächlich eingesetzt?

OY: Genutzt wird Arbeitnehmerüberlassung [Temporary Staffing] vor allem im Industrie-Sektor, in der Logistik oder im Office-Bereich. Aber auch im IT-Sektor ist es sehr populär. Ebenfalls erwähnenswert sind saisonelle Verkaufs- und Produktionsaktivitäten.

Und wer arbeitet dann auf Zeit?

OY: Die verbreitetste Kategorie von Zeitarbeitern sind Studenten. Für sie ist das nämlich eine Möglichkeit, erste Berufserfahrungen zu sammeln, ihre Arbeit mit ihrer Ausbildung zu kombinieren, ein erstes eigenes Einkommen zu erhalten und – das ist das Wichtigste für die heutige Generation Z – flexible Arbeitszeiten zu haben. Wir arbeiten auch oft mit Frauen im Mutterschaftsurlaub zusammen. Für sie ist das eine tolle Möglichkeit, aktiv in der Arbeitswelt zu bleiben und trotzdem genug Zeit mit dem Kind verbringen zu können.

Seit Beginn des Jahres ist nun ein neues Gesetz in Kraft, das Zeitarbeit betrifft. Was genau macht dieses Gesetz? Verbietet es Zeitarbeit?

Olga Yasinskaya Adecco Russia

Olga Yasinskaya, Marketing Manager bei Adecco Russia und Marketing Koordinator für EE&MENA.

OY: Nein, wir möchten hier sofort klarstellen, dass das neue Gesetz, das zum 1. Januar 2016 in Kraft getreten ist, Temporary Staffing-Dienste NICHT verbietet. Es zielt darauf ab, die Arbeitsaktivität von Arbeitnehmern zu regulieren, die unter temporären Arbeitsverträgen zu Individuen oder Rechtspersonen entsendet werden.

Das Schlüsselwort des neuen Gesetzes ist „temporär“. Und das impliziert eine zeitliche Begrenzung. In unserem Fall ist die maximal erlaubte Projektlänge neun Monate. Aber für einige Gruppen sind Ausnahmen vorgesehen. Darunter etwa für Vollzeit-Studenten, Alleinerziehende, Eltern mit vielen Kindern oder für Personen, die zuvor Gefängnisstrafen abgesessen haben.

Das Schlüsselwort des neuen Gesetzes ist „temporär“.

Es gibt durch das Gesetz nun auch konkrete Regeln für Anbieter und die Firmen, die diese Dienste in Anspruch nehmen. Die Zahlungsbedingungen eines Arbeitsvertrags mit einem Angestellten, der für die aufnehmende Vertragspartei zur Arbeit entsandt wird, dürfen zum Beispiel nicht schlechter sein als die Zahlungsbedingungen von Arbeiterm, die von speziellen Agenturen angestellt werden.

Eine Firma, die Temporary Staffing-Dienste in Anspruch nimmt, trägt nun die Mitverantwortung für Lohnzahlungen und andere Kompensationen, für Verstöße gegen die Lohnzahlungsbedingungen, Urlaubszahlungen und andere.

In Übereinstimmung mit dem Gesetz müssen außerdem private Zeitarbeits-Agenturen akkreditiert werden. Das neue Gesetz legt dafür Anforderungen fest. Dabei wird etwa ein hohes Stammkapital gefordert und der Leiter der privaten Agentur muss über einen Hochschulabschluss sowie mehrjährige Berufserfahrung im Bereich Beschäftigung verfügen.

Wie sah denn die Gesetzgebung für Leiharbeit aus, bevor das neue Gesetz kam? Gab es da überhaupt irgendwelche Regelungen?

OY: Leiharbeit und der Markt für Leiharbeit [Temporary Staffing] wurde vorher nicht von der russischen Regierung reguliert.

