Nachrichten zur Wirtschaft in Russland

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Dominik KalusVon

Russland ist anders, das hört man oft. Aber nicht nur Sowjeterbe und Riesenreich, auch viele weniger offensichtliche Alltagsunterschiede fallen dem westeuropäischen Fremden auf. Hier eine Auswahl, jenseits vom Wodka- und Sowjetklischee.

Für viele Deutsche existiert Russland gar nicht. Also klar, auf der Landkarte und im Geschichtsbuch und natürlich in den Nachrichten, das schon. Aber ein echter Ort, in den man einfach hinfliegen kann? Wer nicht gerade russische oder russlanddeutsche Vorfahren hat, für den ist Russland in der Regel ein komplett fremdes Land. Nicht von irgendwoher ist die erste Frage, die sich Internationals in Russland gegenseitig stellen: Wie hat es dich hierher verschlagen? Wer dann nach Russland kommt, merkt: Vieles läuft hier anders, anders als gedacht und anders in Bereichen, an die man überhaupt nicht gedacht hätte. Lest hier 13 Unterschiede, die mir bei meinem Eintritt ins Auge gesprungen sind.

1. Mit Englisch kommt man nicht weit

Moskau ist eine Weltstadt, in der man auch ohne die Landessprache gut zurecht kommt? Weit gefehlt! Wer kein Russisch kann, ist im Alltag außerhalb der Business-Bubbles aufgeschmissen! Jeder Supermarkteinkauf wird zum Stresstest, genauso jedes um Hilfe Fragen im öffentlichen Raum. „Wir sprechen hier kein Englisch“, so die trockene Antwort beim Arzt, als ich damals noch naiv auf Englisch meine Gesundheitsbestätigung abholen wollte. Der Metroplan sowie die Bank- und Ticketautomaten sind zwar auf Englisch einstellbar. Aber wer mit Passanten, Verkäufern, Schaffnerinnen und Taxifahrern reden will, muss Russisch lernen. Und das ist keine Generationenfrage! Auch der Großteil der jungen Leute, so scheint es mir, spricht kein oder nur spärliches Englisch. Aber umso zuträglicher ist das für die Motivation des Gastes, die Russische Sprache zu erlernen.

2. Es wird nicht gelächelt

„Das Land des Lächelns“, so heißt eine Operette von Franz Lehár. Wäre der Schauplatz Russland, so wäre „Land der unfreundlich-kühl-distanzierten Blicke“ der passende Titel. Der Typ am Schalter bei der Einreise war keine Ausnahme: Jeder Angestellte, Verkäufer oder Passant guckt so ernst aus der Wäsche, was zunächst ziemlich irritiert und auch frustriert. „Lachen ohne Grund ist das Merkmal eines Narren“, lautet ein russisches Sprichwort. Ausländer erkennt man vor allem daran, dass sie Fremde anlächeln. Aufgesetztes Lächeln gilt als unhöflich und falsch. Aber man lernt, damit umzugehen. Und umso schöner, wenn einen dann ein echtes Lächeln streift! Das kommt dann wirklich von Herzen.

3. Eine Metrofahrt, die ist… still

Früher war die Metro so dröhnend laut, dass jegliche Unterhaltung vergeblich war. Moderne Technik hat den Fahrtlärm gedämpft, aber das notgedrungene Schweigen blieb. Auch daran erkennt man die Ausländer in der Moskauer Metro: Sie unterhalten sich lebhaft, während die Einheimischen still und stumm dasitzen. Und nicht nur das, Moskowiter sehen beim Metrofahren auch apathisch ins Leere und nehmen kaum ihre Mitmenschen wahr. Eine Freundin erzählte mir, dass ihre Eltern einmal stationenlang nebeneinander saßen, und erst beim Verlassen der Metro einander gewahr wurden. Diese distanzierte Höflichkeit macht die Fahrt zwar angenehm, aber auch sehr unspektakulär. Bei der Gelegenheit noch ein weiteres Ausländermerkmal: Sie haben keine Scheu, ihre Tasche auf den Zugboden zu stellen, während die Russen ihr Gepäck immer auf dem Schoß transportieren. Achtet mal drauf!

Fußnote: Anders als auf längeren Zugfahrten würde Russen im Traum nicht einfallen, in der Metro zu essen. Es gibt innerhalb des Moskauer Metro-Systems auch keine Mülleimer. Trotzdem ist alles auffallend sauber.

