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Ostexperte.deVon

„Endlich darf Moskau eine Stadt und kein Basar sein.“

Moskau reißt die nächsten illegal errichten Gebäude ab – diesmal trifft es den bekannten Komplex „Pyramida“ bei der Metro-Station Puschkinskaja. Lesen Sie, was die Moskauer dazu sagen. 

Ein Gastbeitrag von Sergej Michaijlow


„Dauerhaft geschlossen“ steht dort nun auf Google Maps, wenn man den „Pyramida“-Einkaufskomplex bei der Moskauer Metro-Station Twerskaja/Puschkinskaja sucht.

Am Sonntag, den 21. Februar um 9 Uhr früh begann der Abriss der Gebäude mitten im Zentrum Moskaus. Die erste McDonald’s-Filiale Russlands, vor der im Januar 1990 die Menschen Schlange standen, befindet sich nur einen Steinwurf entfernt auf der anderen Seite der Twerskaja-Straße. Doch nun wurden hier die Steine der „Pyramide“ durcheinander geworfen – von Baggern (Weiter unten sehen Sie Bilder vom Abriss).

Der Abriss von «Pyramida» ist die Fortsetzung einer Aktion der Stadt Moskau gegen illegale errichtete Gebäude in Metro-Nähe. Sie fand ihren Anfang vor zwei Wochen in einer nächtlichen Aktion gegen rund 100 Stände. Im russischen Internet wurde sie als «Nacht der langen Schaufeln» bekannt. Auch Ostexperte.de berichtete darüber.

Umstrittene Abriss-Aktion

Die Moskauer wunderten sich damals. Über Nacht sahen viele Metro-Stationen ganz anders aus; viele Kioske, bei denen sie zuvor im Vorbeigehen alles von Strumpfhosen bis Schawarma eingekauft hatten, lagen nun in Trümmern. Meist habe sich das Stadtbild dadurch nicht zum Schlechteren verändert, meinten viele Moskauer. Sie zeigten sich aber überrascht über das rasche und grobe Vorgehen der Stadt. Viele empfanden die Einkaufsmöglichkeiten in Metro-Nähe als praktisch. Auch die plötzlichen Arbeitsplatzverluste inmitten der Wirtschaftskrise sahen die Menschen kritisch.

Die Aktion ist auch rechtlich umstritten, denn nur in wenigen Fällen konnte die Stadtregierung auch tatsächlich nachweisen, dass es sich um illegal errichtete Bauten handelte. Moskaus Bürgermeister polterte dennoch auf dem russischen Sozialnetzwerk VKontakte (wir sind übrigens auch dort zu finden): „Eure Papiere sind vermutlich alle gekauft!“

Pyramida soll ebenfalls illegal errichtet worden sein. Doch auch wenn nicht, sind hier nun bereits Fakten geschaffen worden.

Im Gegensatz zu den meisten abgerissenen Ständen, ist „Pyramida“ vielen bekannt

Waren die bisher abgerissenen Stände und Kioske allgemein eher unbekannt, so kennen viele Moskauer „Pyramida“, mit der namengebenden Glaspyramide auf dem Dach des flachen Gebäudes. Der Komplex hatte sich an dieser Stelle mit seinen zwei ansässigen Kosmetik-Geschäften und Parfümerien der städtischen Umgebung gut angepasst. Viele gingen zum Einkaufen hin.

Unten lesen Sie einige Stimmen der Moskauer zu dem Abriss.

Ein Platz zum Verschieben

Doch bevor wir die Moskauer zu Wort kommen lassen, folgt hier noch ein interessanter Fakt. An ebenjener Stelle, an der nun am Sonntagmorgen die Kosmetik-Läden den Baggern zum Opfer fielen, wurde 1979 ein Gebäude um 34 Meter verschoben. Auch hier sollte das der Verschönerung des Stadtbilds dienen. Eine aus heutiger Sicht fragwürdige Verbesserung, denn damit sollte der Blick auf das „Iswestij“-Gebäude freigemacht werden – ein dunkler Klotz aus Sowjet-Zeiten (oben bei Google Street View gut zu sehen).

Nun ist der Blick darauf wieder frei.


Das sagen die Moskauer zum Abriss von „Pyramida“

Andrej, 31:

Das Gebäude war natürlich schlimm, aber ich denke nicht, dass nun nach dem Abriss der Platz leer bleibt. Es wird dort einen neuen Schrecken geben. Selbst die Kioske sind mir egal, aber die Art, wie sie abgerissen wurden, war falsch. In einem Rechtsstaat sollte Eigentum wenn überhaupt erst NACH einem Gerichtsverfahren zerstört werden und nicht mit der Formulierung «eure Erlaubnis ist vermutlich gekauft». Es macht mir große Sorgen, dass offizielle Stellen auf Grund von Gerüchten handeln.

Wladislawa, 23: 

Ich denke, dass der Abriss der illegalen Gebäude – unter anderem von „Pyramida“ – das Stadtbild bessert und, dass Sergej Sobjanin das in dieser Hinsicht gut macht [Im Original: „bolschoj Molodjez“]. Dadurch wird die Stadt sauberer. Man muss sich nur die Bilder von vorher und danach ansehen.

Konstantin, 39: 

Das verringert die Bequemlichkeit, verbessert aber das Stadtbild.

Maria, 22:

Im Großen und Ganzen haben mich die Gebäude nicht gestört. Man konnte dort eben schnell einkaufen gehen und sie haben das Straßenbild nicht verschlechtert.

Roman, 26:

Ich erinnere mich gar nicht an „Pyramida“. Aber ich finde es gut, dass es abgerissen wird.

Daria:

Meiner Meinung nach, verlieh der Komplex diesem Ort wenigstens etwas Stil. Sein Abriss bringt nun die „einzigartige Schönheit“ des Gebäudes «Iswestij» dahinter zum Vorschein.

Dmitrij, 53:

Wenn man über die Abrisse als Ganzes redet, dann wirkt das sehr grob, unbeholfen und übertrieben. Wenn sie denn illegal errichtet wurden, sollten die bestraft werden, die es zugelassen haben und nicht die, die gerade darin arbeiten. Es scheint mir ein erfundener Anlass zu sein.

Georgij:

Wenn es die Stadt denn abreißen möchte, dann sollten wenigstens Kompensationen ausgezahlt werden. Pyramida war aber nicht schön.

Alina:

Endlich darf Moskau eine Stadt und kein Basar sein!


 

Über den Autoren:

Sergej Michaijlow

Autor und Fotograf, der Moskauer Sergej Michaijlow.

Sergej Michaijlow

ist Moskauer und arbeitet im russischen Bildungssystem. Der Geographie-Lehrer reist gerne und ist leidenschaftlicher Fotograf. Für Ostexperte.de dokumentiert er seine Stadt mit der Kamera.

Die Fotos dieses Artikels sind von ihm.


 

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