Es gibt viele gute Beispiele in westlichen Märkten, in denen der Markt in allen Belangen von der Regierung reguliert wird – also in Bezug auf Angestellte, Firmen und Agenturen. Deswegen glauben wir, dass es eine gute Initiative war, das Gesetz einzuführen.

Und was lief falsch, dass die russischen Politiker das Gesetz einführen mussten?

OY: Zuvor wurde Leiharbeit in Russland statt temporär immer mehr „permanent“. Viele Firmen setzten Leiharbeiter ohne jegliche zeitliche Begrenzung und zu sehr viel schlechteren Zahlungsbedingungen ein [als normale Angestellte]. Die Arbeiter waren die schwache Seite in dieser Beziehung und litten darunter.

Nun hat die Regierung dafür zwei regulierte Formen möglicher Vertragsbeziehungen vorgelegt: permanente Verträge und temporäre Verträge/Projektverträge, bei denen die Bedingungen nun nicht schlechter seien dürfen als bei einem permanenten Vertrag.

Sie haben eben auch davon gesprochen, dass sich private Zeitarbeit-Agenturen akkreditieren lassen müssen. Gehört Adecco nun zu den akkreditierten Agenturen?

OY: Ja. Die Adecco Group Russia war eine der ersten Agenturen, gemeinsam mit den Agenturen der Association of Private Employment Agencies of Russia, die dem Arbeitsministerium die entsprechenden Dokumente für die Akkreditierung vorgelegt hat, damit unser Unternehmen weiterhin unter den neuen gesetzlichen Realitäten Temporary Staffing-Dienste anbieten kann. Wir nutzen diese Veränderungen als Möglichkeit zum Wachstum in dem neu regulierten Markt.

Worin sehen Sie denn den größten Vorteil des Gesetzes?

OY: Für die Agenturen ist der Vorteil des Gesetzes vor allem, dass es dazu beiträgt, auf dem Markt für einen gesunden Wettbewerb und faire Marktbedingungen zu sorgen. Es wird den Markt im Hinblick auf unprofessionelle Unternehmen regulieren, die Arbeitnehmerüberlassung anbieten und dabei das Gesetz verletzen.

Und was heißt das Gesetz für die Arbeiter?

OY: Wenn wir über Temporary Staffing sprechen, das vom neuen Föderalen Gesetz Nr. 116 reguliert wird, heißt das, dass sich für die Arbeiter tolle neue Möglichkeiten bieten: sie werden genau wie die internen Mitarbeiter mit festen Verträgen bezahlt und haben einen 100-prozentigen Schutz durch das Gesetz.

Sehen Sie Nachteile, die das neue Gesetz mit sich bringt?

Adecco RussiaOY: Adecco begrüßt die gesetzlichen Sicherheiten, die das neue Arbeitsgesetz in Russland dem russischen Arbeitsmarkt bringt. Es entspricht den Forderungen unseres Unternehmens, Schurken-Anbieter zu bekämpfen und die Arbeit zu formalisieren. Und das Gesetz erkennt Arbeitsagenturen, die eine weite Bandbreite von privaten Arbeitsdienstleistungen anbieten als Haupt-Player auf dem Arbeitsmarkt an.

Der einzige leichte „Nachteil“ ist die Begrenzung von Verträgen zwischen Agentur und Angestelltem auf maximal neun Monate. Wir wissen aus der europäischen Praxis, dass es auf 12 bis 24 Monate ausgeweitet werden könnte.

Wir ziehen dennoch eine positive Bilanz. Wir sind uns sicher, dass es dazu beitragen wird, den Markt von unprofessionellen Firmen zu bereinigen, die ihre Dienste mit fragwürdigen Praktiken anbieten. Es wird außerdem zu einer deutlichen Verbesserung der Arbeitsbedingungen für Angestellte führen, die bereits als Leiharbeiter tätig sind.

Wie würden Sie denn die aktuelle Situation auf dem russischen Arbeitmarkt einschätzen? Spielt da die schwierige wirtschaftliche Lage eine Rolle?