4. Dauerbeschallung next level

Ganz und gar nicht still ist es aber ansonsten in Moskau. Der Bürger wird dauerbeschallt, aus allen Richtungen: Von der Straße lärmt beständig der Verkehr, aus und in den Geschäften dröhnt Musik, auf dem Bürgersteig rufen „Marktschreier“ per Mikrofon und Verstärker Werbeangebote aus, in den Restaurants dudeln die Lounge-Sounds viel zu laut und selbst in den Parks sind überall Lautsprecher, die mit Ansagen und Popmusik „erfreuen“. Und Baustellen arbeiten bis spätabends und selbstverständlich auch sonntags. Wer im Moskauer Zentrum wohnt, braucht Nerven.

5. Die Russen kennen ihre Klassiker

Was Einheimische außerdem in der Metro tun: Bücherlesen. Richtige gedruckte Bücher! Die Russen sind eine Lesenation, wie Umfragen und Studien immer wieder bestätigen. Meterlange Bücherregale in ansonsten spärlichen Haushalten sind nichts Ungewöhnliches. Dabei ist Lesen hier auch ein geldbeutelfreundliches Hobby. Eine gebundene Ausgabe eines Klassikers wie „Der Meister und Margarita“ gibt es (auf Russisch) schon um 2 Euro. Und die Klassiker werden auch geschätzt, nicht nur von Literaturstudenten! Während in Deutschland kaum jemand den Werther wirklich gelesen hat, kennen und lieben die Russen ihre Schriftsteller. Das hat auch mit dem Schulsystem zu tun, dass seine Schützlinge zur Lektüre verdonnert: Bis zu 15 Bücher müssen in den Sommerferien teilweise gelesen werden. „Wir haben in Russland eine Ehrfurcht vor dem gedruckten Wort“, sagt mein Kollege. So erklärt er auch den Erfolg mancher Sekten in den schwierigen 90er Jahren: „Die haben einfach Bücher verteilt und so massenhaft Anhänger gewonnen“.

6. Schlangen und Nummern ziehen sind mitnichten Geschichte

Die Sowjetunion wird oft auf leere Regale und Schlangen vor den Geschäften reduziert. Die Kulturtechnik des Schlangestehens hat sich erhalten, wenn auch nicht im Ausmaß der Öffnung der ersten McDonalds-Filiale. Ob bei der Post, Behörden oder auch Bäckereiketten: Es gilt zunächst, eine Nummer zu ziehen und nur beim Vorzeigen dieser wird man auch bedient – dumm schaut der Fremde aus der Wäsche, der sich naiverweise einfach mal miteingereiht hat, ohne zuvor Zettelchen mit Nummer abgerissen zu haben. Und wo man überraschenderweise oft anstehen muss: Vor Museen! Eine halbe Stunde in der Kälte frieren für Bildende Kunst? Normal! Vor allem das letzte Wochenende einer Ausstellung ist berüchtigt. Aber auch sonst, wer nicht online reserviert, muss in der Regel warten. Wobei ich noch nicht dahintergekommen bin: sind die Russen so viel kunstbesessener oder einfach schlecht darin, Museen zu managen? Vermutlich beides…

7. Das Gehalt kommt zweimal

In Russland bekommt man zwei Mal im Monat Gehalt – freilich kein doppeltes, sondern der Monatslohn kommt in der Regel in zwei Raten. Ein Erbe des paternalistischen Sowjetstaates, der verhindern wollte, das seine Mündel ihr Geld gleich am Monatsbeginn verschwenden? Jedenfalls können Russen sich zwei Mal im Monat über Lohn freuen beziehungsweise zwei Mal dem Zahltag entgegenbangen.

8. Es gibt kein Erdgeschoss

Das Erdgeschoss als gedankliches Konzept existiert nicht. Man fängt unten an zu zählen, das Erdgeschoss ist die „erste Etage“, der erste Stock die „zweite Etage“ usw. Zunächst verwirrend, aber man gewöhnt sich dran. Und man ist oft schneller am Ziel, als unbewusst erwartet.

