Brief zum Wochenende, 24. März 2017

Verehrter Präsident Petro Poroschenko,

wenn Sie rufen: „Haltet den Dieb!“, weiß doch eigentlich jeder, worum es geht. Glauben Sie nicht?

Gestern wurde in Kiew Ihr Landsmann Denis Woronenkow erschossen. Am hellichten Tag und direkt vor dem Hotel Premier Palace. Starkes Stück. Sein Leibwächter liegt schwer verletzt im Krankenhaus, der Täter kam bei dem Schusswechsel ums Leben.

Eigentlich war ja Woronenkow gar nicht Ihr Landsmann. Den ukrainischen Pass besaß er erst seit dem 6. Dezember. Wenige Monate zuvor war er noch kommunistischer Abgeordneter in der russischen Duma gewesen, dem Parlament.

Sie, verehrter Herr Präsident, wussten gestern natürlich sofort Bescheid: Putin hat die Bluthunde von der Leine gelassen. Da geben Ihnen viele im Westen recht, die alle vor dem asiatischen Despoten an der Moskwa zittern. Das haben die lupenreinen Demokraten so gemeinsam.

Aber werfen wir einen Blick auf Woronenkows Karriere. Haben Sie die fünf Minuten? In den drei Jahren ab 2004 war der promovierte Jurist in Moskau bei der föderalen Drogenfahndung tätig. Als Ermittler, spezialisiert auf die schweren Fälle. Von 2011 bis 2016 saß er dann für die Kommunisten im russischen Parlament.

2013 beschuldigte ihn die in Abwesenheit in Russland verurteilte Unternehmerin Anna Etkina in einem Brief an den Generalstaatsanwalt der Organisation des tödlichen Anschlags auf ihren Geschäftspartner, den früheren Miteigentümer der Werften in Wismar und Warnemünde Andrej Burlakow, im Jahr 2011.

Kann man Woronenkow überhaupt als Kremlkritiker bezeichnen? Ich weiß, dass Sie das tun. Aber lesen Sie nur mal, was er Ende 2014 über Ihr Land geschrieben hat, über Russophobie und Russenhass in der Ukraine. Oder erinnern sich, dass er in der Duma noch im letzten Sommer ein Gesetzesvorhaben zum Verbot des Internetspiels Pokemon Go initiiert hat. Pokemon Go, hat er gesagt, mache aus seinen Nutzern Terroristen und Spione. Denkt so ein Liberaler, ein Teil der Freien Welt, des Freien Westens? Also so einer wie Sie?

Seit 2014 wurde strafrechtlich gegen Woronenkow ermittelt. Der Vorwurf: Verwicklung in einen Fall der Manipulation staatlicher Register zwecks unrechtmäßiger Aneignung eines Moskauer Stadtpalais. Im Dezember 2014 beantragte die Staatsanwaltschaft die Aufhebung seiner parlamentarischen Immunität.

Die Parlamentswahlen am 18. September 2016 brachten die Wende. Woronenkows Versuch, in die Duma zurückzukehren, war gescheitert. Am 16. Oktober setzte er sich mit seiner Frau, der Opernsängerin und ehemaligen Duma-Abgeordneten (für die Regierungspartei Einiges Russland) Maria Maxakowa, in Ihr Land ab. Keine zwei Monate später verliehen Sie den beiden die ukrainische Staatsbürgerschaft.

Dafür hat er sich auch ordentlich bedankt. Dem russischen Geheimdienst hat er politische Verfolgung vorgeworfen und Wladimir Putin und dem Kreml, dass sie keinen Rechtsstaat zulassen und keine Demokratie und überall die Korruption wuchert. Also das genaue Gegenteil der Ukraine, ich meine natürlich der Ukraine seit Ende Februar 2014. Außerdem hat er Ihnen angeboten, im geplanten Verfahren gegen Ihren abgesetzten Vorgänger Viktor Janukowitsch als Kronzeuge aufzutreten.

Im Februar 2017 wurde in Russland ein internationaler Haftbefehl gegen Woronenkow erlassen – das leidige Stadtpalais. Etwa zur gleichen Zeit hat sein früherer Chef bei der Drogenfahndung gesagt, Woronenkow sei damals nicht in den sagenumwobenen Schmuggel- und Korruptionsfall „Drei Walfische“ eingebunden gewesen.

Und dann, am 23. März, wurde Denis Woronenkow in Kiew in aller Öffentlichkeit und am hellichten Tage erschossen.

Wissen Sie was, verehrter Herr Präsident: Ihr Landsmann, der nicht lange Ukrainer sein durfte, war gar kein Demokrat. Der war, was er vorgab: ein Kommunist. Und ein bisschen gierig. Mein Bauchgefühl sagt mir, dass der Kreml sich seine Bluthunde für fettere Fische aufspart. Woronenkow war lediglich ein früh gescheitertes Exemplar der russischen Saulus-Paulus-Liberalen. Boris Beresowski, Michail Chodorkowski und viele andere … das Muster ist immer gleich. Die richtige Konstellation von Geschäft und Politik, dann das viele, bisweilen sehr viele Geld, schließlich der Bruch. Die Konstellation, die Machtverhältnisse ändern sich. Aber da ist noch der Westen, naja, manchmal nur die Ukraine, dort wartet ein neues Leben. Und blauäugige Bewunderer, die atemlos den Geschichten vom russischen Dissidentenleben lauschen. Und Pressekonferenzen, Buchverträge, TV-Auftritte. Ein Leben wie ein Wunschkonzert. Nur in Woronenkows Fall war es rasch vorbei.

Lassen wir ihn daher in Frieden ruhen. Und missbrauchen Sie ihn nicht auch noch postum für Ihre nachbarschaftliche Rivalität. De mortuis nihil nisi bene.

Untertänigst und mit den besten Wünschen

Ihr
Thomas Fasbender