OY: Die offizielle Arbeitslosenrate ist seit Beginn des Jahres um 15 Prozent gestiegen. Der wirtschaftliche Abschwung fordert seinen Tribut auch auf dem Arbeitsmarkt. Dennoch haben die offenen Stellen und Stellenangebote im Vergleich zum Vorjahr zugenommen.

Die Instabilität auf dem Arbeitsmarkt zeigt sich auch darin, dass Teilzeit-Arbeit in Russland seit Beginn des Jahres um 30 Prozent gestiegen ist. Für uns heißt das, dass der Markt für Temporary Staffing und Outsourcing populärer werden könnte.

Und wie reagieren Sie auf die Krise? Ändern Sie Ihr Angebot?

Elena Tonkikh Adecco

Elena Tonkikh, Sales Director der Adecco Generic Business Line.

Elena Tonkikh (Sales Direktor der Adecco Generic Business Line): Adecco Russia hat schon 2015 sein Angebot von Diensten ausgeweitet, die für den Kunden in der neuen ökonomischen Realität interessant sein können. Zum Beispiel haben wir begonnen, neue Business-Lösungen wie Outsourcing anzubieten. Es gab ein Rebranding von Avanta Personnel zu Adecco Professional Services und unsere Firma Lee Hecht Harrison (LHH) bietet nun Outplacement-Dienste an, die in europäischen Ländern sehr verbreitet sind [Anm. d. Red.: Outplacement heißt, dass ausscheidende Mitarbeiter bei der beruflichen Neuorientierung begleitet werden].

Adecco war als Dienstleister an den olympischen Winterspielen 2014 im russischen Sotschi beteiligt. Werden Sie auch Partner für das nächste sportliche Großereignis in Russland, die Fußball-WM 2018?

ET: In Russland ist es noch nicht klar, ob wir der offizielle Partner für die WM 2018 werden, aber es haben dazu schon einige Gespräche stattgefunden.

Adecco ist ja weltweit tätig. Was ist denn für Sie charakteristisch am russischen Markt?

ET: Russland ist ein tolles Land mit riesigen Möglichkeiten. In Bezug auf den Arbeitsmarkt kann man sagen, dass es ein herausforderndes Land mit einem lebendigen Markt ist. Die zeitlichen Begrenzungen für Zeitarbeit in Russland sind strenger als in anderen Ländern mit ähnlicher Gesetzgebung. Nichtsdestotrotz ist Russland ein guter Markt, um dort eine große Bandbreite von HR- und Business-Dienstleistungen anzubieten.

Vielen Dank für das Gespräch, Frau Tonkikh und Frau Yasinskaya!

Das Interview führte Simon Schütt


Zum Weiterlesen über Leiharbeit in Russland:

Ostexperte.de: Was sich 2016 in Russland ändert (Nr. 9 bezieht sich auf Leiharbeit).

Newsletter Roedl & Partner Februar 2016: „Regulierung des Leiharbeitsmarktes“

Moskauer Deutsche Zeitung: Russland schafft die Zeitarbeit ab (von 2014).


Fotoquelle

Quelle:

Die Fotos von Frau Tonkikh und Frau Yasinskaya stammen von Adecco Russia.

Titelbild: Simon Schütt

Adecco-Logo: By Afrank99 and DiabolicDevilX [Public domain], via Wikimedia Commons

 

Simon Schütt
Über den Autor

war von September 2015 bis September 2016 Chefredakteur bei Ostexperte.de.

Derzeit arbeitet er bei der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer. Bevor er zu Ostexperte.de kam, war er Redakteur der Moskauer Deutschen Zeitung. Dort schrieb er vor allem für das Wirtschafts-, das Digital- und das Moskau-Ressort.

Der Berliner hat in Wien Publizistik- und Kommunikationswissenschaft studiert und dort bei der Österreich-Ausgabe des Werbe-, Marketing- und Medien-Fachmagazins Horizont gearbeitet.