9. Feminismus á la russe

Das Bild der Frau in Russland ist widersprüchlich. Einerseits waren im Sozialismus arbeitende Frauen die Norm, andererseits definiert sich die Frau vor allem als Mutter und Schönheit. Die Geschlechterrollen sind traditionell zementiert, mit dem Maßstab des europäischen Feminismus braucht man hier nicht messen. Nur den Männern wird zur Begrüßung die Hand gereicht, und wer als Mann mit einer russischen Frau ausgeht, bezahlt die Rechnung – immer, und ohne dass diese Geste einen Vorteil für ihn bedeuten würde. „Deutsche Frauen wollen wirklich selbst bezahlen?“, fragt mich unverständig eine Bekannte. Für Russinnen äußert sich Unabhängigkeit und Stärke gerade in dem Gewährenlassen von Gefälligkeiten. Warum solle man darauf freiwillig verzichten? Jedenfalls wird die Rechnung immer dem Mann am Tisch gebracht. Ich werde nie den verstörten Blick der Kellnerin vergessen, als eine befreundete Italienerin mich und meinen Kumpel zum Abendessen einlud.

10. Cash is out

Wo wir gerade beim Bezahlen sind. Ob Shots in der Disco, das Eis am Straßenstand oder die Supermarktrechnung von 20 Cent: Alles, aber auch wirklich alles zahlen die Russländer mit Karte. Russland ist das Land, so las ich kürzlich, in dem man im klapprigsten und gerade noch fahrtauglichen Minibus sein Ticket per Smartphone bezahlen kann. Mit der Konsequenz, dass Bargeld immer weniger bereitgehalten wird. Schon mit einem 1000-Rubelschein (ca. 14 Euro) kann es Probleme geben, zu bezahlen. Einmal konnte mir mein Taxifahrer für eine 3-Euro-Fahrt meinen 500-Rubelschein nicht rausgeben. Die 300 Rubel (4 Euro) Rückgeld überwies er mir dafür geschwind per Handy-Sofortüberweisung.

11. Guter Käse ist selten

Die Gegensanktionen machen sich vor allem an einer Sache bemerkbar: Es gibt nirgends guten Käse. Zwar hat Russland seine Importabhängigkeit verringert und die heimische Lebensmittelproduktion kräftig angekurbelt – aber niemand hat gesagt, dass die russischen Produkte genauso gut würden. Der Käse aus dem Supermarkt schmeckt jedenfalls im besten Fall nach gar nichts.

12. Fahrradfahrenkönnen ist keine Selbstverständlichkeit

Deutschland ist Radfahrerland. In Bayern ist ein „Fahrradführerschein“ sogar Bestandteil der Grundschulausbildung. Jeder kann Fahrradfahren, insofern habe ich nie hinterfragt, ob das in allen Ländern der Fall ist. In Russland jedenfalls nicht, im Bekanntenkreis haben es mehrere RussInnen nie gelernt. Das hat kulturelle Gründe, und logistische: Die Entfernungen zwischen Städten sind oft viel zu groß, um sie mit dem Fahrrad zurückzulegen. Und auch sind wenig sichere Hauptstraßen meist der einzige Weg, um von einer großen Stadt in die nächste zu kommen. Das Bike-Sharing-Angebot in Moskau wird zwar eifrig genutzt, und die Stadt plant viele Radwege für die Zukunft. Aber es ist trotzdem nicht ungewöhnlich, wenn jemand nicht radeln kann.

13. Internet läuft

Die Russen lieben Internetshopping, entwickeln App-Innovationen und haben fast immer eine stabile Verbindung. Während man schon eine halbe Stunde außerhalb Münchens teilweise keinen internetfähigen Empfang mehr hat, reichte mir die Verbindung selbst in einem kaukasischen Bergdorf für einen flüssigen Internetanruf. Im Moskauer Zentrum ist Gratis-Wifi allgegenwärtig, selbst in der Metro und in Parks. Wer Russland noch mit technischer Rückständigkeit verbindet, sollte dringend eine Reise hierher tun.

Titelbild

Andrew Ivan / Shutterstock.com

Dominik Kalus
Über den Autor

hat in Passau und Breslau u.a. Internationale Politik und Politische Philosophie studiert. Nach einem Praktikum bei der Süddeutschen Zeitung und freiem Arbeiten für verschiedene Online- und Printmedien schreibt er derzeit aus Moskau für Ostexperte.de.